Part 6
Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß die blasse Agnes Asmus und arbeitete.
„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei. Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“
Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen Augen ihn anschaute.
Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in haltloses Schluchzen ausbrach.
„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief Frau Asmus. -- „Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich zusammen!“
In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme verhandeln.
Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.
„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude. Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.
Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann erneutes Weinen, heftiger als zuvor.
„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.
„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht will ich es tun.“
„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“
Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“
„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“
Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen, abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß nur, das ist nun mal nicht anders.
Frau Asmus schien draußen mit der andern Person in Streit geraten zu sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.
„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter, und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte. „Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen, -- vielleicht bin ich jetzt krank...“
In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.
„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen sollen...“
Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein, o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige -- -- ich darf ja sonst nie mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie die Hände sinken.
Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat, als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben. Wenn +ich+ reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“
„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen. Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir. Soll ich?“
„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, -- --“ Agnes deutete auf ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, -- ich habe sie nicht verstanden...“
„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“
„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch, daß ein Lehrerkind, +unsere+ Tochter, von Fräulein Nissen einen Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“
Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich unter diesen Augen.
„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal gütig, und dann ging er.
Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.
„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe. Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein Ordinarius.“
„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.
„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus. „Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr, als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.
Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder an, da -- trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts- und Werbemarken leuchteten obenauf.
Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der rote Zorn stieg in ihr Gesicht und wollte losfahren, aber als sie das Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos: „Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“
Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen, wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.
Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf. Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück, und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der Galgenstraße erkennen konnte.
Heidekamp, 1. April.
Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am liebsten die Engel hatten? Und bei den Märchen die Feen? Die dann so plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu schön, wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott bei Dir ist. Und ich auch.
Deine treue Sörine Heidekamp.
Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die rechte Stelle.
Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete den Brief auf ihr warmes, junges Herz.
Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und mit diesem Lächeln schlief sie ein. --
* * * * *
Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.
Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch +ihren+ Geburtstag für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit +Jahrenden+“ (wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt. Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt auf dem Felde der Unehre liegen blieb.
Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung und fliegender Hitze, und man tat gut, an diesem Tage nicht gerade verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.
Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer abgesagt hätte und was es „gab“.
Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.
Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „+5. April+!“
Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen, die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten, sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos grabenden Silberlöffeln abgetragen.
Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über den dampfenden Tassen.
Nur nicht so freundlich.
Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“, „Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.
Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. --
Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche Redeschlacht entfesseln sollte.
Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.
Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.
+Das Lyzeum und sein neuer Direktor.+
„Mir hat er +gar+ keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte, auch nur ein Wort zu sprechen. --
„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“
Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich verarbeitet.
Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief: „Da muß man doch erst mal fragen, ob er es +kann+.“
„Ohhh!“
„Aber!“
„Ach, du großer Gott!“
„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“
„Es gehen da seltsame Gerüchte um, -- ich bekümmere mich ja so wenig um das Treiben und Reden der anderen...“
„Hm, hm.“
Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. --
„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann, die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.
„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,... „er sei nicht mehr frei.“
Ahhh!
Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen. Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der Enttäuschung eine verschiedene war.
Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen herfallen.
„Aus +ganz+ einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“
„Wie? Unehelicher Sohn?“
„Der Vater Schneider oder Schuster?“
„Das wäre ja die Höhe.“
„Und der wagt es...“
„Heimlich verheiratet?“
„Zwei Kinder.“
„Aber da muß doch eingeschritten werden!“
„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“
„Aber ganz sicher.“
„Wer von uns sollte es weiter sagen?“
„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau ~Dr.~ Niebert das Wort. „Ich bin ja nun +ganz+ unparteiisch, denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht, gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, -- so ist uns ja im Grunde der Herr ~Dr.~ Sörensen höchst gleichgültig. Aber was Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich +sehr+ interessant.“
„Darf sie denn das?“
„Was?“
„Aus der Schule erzählen.“
Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich, wurde durch wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl zurückgeschleudert.
„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur +eine+ Klage geht, hält er die Hand, und das geht immer +Herr+ Harks hin und +Herr+ Harks her, sagt Fräulein Nissen, -- na und man weiß doch... hm...“
Verständnisvolles Flüstern und Nicken.
„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen, aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend jemand salbungsvoll.
„+Brav+ war sie +auch+,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein, „sie hat drei Jahre bei mir gedient.“
Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.
Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen: „Ja, +so+ brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“
Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“
„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, ~pro~ und ~contra~. Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen und Lehrer Hansohm schwören ja auf die neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine einfach lächerliche Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein Doktor gebildet, -- guter Gott, ich will nichts sagen, -- sie könnte ja wohl beinahe seine Mutter sein, aber...“
„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“
„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme der Frau Postdirektor Hagedorn.
„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie nicht miteinander‘.“
„Sehr richtig.“
„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“
Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die vernichtenden Worte:
„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“
„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe nur Gutes, nur das +Beste+ von Herrn ~Dr.~ Sörensen gehört. Die Kinder schwärmen alle für ihn.“
„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber mit was hört es auf?“
Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“
Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.
Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.
Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren. Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß gerade über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. --
* * * * *
So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe, -- Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen -- und so konnte der eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte, bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun muß sich alles, alles wenden!“
Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus, und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. --
Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern mit hinübergetan. Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, -- wenn er sie Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.
Er überlegte.
„Herein!“
Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein zaghafter Finger getan haben konnte.
Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.
Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was willst du?“
Keine Antwort.
Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen, denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend versicherte.
„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“
Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp -- -- bist du krank?“
Keine Antwort.
Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag willenlos in der seinen.
„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“
Keine Antwort.
„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“
Sie nickte unmerklich.
„Und was willst du nun hier?“
Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben möchte ich, -- bis -- bis -- unser Wagen kommt...“
„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan. „Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“
„+Bitte, bitte nicht.+“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.
„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, -- ich sorge mich um dich. Bist du nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“