Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 4

Chapter 43,614 wordsPublic domain

„Da sind wir schon.“ Klaus Hansohm öffnete eine Tür. Der helle Dreiklang eines Glockenspieles tönte. Ein winziger Flur mit einer altmodischen messingbeschlagenen Kommode und ebensolcher Uhr tat sich ihnen auf. Eine klangvolle, junge Stimme rief: „Bist du es, mein Junge?“

Und dann öffnete sich ein Raum und auf der Schwelle stand ein junges Mädchen, ein entzückend schöner Kopf auf armem, verwachsenem Körper.

In die durchsichtig weißen Hände legte Direktor Sörensen seine Blumen, und die Augen der Kranken lächelten. Dann führte er sie sorgsam zu dem altmodischen Ohrenstuhl, der am grünen Kachelofen stand.

„Sie haben hier ja ein wahres Raritätenkabinett,“ scherzte er. Und zeigte bewundernd rings herum auf die alten Stahlstiche und schön geschwungenen Möbel. „Das ist ja Urväterhausrat. Ich beneide Sie. --“

„Das hat mir alles der Klaus hier zusammengetragen. Alles ist ihm Bild und Rahmen und dann macht er noch die Musik dazu.“ Sie lächelte zu dem Bruder hinüber mit rührendem Stolz.

Die Herren hielten sich nicht lange auf.

Aber die Zeit genügte doch, um das Stübchen der Leidenden licht zu machen. Und die ritterliche Art des fremden Mannes ließ einen Schimmer zurück von dem, was die Welt da draußen Glück und Jugend nennt.

Lehrer Klaus Hansohm wäre wohl am liebsten daheim bei der Schwester geblieben, hätte gern ganz still und besinnlich im großblumigen Sofa gesessen. --

Der Tag hatte ihm so viel Reichtum gegeben.

Nun wogten allerhand Melodien in seinem Kopf und seinem Herzen, die er noch nicht meistern konnte.

Er stieg mit seinem Direktor die breiten Steinstufen des alten Patrizierhauses hinauf, die von der mächtigen Diele zum Eßzimmer führten. --

Klaus Hansohm machte seine Augen weit auf, denn nun war ihm, als sähe er seinen Vorgesetzten wieder in einer ganz anderen Gestalt. Hoch und breit und festgefügt stand der Goliath Erne Sörensen in diesem hohen, breiten und festgefügten Hause als Hausherr und Gastgeber. Und Lehrer Hansohm lauschte mit dem Ohr eines Kenners seiner klangvollen Stimme, die einer noch unsichtbaren Person Befehle erteilte.

Belustigt fing sein Ohr das Gespräch auf:

„O Herr Direktor! So spät? Alles verbratzelt und verbruzelt! Und ohne Entschuldigung? Und dann noch ein Gast? Das geht gegen meine Ehre und Reputation. Und ist das christlich, noch um halb drei Uhr Mittag essen zu wollen?“

Dann das schöne sonore Lachen und die herzgute Stimme: „Aber, Frau Dietz! Gleich machen Sie frohe Augen. Sie fahren mich ja an, als ob wir verheiratet wären. --“

* * * * *

Komm her, mein alter Foliant.

S’ ist Nacht, und der Birkholzer Lyzeumsdirektor sollte längst zur Ruhe sein. Aber du lachst und lockst, liebes Buch, -- beinahe, als ob du eifersüchtig seist. Eifersüchtig auf neue Freunde. Gönne sie dem Einsamen.

Hellichte Freude habe ich am jungen Hansohm und seiner armen, lieblichen Schwester. Freude habe ich am ehrlichen Senior Rasmussen, Freude an der streitbaren Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen.

Wir beide werden noch manche Klinge miteinander kreuzen. Aber im Grunde sind wir uns bereits sehr gut.

Zähle ich dann noch den knurrigen Schulwart Harks und die junge, unbedachte Hilfslehrerin Fräulein Hanni Freitag dazu, so habe ich alle aufgezählt, die mir wohl Freund sind. Und was habe ich den anderen getan?

Sentimentale Frage. Niemand beantwortet sie.

Der Senior Professor Rasmussen und ich wußten nach dem ersten Blick, daß wir uns gefielen.

Professor Traute ist sehr unsympathisch. Ein Frömmler, mit einem unsichtbaren, aber trotzdem sehr unangenehm wirkenden Heiligenschein. In seiner Gefolgschaft Fräulein Nissen. Hermione. Und so sieht sie auch aus. --

Als dritter im Bunde Oberlehrer Kahl.

Eine Art ~homo sapiens Linné~, mir verhaßt, seit ich denken kann. Er gehört zu jenen, denen der Mensch nur Vorgesetzter oder Kollege ist.

Es mag ja nicht genehm für die alten Knaben sein, plötzlich einen jungen Mann als Vorgesetzten zu bekommen, -- nun ich bin wahrhaftig ohne Vorurteil an dies Kollegium herangegangen, und das Verhalten vom Senior zeigt mir auch, daß ich den rechten Ton traf.

Und doch dieser passive Widerstand von Traute und doch die mühsam beherrschte Gereiztheit von Kahl.

Mein Vorgänger war wohl schon etwas überreif, viel krank und ruhebedürftig. Er hat die Zügel locker in seinen alten Händen gehalten und ist einfach froh gewesen, wenn andere die Karre kutschiert haben.

Nun gehöre ich ja nicht zu den Direktoren, die, kaum im neuen Amt, alles bisher Bestehende verwerfen. Schuldiener Harks hatte allerdings damit gerechnet, denn gestern morgen fragte er: „Der Spucknapf des vorigen Herrn Direktors ‚haben‘ immer links von dem Schrank gestanden, soll ich ihn jetzt rechts stellen?“

„Aber, Herr Harks! Traditionen soll man heilig halten, ich bin ein pietätvoller Mensch.“

„Dann müssen also Herr Direktor scharf in die linke Ecke zielen,“ meinte er ernst, entfernte sich und ließ mich mit dieser Instruktion zurück. --

Ich verweile noch bei Harks. Der Mann ist mir lieb, ich mag ihn gern um mich haben. In seinen seltsamen Augen steht Gram zu lesen, aber er weicht scheu aus, und ich will mich nicht in sein Vertrauen drängen. Auch das Gesicht seiner kleinen verhutzelten Frau zeigt einen ängstlichen Ausdruck. Und doch soll mein Vorgänger ein humaner Mann gewesen sein, dem man vielfach sogar Schwäche gegen seine Untergebenen vorwarf.

Mancherlei Beobachtungen habe ich schon gemacht. Harks Augen können grimmig, ja tückisch aufblitzen, wenn Professor Kahl nach dem „Schuldiener“ ruft.

Ich ehre in Harks den alten Feldwebel und seinen Zivilversorgungsschein. Nenne ihn deshalb „Herr Harks“ und seine schüchterne Frau „Frau Kastellanin“.

Denn die meisten Frauen sind glücklich unter einem Titel. --

Ich werde nicht zu befürchten haben, daß Harks über den Strang schlägt. Er ist ein rechter Hüter der Schulzucht. Daß er nicht wünscht, den einst so allmächtigen Feldwebel in dem Begriff „Diener“ untergehen zu sehen, kann ich ihm nicht verübeln. Und ich meine, der unermüdliche, alte Mann ist hier erst recht eine gute Kompagniemutter und in dem großen Betrieb wohl am Platze.

Heute nachmittag war Klassenkonferenz.

Ich werde mit diesen Dingen sparsam umgehen. Denn ich kann ja vieles selbst erledigen, und die schönen Nachmittage sind den Kollegen und mir gleich wertvoll. Aber dem Vorschlag von Oberlehrer Kahl, im Anschluß an die Schule zu tagen, konnte ich nicht beistimmen. Denn wichtige Konferenzen sollen nicht mit knurrendem Magen und Uhr in der Hand erledigt werden, und daß keine unwichtigen stattfinden, dafür will ich schon sorgen. Die heutige bedeutete allerdings viel Lärm um einen Eierkuchen. Wieder einmal die zweite Klasse!

Aber es schien mir, als sei diese nur vorgeschoben, als sollte eigentlich Herr Klaus Hansohm gezaust werden.

Die erste Enttäuschung für mich. -- So rückständig ist Birkholz? Die Müllerlieder von Schubert ungeeignet für die zweite Klasse eines Lyzeums.

Himmel, zu welchen Verstiegenheiten sich die Herren hinreißen ließen. „Minderwertige Persönchen!“ „Frühreifes Gebaren!“ „Nicht scharf genug zu tadelndes Verlangen, das in der Schule verpönte Thema ‚Liebe‘ auf Umwegen kennen zu lernen.“

Wackerer Kämpe Hansohm! Er fuhr mit den Herren ab, daß sie heiße Ohren kriegten. Und ich ein warmes Herz. --

Oberlehrer Kahl focht einen unrühmlichen Strauß mit ihm.

Als er schließlich von „Unlauterkeit“ sprach, der ein Lehrer Vorschub leiste, stellte ich mich auf Hansohms Seite, mit mir die anderen, mit Ausnahme von Professor Traute, Fräulein Nissen und Lehrer Asmus.

Letzterer auch so ein Scharfmacher.

Er führt die neunte Klasse als Ordinarius. Vertrat neulich Hansohm in der siebenten Klasse in Deutsch. Hansohm hat die Kyffhäusersage behandelt, und Asmus las ihnen in jener Vertretungsstunde das Gedicht vom Kaiser Rotbart vor. Wie er den Bart schildert, der durch den Tisch gewachsen ist, erhebt sich Lottchen Binnebom und ruft: „Das glaub’ ich nicht.“

Diesem „Fall“ ist Asmus nicht gewachsen gewesen. Und, Gott sei’s geklagt, die große Mehrheit im Kollegium heute besprach die Sache mit einer Ernsthaftigkeit und Bedenklichkeit, daß ich mich ein paarmal versucht fühlte, sie mit den dicken Köpfen zusammenzustoßen.

Der Humor scheint keine Hüsung im Lyzeumsgebäude zu haben, ich will nicht hoffen, daß er überhaupt außerhalb von Birkholz wohnt.

Jedenfalls aber sah ich heute Hansohm, wie er Lottchen Binnebom an der Hand führte, und nach den vertrauensvollen Augen der kleinen Zweiflerin zu urteilen, hat sie längst die rechte Antwort bekommen.

Morgen will ich meine Besuche in der Stadt machen... Harks erzählte, die Frau Apotheker Dahlen habe dazu neue Gardinen aufgesteckt. Da sich Harks augenscheinlich selbst geehrt fühlte, unterließ ich jede Bemerkung. Diese Besuche quälen mich.

Bis jetzt durfte ich einsam sein. All die Jahre hindurch. Köstlich einsam. Und nun bringt mir das neue Amt den herben Zwang.

Sonntag abend.

Diese Sonntage sind etwas unbeschreiblich Schönes in Birkholz.

Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja fast eines einsamen Dorfes.

Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach.

Um neun Uhr beginnt die Kirche.

Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben. Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet.

Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten Adler“ setzen wird.

Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes Kindergemüt, ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind, geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen, mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“ Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen, oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen...

Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen.

Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten Töchter mittels Telegramm herangerufen wären.

Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer Niveau herauszuragen, -- ganz prächtige Menschen. Drei niedliche Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit das Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen bei diesen zwei Menschenkindern.

Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist.

Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn Jahren aufwarten. -- Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten.

Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und „Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte. --

Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem Herrenhaus Heidekamp-Birkholz.

Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum.

Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den Kutscher langsam fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche standen.

„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr Direktor!“ schallte es herunter.

Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein.

Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit verstrich, -- dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“.

Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes Spinngewebe sah die alte Dame aus. --

Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände.

„O Herr Direktor! Nicht ungehalten sein! Der Herr Baron -- -- hat -- eine wunderliche Abneigung gegen alle Lehrer, mein Gott...“

Sie haschte nach meinen Händen.

„Aber gnädige Frau...“

Da wehrte sie hastig ab.

„Fräulein von Schlieden,“ stellte sie sich vor. „Ich war die Erzieherin von Sörines verstorbener Mutter und sollte auch das Kind unterrichten. Aber ich bin alt, und Sörine soll unter Jugend groß werden. Ach, Herr Direktor, Staub ist so etwas Schreckliches. Nicht wahr, Sie werden die Birkholzer Kinder, und besonders unsere Sörine, vor Staub bewahren?“

Rührend bittend, hilflos sahen ihre guten Augen mich an. Eine seltsame Situation.

„Könnt ich Sie doch öfters einmal sprechen: Möchte Ihnen so innig das Kind ans Herz legen. Es hat mir von Ihnen erzählt...“

Ich drückte dem grauen Spinnwebchen die Hand.

„Gnädiges Fräulein und Kollegin, ich freue mich, wenn Sie Ihr Weg zu mir führt. Vielleicht treffe ich Sie auch einmal auf einem unserer Elternabende, da können wir...“

Ein polternder Schritt näherte sich, ein Stock stieß in regelmäßigen Abständen auf den Boden auf, und mit eins war das Spinnwebchen verschwunden, weggeblasen, um die Ecke geweht.

Ich schritt zu meinem Wagen, lachte aber auf der Diele ganz herzhaft und ungeniert. Denn ich hörte eine dröhnende Stimme rufen: „Tausend nochmal, Grauchen, das paßt Ihnen wohl auf die alten Tage, ein Stelldichein mit einem jungen Schulmeister...“

Der alte Diener stand am geöffneten Wagenschlag, und sein Gesicht war weniger eben als zuvor.

Es zuckte um seine Mundwinkel.

Ein wenig prallte ich auch zurück, als ich einsteigen wollte, aber die Pferde zogen rasch an, und so ergab ich mich in mein Schicksal, in einem Blumenkorb zu sitzen. Denn der Wagen war inzwischen heimtückisch geschmückt worden, ein ganzes Gewächshaus schien geplündert zu sein. Chrysanthemen und Alpenveilchen lagen zum Strauß geordnet auf dem Rücksitz. Maiblumen waren anmutig lose in die Fensterrahmen gesteckt, und feine grüne Gräser zogen sich als Girlande über die Lehne des Vordersitzes.

Aus den Zweigen der Thingeiche lugte ein Schelmengesicht. Merkwürdig standen darin die großen ernsthaften Blauaugen. Ein wunderschönes Kind! Und ein interessantes Seelchen dazu. Man könnte die alte Eiche beneiden um das nette Früchtchen, das sie trägt.

Ich drohte mit dem Finger aus dem Fenster heraus.

Da hört ich das Mädel silberhell lachen. Lachen, wie ganz junge Kinder tun, denen die Welt noch ein einziger Freudenquell, die Menschen lauter gute Mitwanderer sind. Ein Lachen recht aus dem Herzensgrund heraus.

Erne Sörensen, alle Schulweisheit gäbst du darum, so lachen zu können, wie die junge Sörine Heidekamp.

* * * * *

Es klopfte an die Tür des Direktorzimmers.

Erne Sörensen saß in tiefer Arbeit.

Die Feder flog über den großen Bogen, der einen Bericht an die vorgesetzte Behörde aufnehmen sollte.

Vom Singsaal her tönten die gedämpften Laute eines Liedes, und der Schreibende ließ für Augenblicke die Feder sinken und lauschte. Das alte Lied, das ihm die Mutter manchmal gesungen... Wie gut, daß Lehrer Hansohm diese Perle ausgegraben und in die Hände seiner Schülerinnen gelegt hatte.

„Ich weiß mir etwas Liebes Auf Gottes weiter Welt, Das stets in meinem Herzen Den ersten Raum behält, Kein Freund und auch kein Liebchen Verdrängen es daraus, -- Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“

Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch.

„Herein!“

Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken.

Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte.

Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig.

„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“

„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie auch immer,“ scherzte der Direktor.

Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor.

Er zog ein grämliches Gesicht.

„Dann will ich lieber gleich gehen...“

„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich sehr steif nieder.

Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses unglücklichen Temperamentes.

Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten.

Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten. --

„Herr Direktor -- -- ich komme sozusagen in einer privaten Angelegenheit...“

„Aber, Herr Kollege...“

„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen wollen, -- aber -- es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“

Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht.

„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“

„Herr Kollege Asmus, ich +habe+ Zeit für Sie und bitte Sie nur, zur Sache zu kommen.“

„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als Privatsache“ -- -- --

Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der Zorn. Viel rascher als der Direktor gehofft hatte. Asmus sprang auf. Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. -- Der große, ruhige Blick des Vorgesetzten bannte ihn. --

Heiser rief er:

„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über das Fräulein Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen und über den Lehrer Hansohm.“

Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“ sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in seine eigenen lebens- und gemütswarmen.

„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank.

„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch lediglich +Schulsache+ zu sein.“

„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“

„Ich verstehe nicht recht...“

„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist natürlich nicht Ursache, aber...“

Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte er sachlich.

„Jawohl, Herr Direktor.“

„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das Vorgefallene Aufschluß geben?“

„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse, als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges vorgekommen.“

„Wahrhaftig! Wieder einmal?“

„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie -- ärgerniserregend diese Klasse im allgemeinen ist...“

„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen.

„Ja, -- denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich den Schweiß von der Stirn -- „meine Tochter Agnes Ursache dieser betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“

„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor.

„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus, „meine Tochter Agnes hat +alle+ erforderlichen Utensilien einer ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie eben die Tochter des +Lehrers+ Asmus, und wenn ich auch nur ein seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“

Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete eigentlich keinen Aufschub...

„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. -- Bitte weiter!“

Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sich außerordentlich häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu unterdrücken. --

„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter... so ist ihr... hm...“

Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut schnüffeln.“

„Aber, Herr Direktor -- -- woher wissen Sie...?“

„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich --. +So’n+ kleiner Junge.“

Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath entstanden war.

Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, -- wollen Sie vielleicht heute nachmittag oder...?“

„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter, hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie eingeschrieben ...“

„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein.

„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“

In Sörensen kroch der Zorn hoch.

„Ihre Gattin ist +sehr+ ordentlich,“ bemerkte er.