Das Mädchen aus der Feenwelt; oder, Der Bauer als Millionär

Chapter 1

Chapter 13,618 wordsPublic domain

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Das Mädchen aus der Feenwelt

oder

Der Bauer als Millionär

Ferdinand Raimund

Romantisches Original-Zaubermärchen mit Gesang in drei Aufzügen

Personen:

Lakrimosa, eine mächtige Fee, verbannt auf ihr Wolkenschloß Antimonia, die Fee der Widerwärtigkeit Borax, ihr Sohn Bustorius, Zauberer aus Warasdin Ajaxerle, Lakrimosens Vetter und Magier aus Donau-Eschingen Zenobius, Haushofmeister und Vertrauter der Fee Lakrimosa Selima und Zulma, Feen aus der Türkei Lira, die Nymphe von Karlsbad Ein Triton und Zwei Furien, Tonkünstler Ein Diener der Fee Lakrimosa Ein Fiaker Ein Bedienter des Bustorius Ein Genius als Laternbube

Der Morgen, der Abend, die Nacht, der Blödsinn, die Trägheit und mehrere andere allegorische Personen. Zauberer. Feen. Vier Genien

Die Zufriedenheit Die Jugend Das hohe Alter Illi, Briefbote im Geisterreiche Ein Satyr Amor Hymen Ein Genius der Nacht Ein Genius an der Quelle der Zufriedenheit

Geister der Nacht. Sechs Pagen und sechs Mädchen

Der Neid und Der Hass, Milchbrüder Tophan, Kammerdiener des Hasses Nigowitz, ein dienstbarer Geist des Hasses Eine geistige Wache Ein Papagei

Neun Geister als Wächter des Zauberringes. Genien, Geister, Furien und Diener des Hasses

Fortunatus Wurzel, ehmals Waldbauer, jetzt Millionär Lottchen, seine Ziehtochter Lorenz, ehmals Kuhhirt bei Wurzel, jetzt sein erster Kammerdiener Habakuk, Bedienter Karl Schilf, ein armer Fischer Musensohn, Schmeichelfeld und Afterling, Wurzels Zechbrüder Ein Schlosser Ein Tischler

Mehrere Bediente bei Wurzel. Gesellen. Volk

Die Handlung beginnt am Morgen des ersten Tages und endigt am Abende des zweiten. Spielt teils im Feenreiche, teils auf der Erde.

Erster Aufzug

Erster Auftritt

Großer Feensaal, mit magischen Lampen von verschiedenen Farben hell beleuchtet, welche, auf Kandelabern angebracht, die Kulissen zieren. Im Hintergrunde die Öffnung eines großen Bogentores, welches durch einen schalartigen, mit Gold verbrämten Vorhang verdeckt ist.

In der Mitte des Theaters spielen zwei Furien, ein Triton und der kleine Borax ein Quartett von zwei Violinen, Viola und Violoncello. Die Stimmen des Quartetts wechseln mit Solo. Die Instrumente sind von Gold, die Pulte ideal. Im Kreise sitzen: Bustorius, Zenobius, Antimonia, Selima, Zulma, Lira, der Morgen, die Nacht, der Abend, der Blödsinn und mehrere andere allegorische Personen, Zauberer und Feen, die von Zeit zu Zeit von vier Genien, welche als geflügelte Livreebediente gekleidet sind, auf silbernen Tassen mit Konfekturen bedienet werden. Das Ganze wird von folgendem Chor begleitet.

Chor. Welch ein herrliches Konzert, Wo sich hoch die Kunst bewährt. Was ist Amphions Geklimper? Selbst Apollo ist ein Stümper, Wenn man solche Künstler hört. Bravo! Bravo! O vortrefflich! Bravo! Bravo! (Verhallend.) Bravo--Bravo--

(Allgemeiner Applaus.--Alles erhebt sich von den Sitzen, die Spielenden legen ihre Instrumente weg und verneigen sich).

Zenobius. Bravissimo, meine Herren! das haben Sie gut gemacht, (zu dem Triton) besonders Sie.

Bustorius (tritt vor, einen Csakan in der Hand, im ungarischen Dialekt). Isten utzék! ist das schönes Quartett, von wem ist das komponiert?

Zenobius. Das Adagio ist von einem Delphin.

Bustorius. Und das Furioso?

Zenobius. Von einer Furie.

Bustorius. Das ist schön, Furie kann am besten machen Furioso.

Borax. Aber Mama, mich loben s' gar nicht.

Antimonia. Sei nur still!

Bustorius. Das kleine Bübel greift aber manchmal ein bissel falsch.

Antimonia (die währenddem ihrem Sohn immer den Schweiß von der Stirne gewischt hat). Mein Herr! das könnte mich beleidigen. Er ist der erste Violinspieler im ganzen Feenreich, er hat einen englischen Meister, der für jede Lektion zweihundert Schillinge bekommt.

Zenobius. Ganz gut, aber überlassen Sie sein Lob andern Leuten.

Antimonia. Wer kann ihn unparteiischer beurteilen als ich, seine Mutter? (Eitel.) Obwohl mirs, meiner Jugend und meiner Reize wegen, niemand ansieht, daß ich seine Mutter bin.

Bustorius. Nein, hätt ich Ihnen für seine Großmutter gehalten.

Antimonia. O Sie einfältiger Zauberer! (Borax weint laut.) Pfui! mein Boraxi, mußt nicht weinen. Hörst! mußt gar nicht aufmerken auf die abscheuligen Leute da.

Borax. (weinerlich). Freilich, was liegt denn mir an den Leuten, die können alle weniger als ich.

Antimonia. Ja mein Bubi, so ists recht! Jetzt bist brav!

Zenobius (lachend). Bravissimo!

Bustorius (lachend). Das ist gute Erziehung. Buben tut sie schön, und Meister gibt sie Schilling.

Antimonia. Beleidigen Sie mich nicht länger, oder ich verlasse die Gesellschaft -- (Will fort.)

Zenobius. Bleiben Sie. Hat Lakrimosa Sie darum zu sich gebeten, um zu streiten? Sie wird den Augenblick erscheinen, sie empfängt nur ihren Vetter, den sie aus Donau-Eschingen erwartet hat und der wie Sie alle im Hexengasthof abgestiegen ist, weil im Palast hier niemand wohnen darf.

Antimonia. Gut, aus Höflichkeit will ich bleiben, aber schweigen kann ich nicht, durchaus nicht!

Bustorius. Das ist liebenswürdige Frau, wenn ich einmal heirate, nimm ich keine andere, aber sie auch nicht.

Zweiter Auftritt

Ein Feendiener. Vorige.

Diener. Die Fee.

Bustorius. Sie sieht noch gut aus vom weiten.

Zenobius. Das Schicksal hat sie mit ewiger Jugend beschenkt, darum hat der Gram ihre Reize geschont.

Dritter Auftritt

Lakrimosa erscheint mit betrübter, aber doch höflicher Miene. Ajaxerle im schwäbischen gestreiften Zauberhabit. Er ist sehr geschäftiger, gutmütiger Natur. Trippelt gerne herum und sagt alles mit dummlachender Miene, als freute ihn alles, was er spricht.

Vorige.

Alle. Vivat die Hausfrau!

Lakrimosa. Es freut mich, meine werten Gäste, wenn Sie sich gut unterhalten haben.

Alle. Vortrefflich!

Lakrimosa. Hier stell ich Ihnen meinen geliebten Vetter vor, Magier aus Schwabenland.

Ajaxerle (im schwäbischen Dialekte). Freut mich, Sie allerseits kennenzulernen.

Alle. Freut uns!

Bustorius. Was Teuxel! das ist ja der Ajaxerle?

Ajaxerle. Der Tausend, wie kommen denn Sie daher? ah Herrjegerle, das freut mich! (Umarmt ihn.)

Lakrimosa. Kennen sich die Herren?

Ajaxerle. Das glaub ich. Wo haben wir denn nur geschwind Freundschaft geschlossen?

Bustorius. Wissen Sie nicht? Auf dem letzten Geisterdiner in Temeswar.

Ajaxerle. Richtig! wo Sie mir die Bouteille Wein an den Kopf geworfe habe, da hab ich die Ehr gehabt, Sie kennezulerne.

Lakrimosa (tritt zwischen beide). Genug, meine Herren, diese schönen Erinnerungen ein andersmal. An mir ist die Reihe. (Überblickt alle mit Wohlgefallen, dann spricht sie mit Gefühl.) Ja, es ist keines ausgeblieben, alle sind sie hier, die mein Schmerz zu sich bitten ließ. Türkische, böhmische und ungarische Wolken haben sie zu mir getragen. (Jedem die Hand reichend.) Mein Bustorius aus Warasdin, meine Freundin, die Nymphe von Karlsbad, sogar Selima und Zulma, die Feen von der türkischen Grenze. Du stille Nacht, an deren Busen ich so oft mein sinnend Haupt gelegt. Der Morgen und der Abend. Blödsinn und Faulheit et cetera, et cetera, alle, alle sind sie hier.

Bustorius. Ist das Freude, sind wir alle da!

Lakrimosa. Und nun hören Sie die Ursache, warum ich Sie auffordern ließ, ihre Wolkenschlösser zu verlassen und mir in meiner bedrängten Lage Beistand zu leisten.

Alle. Erzählen Sie. (Alle setzen sich.)

Lakrimosa. Es sind nun volle achtzehn Jahre, als ich an einem heitern Juliustage auf einem Sonnenstrahl nach der Erde fuhr und mich in Blitzesschnelle in einem angenehmen Tal befand. Vor mir stand ein junger blonder Mann, sein edler Anstand und sein gemütliches Auge bürgten für die Aufrichtigkeit seines Herzens. Ihn zu sehen und zu lieben war das Werk eines Augenblicks. Es war der Direktor einer reisenden Seiltänzergesellschaft, die in diesem einsamen Orte halt machte und nicht mehr weiterziehen wollte, bis die für zweihundert Gulden rückständige Gage augenblicklich gesichert wäre. Mein Entschluß war gefaßt: er mein Gemahl oder keiner-- ich zauberte ihm schnell einen Beutel Louisdors in die Tasche und flog, in eine girrende Taube verwandelt, in mein Reich zurück. Mein Freund Zenobius sah mich kommen. Erinnerst du dich noch?

Zenobius. Ja, es war an einem Mittwoch, und den Tag vorher haben wir Holz bekommen.

Lakrimosa. Ihm übergab ich geschwinde die Schlüssel meines Palastes, und um schneller die Erde zu erreichen, verwandelte ich mich in einen Pfeil, und Zenobius schoß ihn in das Dach des Wirtshauses, welches mein Geliebter indessen bezogen hatte. Ich stieg als reisende Schauspielerin darin ab, und, um kurz zu sein, er sah mich, liebte mich, ward mein Gemahl. Doch nach zwei glücklichen Jahren--wer hilft mir die Erinnerung dieses Schmerzes ertragen?--stürzte er vom Seil, das er von einem Kirchturm zum andern gespannt hatte, und verhauchte seinen stolzen Geist. (Sie weint.)

(Alle weinen mit.)

Ajaxerle. Ja das Seiltanzen, ich habs auch einmal probiert, aber ich versichere Sie, ich bin recht auf den Kopf gfalle.

Bustorius. Das hab ich schon lang bemerkt, hab ich nur nicht gleich sagen wollen.

Lakrimosa. Von tiefer Trauer erschüttert, nahm ich mein Kind, ein Mädchen von zwei Jahren, und kehrte mit ihr ins Feenreich zurück. Bezahlte schnell die Schulden, die mein treuer Zenobius indessen auf meinen Namen gemacht hatte, und nachdem mein Schmerz vertobt war, erbaute ich meiner Tochter einen Brillantenpalast, ließ sie in dem höchsten Reichtum erziehen und schwur, ihre Hand nur dem Sohne der Feenkönigin selbst zu geben. Kaum hatte ich diesen unseligen Schwur getan, so krachten die Säulen meines Palastes, und vor mir stand die Königin der Geister. Büße deine Frechheit, sprach sie, übermütiges Weib. Einem Sterblichen hast du dich vermählt, und deines Kindes Herz willst du durch Glanz vergiften? So höre meinen Ausspruch: Entrissen sei dir auf Erden deine Feenmacht, so lange, bis die Bescheidenheit deiner Tochter deinen Übermut mit mir versöhnt. In brillantene Wiegen hast du sie gelegt, darum sei Armut ihr Los, und des Reichtums Glanz werde ihr zum Fluch. Meinem Sohne hast du sie bestimmt, dem Sohn des ärmsten Bauers werde sie angetraut. Auf die Erde setze du sie aus, dem Irdischen gehört sie an, dann kehrst du zurück in dein Wolkenhaus, und nur die Tugend deiner Tochter kann dich daraus erlösen. Wird sie allen Reichtum hassen und vor ihrem achtzehnten Jahre mit einem armen Manne, der ihre erste Liebe sein muß, sich verbinden, so ist dein Bann gelöst, du darfst sie wiedersehen und in mäßigen Wohlstand sie versetzen. Erfüllt sie bis zu ihrem achtzehnten Frühling diese Bestimmung nicht, ist sie für dich verloren. Bescheidenheit heiße ihr Glück, denn sie ist nur eine Tochter der Erde. Sie verschwand.

Bustorius (nach einer Pause). Erdök! ist das schöne Geschichte!

Ajaxerle. Ja! So traurig und so lang auch noch, das ist das Schöne.

Lakrimosa. Ich sank mit meinem Kinde auf die Erde nieder, in einem düstern Wald, und in der Gestalt eines alten Weibes pochte ich an eine niedre, aber reinliche Hütte. Ein lustiger treuherziger Bauer, ihr einziger Bewohner, sprang heraus, er hieß Fortunatus Wurzel. Ich sank zu seinen Füßen und beschwor ihn, er möchte sich des armen Kindes erbarmen, sie gut und fromm erziehen, sie nie aus dem Walde lassen und mit siebzehn Jahren an einen armen Jungen, den sie liebgewinnt, verheuraten. Wird er dies befolgen, soll er mich am Tag der Heirat wiedersehen, und ich werde ihn reichlich belohnen. Wer ich sei, dürfte ich ihm nicht sagen. Er schwur, meine Bitte zu erfüllen, und eilte mit dem Kind in die Hütte. Langsam und trauernd schwang ich mich auf, Tränen entstürzten meinen Augen, wurden zu kostbaren Perlen und fielen nieder auf das Strohdach seiner Hütte. (Nach einer Pause seufzend.) Ob er sie gefunden, weiß ich nicht.

Bustorius (gleichgültig). Weiß ich auch nicht. (Will aufstehen.)

Lakrimosa. Jetzt kommt das Wichtigste.

Bustorius. Also noch nicht aus? Bravo! (Setzt sich wieder nieder.)

Lakrimosa. Vierzehn Jahre hat er sein Wort treu gehalten, doch über ein Jahr lebe ich schon in qualvoller Angst. Die mißgünstigen Gesinnungen meiner Dienerschaft verschafften dem Neid Eintritt in mein Exil, und dieser mächtige Fürst der Galle verliebte sich in mich und warb um meine Hand, doch da er von jeher aus meinem Herzen verbannt war, wies ich ihn mit Verachtung ab. Um sich nun dafür zu rächen, schwur er, mich durch meine Tochter zu verderben, und ließ den Bauer einen großen Schatz finden. Im Besitze dieses Reichtums ist dieser nun seit zwei Jahren wie ausgewechselt, wohnt in der Stadt, lebt auf dem größten Fuß, ergibt sich dem Trunke, mißhandelt meine Tochter und will sie zwingen, einen reichen Freier zu wählen, während ihr Herz an einem armen Fischer hängt. Morgen um Mitternacht zählt sie achtzehn Frühlinge, und wenn sie bis dahin nicht die Braut des Fischers ist, ist sie für ihre Mutter verloren. Ich muß hier müßig bleiben und darf sie nicht beschützen. Alle Geister in der Nähe der Feenkönigin habe ich seit zwei Jahren vergebens um Hülfe angefleht, darum habe ich in meiner höchsten Not nun Sie versammeln lassen, und wenn Sie nicht alles aufbieten, mein Kind zu retten, so bin ich die unglücklichste Fee, die je einen Zauberstab geschwungen hat.

Alle (springen auf). Pereat der Neid! Pereat der Bauer!

Zenobius. Lakrimosa soll leben!

Alle. Hurra!

Bustorius. Kommen Sie, Frau, sein Sie nicht traurig. Waren Sie zwar stolzes Weibsbild, aber sein Sie bestraft, sein Sie doch gute Person, haben Sie Ihr Kind gern, das gfallt mir. Geben Sie mir Bussel. (Nimmt sie beim Kopf und küßt sie.) Nit wahr, meine Freunde, wollen wir ihr alle helfen?

Alle. Alle! Alle!

Bustorius. Was wollen Sie mehr, sein das nicht rare Geister? Verlassen Sie sich auf ungarischen Zauberer. Was Ungar verspricht, das halt er. Hat er festes Blut in sich wie Eisenbad in Mehadia. Wir wollen schon einheizen den vertrackten Purzel oder Wurzel, wie der Kerl heißt.

Ajaxerle. Ja, das wollen wir, und ich will die ganze Sache dirigieren. Jetzt lauf ich gleich ins Wirtshaus und laß mir was immer für a Vieherle sattle und reit in die Stadt hinunter und werd alles auskundschafte, und außer der Stadt draußen steht ein verrufenes Bergle, das heißt der Geisterscheckel, da kommen wir in zwei Stunden in dem alten Schloß oben alle zusammen und machen den ganzen Plan aus, und die Nacht da (auf die Nacht zeigend), die muß vor uns herfliegen, damit die Sach kein Aufsehen macht, und heut abend müsse Sie schon Ihr Töchterle habe, und wenn sie auf den Blocksbergle vermählt werde soll.

Alle. Ja, heute noch, Hurra!

Lakrimosa. So sind Sie, wie ich Sie haben wollte, jetzt ist mein Mutterherz getröstet. Ich verlasse mich ganz auf Sie. (Im Konversationstone.) Darf ich Ihnen gschwind noch mit ein Glaserl Punsch aufwarten?

Bustorius. Was Ponsch? Nichts Ponsch, ist schon Tag. Lassen Sie Wagen vorfahren. Wo ist mein Fiaker 243?

Zenobius. Die Wägen herbei. Die Mäntel! Es ist ja noch stockfinster in den Wolken, es muß ein Wetter am Himmel sein.

(Alles bricht auf, nimmt die Mäntel um. Der mittlere Vorhang geht auf, man sieht in eine Wolkenstraße. In der Ferne sind die beleuchteten Fenster einiger Feenschlösser zu sehen. Die Wolkenwagen fahren vor und gerade in die Kulisse ab, nicht durch die Luft. Zwei Diener mit Fackeln leuchten.)

Ein Feendiener (ruft). Fiaker 243, vorfahren!

Fiaker (schreit). Ja! (Fährt vor.)

(Bustorius steigt ein, sein)

Diener (springt hinten auf und ruft). Nach Haus!

(Ein anderer Wagen mit zwei Laternen folgt. Antimonia steigt ein und fährt fort. Zuletzt erscheint eine Wurst, mehrere Zauberer und Feen setzen sich auf und fahren fort.)

Lakrimosa (nachrufend). Kommen S' gut nach Haus! Vergessen S' nicht auf mich! Sie Herr Vetter, ich laß Ihnen einspannen und in den Gasthof führen.

Ajaxerle. Ei bewahr! ich hab ja mein Laternbüble da. (Ruft.) He, rufts ihn doch!

Feendiener. He, Laternbub!

Ein kleiner Genius (mit einer Laterne springt herein). Hier, Euer Gnaden!

Ajaxerle. Voraus, Spitzbüble!

Genius (ihn nachäffend). Voraus, Spitzbüble!

(Unter allgemeinem Lärm und Empfehlungen: Kommen Sie gut nach Haus! usw. fällt der Vorhang vor.)

Vierter Auftritt

Verwandlung

Nobles Gemach in Fortunatus Wurzels Haus, an der Seite ein bronzierter Kleiderschrank. Rechts ein Fenster neben dem Schlafgemach Wurzels. Auf der entgegengesetzten Seite der Eingang.

Lorenz mit zwei Bedienten. Habakuk.

Lorenz läuft zum Fenster und sieht hinaus.

Stimme von unten. Herr Lorenz, der Wein ist da. Gehts einer herunter!

Lorenz (ruft hinab). Gleich, gleich, nur nicht so schreien, da ist den Herrn sein Schlafzimmer! (Zu den Bedienten.) Gehts hinunter zun Wagen, der echte Champagner ist kommen. Tragts die Flaschen in Saal hinauf. Morgen ist Punschgesellschaft, da muß er austrunken werden, aller, sonst wird er hin, er halt sich nur ein paar Tage. (Zwei Bediente gehen ab. Zum dritten.) Und du nimmst ein zehn Flaschen weg und stellst mir s' auf die Seite, ich brauch s' für eine arme Familie, die gern trinkt.

Habakuk. Schon recht, Mußi Lorenz. (Geht ab.)

Lorenz (allein). Was man alles zu tun hat, wenn man erster Kammerdiener in ein Haus ist! Wie ich noch Halter bei ihm war, hab ich lang nicht so viel zu tun ghabt als jetzt. Ja, wenn wir auch von Land sein, deswegen sind wir doch nicht auf den Kopf gfallen. Wie ich Bedienter worden bin, hab ich nicht gwußt, warum die Schneider so große Säck in die Livreen machen, jetzt weiß ichs schon: weil die Bedienten von ihre Herrschaften so viel einstecken müssen. (Sieht durchs Schlüsselloch.) Mir scheint, er steht schon auf. Das war wieder ein Spektakel heut nacht, mit ihm und seine guten Freund. Bis um drei haben s' trunken und gsungen, über achtzig Gläser zusammgschlagen, und so gehts alle Wochen viermal. Mich wundert nur, daß ers aushalt--Und seine guten Freund halten ihn für ein Narren, sie sagen, er wär der gscheideste Mensch von ganz Mamelukien oder wie das Land heißt. Jetzt will er gar ein heimlicher Gelehrter werden, und ich hab schon was wispern ghört, ein Philosoph auch noch. Ein Bauer, es ist schrecklich! und er laßt nicht nach, auf die Wochen gehts schon los, da lernt er 's Lesen, und aufs Jahr schreiben, und da hat er recht. Wenn ein dummer Mensch nur wenigstens schreibt, so kann er sichs doch selber zuschreiben, daß er nichts glernt hat. Da kommt die Lottel, die därf ich gar nimmer zu ihm lassen, wenn die den Fischerkarl nicht laßt, das wird noch eine schöne Metten absetzen.

Fünfter Auftritt

Lottchen. Voriger.

Lottchen (einfach gekleidet). Guten Morgen, lieber Lorenz! Ist mein Vater schon auf?

Lorenz (sich ein Ansehen gebend). Guten Morgen, Fräulein Lottel!

Lottchen. Wieviel hundertmal hab ich dich schon gebeten, du sollst bloß Lottchen zu mir sagen. Ich bin nur ein armes Landmädchen.

Lorenz. Was sind Sie? ein armes Landmädchen? das bringt ja einen Tannenbaum um. Sie sind ja eine Millionistin.

Lottchen. Ich will aber keine sein, denn der Schatz, den der Vater gefunden, hat Unglück über unser ganzes Haus gebracht. Ach, wo ist die schöne Zeit, wo der Vater so gut mit mir war, wo ich täglich meinen Karl sehen durfte, wo noch Schwalben unter unserm Dache nisteten, und keine so hungrigen Raben wie jetzt die falschen Freunde meines Vaters! Ach, wo bist du, glückliche Zeit?

Lorenz. Ja, es kann halt nicht immer so bleiben, hier unter den wächsernen Mond!

Lottchen. Wo seid ihr, ihr Nachtigallen im grünen Wald, ihr wirbelnden Lerchen, ihr funkelnden Käfer? ach! das ist alles vorüber, jetzt kommen keine Schwalben, keine Lerchen, keine Käfer, und mein Karl kommt auch nicht mehr.

Lorenz. Und das wär Ihnen halt der liebste Käfer. Den haben wir aber die Flügel gestutzt.

Lottchen. Nein, noch heute will ich meinem Vater zu Füßen fallen und ihn bitten, das unglückliche Gold von sich zu werfen, seit dessen Besitz sich seines Herzens ein so böser Geist bemächtigt hat. Ich will gleich zu ihm. (Will gehen.)

Lorenz (tritt vor die Tür). Fräulein Lottel, tun Sie das nicht. Ich darf Ihnen nicht hineinlassen.

Lottchen. Warum nicht?

Lorenz. Der Herr Vater ist krank.

Lottchen (erschrickt). Krank? mein Vater krank? Himmel, und bedeutend?

Lorenz. Ja!

Lottchen. Ist das wahr?

Lorenz. Wollen Sies nicht glauben?--

Sechster Auftritt

Habakuk mit einer großen Tasse, worauf eine große Gans liegt, ein Teller voll Backerei und eine große Flasche Wein steht, tritt seitwärts ein, bleibt an der Tür stehen, an der andern Tür steht Lorenz, in der Mitte, einen Schritt zurück, Lottchen.

Habakuk. Den Herrn sein Frühstück!

Lorenz. Nur hinein damit. (Deutet aufs Schlafzimmer. Habakuk trägt es hinein. Lorenz zu Lottchen.) Jetzt haben Sies selbst gesehen, daß er mediziniert. (Geht verlegen vor.)

Lottchen (beleidigt und erstaunt, stellt sich vor ihn). Lorenz! also mein Vater ist krank?

Lorenz. Nu, schon wie! Bei ihm heißts: Friß Vogel, oder stirb!

Lottchen. Also so kannst du mich hintergehen? Pfui! das hätt ich nicht von dir geglaubt. Geh, du bist ein abscheulicher Mensch! Doch nein, ich will dich nicht böse machen, ich will dir schmeicheln, ich will dir sagen: du bist der beste, der schönste Lorenz auf der Welt, wenn es auch nicht wahr ist, aber laß mich zu meinem Vater!

Lorenz. Und ich darf nicht. Er hats verboten. Er sagt, Sie sind nicht sein Kind, Ihre Mutter war ein Bettelweib.

Lottchen. Himmel! was ist das? So weit ist es mit ihm gekommen, daß er sein Kind verleugnet? Hat er mir nicht oft erzählt, meine Mutter wäre bald nach meiner Geburt gestorben, und ich wäre sein einziges Kind, von dem er einst Dankbarkeit hofft? Und nun verstoßt er mich? Ach du lieber Himmel, ich habe keine Verwandten, keine Freunde, keinen Vater mehr, wenn du dich nicht um mich annimmst, so muß ich zugrunde gehen. (Geht weinend ab.)

Lorenz (allein). Was Verwandte, zu was braucht man die? Unser schwarzaugigtes Stubenmädel ist mir lieber als alle Verwandtschaften auf der Welt. (Ab.)

Siebenter Auftritt

Wurzel aus dem Kabinett.

Wurzel. Arie Ja, ich lob mir die Stadt, Wo nur Freuden man hat! Mich sehn s' nimmer aufn Land, Bei dem Volk ists a Schand. In aller Früh treibn s' schon die Ochsen hinaus, Und da findt man kein einzigen Bauern mehr z' Haus. Den ganzen Tag sitzt man aufn Pflug, Trinkt Bier aus ein steinernen Krug, Und auf d'Nacht kommt man z' Haus, was ist gwest? Um achte liegt alls schon im Nest!

Drum lob ich mir die Stadt, Wo man Freuden nur hat. Mich sehn s' nimmer aufn Land, Bei dem Volk ists a Schand.

Jetzt hab ich so viel Bediente, Steh um halber zwölf Uhr auf, Trink Kaffee und iß geschwinde Fünf bis sechs Polakel drauf.

Kurz, es kann kein schöners Leben Als mein jetziges mehr geben, Denn wer mich ansieht, 's ist ein Spaß, Fallt fast vor Ehrfurcht in die Fraß.