Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 7

Chapter 73,624 wordsPublic domain

Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...

„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.

Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges Mal nach dem Trotzkopf um. War es wirklich ein Trotzkopf, dann sollte er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich spaßen lasse. -- Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als einen gleichaltrigen Knaben.

Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...

Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen und wahrhaftig -- da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen, rennen, fliegen...

Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto ratterte davon, -- er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.

Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?

Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.

Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein, andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.

Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht finden, weiß Gott, wo sie stecken mag. Das kann auch nur +dieses+ Mädchen, -- aus der Stunde einfach fortlaufen -- -- Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich, ich -- -- --“

Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere, aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen. Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen, heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz, -- jetzt vor den Kindern, -- Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch einmal mit mir herüber.“

Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen, nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte. Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.

„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, -- ich ließe dich lieber rasch nach Hause gehen, aber, -- habe ich recht, wolltest du mich sprechen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß nach Hause gelaufen...“

„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. --“

„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht, und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe, so lebhaft erzählte sie.

„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“

Ein scheues „Ja.“

„Willst du es mir erzählen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hast du Vertrauen zu mir?“

„Ja, ja!“

„Nun also. Dann frisch drauflos.“

„Ich -- -- ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse sein, Herr Direktor -- -- es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“ Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.

„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“

„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein Doktor,“ setzte sie leise hinzu.

„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“

„Danke. -- Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“

„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen Trostbrief an die Manteltasche stecken.“

„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.

Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.

Es vergingen kaum zehn Minuten.

Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen kam erregt zu ihm.

Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich. Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel besessen. Sie, -- wie sag’ ich -- sie ist ein Neutrum, sie hat nichts Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, -- daß ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger -- wie die Sörine -- Herrgott im Himmel, -- zerstört hat sie -- zerstört, -- wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“

Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen Herzen.

Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab, und sein wackres Herz war voll Zorn.

* * * * *

Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter. Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche, wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig, auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.

Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich ergehen.

„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von Pappe,“ rief Kahl gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“

Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.

„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden. Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht preisgeben.“

„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“

Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches, spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. --

„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt, wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“

„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.

„Will ich auch. -- Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie denken Sie denn über den Fall?“

„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen hat.“

„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste, zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann? Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem Idealismus.“

Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel: „Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich einpacken.“

„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler. Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer beneidet, -- ich tu’s nicht mehr.“

„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben, meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin geworden, um ihre Rechte gegen eine Welt von -- Nissens zu verteidigen.“

Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben gehandelt...“

„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“

„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür gegeben.“

„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“

„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“

„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“

„Herr Provinzialschulrat!!!“

„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“ ~Dr.~ Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer, dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau von Heidekamp gekannt?“

„Nein.“

„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der Engelkunde zutrauen, -- aber -- so -- geradeso wie Frau Lore von Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. +Ihrer+ Tat hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“

„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich alle durchaus ruhig verhalten.“

Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter, leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult worden.“

„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot ~Dr.~ Hofer rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: ~De mortuis nil nisi bene.~“

„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“

„Was heißt ‚damals‘?“

„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte Klasse.“

„Die +vierte+!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“

Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. ~Dr.~ Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben, Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“

Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch sehr dafür...“

~Dr.~ Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.

„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in +keinem+ Fache ‚aufklären‘ könnten.“

Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.

„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die Sache besorgt, so konnte man den ~lapsus~ ihrer Jugend und -- sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“

„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“

In Sörensens Stirn zog zornige Röte.

„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, -- heute ist ja doch die ganze Stadt voll davon, -- eine Flut von Briefen hat sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. --“

Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.

„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“

„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der ~Dr.~ Hofer auch schon wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im Ministerium nennt.“

„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen zitterte vor Gereiztheit.

„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben, einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“

„Und der Grund?“

Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die Antwort. --

Lehrer Hansohm trat zu Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen: „Geben Sie mir die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“

Sie nickte ernst.

„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp in diesem Kollegium.“

Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche Stille.

Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend damit durch die Luft.

„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen -- und ich habe vergessen, daß es ein +Lyzeum+ in Birkholz gibt. Denke nur noch an das Birkholz. Ahhh!“

Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.

„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie sich ein bißchen in acht, beinahe hätten Sie mir den Hut vom Kopf geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“

„Ich dachte an +meine+ zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen würde, wenn +mir+ das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre Distel vom vergangenen Jahr.

Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“

„Ja. -- Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“

„Sie sind blutdürstig. -- Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten Ihnen wertvoll sein.“

„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück. „Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“

Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen war sehr blaß geworden.

„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.

Und dachte, -- ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige Liebe sei.

Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben. Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, gescheite Schwester, die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging, nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor sich selbst nannte.

Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und so häßlich sei. --

„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“

Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück, die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.

Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. --

Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. --

Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch, neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.

„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten, unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders tat es die Lore nicht.“

Diese hantierte noch emsig in der Küche.

„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen. Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten. Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“ in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.

Dazu im Winter die Gesellschaften.

Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für sieben hungrige Mäuler reichen mußte. -- Denn Mama verstand es, selbst das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters Geige singen zu hören.“

„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie um, Fräulein Stavenhagen.“

Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.

Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren Kartoffeln und Bratklopsen.

Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig? +So+ viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“

Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so liebte es der Lauscher da draußen.