Das Mädchen aus der Feenwelt; oder, Der Bauer als Millionär

Chapter 3

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Wurzel. Nun gut, so hören Sie denn auch meinen Schwur, Sie Vorsteher der würdigen Schneckenzunft. (In diesem Augenblick kommt hinter Wurzel ein kleiner Satyr mit Pferdefüßen, auf einer abgebrochenen Säule sitzend, aus der Versenkung. Er hat eine schwarze Tafel und schreibt Wurzels Schwur darauf.) Nicht eh darf diese Verbindung vollzogen werden, bis aus dem Blut, das wie geschmolznes Eisen glüht, ein Himbeergefrornes wird--bis diese kräftgen Zwillingsbrüder, meine Fäust, so kraftlos sind, daß ich nicht einmal einen Kapauner mehr transchieren kann--bis dieses kienrußschwarze Haupt sich in einen Gletscher verwandelt-- kurz, bis ich so ausschau, daß ich auf den Aschenmarkt hinaus ghör!--Dann fragen Sie sich wieder an, mein lieber Schneckensensal, dann halt ich Ihren Fischer mein Wort.

Ajaxerle (rasch).

Zwölfter Auftritt

Lottchen. Karl im Kasten.

Lottchen (die Hände ringend). Ach, was muß ich erleben!

Karl (pocht heftig im Kasten). Auf, Lottchen! Auf!

Lottchen. Bleib ruhig, ich bitte dich, um alles in der Welt!

Karl (sprengt den Kasten). Nein, ich kann nicht länger bleiben, es schlägt in mir wie der Eisenhammer unseres Gebürgs. Seinen ehrlichen Namen so herabgesetzt zu hören von diesen Faulenzer und ruhig bleiben! Leb wohl, Lottchen, du siehst mich nie mehr. (Will fort.)

Lottchen. Karl, wenn du mich liebst, so gehst du jetzt nicht durch diese Tür.

Karl. So spring ich durch das Fenster.

Lottchen. Am hellen Tag?

Karl. Ich bleib nicht länger hier, du siehst mich reich oder nie wieder! (Er steigt zum Fenster hinaus.)

Lottchen. Karl, wenn du fällst--halt dich an das Gitter.

(Es geschieht ein plötzliches Gekrache, ein Schrei und zugleich ein Fall. Dann Geschrei von mehrern Stimmen.)

Lottchen (sehr stark aufschreiend). Himmel! was ist das? (Eilt sehr schnell zur Tür hinaus.)

Dreizehnter Auftritt

Sehr schnelle Verwandlung in einen großen schönen Platz der Stadt. Links Wurzels prächtiges Haus mit Schalougittern, wovon eines durch Karls Fall herabgerissen ist und nebst einem Stück Gesimse, welches er herabgetreten, an seiner Seite liegt, aber sogleich von einem Zuschauer aufgehoben wird, der es den noch dazu Kommenden zeigt.

Karl liegt auf der Erde, und Wurzel hält ihn an der Brust. Zuschauer vollenden das Tableau. Der Lärm, welchen man im Zimmer unter der Verwandlung schon hörte, dauert nach derselben einen Augenblick noch fort.

Wurzel. Um die Wache fort! der Bursch ist ein Räuber. (Zwei Bediente laufen ab.) Er ist in mein Haus eingebrochen. ich massakrier ihn. Fallt mir der Kerl auf den Kopf.

Karl (hat sich aufgerafft und packt Wurzel). Spitzbube! willst du mir meinen guten Namen wiedergeben?

Lottchen (stürzt aus dem Hause und ruft). Himmel! Karl, was tust du--mein Vater.

Karl (im höchsten Zorn). Wart, Schuft! du sollst den Bauer kennenlernen. (Eilt ab.)

AlleS (ruft). Halts ihn auf! (Einige eilen ihm nach.)

Lottchen (stürzt in Verzweiflung zu Wurzels Füßen). Vater! was haben Sie getan?

Wurzel (schleudert sie vom Tor weg). Fort! Satan! (Er läuft schnell ins Haus und schlägt das Tor hinter sich zu.)

Lottchen (eilt ihm nach und will hinein). Er hat das Tor abgeschlossen, wie wird das enden? Vater! Vater! Verzeihung! Hören Sie mich!

Wurzel (erscheint am Fenster mit dem Bünkel, in welchem sich Lottchens Bauernkleider befinden, außen ist der Strohhut aufgebunden). Du bist nicht mein Kind, du bist eine angenommene Kreatur! Hinaus mit dir in den Wald, zu deinen Gespielinnen, zu die Wildgäns, wo ich dich gfunden hab, du Waldschnepf, (wirft ihr die Kleider hinab) in mein Haus kommst du nimmermehr! (Schlägt das Fenster zu.)

Lottchen (weint). Ich unglückliches Kind! (Zu einem Schlosser.) Ach mein Herr, nehmen Sie sich doch an um mich.

Schlosser (recht derb). Ja, da muß man halt gut tun, mein Schatz, wenn man von ander Leut Gnaden lebt. Was soll denn unsereiner sagen, der sich vor Kummer nicht aus weiß? da heißts fleißig sein! (Im nämlichen Ton fort zu einem vorübergehenden Tischlergesellen.) Franzl, wo gehst denn hin?

Tischler (schon an der Kulisse). Ins Wirtshaus! (Geht hinein.)

Schlosser (ruft ihm nach). Wart, ich geh auch mit, leih mir zwei Gulden. (Geht ihm nach.)

(Alle Zuschauer lachen und verlieren sich.)

Lottchen (allein). Also so weit ist es mit mir gekommen? Gibt es denn kein Wesen, das Erbarmen mit mir hat? O daß die Nacht niedersinken möchte, um mich und meine Schande zu verhüllen.

(Dumpfer Donner. Musik. Graue Wolkenschleier senken sich langsam über die ganze Bühne herab. Dann sinkt die Nacht personifiziert nieder. Eine kolossal gemalte Figur, welche an Breite den größten Teil der Mitte des Theaters einnimmt. Sie ist in graues faltiges Gewand gehüllt, mit ausgestreckten Armen, einen schwarzen Mantel ausbreitend. Bleiches Angesicht und geschlossene Augen. Auf dem Haupte eine schwarze Krone, in der rechten Hand einen eisernen Zepter, dessen Knopf ein Mohnkopf bildet. Mit der Linken gebietet sie Schweigen. Sie schwebt ernst und feierlich herab und sinkt in das geöffnete Podium. Die Nebel vergehen und lassen die vorige Straße im Mondenglanz zurück. Die Luft ist rein und mit transparenten Sternen besäet, auch die Mondessichel ist transparent auf der Hinterkortine sichtbar.

Während diesem singen die Geister der Nacht folgenden Chor in der Kulisse.)

Chor. In dem finstern Reich der Klüfte, Die dem Glanz zum Hohn erbaut, Herrscht die Königin der Grüfte, Sie des Lichts verstoßne Braut. Nur wenn durch der Unschuld Rufen Sich ihr düstrer Busen hebt, Kommts, daß über Tagesstufen Sie zu ihrer Rettung schwebt.

(Auf dem vordern Fluggang schwebt ein Genius nieder mit einem glänzenden Brillantstern auf dem Haupte, er ergreift Lottchens Hand und führt sie während dieses Chores ab, welcher gleich aus dem ersten übergeht.)

Chor. Darum folge ihren Sternen, Sie erglänzen dir allein, Führen dich in weiten Fernen In das Tal der Ruhe ein.

(Der Genius führt sie fort.--Der Sturm heult, schreckliches Gewitter tritt ein, die Sterne verlöschen, der Mond wird rot.

Unter folgendem Chor kommen zwölf Geister der Nacht in grauem Flor, das Haupt mit Schleier verhüllt, das Antlitz bleich, jeder einen transparenten Stern auf dem Haupte, sie laufen auf der Bühne durcheinander und gruppieren sich endlich nach der Breite des Theaters gegen Wurzels Haus in drohender Stellung. Ober ihnen fällt, so breit als die Bühne ist, ein Chaos von Wolken ein, in welchen grau gemalte Geister den andern ähnlich schweben und sich so verschlingen, daß die Sterne auf ihren Häuptern die transparenten Worte bilden:

Entflieh nur der Pracht, Dich rächet die Nacht.

Währenddessen folgender Chor.)

Chor. Doch ihn zu verderben, Der Lust zu enterben, Verschwört sich die Nacht, Ergreifet die Freude, Stürzt sie als Beute In grundlosen Schacht.

(Wenn die transparenten Worte erscheinen, singt der Chor die folgenden Worte und läßt sie schauerlich verklingen.)

Chor. Entflieh nur der Pracht, Dich rächet die Nacht.

(Auf Wurzels Fenster fliegt eine Nachteule mit glühenden Augen und schlägt mit den Flügeln an die Glasscheibe. Die Kortine fällt schnell.)

Schlage Sie ein, es gilt! (Hält die Hand hin.)

Wurzel (schlägt ein). So wahr ich auf der Welt bin, und jetzt--(stark) Punktum!

Satyr (mit kräftiger Schadenfreude). Satis! (Er hat bei den Worten Wurzels: "So wahr ich auf der Welt bin" geendet. Schlägt bei dem Wort: "Satis" mit der flachen Hand auf die Tafel, macht dann schnell eine drohende Bewegung hinter Wurzel und versinkt wieder.)

Ajaxerle. So, und jetzt lebe Sie wohl, Sie Herr von Wurzle. Vergesse Sie nicht auf Ihren Schwur, malträtiere Sie nur das arme Mädle da, verachte Sie den ehrlichen Bauernstand, halte Sie sich an Ihre Saufbrüderle. Aber weh Ihnen, wenn Sie den Schneckenhändler aus den Reich wieder einmal zu Gesicht kriege werde. Verstehe Sie mich? Weh Ihne! das merke Sie sich wohl, Sie Hasenfuß. (Läuft ab.)

Wurzel (ergreift im Zorn einen Stuhl und eilt ihm nach). Wart, du schwäbische Krautstauden! (Ab.)

Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

Die Dekoration stellt nur zwei Kulissen tief ein angenehmes Tal vor, in welchem sich die Natur einfach und kräftig ausspricht. Links eine praktikable Hütte, auf deren Strohdach Tauben nisten. Die Hütte ist von einem kleinen Gärtchen umgeben, in welchem sich einige Lilien, aber keine bunten Blumen befinden. Die Kortine stellt hohes Gebirge vor. Die Hälfte dieser Hinterwand nimmt ein breiter, in den Vordergrund tretender Blumenberg mit vielen sich verschieden krümmenden Wegen ein, auf denen sich dort und da wie in einem Garten silberne Statuen befinden und Rosenbrücken angebracht sind. Auf der andern Hälfte dieser Hinterwand sind in weiterer Entfernung zwei ausgezeichnete Alpen zu sehen. Die niederere erglänzt silberartig und ist mit goldenem Gesträuch bewachsen. Auf ihrem Gipfel erblickt man die Statue des Reichtums mit einem goldenen Füllhorn. Die noch höhere Alpe ist steil, mit Lorbeerbäumen bewachsen, auf ihrer Spitze steht der goldene Tempel des Ruhmes, aus welchem eine Sonne strahlt, die den ganzen Horizont um das Haupt des Berges rötet. Zwischen diesen Gebirgen und dem Tal liegt ein dichter Wald, durch welchen sich ein steiler einsamer Weg in das Tal abwärts windet.

Unter passender Musik kömmt Illi, ein Genius, als Klepperpostillon angezogen, mit dem Klapperbrettlein lärmend durch die Luft auf einem großen Stieglitz geflogen, welcher ein Paket Briefe im Schnabel hält. Er steigt ab, nimmt einen Brief aus dem Paket und klappert vor der Hütte.

Illi. He, die Klepperlpost ist da, aufgemacht! (Das Fenster in der Hütte öffnet sich. Illi spricht zum Fenster hinein.) Ein Brief aus Wolkenhain vom Geisterscheckel mit Rezepiß. Gleich unterschreiben. (Gibt den Brief hinein. Nach einer Pause, während er ein paarmal ungeduldig auf und abtrippelt.) Ein bißl gschwind, ich muß wieder weiter! (Eine Hand gibt das Rezepiß zurück.) So. Was? Nichts franco! Acht gute Kreuzer. (Die Hand gibt ihm das Geld.) So. (Sieht das Geld an.) Keinen Pfennig gibt s' mehr als acht Kreuzer und kein neues Jahr auch nicht. Wann ich nur da keinen Brief herbringen durft, das ist schon mein größter Zorn. (Indem er sich aufsetzt.) Gar so eine Schmutzerei! (Den Stieglitz schlagend.) Na weiter, wirst fliegen oder nicht? (Der Stieglitz fliegt ohne Musik ab, und unter dem Fliegen räsoniert Illi noch immerfort.) Pfui Teuxel, da wollen s' Geister sein, ja--Bettelleut Umkehr! (Ab.)

Zweiter Auftritt

Sanfte Musik.

Lottchen tritt auf, ihren Strohhut anhängend.

Lottchen. Wo befinde ich mich? Welch ein angenehmes Tal! Gehör ich schon den Geistern an? Am Eingange des Waldes nahm mein freundlicher Führer von mir Abschied und sprach: Weiter darf ich dich nicht geleiten, doch folge deinem Herzen, und du wirst mich nicht vermissen. Ich ging und ging, und unwillkürlich hat es mich hieher gezogen. Dieses schöne Gärtchen, diese Hütte, wie wird mir so sonderbar bei ihrem Anblicke! Warum wird es auf einmal so stille, so ruhig in meiner Brust? Wer bewohnt sie? (Über der Tür erscheinen schnell die transparenten Worte: Die Zufriedenheit. In diesem Augenblicke ertönt ein sehr schmelzendes Adagio von einigen Takten.) Die Zufriedenheit? Der Vater sagte ja, die wohne nur in der Stadt? wie kommt sie hieher? Ich weiß es schon, sie wird in der Stadt erkrankt sein und gebraucht jetzt die Landluft. Ich will anklopfen und sie um Beistand bitten, vielleicht braucht sie ein Dienstmädchen, sie wird wohl eine vornehme Frau sein. (Klopft an.) Euer Gnaden, ein armes Mädchen möchte gern die Ehre haben--

Dritter Auftritt

Die Zufriedenheit. Lottchen.

Zufriedenheit (mit innerer Ruhe und heiterem Gemüte. Ihr Anzug ist griechisch, eine einfache graue Toga, unbedecktem Haupt. Sie tritt aus der Tür, einen Brief in der Hand). Was verlangst du von mir, mein Kind?

Lottchen (erstaunt). Wer ist denn das?

Zufriedenheit. Nur näher, ich bin die Dame, die du suchst.

Lottchen. Wirklich? Sie sind eine recht liebe Person, aber für eine Dame hätt ich Sie nicht gehalten.

Zufriedenheit. Nicht? Und doch bin ich noch mehr, ich bin die Königin dieses Tales, und von meiner Stirne strahlt das Diadem der Heiterkeit--

Lottchen (fällt ängstlich auf die Knie). Ach, so verzeihen mir Euer Hoheit, aber da wär ich in meinem Leben nicht darauf gekommen.

Zufriedenheit. Steh auf! Du bist mir in diesem Brief, den ich vor kurzem erhielt, von mächtigen Geistern schon angekündet, und ich will dich in meine Dienste nehmen. Du hast wenig Geschäfte. Das Aufbetten wirst du ersparen, denn ich schlafe auf einem Stein. Küche und Keller werden dir wenig Mühe verursachen, denn mich nähren die Früchte des Bewußtseins, mich tränket die Quelle der Bescheidenheit.

Lottchen. Ach, ich bin ja mit allem zufrieden!

Zufriedenheit. Hast du denn meine Hütte so leicht gefunden?

Lottchen. Ach ja, das ist ja nicht schwer.

Zufriedenheit. Glaubst du? Viele Tausende wandern nach mir aus und finden mich nicht, denn der dürre Pfad, der zu mir führt, scheint ihnen nie der rechte zu sein. Siehst du dort oben die bunten Auen, wo des Glückes Blumen farbig winken? (Deutet auf den Blumenberg.) Dort wollen sie mich finden, und je reizender der Pfad sie aufwärts lockt, desto tiefer entschwindet meine niedre Hütte aus ihrem getäuschten Auge. Denn wer mich ängstlich sucht, der hat mich schon verloren.

Lottchen. Aber auf jenen hohen Bergen muß doch eine schöne Aussicht sein?

Zufriedenheit. Nicht für dich, mein Kind. Du gehörst ins Tal. Siehst du dort den hohen flimmernden Berg? Das ist die Alpe des Reichtums, und ihm gegenüber sein noch glänzenderer Nebenbuhler, der Großglockner des Ruhmes! Das sind schöne Berge, doch sende deine Wünsche nie hinauf, stark und erhebend ist die Luft auf ihren Höhen, aber auch der Sturmwind des Neides umsaust ihre Gipfel, und kann er die Flamme deines Glückes nicht löschen, so löscht er doch den schönen Funken des Vertrauens in deiner Brust auf immer aus.

Lottchen. Das versteh ich nicht.

Zufriedenheit. Darin bestehet ja dein Glück, weil du mich nicht verstehst, bist du mit mir verwandt.

Lottchen. Verwandt? Und doch haben sich Euer Hoheit nie um mich bekümmert?

Zufriedenheit. Glaube das nicht, ich habe dich mir ja erzogen und will nun deine Freundin sein. Der Mann, der heute dich verstieß, ist nicht dein Vater, sonst hätt er es nie getan. Doch eine Mutter hast du noch, die dich innig liebt und die du bald umarmen wirst. Bis dahin reiche mir deine Hand und nenne mich Schwester.

Lottchen. Recht gerne! Ach, was ist das Schönes, wenn man eine Schwester hat. Aber da muß ich hernach auch du zu Euer Hoheit sagen und bin so viel als Euer Hoheit selbst?

Zufriedenheit. Allerdings! Du sitzest neben mir auf meinem moosbewachsenen Thron, und über uns spannt sich der schönste Baldachin, der heitre Himmel aus.

Lottchen. Ach du liebe Schwester, wie soll ich dir danken?

Zufriedenheit. Bleibe, wie du bist, und du hast den Lohn schon abgetragen.

Lottchen (freudig). Ach ja, wie ich bin--doch--nun ja--wie ich bin, nicht wahr?

Zufriedenheit. Nun ja.

Lottchen. Da muß ich aber auch ledig bleiben?

Zufriedenheit (lächelnd). Ja so! Und du hast den schönen Wunsch zu heiraten?

Lottchen. Ja freilich. Doch sei nicht böse, liebe Schwester, seit ich bei dir bin, wünsche ich mir fast gar nichts mehr. Aber wenn ich an meinen Karl denke, kann ich doch mit dem Wünschen noch nicht recht fertig werden.

Zufriedenheit. Das sollst du auch nicht, liebes Lottchen! Tröste dich, ich werde dich mit deinem Karl vereinen. Er verdienet dich, ich kenne ihn genau.

Lottchen. Du kennst ihn? Ist er vielleicht auch mit dir verwandt?

Zufriedenheit. Er war es. Ich war stets um ihn, wie noch der muntere Hirsch das Sinnbild seiner kräftgen Freude war, und nur du hast uns entzweit, du hast ihn mir entrissen.

Lottchen. Das ist mir unbegreiflich.

Zufriedenheit. Komm! Du wirst deinen Karl heute noch erhalten. Er soll uns beide wiederfinden, dich und mich durch dich. Und hab ich euch vereint, geb ich auch meinem Herzen dann ein Fest, durchziehe froh die Welt, und wo ich einen Armen finde, der krank liegt am Verlust der Freude, will ich schnell die Hand ihm reichen und sie überströmen lassen aus meinem Herzen in das seinige! Vielleicht gelingt es mir, ein Bündnis mit der Welt zu schließen, die ich so innig liebe und die so hart mich von sich stoßt. (Geht mit ihr in die Hütte.)

Vierter Auftritt

Verwandlung

Saal mit Lustern und Wandleuchtern. Punschtableau. Beim Aufziehen der Kortine ein rauschender Tusch von allen Instrumenten. An der rechten Seite eine hohe Glastür, gegenüber die Eingangstür.

Wurzel. Afterling. Musensohn. Schmeichelfeld.

Alle (übermütig schreiend). Der Hausherr soll leben! hoch--(Ein paar werfen die Gläser an die Wand.)

Wurzel. Schlagts nicht so viel Gläser zusamm, ich bin ja kein Glasfabrikant--

Schmeichelfeld (etwas angestochen). Ah was da, man hört so keine Uhr, wenn einmal die Gläser fliegen, so weiß man doch, wieviels gschlagen hat.

Musensohn. Aber jetzt ists aus, meine Herren, es ist fünf Uhr, und ich muß heute abend noch geschwind den letzten Akt von meinem Trauerspiel schreiben.

Schmeichelfeld. Was Trauerspiel? Lustig wollen wir von unserm teuern Herrn von Wurzel scheiden, dem aimabelsten Mann in der ganzen Stadt. Singen wollen wir, und dazu machen Sie uns Verse, wenn Sie ein Dichter sein wollen.

Musensohn. Schön! Wir wollen die Freundschaft besingen.

Afterling (der einen starken Rausch hat). Ja singen, schön singen wollen wir, und hernach kerzengerade nach Haus. (Er taumelt. Alle lachen.)

Wurzel. Der hat ihn heute.

Afterling. Lachen? Ihr Spitzbuben!--Seid nichts nütze--alle sind nichts nutz--Herr von Wurzel, alle, bis auf den (auf den Dichter zeigend)--und der ist auch nichts nutz. Aber Sie, Herr von Wurzel, sind ein großer Mann. Aber sind Sie aufrichtig, Herr von Wurzel! (Beschwörend.) Herr von Wurzel, sind Sie aufrichtig!-- Haben Sie--keinen Punsch mehr?

Wurzel. Nun so gebt ihm noch ein Glas, so fallt er gar hinunter untern Tisch.

Afterling. Herr von Wurzel! (Fällt ihm um den Hals.) Sie sind unser Vater, und wie Sie sich heute auf mich stützen können, so können Sie sich auf uns alle stützen. Punsch her--Punsch! Der Herr von Wurzel soll leben! (Er taumelt gegen die Tür und fällt vor Rausch in einen Stuhl.)

Wurzel. Nu, der hats überstanden. Habakuk! (Habakuk tritt vor.) Führts ihn hinüber ins rauschige Zimmer und legts ihn in das Bett, was ich hab herrichten lassen, wenn einem von meinen guten Freunden übel wird.

Habakuk. Ja es liegen ja so schon drei drinn und einer vor der Tür, man kann gar nimmer hinein.

Wurzel. So legts ihn ins blaue Zimmer hinüber, wo der große Spiegel ist und 's Porzelain. Aber bindts ihn an, sonst schlagt er uns alles zsamm.

Habakuk (und zwei Bediente tragen Afterling fort). Nu, das sind schöne Herrschaften!

Musensohn (hat bei einem Tisch mit Bleistift geschrieben und springt auf). Fertig sind die Verse. Jetzt, meine Herrn, stimmen Sie.

Alle. Bravo! Bravo!

Musensohn. Die Phantasie hat mich begeistert. Herr von Wurzel! (schlägt ihn auf die Achsel) wollen Sie ihre Stimme hören?

Wurzel. Lassen Sie sie los!

Trinklied Musensohn (singt vor). Freunde, hört die weise Lehre, Die zu euch Erfahrung spricht. Schickt die Freude ihre Heere, Öffnet alle Tore nicht: Mann für Mann laßt nur herein, Wollt ihr lang ihr Feldherr sein. Chor. Mann für Mann laßt nur herein, Wollt ihr lang ihr Feldherr sein. Musensohn. Wenn des Lebens Bajadere Hält den goldnen Wagen still Und für ihres Glücks Schimäre Euren Frieden tauschen will: Jagt die feile Dirne fort, Denn Fortuna hält nicht Wort. Chor. Jagt die feile Dirne fort, Denn Fortuna hält nicht Wort. Musensohn. Doch wenn voll der Becher blinket, Bacchus' Geist den Saal durchrauscht, Euch die Freundschaft zu sich winket Und Gefühle mit euch tauscht: Drückt sie beide an die Brust, Sie gewähren Götterlust! Chor. Drückt sie beide an die Brust, Sie gewähren Götterlust!

(Alle ab.)

Fünfter Auftritt

Wurzel. Lorenz. Habakuk.

Bediente räumen die Tische hinaus.

Wurzel. Das war ein prächtiges Mittagmahl heut. Ich bin so gut aufgelegt, heut Nacht leg ich mich wieder nicht schlafen. Habakuk, bring einen Champagner herauf. (Habakuk ab.) Lorenz, jetzt trinken wir erst recht.

Lorenz. Allo! das ist ein Leben! juhe!

Wurzel. Stoß an, Lorenz! Alle Rauschigen sollen leben--

Lorenz. Hoch!

(Donnerschlag. Stille. Die Glocke schlägt zwölf.)

Wurzel. Was ist denn das? Zwölf Uhr? Hat denn die Uhr einen Rausch? Es ist ja erst sechs Uhr und der schönste Abend. Schauts auf die Uhr.

(Alle sehen auf die Uhren, er selbst auch.)

Lorenz. Was ist denn das? Es geht ja keine.

Wurzel. Bei mir ists zwölf Uhr.

Alle Bedienten. Bei mir auch.

Wurzel. Ich glaube gar, ihr macht euch einen Spaß mit mir? Redet! (Man hört an der Tür stark pochen.) Was ist denn das? Schau hinaus! (Es pocht stärker.) Mir scheint, der schickt die Grobheit voraus, daß sie statt ihm anklopfen soll. (Lorenz geht hinaus.) Jetzt weiß ich nicht, bin ich im Narrenturm oder zu Haus?

Lorenz (kommt zurück). Euer Gnaden! ein junger Herr ist gfahren kommen in ein goldenen Wagen, der voller Blumen ist, und zwei Rappen vorn, die er kaum erhalten kann, und hintern Wagen tanzen lauter Pagen und rosenfarbe Kammerjungfern her. Er will mit Ihnen reden.

Wurzel. Wie heißt er denn?

Lorenz. Das weiß ich nicht, er sagt, er ist die Jugend.

Wurzel. Ah, ein Jugendfreund wird er gsagt haben. Gleich laßt ihn herein. Das ist a prächtige Visitt. Champagner tragts rauf, ihr verdammten Kerls! Ich bin doch ein glücklicher Mann, die schönsten Leut kommen zu mir. (Lorenz öffnet die Tür.)

Sechster Auftritt

Sechs Pagen und sechs Mädchen weiß gekleidet mit rosenroten Spensern, welche samt den Hüten mit blühenden Rosen verziert sind, tanzen herein und gruppieren sich auf beiden Seiten der Tür. Dann hüpft die Jugend herein, eine weiß kasimirne kurze Hose, weiß atlaßne Weste mit silbernen Knöpfchen, am Kragen mit Rosen garniert. Rosenrotes Fräckchen. Weiß atlaßnen runden Hut mit einem Rosenband. Das Beinkleid am Knie mit silbernen Knöpfen und rosenroten Bändern gebunden. Sie spricht im hochdeutschen Dialekte mit einem Anklange des preußischen.

Vorige.

Jugend. Grüß dich der Himmel, Brüderchen! Du nimmst es doch nicht übel, daß ich dir meine persönliche Aufwartung mache?

Wurzel. Das ist ein prächtiger Mensch! hundsjung und geißnarrisch! Hat mich noch nie gsehen, und gleich Brüderl.

Jugend. Ja Bruder, ich komme in einer besonderen Angelegenheit!

Wurzel. Nun Bruder, mit was kann ich dienen? (Für sich.) Der braucht gwiß ein Geld.

Jugend. Ja--nimm es nicht übel, Brüderchen, aber mit uns ists aus. Ich bin hier, um dir meine Freundschaft aufzukünden.

Wurzel. Nun, das wär nicht übel, Bruder, jetzt lernen wir uns erst kennen, Bruder, und sollen schon wieder bös aufeinander sein, Bruder, das wär gfehlt.

Jugend. Haha! Was fällt dir ein, Brüderchen? Fehlgeschossen, das endigt ja eben unsere Freundschaft, weil wir schon gar zu lange miteinander bekannt sind. Wir sind ja schon zusammen auf die Welt gekommen, weißt du denn das nicht mehr?

Wurzel. Ja, ja, ich erinnere mich schon, nachmittag wars, und gregnet hats auch.

Jugend. Wir sind auch miteinander in die Schule gegangen. Weißt du denn das auch nicht, wir sind ja auf einer Bank gesessen.

Wurzel. Ist richtig! Auf der Schandbank sind wir gesessen. (Für sich.) Ich kenn ihn gar nicht.

Jugend. Ja freilich! Sie haben uns ja dadurch zwingen wollen, daß wir etwas lernen sollen.

Wurzel. Nun ja, was das für Sachen waren, aber wir haben nichts dergleichen getan. Oh, wir waren ein Paar feine Kerls! (Für sich.) Ich hab ihn mein Leben nicht gsehen noch.

Jugend. Und wie wir beide zwanzig Jahr alt waren, haben wir die ganze Gemeinde geprügelt. Oh, das war ja prächtig, Brüderchen!

Wurzel. Oh, das war ein Hauptjux! (Für sich.) Ich weiß kein Wort davon.

Jugend. Und getrunken haben wir, Bruder, das war mörderisch.