Das Mädchen aus der Feenwelt; oder, Der Bauer als Millionär
Chapter 4
Wurzel. Oh, das war schändlich, Bruder!
Jugend. Ja, und was wir alles getrunken haben!
Wurzel. Nu, einmal haben wir, glaub ich, gar einen Wein getrunken, das Verbrechen!
Jugend. Ja, und was für einen!
Wurzel. Einen Luttenberger.
Jugend. Und einen Grinzinger!
Wurzel (für sich). Ist alles nicht wahr.
Jugend. Du hast mich ja in alle Wirtshäuser herumgeschleppt, wir waren ja alle Tage sternhagelvoll besoffen. Kurz, wir waren ein Paar wahre Lumpen.
Wurzel (beiseite). Er muß doch eine Spur von mir haben, er kennt mich doch. (Laut.) Bruder, wir wollens noch sein! schlag ein, Bruderherz!
Jugend. Bruder, nein! Jetzt ists gar. Du mußt jetzt solid werden, du mußt dich um sieben Uhr zu Bette legen, darfst dir keinen Rausch mehr trinken--kurz, was du zu tun hast, das wirst du von einem anderen hören, der dir alles pünktlich auseinandersetzen wird.
Wurzel. Bruder, was wär denn das?--Ich keinen Rausch--und das ist das Edelste an mir. Ich bin so gsund, daß ich mit einer Armee raufen könnt.
Jugend. Ja Brüderchen, jetzt solang ich noch bei dir bin. (Stark.) Doch den ersten Schritt, den ich aus diesem Saal mache, wird dich die Lust verlassen, auf eine so unedle Weise dein Schicksal ferner zu versuchen.
Wurzel. Ich fang mich völlig zum fürchten an. Auf die Letzt kann der Kerl hexen! Das wär eine hantige Bruderschaft.
Jugend. Also adieu, lieber Bruder! Verzeihe mir, was ich dir Leids getan hab, du lieber guter Kerl du! Ich bin gewiß ein fideler Junge, habs lang genug mit dir ausgehalten, du warst mein intimster Freund, aber du bist gar ein lüderliches Tuch, darum leb wohl, Brüderchen! sei nicht böse auf mich und sage mir nichts Schlechtes nach.
Duett Jugend. Brüderlein fein, Brüderlein fein, Mußt mir ja nicht böse sein! Scheint die Sonne noch so schön, Einmal muß sie untergehn. Brüderlein fein, Brüderlein fein, Mußt nicht böse sein. Wurzel. Brüderlein fein, Brüderlein fein, Wirst doch nicht so kindisch sein! Gib zehntausend Taler dir Alle Jahr, bleibst du bei mir. Jugend. Nein, nein, nein, nein! Brüderlein fein, Brüderlein fein, Sag mir nur, was fällt dir ein? Geld kann vieles in der Welt, Jugend kauft man nicht ums Geld. Drum, Brüderlein fein, Brüderlein fein, 's muß geschieden sein. Jugend. Brüderlein, bald, Brüderlein, bald Flieh ich fort von dir. Wurzel (gleichzeitig).
Brüderlein, halt, Brüderlein, halt, Geh nur nicht von mir. (Unter dem Ritornell tanzt die Jugend und ihr Gefolge.) Jugend. Brüderlein fein, Brüderlein fein, Wirst mir wohl recht gram jetzt sein? Hast für mich wohl keinen Sinn, Wenn ich nicht mehr bei dir bin? Brüderlein fein, Brüderlein fein, Mußt nicht gram mir sein! Wurzel. Brüderlein fein, Brüderlein fein, Du wirst doch ein Spitzbub sein! Willst du nicht mit mir bestehn, Nun, so kannst zum Teuxel gehn! Jugend. Nein, nein, nein, nein! Brüderlein fein, Brüderlein fein, Zärtlich muß geschieden sein. Denk manchmal an mich zurück, Schimpf nicht auf der Jugend Glück! Drum, Brüderlein fein, Brüderlein fein, Schlag zum Abschied ein! Beide. Brüderlein fein, Brüderlein fein, Schlag zum Abschied ein!
(Umarmen sich. Die Jugend tanzt ab, ihr Gefolge nach.)
Siebenter Auftritt
Wurzel geht nach einer Flasche Wein, will trinken, stellt sie aber mißmutig zurück und setzt sich in einen Stuhl.
Lorenz.
Lorenz (nähert sich Wurzel langsam). Wie ist denn Euer Gnaden?
Wurzel. Gar nicht gut. So gewiß dumm ist mir.
Lorenz. Ja, man sieht Ihnens an, völlig vernagelt schauen Sie aus.
Wurzel. Und was ists denn so kalt heran, hab ich denn s' Fieber?
Lorenz (sieht zum Fenster hinaus). Ja ich glaubs, es fang' ja zum schneien an. Ah, das ist gspaßig! Da schauen S' naus in den Garten, alles ist weiß, und die Bäume, alle Blätter werden gelb.
Wurzel. Was ist denn das für eine Hexerei?
(Habakuk bringt Champagner.)
Habakuk. Der Champagner ist da!
Wurzel. Marschierst! Einen Kamillentee laßt mir machen, und einheizen, man möcht ja erfrieren. (Es wird im Kamin eingeheizt. Die Turmuhr schlägt Eilf.) Jetzt hats elf Uhr gschlagen! Erst wars zwölf, jetzt ists wieder elf Uhr. Hat denn die Zeit einen Krebsen verschluckt, daß die Stunden rückwärts gehen? Es wird ja stockfinster, bringts Lichter! (Es wird Nacht. Von außen Katzengeschrei: Miau! Miau!) So! jetzt singen die vierfüßigen Nachtigallen, das ist eine falsche Stund! (Heftiges Pochen von außen.) Ist schon wieder wer da? Verdammtes Gesindel! Ist denn keine Ruh! Schau hinaus. (Wird wieder geklopft.) Und das Klopfen! Wollen s' denn aus meinem Haus eine Stampfmühle machen?
(Bediente bringen Lichter.)
Lorenz (hält den Kopf zur Glastür hinaus). Ui je! Ui je! Ein alter Herr mit ein Leiterwagen ist drauß, er will mit Ihnen reden.
Wurzel. Wer ist er denn?
Lorenz (ruft hinaus). Wo sind wir denn her?
Das Alter (von außen). Aus Eisgrub.
Wurzel. Aus Eisgrub? Nein, was das für Visiten sein, da kenn ich kein Menschen.
Alter (von außen). Na, nur aufmachen. Ich bin das hohe Alter. Ich will hinein!
Wurzel. Das Alter? die Tür sperrst zu und unterstehst dich nicht, daß du ihn hereinläßt.
Alter (von außen). Nun, wird die Tür aufgmacht oder nicht?
Wurzel. Nein, saperment!
Alter (von außen). Ah so? Nun, so komm ich schon mit Gewalt hinein!
(Die Glastür wird vom Wind aufgerissen, so daß die Scherben davonfliegen. Das Alter fliegt herein auf einem Wolkenleiterwagen. Zwei Schimmel, alte Bauernpferde, sind vorgespannt. Der Wagen ist mit gelbem Gesträuch ausgefüllt. Das Alter sitzt in einem alten Hausrock, der bis an die Knie reicht, darin, den Kopf mit einer Pelzschlafhaube bedeckt, die Füße in Pölster gewickelt, auf dem Schoß einen schlafenden Mops und auf der Achsel eine Eule. Ein kleiner uralter Kutscher ist auf dem Bock. Der Wagen ist etwas beschneit.)
Alter (mit kränklicher Freundlichkeit und persiflierendem Wohlwollen, steigt aus dem Wagen, mit einem Krückenstock). Sie verzeihen, daß ich so frei bin, meine mühselige Aufwartung zu machen. Ich weiß nicht, ob Sie mir es ansehen werden oder nicht, ich bin das hohe kranke Alter, Ihnen miserablicht zu dienen. Ich hab da ein Einquartierungszettel bei Ihnen.
Wurzel. Bei mir? Glaubt der Herr, bei mir ist ein Spital?
Alter. Wird schon eins werden, wenn ich eine Weile da bin. Sein S' nicht bös, daß ich so unerwartet komm, gewöhnlich korrespondieren die Leut schon vorher mit mir, aber Sie haben ein braves Kind, die 's mit Ihnen gut gmeint hat, aus dem Haus gjagt, und da haben s' mich dafür gschickt. Nehmen Sie mich an Kindesstatt an.
Wurzel. Ja, aber z' Haus bhalt ich Ihn nicht, ich gib Ihn ins Kadettenstift nach Ybbs.
Alter. I bewahr! wir werden uns schon miteinander vertragen, ich bin ein spaßiger Kerl. Ich mach noch an mancher Tafel, bei manchen Hausball meine Lazzi, ich hupf noch bei manchen Ecossais mit, bis mir einen rechten Riß gibt, hernach setz ich mich gschwind nieder.
Wurzel. Ja, ja, gscheider ists!
Alter. Wenn wir eine Weile bekannt sind, werden schon meine Verwandten auch ihre Aufwartung machen. Mein liederlicher Vetter, der verdorbene Magen, das wird der erste sein, der Ihnen die Honneurs machen wird, und meine Cousine, die Gicht, die hat mich schon versichert, sie kanns gar nicht erwarten, Sie an ihr gefühlvolles Herz zu drücken. Oh, hören S', das ist eine unterhaltliche Person, ich sieh Ihnen schon ordentlich nach Pistyan ins Bad mit ihr reisen, und treu ist sie--
Wurzel. Ich weiß, man bringt s' gar nicht los. Ein jeder sagt: da hast du s', ich mag s' nicht.
Alter. Und was tun Sie denn, mein lieber Herr von Wurzel? Was gehen S' mir denn so kühl herum? Werden S' gleich ein Schlafrock anziehen? Sapperment hinein! so schaute doch auf euren Herrn! Ist ja ein alter Herr, müßt ja hübsch acht geben auf ihm. Wenn er euch stirbt, seids brotlos. Gleich bringts ihm ein Schlafrock!
(Bediente wollen fort.)
Wurzel. Nicht unterstehen--oder ich schlag einen hinters Ohr!
Alter. Was, schlagen? Gleich niedersetzen! (Er nimmt ihn an der Hand und setzt ihn in einen Stuhl.)
Wurzel. Himmel! wie wird mir?
Alter. Nicht unterstehn und schlagen. Die Pferd schlagen aus, nicht die Leut. Damit Sie aber nimmer ausschlagen (berührt sein Haupt, und Wurzel bekommt ganz weißes Haar)--So, jetzt ist aus dem Bräunl ein Schimmel worden. So! hato! mein Schimmerl! Nu, nichts hato?
Wurzel (weinend). Lorenz, mein Schlafrock.
(Man zieht ihm denselben an, und zwar so, daß er dadurch zugleich sein Bauerkleid anzieht, dessen Ärmel in den Ärmeln des Schlafrocks stecken. Er bekommt einen kaschierten Kropf.)
Alter. So, mein lieber Herr von Wurzel! Tun S' mich nur gut pflegen, damit wir lang beisamm bleiben, mit mir muß man gar heiklich umgehn.
Wurzel. Aber was soll denn das heißen?
Alter. Das sind die Wintertag.
Wurzel. Ah, ich hätt glaubt, die Hundstäg!
Alter. Wie mans nehmen will. Aber jetzt leben Sie wohl, ich hab mein Post ausgerichtet. Wenn S' mich auch nicht mehr sehen, Sie werden mich schon spüren. Für einhundertunddreißig Jahr können Sie sich ausgeben, auf mein Wort. Adieu! (Umarmt ihn.) Also schön merken: In der Früh ein Schalerl Suppen und ein Semmerl drinn, um ein elf ein bisserl in der Sonn spazierengehen, aber immer ein Hafendeckl auf den Magen legen, daß Sie sich nicht erkühlen. Z' Mittag ein eingmachts Henderl und ein halbs Seiterl Wein, und auf d' Nacht eine halbete Biskoten. Und gleich ins Betterl gehn. So! jetzt pa! pa! alter Papa, und befolgen Sie meinen Rat. Kein Tee müssen S' nicht trinken, den haben S' so schon. (Er steigt in den Wagen.) Hansel! langsam fahren, daß wir kein Unglück haben, mit die Teufeln von Rosser. (Macht Pa aus dem Wagen.) Gute Nacht! mein lieber Herr von Wurzel! gute Nacht! (Fliegt ab.)
Achter Auftritt
Wurzel. Lorenz.
Wurzel. Jawohl gute Nacht. So weit hab ichs gebracht! Lorenz, gib mir einen Spiegel! (Lorenz gibt ihm den Spiegel, er sieht hinein.) Ah, die Positur! jetzt kann ich in der Häßlichkeit Lektion geben. Nein, ich halts nicht aus, ich geh durch! (Will fort.) Es geht nicht, ich hab 's Podagra! (Lacht verzweifelnd.) Haha, nichts mehr hoto!
Lorenz. Freilich, lieber tschihi ins Bett.
Wurzel. Was hängt denn da für ein Habersackel? Hab ich denn ein Kropf?
Lorenz. Nu, und das was für ein, als wenn S' einen Suppentopf gschlückt hätten. Ui je! jetzt haben S' einen buckeligen Hals! (Lacht.)
Wurzel. Ich glaub, der Kerl lacht mich noch aus?
Lorenz. Nein, einen Neid werd ich haben, wegen den.
Wurzel (auffahrend). Der Neid? das ist ein schöner Spitzbub. Ja, der ist an mein Unglück schuld, und jetzt laßt er mich sitzen. Was hab ich jetzt von dem verdammten Geld? Ich kanns ja nicht genießen. Ich wirfs zum Fenster hinaus, vielleicht wird wieder alles wie vorher.
Lorenz. So sein S' doch gscheid. Wann S' Ihren Reichtum verwünschen, so ist er ja hin. Sie haben mir es ja selbst erzählt.
Wurzel. Und er soll hin sein, ich will ihn nimmer haben, hab ich meine Schönheit verloren, so will ich auch nimmer reich sein, ich will lieber arm sein und gsund. Hör mich, du verdammter Neid, nimms, dein Geld, ich mags nimmermehr. Oh, wär ich nur, wo ich hingehör, wär ich nur bei die Meinigen!
(Ein Blitzstrahl fährt herab. Schnelle Verwandlung in ein düstres Tal, an der Seite ein Teil der halbverfallnen Hütte Wurzels. Die vordere Gegend ist finster gehalten und herbstlich mit gelben Blättern. Zwischen zwei sehr dunkel sich hereinlegenden Bergen erhebt sich in der Mitte ein hoher Gletscher. Der Sitz von Samt, auf welchen Wurzel nach seiner Verwünschung zurückgesunken ist, verwandelt sich in einen Baumstamm. Er und sein Diener verwandeln sich in arme Bauern. Neben Wurzel liegen ein Paar große Ochsen, worein sich zwei Seitenkredenzen verwandelten, und mehre andere weiden auf dem Berg und perspektivisch in den Wald hinein, daß es das Ansehen einer weidenden Herde hat. Die Musik drückt das Brüllen der Ochsen aus.)
Lorenz. So, da haben Sies, Sie übermütiger Ding! Jetzt sind S' bei die Ihrigen.
Wurzel. Die haben doch eine Freud über mich, wenn s' mich sehen. Gelts, meine Kinder? (Ochsengebrüll. Ein Geißbock meckert auf einem Felsen.) Das ist eine rührende Anhänglichkeit. Alle Ochsen weinen über mich!
Lorenz. Und ich wein doch nicht.
Wurzel. Hast denn kein Gefühl? Schamst dich denn nicht vor die Ochsen? die werden sich was Schönes denken von dir, du undankbarer Bursch du!
Lorenz. Was wär das? Kein Geld mehr haben und grob auch noch sein? Ah, jetzt muß ich andre Saiten aufziehen. Was glaubst denn du, grober Mensch? Du hast ja nichts mehr, schau s' an, dein verfallne Hütten. Da steht s' jetzt, dein Palast, wo die Mäus Frau Gvatterin leih mir d' Scher spielen. Z' gut ists ihm gangen, z' übermütig ist er worden, und jetzt ist alles hin, aber alles, sein Sach und mein Sach. (Weinerlich.) Ich bin nur ein armer Dienstbot, und er bringt mich um das Meinige. Ist denn das eine Herrschaft? Jetzt hab ich ihn drei Jahr lang betrogen, und jetzt hab ich nicht einmal was davon.
Wurzel. Weil dich der Himmel bestraft hat dafür!
Lorenz. Wenn du dich noch einmal unterstehst, und kommst mir unter die Augen, so reiß ich einen Felberbaum aus und wichse dich damit herum, daß d' an mich denken sollst, du verdorbener millionistischer Waldhansel du! (Geht ab.)
Wurzel. Ist jetzt kein Mensch mehr da, der mir eine Grobheit sagt?
Neunter Auftritt
Wolken fallen vor.
Der Neid kommt auf einer grünen Wolke, die sich an eine rote schließt, worauf der Haß steht, aus der Kulisse gerollt. Diese Erscheinung muß äußerst schnell vor sich gehen.
Wurzel. Der Neid ist römisch gekleidet, doch ganz gelb. Das Kleid hat eine Bordüre von gestickten Schlangen, einen Turban mit Nattern umwunden. Der Haß in römischer roter Kleidung mit goldener Stickerei, Brustharnisch und Helm von roter Folio, auf dem Helm eine Spiritusflamme.
Neid (antwortet schnell auf Wurzels Frage). Ich! Was hast du getan? Schurke! warum hats du das Mädchen nicht schon lange vermählt, wie ichs befahl? Fort aus meinen Augen, Mißgestalt, oder ich schleudre dir eine Natter in deinen hohlen Schädel, daß dir der Wahnsinn zu allen Knopflöchern herausspringen soll.
Wurzel (kann sich vor Zorn kaum fassen, ganz erschöpft). Gelt, jetzt hast leicht reden mit mir, du gelbzipfeter Ding du. Jetzt kommst erst daher, du--du Eiernschmalzbruder du! (Neid und Haß lachen. Wurzel verzweifelnd.) Ja lachts nur, ihr habt es notwendig! Einer sieht aus wie 's gelbe Fieber und der andere wie ein Gimpel, der den Rotlauf hat. Aber dich will ich rekommandieren, du Galläpfellieferant. Die ganze Welt will ich durchkriechen, überall will ich mein Schicksal erzählen. (Weint heftig.) Drucken laß ich mein Unglück und lauf selber damit herum und schrei: Einen Kreuzer die schöne Beschreibung, die mir erst kriegt haben, von dem armen unglücklichen Mann, (schluchzend) der aus einen jungen Esel ein alter worden ist. (Geht heulend ab.)
Zehnter Auftritt
Neid und Haß.
Neid. Freund, ich bitte dich, verfolge mir diesen Dummkopf, solang er lebt.
Haß. Sorg dich nicht, gegen wen der Neid auftritt, der hat auch den Haß gegen sich.
Neid. Was soll ich jetzt tun? Ich kanns nicht erdulden, daß diese Lakrimosa, die mir einen Korb gegeben hat, nun triumphieren soll. So nahe am Ziel, und nun dies Komplott.
Haß. Wenn wirs nur früher erfahren hätten!
Neid. Und wenn ich auch dagegen etwas unternehmen wollte, so kann ich nicht. Es ist nur mehr die heutige Nacht und der morgige Tag übrig, und ich muß nach England, dort ist eine große Kunstausstellung, wo wenigstens fünfhundert Künstler um den Preis kämpfen, und da kann doch der Neid nicht wegbleiben. Ich habe auch schon eilf Zimmer gemietet, damit man sich doch ein bißchen ausbreiten kann.
Haß. Der Neid ist doch ein erbärmlicher Wicht, da ist der Haß ein anderer Mann. Ich will hier bleiben, ich will ihnen einen Strich durch die Rechnung machen.
Neid. Bruder, wenn du das imstande wärst
Haß. Warte, hier kommt mein Spürhund.
Elfter Auftritt
Tophan. Vorige.
Haß. Hast du etwas erfahren?
Tophan (geheimnisvoll). Alles! Die Geister haben heute mittags auf der Spitze des Geisterscheckels folgendes beschlossen: Sie werden sich an dem Bauer durch die Erfüllung seines frechen Schwures rächen. Er hat das Mädchen aus dem Hause gejagt, doch die Nacht hat sie in Schutz genommen und sie in die Arme der Zufriedenheit geführt. Den Fischer hat der Magier Ajaxerle über sich, der bestellte auf heute abend eine geflügelte Wurst, damit wird er den Fischer und die beiden Weiber aus ihrer Wohnung abholen, und alle vier werden nach dem Scheckel fliegen, wo die Geister ihrer harren und Hymen sie um Mitternacht verbinden wird. Dies alles habe ich durch meine Geliebte erfahren, die Kammerjungfer bei der Fee Antimonia ist.
Neid. Das ist ein schändlicher Plan, so wahr ich Neid heiße und ein rechtschaffener Mann bin.
Tophan. Doch der Magier muß dem Fischer noch nichts davon entdeckt haben. Der Tag ist bald vorüber, und er sitzt noch vor seiner Hütte und verzweifelt.
Haß. Ha! Nun ists gewonnen. Hurtig, lege dich auf die Lauer und suche den Magier abzuhalten.
Neid. Halt! Du hast reichen Lohn verdient, hier hast du zwei Vipern für deine Nachricht.
Tophan. Ich küß die abgezehrte Hand dafür. (Küßt ihm die Hand, dann im Abgehen für sich.) Vergiften könnt ich ihn damit! (Geht ab.)
Haß (fährt aus einem kurzen Nachdenken empor). Triumph! fertig ist der Plan. Seine Liebe ist zu heftig, er muß durch List in meine Hände fallen, sonst vermag ich nichts über ihn. (Schwingt seine Fackel.) Erscheine, Zauberhain! (Donnerschlag. Der Haß deutet in die Kulisse.) Was siehst du dort?
Neid. Einen herrlichen Garten mitten im See, mit einem Lusthause und einer Kegelbahn.
Haß. Den laß ich oft erscheinen in der Welt, er ist ein Geschenk des bösen Dämons, dem wir beide dienen. In dem Lusthause dieses Gartens wird ein Brillantring, der unermessene Reichtümer gewährt, von neun bösen Geistern bewacht. Ihre Büsten aber sind als Kegel aufgestellt. Wer diese neun Kegel trifft, stürzt dadurch die neun Geister und gewinnt den Ring, den ihm keine Zaubergewalt entreißen darf. Doch trifft er weniger als neun, stürzt er tot zur Erde nieder. Wenn er aber diesen Ring neun Tage besitzt, erfüllen ihn die Geister mit dem höchsten Menschenhaß, und er ruhet nicht, bis er sich und Tausende zugrunde richtet. Nur wenn er ihn vor dieser Zeit freiwillig von sich wirft, ist er gerettet, doch Macht und Reichtum ziehen als Nebel fort. Nun höre meinen Plan. Lakrimosens Tochter muß bis morgen um Mitternacht mit diesem armen Fischer vermählt sein, sonst bleibt ihre Mutter ewig verbannt. Wir locken also den Fischer nach der Kegelbahn, fehlt er die Kegel, ist er verloren, und Lakrimosa mit ihm. Trifft er sie, ist er von dem Augenblick, als er meinen Ring am Finger trägt, ein reicher Mann und kein armer mehr, selbst die Geister haben ihre Gewalt über ihn verloren, und dann werd ich schon Mittel anwenden, daß er entweder im Besitz seines Reichtums sich mit ihr vermählt, oder die Vermählung zu verhindern suchen. In beiden Fällen ist Lakrimosa gestürzt.
Neid (fällt ihm um den Hals). Bruder, ich beneide dich um diesen Plan, das ist der einzige Dank, den ich dir dafür geben kann.
Haß. So komm, du ohnmächtiges Ungeheuer, ich will dich mit der Rache vermählen! Du bist ein seltner Bräutigam, dich führt der Haß ins Brautgemach. (Beide Arm in Arm ab.)
Zwölfter Auftritt
Verwandlung
Der Zaubergarten.
Auf der Kortine ist ein großes Lusthaus gemalt. Quer über die Bühne eine ideale Kegelbahn, mit Gold sehr verziert. Neun kleine ausgeschnitzte Büsten von Geistern, die auf Hermen stehn, sieht man statt der Kegel. Den Kopf der Büste ziert ein Helm, auf welchem wie bei den Geistern eine verhältnismäßige kleine Spiritusflamme brennt. Der mitterste Kegel hat eine kleine Krone auf dem Helm. Eine goldne Kugel. Der Stand für die Scheiber ist auch ideal pompös und eine Art Rosenlaube. An beiden Seiten des Theaters stehen weiße Denksteine mit schwarzer Schrift: "Anton Prey traf nur drei"--"Gottlieb Pracht, alle acht"--"Philipp Thier schob nur vier"--"Michael Koch, ein Loch".
Nigowitz.
Nigowitz. Kein schlechters Brot kanns schon nimmer geben als ein Genius, der als Buchhalter bei einer Kegelstatt angstellt ist. Das Passen, und 's kommt niemand. Da werden die Leut Narren sein und werden bei der Lotterie das Leben einsetzen, ist oft um zehn Gulden schad. Keiner hats troffen, so viel noch gschoben haben. Um den letzten war mir gar leid, das war ein Tischlergsell, der hat mir noch vorher seine letzten zwei Gulden gschenkt, hat sich angstellt, scheibt ein Loch, pums! gar wars. Da steht er aufgschrieben: Michael Koch, ein Loch.--Sapperment, dort kommt einer, und unser Paperl, der die Leut herlockt, voraus. Wer muß denn das sein? (Zieht sich zurück.)
Dreizehnter Auftritt
Voriger. Karl. Der Papagei.
Papagei (fliegt vor Karl und schreit). Bist schon da! Bist schon da! (Fliegt ab.)
Karl. So warte doch, kleiner Spitzbube! Ist schon fort! Sonderbares Tier, kömmt zu meiner Hütte geflogen, verspricht mir Lottchens Hand, lockt mich hieher und fliegt mir jetzt vor der Nase davon. Wo bin ich denn? Ist vielleicht hier ein Schatz vergraben?
Nigowitz (tritt vor). Nun, wenn der Herr was gspannt. Wer auf der Pudel alle neun scheibt, wird ein wilder Millioneur.
Karl. Ein Millioneur? Himmel, da kann ich mein Lottchen heiraten! Her mit der Kugel!
Nigowitz. Nur langsam, nicht so gschwind! Gib mir der Herr zuerst mein Neunegulden.
Karl. Wenn ich gekegelt habe, Freund!
Nigowitz. Nichts! da ist der Herr schon lang hin. Da krieg ich nichts mehr.
Karl. Was?
Nigowitz. Freilich. Da muß man ja nicht so gäh sein. Da les der Herr zuerst. (Bringt ein großes Buch.)
Karl (liest). Wem der große Wurf gelungen, Hier zu treffen alle neun, Hat den Zauberring errungen, Tritt zum Saal des Reichtums ein. Doch der Freche, dems mißlungen, Daß das Glück er neunfach zwingt, Wird von einem Reif umschlungen, Den der Tod ums Leben schlingt.
Nigowitz. Das heißt: der Herr ist hin. Also will der Herr oder nicht?
Karl. Was liegt mir an dem Leben, wenn ich mein Lottchen nicht habe. Ich habe ja auf jedem Kirchtag die neun getroffen. Her mit der Kugel!
Nigowitz. Schreib sich der Herr ein.
Karl (schreibt schnell sich in das Buch ein). So! und nun Brillant, du sollst ihr Brautring sein.
(Er stellt sich zum Scheiben und Nigowitz zu den Kegeln. Die Kortine geht auf, man sieht einen Wolkensaal. Neun rote Geister stehen auf einer Stiege mit vier breiten Stufen, sie sind mit Pfeilen bewaffnet, und das Haupt deckt ein Helm mit einer Spiritusflamme. Auf einem Postamente steht das Wort: Zauberring geschrieben, dieses bewachen sie und drohen auf Karl herab. Auf jeder Seite stehen vier, der Kegelkönig auf dem Postamente.)
Chor. Laß ab! Laß ab! Die Kugel rollt ins Grab! Laß ab!
Karl. Lottchen heißt die Schnur, mein muß sie sein!
(Er scheibt hinaus, die Kegel fallen alle um.)
Nigowitz (schreit aus vollem Halse). Alle neune!
(Heftiger Donnerschlag. Pudel und Kegel verschwinden. Zwei Blitze fahren auf die Geister, welche von den Stufen stürzen, weh rufen und in dieser Gruppe verbleiben. Die Denksteine verwandeln sich in goldne Vasen mit Blumen. Hinter dem Postament steigt ein ungeheurer blauer Adler auf mit goldgesäumtem Gefieder, welcher den Ring im Schnabel hält und jetzt auf dem Postament sitzt.)
Karl (steigt die Stufen hinan, nimmt ihm den Ring aus dem Schnabel und ruft). Mein ist der Ring!
(Der Adler breitet die Flügel aus, welche halb so breit als das ganze Theater sind, schwingt sich über Karl auf und reißt einen idealen Thron in seinen Krallen mit, dessen Breite sich nach der Breite der Stiege richtet und Karln, der auf dem Postament, welches sich jetzt in den Thronstuhl verwandelt, sitzt und dessen Kleid sich in ein glänzendes changierte, überschattet. Die Geister huldigen ihm durch ein Tableau. Genien machen die Gruppe voll, und so fällt der Vorhang langsam zu.)
Dritter Aufzug
Erster Auftritt