Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 9

Chapter 93,661 wordsPublic domain

„Ja, das verlange ich allerdings. -- Herr von Heidekamp, Sie hätten ja Ihre Sörine abmelden können, -- das würde ich sehr bedauern, aber ich könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“

„Herr Direktor, -- Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen der Mädchenseele gesprochen...“

„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend von Sörine ist ja ihre Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem Herzen...“

„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, -- meine lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter -- -- --‘ Das war ihr Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“

„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis +jetzt+ schon,“ sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.

„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es wird das Rechte sein. --“

„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände haben den Schleier von Sörines Kindereinfalt gerissen, -- sanfte Mutterhände werden die Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine tapfere Schülerin zu sehen.“

Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn noch um Etliches überragte.

„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte Sörensen.

„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht an den törichten Ausspruch...“

„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres Vorurteils gekommen bin.“

Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der Küchentür stand knixend Frau Dietz.

Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“

„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den Toten nichts Übles reden.“

Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ --

* * * * *

+Sonntag abend+.

Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich, das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann -- dies Heidekamp. Hab’ Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch keinen in Birkholz erlebte. --

Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!

Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen. -- Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.

Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis ist prächtig. Grauchen und ich sind gute Freunde geworden. „Wir haben beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“

Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? -- Wie wir heute da draußen Pläne schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner, gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. --

+Dienstag abend+.

Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus bereden +müßte+. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen beiden, daß ich wohl als Direktor dem +Lehrer+ Asmus etwas zu befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, -- nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“ Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf nicht merken, daß ich dahinterstecke.

Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.

Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne und Liebe hungern soll, -- Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. --

* * * * *

+Ostersonntag abend.+

Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.

Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff, entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst, daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und -- Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen. Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein. Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, -- so konnten schon „das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. -- Und die Frau Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen, saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die Frauen der Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...

Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und fragte...

Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!

Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen Heimweg gesprochen.

Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.

Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden, liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.

* * * * *

Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien niemand verreist, und so fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores Lachen.

Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert. Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur, wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in +Ihrer+ schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“

„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu bringen.“

„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, -- Gott soll mich bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau Kahl annimmt. Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“

„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen. -- Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“

Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter gespielt haben...“

„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“

„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“

„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore nicht genug Mittagessen gegeben.“

„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“

„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“

„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik unterstützt.“

„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“

„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im Deutschen Reich, wo er seine +Unkenntnisse+ verwerten konnte.“

„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch schon unter Clausen segensreich wirkten?“

„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“

„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant, sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“

„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend. „Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst, noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr verhaßt, eine strahlende Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich verärgert zurückgezogen.“

„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“

„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr Neustes eingerissen, -- das ist so was für Frau Professor Traute.“

„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen. Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“

„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um, der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“

„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen gesellt, einer feinen, älteren Frau, die ihm sofort von „ihrem Hans“ erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.

Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt, wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“

„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt, wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig, über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit ab.

„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz, vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die ist nicht von Pappe. Und sie grüßte mich heute auf der Straße mit dem Kopfneigen einer jungen Prinzessin, -- nur so eben gerade, -- weil ich sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“

„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen, ‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“

Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“

„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“

Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“

„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich weiß ja, daß sie der ~Nervus rerum~ der Klasse ist, ein rechtes Mütterchen...“

„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein Doktor ein.

„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich aufhängen.“

„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.

„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“ forschte sie dann. --

„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, -- Fräulein Doktor, ich sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht, daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein Ritter des ~ancien regime~...“

„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und kann sie nicht finden, -- nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen Wohltätigkeit. -- Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift auf?“

Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf diese Frage zurückkam.

„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut. Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen Herzenswunsch drangeben. Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“

Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...

Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.

Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“

„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts, fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor. Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen Lachen zog sich Frau Traute zurück.

Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das unterste Ende setzte, konnte die Würde nicht so streng gewahrt und durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher „dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf. Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert, umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke auf den Teller legte.

„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“ sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter Zeit.“

„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor zweifelnd.

Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und flüsterte: „Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“

Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben, an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.

Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.