Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 8

Chapter 83,706 wordsPublic domain

Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück. Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm. Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden, verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für fünfzehn Mark.

Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als Sörensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. --

„So, -- nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“

Er ließ den Worten die Tat folgen.

„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich, die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.

Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir nie...“ stotterte er.

„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen. Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng daheim, deshalb eilte ich her...“

„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein Doktor mit ihrer tiefen Stimme.

„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.

„Aber +wie+ Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“ Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.

„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden eine Pfeife, -- beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife +bringt mir+ erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich zu Sinn.“

Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer Gegenwart.

Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.

Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich fange jetzt erst an zu leben.“

So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um seine Bewegung zu verbergen.

Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen durch meine Räume.“

„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen. „Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“

„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“

„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“

„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert sie aber den letzten Rest Hochachtung vor +mir+, und das wäre vom Übel. Guten Abend und Dank!“

„Halt, -- ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen Kanadier?“

Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade, schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“

„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch ordentlich in die Schule nehmen.“

Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie grüßten und der kurzsichtige Sörensen dankte. „Haben Sie viel Freunde und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“

„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das Kollegium.“

„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“

„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“

„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“

„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den +werdenden+ Menschen. Ich bin allen Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“

„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“

„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher beim Herrgott haben...“

„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.

„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig... Klaus Hansohm weiß es schon lange. Deshalb sieht er der Schwester ja alles an den Augen ab, und -- ich habe gesehen, wie er sie einmal abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“

„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“

„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“

„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe. Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr fest die Hand. „Gute Nacht!“

Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.

„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht, weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. -- Ich konnte heute nicht einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem Mannsbild techtelmechteln...“

„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“

„+Kor+rekter??? +Dir+ekter!!! Aha! Ich habe recht! Das Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“

„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“

„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“

„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“

„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr. Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz geschlendert wären...“

„Auch +das+ haben Sie gesehen?“

„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“

„Und das häßlichste.“

„Nein, den Ruhm nehme +ich+ in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er die Schönheit für Sie mit.“

„Finden Sie ihn schön?“

„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem verlangenden Herzen. Na, wie ich über die Mannsleute im allgemeinen denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ +geschrien+. Damit er sich nur nicht verhörte.“

„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“

„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also los? Beichten Sie mal.“

„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“

„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“

„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie geschehen, hören Sie? Nie.“

„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘, hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“

Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für die Kinder an seiner Schule...“

„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“

„Ich bin sechsunddreißig.“

„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist, erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“

„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.

„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder Generaldummheit begangen habe.“

„O das ist schändlich!“

„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“

„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“

„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer Lyzeum haben.“

„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“

„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor lauert auf mich.“

„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen hat endlich nach einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige -- ach, ich weiß ja -- kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, -- sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite Klasse...“

„Weiter, weiter...“

„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen sagt...“

„So? Sagt Sörensen?“

„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, -- es wird alles richtig sein.“

„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte beide Hände ihres Gastes.

„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens, mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“

„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. -- „Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem Oberboden holen. -- Nun und wie verhält sich der Direktor?“

„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“

„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch. „Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“

„~Dr.~ Sörensen geht fast gar nicht aus...“

„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen, dann +muß+ er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht. Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“

Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten sich die beiden Hausgenossen.

Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte, daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. --

* * * * *

Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften. --

Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute, kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal vor und las ihn zum zweiten Male:

Geehrter Herr Direktor!

Dazu ist die +Mutter+ da. Wollen Sie dieses mit einer schönen Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die Martha, die nun Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule, wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran, daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, +heilig+ ist. Denn die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die Worte viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz.“

Achtungsvoll

Frau Schlossermeister Steinicke.

Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der alte Freiherr.

Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit. Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein langer, weißer, sorgfältig gepflegter Patriarchenbart vervollständigte die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige Brauen große Kühnheit gaben. --

Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen, hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen, aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.

„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchs+karte+ erwidern wollte. Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen. Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie, der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten hätten. -- Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach der Ochsentour geht...“

„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen wollen...“

„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu Ihnen gekommen, sondern war erst beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000 Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, -- na, das ist Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen, sondern verwies mich sofort an Sie.“

„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“

„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war. Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und dann erst zu ihm.“

Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums, erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“

Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“

Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.

„Herr von Heidekamp, -- ich fühl’s, es wird Ihnen schwer, zur eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘ sprächen... wenn Sie -- -- verwunden könnten ...“

„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine gemacht???“

Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.

„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger Geist in ihr...“

„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“

„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“

„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an? Aber -- aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich -- ich wollte ja schimpfen, -- ich wollte ja dieses -- dieses -- Fräulein Nissen, es fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“

„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp, ich möchte nichts dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“

„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“

„Ist Sörine krank?“

„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott, wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“

„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“

„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der Heide...“

„Und versäumt die Schule.“

„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank entrinnt?“