Part 3
„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“
„Erlauben Sie mal.“
„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite Klasse trete, ernstlich sagen: +Du+ bist auch mal Kind gewesen, du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und O des Lehrers sein. Zweitens,“ -- Fräulein Stavenhagen schaute spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“
„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen -- -- --“
„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein würden. Aber nun ist Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre Reize nicht verwirrt werden.“
Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao vollends aus.
Das Lehrerkollegium betrat ziemlich vollzählig das Zimmer.
Sie sprachen erregt durcheinander.
„Ne, erlauben Sie mal,“ rief Oberlehrer Kahl, setzte sich mit einem Ruck an den Tisch, schlug auf die Platte und sprang wieder hoch, „das is +nich+ egal. Wenn ich was seit zwanzig Jahren in meiner Klasse eingeführt habe...“
„Dann ist es die höchste Zeit, daß es mal geändert wird.“
„Verehrteste Kollegin,“ rief Kahl spitz, -- „ich pflege meine Sätze allein zu vollenden... Also, ich sage, wenn ich seit zwanzig Jahren was in meiner Klasse angeordnet habe, dann lasse ich es mir nicht von einem Neuerer einfach umstoßen.“
„Sehr richtig,“ sekundierte ihm Professor Traute.
„Ich weiß ja nicht, worum es sich handelt.“ Fräulein Stavenhagen blitzte Herrn Kahl ziemlich drohend an. „Ich höre nur immer +meine+ Klasse und da wollt ich gehorsamst und submissest fragen, +welche+ Klasse Sie meinen.“
„Na, natürlich doch die Erste.“
„So! Und mit welchem Recht?“
„Mit dem Recht, mit dem ich zwanzig Jahre lang die erste Klasse geführt habe.“
„Mit dem einundzwanzigsten Jahr fängt aber +mein+ Recht und +meine+ Klasse an,“ trumpfte Fräulein Stavenhagen.
„Spielen wir also mal meine Klasse, deine Klasse,“ lachte der junge Gesanglehrer Hansohm und seine Hände ahmten das Hasardspiel nach.
„Zum Ulken sind wir nicht hier,“ verwies ihn Oberlehrer Kahl.
Er kehrte mit Vorliebe den akademischen Standpunkt heraus und liebte es überhaupt nicht, wenn „Seminaristen“ sich einmischten.
„Worum es sich handelt?“ wandte er sich an die Oberlehrerin. „Seit zwanzig Jahren steht die erste Klasse auf, wenn ich herein komme, seit zwanzig Jahren sagt sie langsam, laut und deutlich ‚Gu--ten -- Mor--gen, -- Herr -- Ober--lehrer -- Kahl‘ und jetzt kommt dieser -- -- dieser -- --“
„Seminarist,“ rief Lehrer Hansohm boshaft dazwischen.
„Dieser Herr Direktor,“ vollendete Kahl, „und führt Neuerungen ein.“
„Wir sitzen ja auch gottlob nicht mehr in der Arche Noah, sondern im neuen Lyzeum.“ Fräulein Doktor sprach sehr energisch. „Und da die erwachsenen Mädchen in der ersten Klasse Stühle und Tische bekommen haben, so ist’s wie eine Erlösung, daß sie sich das Aufstehen endlich abgewöhnen. Man kann auch Haltung zeigen ohne aufzustehen und Lächerliches zu plärren.“
„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“
„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu--ten -- Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu--ter Mond, du gehst so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“
„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte ich meine Klasse nicht wieder.“
„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten, dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt -- Hampelmännchen -- --“
„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie +bedauern+, daß diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert ist...“
„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen, und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja doch nur dazu da --“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen. Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: ~a~) Erziehung zum Musikhören, ~b~) die eigentliche Gesanglehre, ~c~) Aneignung der im geistlichen und weltlichen Liede...“
Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer.
„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend.
„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s, unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“
Nun verschwand auch Fräulein Nissen und lachenden Antlitzes die anderen. Nur Fräulein Doktor und Lehrer Hansohm blieben zurück.
„Kollege Hansohm, ist’s ein Geheimnis, was Sie mit der zweiten Klasse haben?“
„Aber durchaus nicht. Die zweite Klasse hat mich ~in corpore~ bestürmt, mit ihnen die Müllerlieder von Schubert einzuüben. Als ich es ihnen abschlug, weil es nicht zum Pensum gehört (hier verdrehte Hansohm die Augen), baten sie mich flehentlich, und Sie wissen, +wie+ die zweite Klasse fleht, daß ich ihnen die Müllerlieder wenigstens vorsänge, -- und das habe ich getan. --“
„Die Glücklichen,“ sagte Fräulein Doktor leise, und ihr verblühtes Gesicht sah mit einem Male jung aus. „Menschenskind, warum sind Sie nicht Sänger geworden? Mit Ihrer herrlichen, gottbegnadeten Stimme...“
„Reden wir nicht davon,“ unterbrach er sie rauh. „Oder ja, -- wenn es Sie interessiert, -- das Geld fehlte, Freunde fehlten, Verständnis fehlte. Dazu kam die närrische Liebe zum Lehrerberuf, das glühende Verlangen, Kinderstimmen auszubilden, dieses zarte, gottgegebene Material nicht verschandeln zu lassen...“
Fräulein Doktor streckte ihm die Hand hin. „Gottlob, daß wir Sie hier haben. Und gestern, -- da hätt’ ich dabei sein mögen...“
„Dann hätt’ ich Eintrittsgeld genommen.“ Der Ernst war schon wieder verscheucht. „Nur die zweite Klasse hat freien Zutritt. Meine Zweite! Das ist so ’ne Marotte von mir. Und sollt’ ich mal irgendwo singen, öffentlich, wohltätig oder verheerend, und der Herr Oberlehrer Kahl (um ja nicht ‚Kollege‘ zu sagen) sollte zuhören, dann knöpf’ ich ihm 25 Mark ab, jawohl, wie der Jadlowker in Berlin.“
„Aber gestern, gestern,“ drängte Fräulein Doktor und sah nach der Uhr, „wo steckt denn nun das Verbrechen der zweiten Klasse?“
„Haben Sie ’ne Ahnung!“ Hansohm sah sie komisch verweisend an. „Das ist doch eben meine Schmach und die dieser verdorbenen Kinder! Aus den Müllerliedern hat der Kahl ‚Liebeslieder‘ gemacht. Na, freilich sind’s Liebeslieder, es sind dank dem Göttersohn Schubert +die+ Liebeslieder schlechthin. -- Also des Pudels Kern ist: die zweite Klasse hat um Liebeslieder gebeten, und der Schurke Hansohm hat sie ihnen verzapft.“
Fräulein Doktor warf sprachlos beide Arme in die Luft.
„Gerade als Kahl am Singsaal vorbeiging, schmetterte ich: ‚Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben‘, meinte aber nicht Kahl...“
„Mein herzliches Beileid,“ brummte Fräulein Doktor. „Na und nun weiter? Was soll aus dem Quark werden?“
„’ne Konferenz. Ausgerechnet ’ne Konferenz.“
„Ich finde das auch richtig,“ fiel eine salbungsvolle Stimme ein. Die beiden drehten sich hastig um.
Professor Traute saß ganz zusammengedrückt hinter einem großen Schreibtisch mit hohem Aufsatz.
„Ach so!“ Fräulein Doktor lachte schneidend. „Na, da wissen wir ja Ihr Glaubensbekenntnis schon vor der Konferenz.“
Lehrer Hansohm sah ganz unglücklich drein.
„Mir ist es ja nur so schaudervoll, höchst schaudervoll, daß dem neuen Direktor gleich so ein Elektrizitätswerk über uns angeknipst wird,“ seufzte er. „Ich hätte dem Manne zu gern die Illusion gelassen, nicht die Spitze einer Schöppenstädter Kleinkinderbewahranstalt zu sein.“
Die Schulglocke klingelte.
Professor Traute schob sich eilends auf den Vorsaal. Hier prallte er unsanft mit Direktor Sörensen zusammen, welcher rasch etwas aus dem Lehrerzimmer holen wollte. Traute entschuldigte sich wortreich unter tiefen Verbeugungen und trat dann zu Oberlehrer Kahl, dem er zuraunte: „Dieser Hansohm ist ein Fuchs und ein Schwätzer dazu, werde Ihnen auf dem Nachhauseweg erzählen, Kollege... Und der neue Direktor -- hm -- -- merkwürdig, hä hä -- wenn mich nicht alles täuscht, hat der am Lehrerzimmer gehorcht vorhin, -- -- als ich die Tür aufriß, stießen wir förmlich aufeinander...“
„Ist die Möglichkeit! Ei ei -- sieh, sieh...“
Die beiden Biedermänner gingen in ihre Klassen.
* * * * *
Der Singsaal im neuen Lyzeum von Birkholz war ein prächtiger Raum.
Wenn man darinnen saß und seine Augen wandern ließ, dann dachte man wohl, der Baumeister müsse zugleich ein rechter Jünger der heiligen Cäcilie gewesen sein.
Und man dachte recht.
Baurat Steinbrück stammte aus Thüringen und war in dem architektonisch reichen Städtchen Birkholz „hängengeblieben“. Er spielte alle bekannten Instrumente und noch ein paar darüber, er sang im Chor der Martinskirche und in der Birkholzer Singakademie und hätte es gern gesehen, wenn die Magistratssitzungen, denen er als Stadtverordneter beiwohnte, im Opernstil getagt hätten. Seinem unablässigen Werben und Wirken verdankte Birkholz den akkustisch vollendeten Raum, in dem die Kinderstimmen der Stadt von dem feinsinnigen Musiker Hansohm geschult wurden.
Ein guter Stern leuchtete über dem Singsaal.
Denn während alle anderen Räume des Lyzeums kahl und schulmäßig dreinschauten, bekam der Singsaal bei der Einweihung drei Paten, die segnend die Hände über ihn hielten.
Der eine war der Inhaber des großen „Spezerei- und Gemischtwarenladens Dingelmann und Sohn“, der, wie er von sich selbst sagte: „Längst zum größten Delikateßgeschäft und zur bekanntesten Wurstfabrik gediehen“, doch noch aus Pietät die wunderliche Geschäftsbezeichnung über seiner Tür beibehielt. Der zweite war der „Kammerherr“, wie man kurzweg den alten Sonderling Freiherrn von Heidekamp auf Heidekamp-Birkholz nannte, und der dritte Pate war eine Patin, ein altes Fräulein Tingleff, das seit vierzig Jahren im zweiten Stockwerk des Hauses Dingelmann und Sohn wohnte. Seit vierzig Jahren, man sagte, seit dem Tage, da sie dem alten, damals sehr jungen und sehr blonden Dingelmann ihre begehrte Hand verweigerte, zankte sie sich mit ihrem Wirt und konnte sich doch nicht von ihm fortfinden.
Und seit vierzig Jahren überboten sich die beiden „Feinde“ im Wohltun für die Stadt Birkholz.
Da nun das wunderliche Fräulein Tingleff fand, der neue Lyzeumsingsaal sei viel zu hell und werde all die sonnigen Kinderaugen in Grund und Boden verderben mit seinem kalten Licht, so „stiftete“ sie ein buntes Fenster, das die heilige Cäcilie darstellte.
Der Chef der Firma Dingelmann und Sohn konnte darüber auch nicht eine einzige Nacht schlafen, sondern ging stracks zu Herrn Lehrer Hansohm, um ihn um Rat zu fragen. Und so stand schon nach vierzehn Tagen ein von Dingelmann gestifteter Bechsteinflügel im Saal. Und nach weiteren vierzehn Tagen begann man mit der Aufstellung einer wunderschönen Estay-Orgel, die Freiherr von Heidekamp für den Singsaal notwendig hielt. Und Lehrer Hansohm war darüber so glückselig, daß ihm die Augen naß wurden.
Die scharfen Blicke des Orgelstifters, welcher der Aufstellung beiwohnte, entdeckten die verleugneten und rasch beseitigten Tränen.
Sie gefielen ihm inmitten der öden Trockenheit, mit der die große Schule bisher geleitet wurde.
Und der Mann gefiel ihm auch.
Das sagte er ihm freilich echt heidekampisch:
„Lieber Herr Schulmeister, Lehrer müssen sein, weil sie der Herrgott als eine der sieben Landplagen auf der Erde vergessen hat. Mir kommt keiner über die Schwelle, aber Sie...“
Und nach einer längeren, für Hansohm halb peinlichen, halb interessanten Pause hatte der Kammerherr ihn ohne weiteres am Rockknopf zu sich herangezogen.
„Meine Enkelin, die Sörine, der lüttje Katheiker, hat mir viel, viel Liebes von Ihnen erzählt, Herr Schulmeister, ich -- ich danke Ihnen.“
„Aber, Herr Baron, ich weiß nicht...“
„Sie brauchen auch gar nichts zu wissen, -- setzen Sie sich lieber hin, und spielen Sie mir ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott‘, den Choral der Choräle. Ich muß doch etwas von meiner Stiftung haben.“
Und Klaus Hansohm hatte die Register der neuen Orgel gezogen, und alle Heimchen am Herde des neuen Lyzeums waren aufgewacht und lauschten, und die heilige Cäcilie im Buntfenster lächelte.
Und auf den Schwingen des mächtigen Liedes fanden sich ein wunderlicher Alter aus dem Uradel des Landes und ein junger Stürmer aus dem Volke zu einer seltsamen, guten Freundschaft zusammen. --
Das war vor Wochen gewesen.
Heute war der neue Singsaal, die heilige Cäcilie und der Bechsteinflügel schon eine alte Sache, und man sah sich nicht mehr danach um.
Die Kränze und Girlanden waren verwelkt und abgenommen, und die weißen Festkleider mit den schwarz-weiß-roten und blau-weiß-roten Schärpen hingen längst wieder in den Schränken. Aber etwas seltsam Feierliches und Festliches war dem Singsaal doch verblieben.
Darüber hatte noch niemand gesprochen, aber die jungen Seelchen spürten es, und es steckte sicherlich in den Pfeifen der Orgel und den Saiten des Flügels und in dem Lächeln der heiligen Cäcilie.
„Nun wollen wir recht schön die Tonleitern singen,“ sagte Lehrer Hansohm zur zweiten Klasse, „und wenn die so recht perlend fließen, dann...“
„Schubertlieder! Schubertlieder!“ zwitscherte es flüsternd durch die Reihen, und Sörine Heidekamp machte sich zum Mund der ganzen Klasse, hob den Finger und sagte laut und selbstverständlich: „Dann singen Sie uns wieder Schubert.“
Hansohm wehrte entsetzt ab. „Aber, meine Damen, wo denken Sie hin,“ rief er pathetisch.
Dann wurde er mit einem Male ganz ernst: „Wir wollen den schönen Tag der Schubertlieder in lieber Erinnerung behalten, aber ihr müßt nicht wieder quälen.“
Die Kinder sahen sich ängstlich und verstohlen an und schauten arg verstört auf den Lehrer, der ihnen heute unverständlich schien.
Sörine Heidekamp, die am wenigsten vermochte, mit unverstandenen Geschehnissen heimzugehen, stand wieder auf und fragte eindringlich: „War es etwas Unrechtes?“
„Nein, Sörine, dann hätte ich es ja nicht getan.“
„Großvaterli sagt, Sie hätten uns etwas außerordentlich Wertvolles gegeben, und wir dürften es nie vergessen.“
Dem jungen Lehrer stieg etwas in der Kehle hoch und er brauchte ein paar Augenblicke, um die Stimme zu meistern. Dann aber rief er fröhlich: „Ja, mein liebes Kind, wenn wir lauter Großvaterlis auf der Welt hätten.“ Da wär’ es leicht, Singlehrer am Lyzeum zu Birkholz zu sein. Den letzten Satz +dachte+ er aber nur. Und nun sangen sie eine halbe Stunde Tonleitern und übten dann an einem kunstvollen Singspiel, die Maienkönigin genannt. Sörine Heidekamp sollte Maienkönigin sein, und es war niemand unter den vielen Mädels, das ihr die große schöne Rolle neidete.
Eine so wunderschöne Singstunde wurde es, daß man sogar das Läuten der Schulglocke überhörte.
Da steckte auf einmal der neue Herr Direktor ~Dr.~ Sörensen den Kopf zur Tür herein und rief ganz lustig: „Feierabend, Herr Kollege.“
Und er trat ein und gab jedem Mädchen die Hand und ließ sich den Namen nennen. Und er betrachtete Sörine Heidekamp, die ihm als schwarzes Schäflein genannt worden war, sehr eindringlich mit seinen scharfen, grauen Augen, und sie gab ihm den Blick sehr eindringlich und forschend zurück. Zum Schlusse mußten sie ihm noch ein dreistimmiges Lied vorsingen, ein Heidelied wünschte er sich und lauschte mit gefalteten Händen:
Über der braunen Heidefläche Brütet der Sonne brennendes Licht, Daß sie mein müdes Auge nicht steche, Duck’ ich mich unter Wacholder dicht.
Und er breitet um mich seine Zweige Zärtlich raunend im Heidewind, Daß es mir ist, als ob sich neige Meine Mutter über ihr Kind.
Man fühlte, so hatte man dieses Lied noch nie gesungen, und man war stolz, wie sich der Herr Direktor darüber freute.
Bis der Schuldiener Harks gelaufen kam.
Der war ein Original und fürchtete sich weder vorm Teufel, noch vor der hohen Obrigkeit.
Trocken meldete er: „Es ist halb eins und gegen die Schulordnung.“
Da lachte der Direktor herzlich und klopfte dem alten, grimmigen Harks auf die Schulter, und der machte mit eins ein ganz frohes Gesicht.
Denn es war etwas Neues, was er da hörte. Weil in all den Jahren, die er in Birkholz wirkte, nicht gelacht worden war im Lyzeum. Deshalb lag ja auch der Schulstaub so massig und schier unbeweglich und lastete auf dem Gebäude wie ein Sargdeckel. --
„Gehen wir noch ein Stückchen zusammen, Kollege?“ fragte Direktor Sörensen, „ich nehme immer gern ein paar Atemzüge frischer Luft, ehe ich mich zum Mittagsmahl setze. Und da Sie Junggeselle sind, kommt es Ihnen wohl nicht so auf die Verspätung an.“
Hansohm verbeugte sich. „Bin eigentlich nur ein halber Junggeselle, Herr Direktor, denn ich habe meine Schwester bei mir. Die schwingt das Szepter der Pünktlichkeit und erzieht ihren Bruder.“
Eine Wolke flog über sein offenes Gesicht. „Aber heute bin ich ausnahmsweise auf das Gasthaus angewiesen. Meine Schwester ist oft leidend. In solchen Fällen erlaube ich es nicht, daß sie am Herd steht.“
„Ei, so werden wir jetzt einen kurzen Heidespaziergang machen und dann essen Sie bei mir. Habe ich auch weder Mutter noch Schwester zu Hause, so ist doch Frau Dietz die Perle einer Wirtschafterin.“
Klaus Hansohm schlug ein in die dargebotene Hand.
Rasch schritten die beiden Herren aus.
Die ganze Herbheit des Vorfrühlings lag über der Heide. Licht und klar war der Himmel, und der April schien seine Launen zu verleugnen. Über eine alte Steinbrücke wanderten sie, darunter die klare Luhe rieselte. Kraftstrotzende Baumäste breiteten sich darüber.
„Nun fangen die Weiden zu blühen an,“ sang Hansohm und warf seinen Hut in die Luft wie ein Schuljunge. Er vergaß offenbar ganz, neben wem er ging, und Erne Sörensen war nicht willens, zu kopfschütteln und den Vorgesetzten herauszubeißen. Diese frische Jugend da neben ihm durfte außerhalb der Schule urwüchsig sein. --
„Sie müssen mich ein wenig orientieren,“ bat Sörensen. „Wie heißt das Gewese dort rechts, wie nennt sich weit am Horizont das Dorf mit dem ragenden Kirchturm? Und der Hügel dort links -- ist’s ein Hünengrab oder steht ein verfallener Wartturm darauf?“
„Beides, Herr Direktor. Die Topographie ist rasch erledigt. Alles, was Sie sehen, möcht’ ich fast sagen, ist Heidekampisch. Bis auf den Himmel, der immer noch dem lieben Gott gehört.“
„So, so, von Heidekamp-Birkholz. Ich wundere mich baß, daß dieser reiche Grundherr sein Enkelkind in so demokratischer Umgebung erziehen läßt, wie unser Birkholzer Lyzeum ist.“
„Es wird alles wohlüberlegt von ihm sein,“ meinte Lehrer Hansohm. „Die kleine Sörine soll nicht weltfremd aufwachsen. Sie soll genau wissen, wieviel Divisoren es in der Welt gibt, auf daß sie diese Kenntnis bei ihrem Reichtum verwertet und nicht in den Tag hineinlebt. Und das tut sie auch nicht, weiß Gott. Ihre Augen gehen durch Mauer und Holz.“
„Man sollte meinen, Kollege, Sie sprächen von einer reifen Frau und nicht von einem Kinde, einem Backfischchen, einem unbotmäßigen Rädelsführer der arg berüchtigten zweiten Klasse.“
„Das ‚Kind‘ lasse ich gelten, ein reines, liebes Kind ist die Sörine,“ sagte Hansohm warm. „Alle anderen Bezeichnungen lehne ich ab. O Herr Direktor, wie freue ich mich, wenn Sie erst all das Neuland durch Ihre eigene Brille sehen werden! Jetzt ist es noch die aufgezwungene von Kahl und Genossen...“
„So scharf, Kollege? -- Aber ich freue mich, daß die geschmähte zweite Klasse ihren Ritter ohne Furcht und Tadel gefunden hat. Ein Idealist in der Schule oder besser im Lehrerzimmer wirkt gewöhnlich wie Sauerteig. Übrigens habe ich jetzt auf dem kurzen Wege durch die verschiedenen Begegnungen, sowie des öfteren in der Schule die Beobachtung gemacht: Sie sind ein rechter, echter Kinderfreund, Kollege?“
„Herr Direktor, ich bin +Lehrer+.“
„Und der Überzeugung, ich seh’s Ihnen an, diese Begriffe müßten sich immer decken? Wie ist das erfrischend für mich. Wie wertvoll der heutige Spaziergang.
Ich mache kein Hehl daraus, daß ich noch tastend und suchend in diesem Birkholz herumwandre, ich möchte weder durch rosenrote, noch durch geschwärzte Brillen schauen, ein möglichst wahrhaftiges Bild mit allen Licht- und Schattenseiten wäre mir das liebste.“
„Herr Direktor, die altertümliche Stadt ist entzückend. Und die Birkholzer Heide hat Gott in einer Feiertagsstunde geschaffen.“ Hansohm sah mit dürstenden Augen auf seine Heimat. „Auch die herzbraven Menschen, die unter der gleichfalls vorhandenen Minderwertigkeit doppelt hervorleuchten, werden sich rasch in Ihr Herz und Ihre Liebe hineinstehlen.“
„Und das Lyzeum, das Kollegium, die zweihundertfünfzig anvertrauten Kinder? Kollege Hansohm, helfen Sie mir, den Pessimisten Sörensen einzuschläfern...“
„Den Pessimisten? Bin ihm ja noch gar nicht begegnet ...“
„Doch, doch, er ist nicht ganz wach, -- aber Kahl und Genossen könnten ihn rütteln...“
„Ich fürchte sie nicht mehr. -- Herr Direktor, Sie sind sehr gütig mit mir gewesen, -- man hat mich all mein Lebtag nicht verwöhnt mit Güte, aber erst recht nicht den Seminaristen im Lyzeum von Birkholz. Und nun kommt mit Ihnen plötzlich etwas herein, das aussieht wie Morgenrot und Sonne... alle Fenster in den muffigen Schulstuben will ich aufsperren...“
Mit frohem Gesicht sah Sörensen auf seinen jungen Begleiter: „Warum haben Sie nicht geheiratet, Kollege? Oder ist die Frage unzart? Macht sie Ihnen Beschwer? Dann antworten Sie nicht.“
„Nein, nein, ich habe nichts zu verhehlen. Ich fürchte nur, ausgelacht zu werden, Herr Direktor... Ich, ich mache nämlich zu hohe Ansprüche an meine Zukünftige, deshalb fand ich noch nicht die Rechte.“
„Zu hohe Ansprüche?“ fragte Sörensen sinnend...
„Ja, Herr Direktor. Nicht auf Grund meines Einkommens von 1500 Mark, das bewahrt mich immer erfolgreich vor Größenwahn. -- Aber -- ich hatte kein gutes Elternhaus. Mein Vater war Volksschullehrer und hatte sich in unreifen Jünglingsjahren, sagen wir’s hart heraus -- verplempert. Die Mutter... ersparen Sie mir die Schilderung --. Sie trieb den Vater in Trunk und Schande. Nun, mich hat das alles erzogen. Auf dem Seminar stopfte ich mir Watte in die Ohren, um den Sirenen zu entgehen. Es war damals manch eine, die hinabziehen konnte...“
Hansohm hielt erschreckt inne, denn sein Direktor sah mit einem Male fahl und blaß aus. Dazu klang die Stimme seltsam und gepreßt: „Und doch konnten Sie sich die sonnigen Augen erhalten? Konnten so fromm und voll Liebe auf Ihre Heimat sehen? Wer lehrte Sie das, Kollege Hansohm?“
„Frau Musika, Herr Direktor. Sie ersetzt mir das Weib... Und,“ fügte er mit trocknem Humor hinzu, „Kinder gebar mir ja das Lyzeum, 250 Stück. --“
„Die Spottdrossel hat bei Ihnen ihr Nest dicht neben der Nachtigall,“ sagte Sörensen ernst, „-- aber ich höre das Duett gern. Kollege, -- Sie werden einem Einsamen manchmal eine Stunde schenken, wollen Sie?“
„Von Herzen gern!“ Aber Hansohms Auge streifte besorgt das tief verfinsterte Gesicht des Vorgesetzten.
Die Herren schritten durch das Steinere Tor ins Städtchen. Am Torpfeiler hatte eine Blumenfrau ihren Stand, und Direktor Sörensen wählte Weidenkätzchen und gelbe Osterblumen zu einem großen Strauß.
„Die bekommt Ihre Schwester. Sie zürnt mir sonst, daß ich den Bruder jetzt erst bringe und dann gleich wieder entführe.“
„O Herr Direktor!“ Ein rasches Erröten, das den jungen Lehrer gut kleidete, flog über sein Gesicht und stieg bis in das blonde Haar hinauf. --