Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 2

Chapter 23,758 wordsPublic domain

Ich entsinne mich aus jener Zeit, daß in Kopf und Herz nur die Fragen brannten: Was soll ich? Wohin? Wo ist Hilfe? Und keine Antwort fand.

Nicht am Tage und nicht des Nachts. Nicht in Kirche und Schule. Nicht daheim, noch in weiter Heide.

Mein Mutterchen war auf dem Posten.

Damals ist ihr Gebet gewesen: „Lieber Gott, der Erne, mein großer Jung, will uns entlaufen. Jawohl, dir und mir. Da heißt’s aufpassen. Und fein gesund mußt du mich bleiben lassen, das siehst du wohl ein, du lieber Herrgott. Denn der Erne hat jetzt nur mich.“ --

Vor des Pfarrers Studierstube stand ich und wollte irgendeine Dorfangelegenheit mit ihm besprechen. --

Es war garstiger Schneesturm, und jeder andere wäre daheim geblieben. Denn die Dorfangelegenheit war nicht wichtig. Aber mein ödes Zuhause und darinnen die junge, faule, zänkische Frau trieben mich häufig in die Weite der Heide oder auch in die Enge des Dörfleins.

Und noch auf der hallenden Estrichdiele des Pastorats gellten die Fragen meines arbeitenden Hirns: Warum? Wohin? Wo ist Hilfe?

Pastor Verden las laut sein Abendlied, und die schlichten Worte übertönten den Jammer meines Herzens:

Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann. --

Da lehnte der lange Goliath Erne Sörensen seinen Kopf an die Tür und weinte bitterlich.

Zum erstenmal seit der Kinderzeit und den kindischen Knabentränen. Ei, ei, ei!

Der heraustretende Pfarrer schüttelte bedächtig den Kopf, und meine beiden Hände hielt er fest in den seinen.

Und die Frau Pastorin mit dem gütigen Matronengesichtchen rief: „Du lieber Gott, der junge Herr Lehrer!“ Und raunte dann: „Ob ich Essen bringe? Ob er Hunger hat?“

Denn junge Lehrer und Hunger gehörten für sie zusammen. An diesem Abend fanden meine Hilferufe und wirren Fragen ihre Antwort. Ein großes Sorgenbündel ließ ich in dem altväterischen Ohrenstuhl der Studierstube zurück, und eine Freundschaft für Lebenszeit nahm ich mit mir. --

Ich begann jetzt erst mein „Haus einzurichten“. Es ist ein tiefer Unterschied, ob man sich sein „Nest baut“ oder sein „Haus einrichtet“.

Das erstere hatte ich verscherzt, als ich ein Mädchen ohne Liebe wählte.

Aber ich hatte viel ehrlichen Willen, dies Unrecht gutzumachen. In meinen Freistunden bastelte ich allerhand Zierrat für unsere Stuben zusammen, ich handhabte die Axt und ersparte den Zimmermann. Die Mutter bekam von der Pastorin Blumenzwiebeln und -samen. An unsern Fenstern blühten Geranien und fleißige Liesel. Der Pfarrer führte mich feierlich bei den Dorfältesten und der Gemeinde ein, und da er sehr angesehen war, wurde ich’s auch, weil er seine Hand über mich hielt. --

Und nichts schaffte ich an, ohne Lisette um Rat zu fragen. War ich des Hauses Haupt, so sollte sie das Herz sein. Meinen Jähzorn, das unselige Erbteil der Sörensen, bezwang ich und strebte danach, daß das Versöhnlichsein uns beiden zur lieben Gewohnheit würde.

Dem toten Hause wollt’ ich unsern Atem geben. --

Aber es war kein Segen dabei.

Lisette hatte für alles ein Lachen, an dem das meine langsam starb. Gern las ich abends den beiden Frauen vor, denn ich war stolz auf meine Bücherei. Diesen hochtönenden Namen gab ich meinen zwanzig Bänden, wobei ich Bibel und Gesangbuch noch mitrechnete. Mutter bekam helle und blanke Augen, wenn ich den Hungerpastor vorhatte, sie lachte wie ein frohes Kind über Fritz Reuter und konnte sich für Hans Krischan Andersen begeistern. Lisette aber gähnte und schlief ein, ohne sich doch durch Tagesarbeit den Schlaf verdient zu haben.

Wir ließen sie vor uns das Bett aufsuchen, und kam ich dann ins Schlafzimmer, fand ich sie in kleinen schmutzigen Heften lesend... Als ich die Sachen verbrannte, erntete ich Schimpf und lodernden Zorn.

Es kam eine Zeit, da ich die Hölle im Hause hatte.

Die Mutter wurde ganz kümmerlich und weinte des Abends an meinem Halse.

Sie hatte schlechte Tage unter Lisettens Herrschaft und tat doch allein alle Arbeit des Hauses.

Und wieder danke ich es Pastor Verden, daß ich meinen Zorn niederrang und mich nicht vergaß. Denn die Dorfgemeinde schaute aufmerksam auf das Beispiel des Lehrerhauses.

Lisette fühlte sich Mutter.

Diese Zeit mag wohl in anderen Ehen etwas Köstliches bedeuten. Zwei, die Eins sind in Hoffen, Lieben, Glauben, in Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Werdenden, im Stolz auf die Zukunft.

Herrgott! Und bei uns nichts, nichts, was Herz und Sinn hätte erheben können.

Hie und da brach eine jähe Zärtlichkeit bei Lisette hervor. So wild und ungestüm und zügellos, daß ich mich vor der Mutter schämte...

Einmal küßte sie mich mit derbem Lachen, als gerade zwei Bauern bei mir waren, um sich Rat für ihre Kinder zu holen.

Sie sahen scheel und ohne Verständnis auf die Lehrersfrau und entfernten sich eilends.

Der Rat blieb ungesprochen, aber das Seltsame und Häßliche meiner Ehe trugen die Leute ins Dorf.

Dann aber ward es Licht.

Gott schenkte mir zwei Knaben. Einen großen Goliath -- Erne und einen feinen, kleinen Jens.

Außer mir war ich vor Glück. --

Mir schien alles klein und gering, was ich früher erlebt, gegen das unfaßlich Herrliche der Gegenwart.

Ich war Vater. Vater von zwei Söhnen. Auch die Zukunft war wieder hell, denn ich hielt ja an jeder Hand einen Knaben und brauchte keinen Weg mehr einsam zu wandern.

Und meine Jugend jubelte laut ihr Glück hinaus, bis Mutterchen ängstlich mahnend rief: „Du groten Jung! Swieg still! Du büst jo ganz ut Rand un Band. Süh de beiden Lütten! Wo se di ankiken. As ob se dien Öllern wiern un nich du.“

Laut und fröhlich lachte ich und küßte beide Mütter. Die, die mich geboren, und die, welche mir meine Knaben schenkte.

Und in der Nacht träumte mir, der Erne sei Kultusminister und der Jens Volksschulmeister. Und es war ein köstlich Zusammenarbeiten der beiden Brüder, und die ganze Welt und alle Schulen waren voll Glück. --

* * * * *

Was nun ein schweres, grausames Geschick mir wuchtend auferlegte, das werde ich nur ganz kurz und sachlich buchen können. Einst schrieb ich es in das kleine Heft hinein, das nun verbrannt ist. Einst -- damals als ich jung war.

Damals wünscht ich mir „Flügel der Morgenröte“, um dem Herrgott zu entfliehen „und wanderte im finstersten Tal“...

Jetzt weiß ich, daß er mich nie verlassen, noch verloren hat.

Heute ist der Geburtstag meiner Knaben.

Das wären jetzt aufgeschossene schlanke Bürschchen, wie ich selbst es war mit vierzehn Jahren.

Sie würden mir bis an die Schulter reichen und zu mir sagen: Vater, wie sind deine Brauen und dein Bart so dunkel und deine Schläfen so weiß. --

Das kommt, weil ihr mich verlassen habt, meine Jungens...

Nun, so bekomme ich diese Seiten nie zu Ende...

Die Kinder gediehen und wuchsen wie die Bäumchen. Trotzdem Lisette ihnen die Mutterbrust verweigerte. Im Anfang war ich zornig, dann freute ich mich darüber. Ich bereitete fast jede Nahrung selbst für sie.

So wurden sie ganz mein Eigen. Von der Schule lief ich zu den Knaben und von ihnen zur Schule.

Und die allerbeste Kindsmagd hatten sie außerdem an der Großmutter. Die wurde noch einmal jung in der Kinderstube und besann sich auf Märchen, wie sie schöner nie ein Mund erzählt.

Und der große und der kleine Erne saßen mit dem feinen, zarten Jens zu Füßen der Scheherezade und lauschten...

Lisette aber war auch glücklich auf ihre Art. --

Sie entlief oft tagelang dem „langweiligen“ Manne, den „langweiligen“ Kindern, der „furchtbaren Öde“ der großen Heide.

Sie vergnügte sich in der nahen Stadt, fand Freundinnen und Versucher...

Ich wachte erst aus meiner Vater- und Kinderseligkeit auf, als Pastor Verden mich gewaltig rüttelte. Er nannte die Dinge, wie das Dorf sie besprach...

Bis ins Herz erschrak ich.

Und zwang mit eisernem Willen die junge, pflichtvergessene Mutter in mein Haus.

Es wurde zur Hölle für uns alle.

Nur eine hielt dieser Hölle stand. Sie war die verkörperte Liebe. Sie betreute das Haus, die Kinder, mich selbst, ja auch um die mürrische, zänkische Schwiegertochter warb sie täglich aufs neue. Nimmermüde war das Mutterchen. Ich selbst lief allein oder später mit meinen Buben in die Heide.

Lieben und verstehen lehrte ich sie die unendliche Weite und Stille. Die rote Blütenpracht im Sommer wurde ihnen zum Himmelsteppich, und alle Blumen der Welt reichten nicht heran an Holler und Ginster.

Mit drei Jahren sprachen die Knaben ein reines gutes Hochdeutsch, und mit dem „Grodeli“, wie sie die Großmutter nannten, „snakten sie Platt“.

Meine Buben waren mir alles und ersetzten mir alles, woran sonst ein junger Mensch sein Herz und seine Sinne heftet. Ich lachte, tollte, lernte und spielte mit ihnen, und wenn sie mir ihre Händchen hinhielten und ernsthaft meine Koseworte wiederholten: „Ja, Erne, wir sind zusammengeßmiedet“, dann dünkte ich mich der Königssohn im Märchen. --

Nun rasch weiter und zu Ende.

Es war Schützenfest in der Kreisstadt.

Lisette war in fieberhafter Aufregung. Sie erzählte sogar den beiden Kindern von all den verlockenden Schaubuden, von Karussels und Löwen und drolligen Affen.

Die aufgeweckten Bübchen horchten erstaunt und erfreut, die Mutter war so selten freundlich mit ihnen.

„Laß mich doch mit den beiden hin!“ drängte Lisette. „Die Kinder werden ja hier ganz überspönig, sie müssen einmal unter andere Kinder. Ein großer Umzug mit brennenden Laternen soll da sein, -- ich hab’s der Frau Diedrichsen so gut wie versprochen.“ --

Lehrer Diedrichsen war mir ein unlieber Kollege, seine Frau als Freundin für Lisette durchaus ungeeignet. Ich schüttelte den Kopf, ein zorniger Blick traf mich.

„Grad als ob mir die Kinder nicht +auch+ gehörten,“ schrie sie mich an. Da fingen Erne und Jens an zu weinen, und ich trug sie hinüber zur Großmutter, damit ihre jungen Augen nicht das entstellte Gesicht der Mutter sehen sollten und das furchtbarste Schauspiel für Kinder: Uneinigkeit der Eltern. Dann ging ich zurück zu Lisette und versuchte noch einmal mit Freundlichkeit und Ruhe ihr meine und ihre Stellung klarzulegen.

Daß ein Lehrer würdigere Freuden kennen müsse als den Jahrmarkt in der fremden Stadt, und daß es einfach unsere Verhältnisse nicht erlaubten, das Geld so unnütz hinzuwerfen. Und die Kinder, die jungen zarten Knaben im Gewühle eines solchen Umzuges!

Sie tobte, aber ich blieb ruhig und fest.

Andern Tags hatten beide Bübchen starkes Fieber. Es war ein kalter, häßlicher November.

Ich mußte mit dem Pfarrer und dem neuen Kreisschulinspektor über Land und trennte mich schwer von den Kindern. Aber Lisette schien selbst in Sorge um die beiden, das konnte ich wohl sehen. Sie gab sich auch Mühe, freundlich mit mir zu sein, es war wie Reue in ihr und mir war’s der Schimmer einer lichteren Zukunft...

So ließ ich meine Frau am Bett der Kleinen und Mutter schlummernd im Lehnstuhl, was nicht oft vorkam. Aber sie kämpfte schon lange gegen eine böse Erkältung.

Spät abends kam ich heim.

Ich ging zuerst in Mutters Stube, um nicht mit der ganzen Nässe und Kälte der Novembernacht an die Bettchen der Kinder zu treten.

Mutter schrak aus Fieberschlaf empor.

„Die gute Lisette,“ lallte sie. „Warm eingepackt hat sie mich. Nicht rühren sollt ich und konnt ich mich. Und gut zugeredet hat sie mir. Daß ich sollt endlich einmal liegen bleiben und an mich denken. Den Bübchen geht’s besser. Schlafen alle zwei in die Gesundheit hinein. Und die Lisette hat sich auch hingelegt.“

Ich kühlte der Mutter die brennende Stirn und dann ging ich ins Schlafstübchen.

Herrgott! Herrgott!

Die Betten waren leer.

In der Kreisstadt fand ich nachts um drei Uhr meine Kinder wieder im Hause des Lehrers Diedrichsen.

Der kleine Jens kannte mich schon nicht mehr. Am andern Tag zwang ihn die Bräune nieder. Die Fahrt über Land in schneidendem Novemberwind...

Mein Erne wehrte sich länger. Er erzählte mir noch mit heiserer Stimme von den Löwen und Äffchen, von dem rasenden Karussel, wo man so übel drauf werde, von den brennend roten Stocklaternen. Diese ängstigten ihn furchtbar und verfolgten ihn. --

Den ganzen nächsten Tag erzählte er mir noch...

Dann reichte er mir das kleine heiße Händchen: Wir beide sind zusammengeßmiedet......

* * * * *

Das war vor zehn Jahren. Ich habe Lisette nicht wiedergesehen. Was ich verdiene, schicke ich ihr bis auf wenige Abzüge. --

Die Mutter blieb vorerst bei mir. Gott ewig Lob und Dank. Ihr rastloser Fleiß, ihre Liebe, ihre nimmermüde Fürsorge und ihr Vertrauen zu mir haben mir geholfen. Sie zeigten mir den Weg zur ernsten Arbeit. So konnte ich ein Jahr nach dem Heimgang meiner Knaben die Reifeprüfung am Gymnasium ablegen.

In Kiel studierte ich, war dann in Lüneburg Kandidat und Oberlehrer.

Da war Mutterchens Mission zu Ende.

So meinte sie. Und sie packte ihre Sachen und zog wieder in unser Heidedörfchen. Dort sitzt sie in ihrem alten Hause, darinnen sie mich geboren, und wo unser guter Vater starb. In ihrem feinen Herzenstakt glaubte sie, die ehemalige Waschfrau könnte meiner Laufbahn im Wege sein. Und all mein beredtes Werben um sie und ihr Bleiben konnten ihren Entschluß nicht erschüttern.

Der schwerwiegendste und letzte Beweggrund: „Mutter, ich brauche dich und deine Gegenwart wie das liebe Brot“, habe ich nicht ausgesprochen. Zu viel Opfer hatte mir schon die liebe Unersetzliche gebracht. Ich sah, wie ihr Herz und ihre Hände nach der engen Heimat, nach der alten, schwer entbehrten Arbeit verlangten. Eine tüchtige, alte Magd trat an ihre Stelle. Mein Körper war immer gut versorgt, die Herzspeise fand ich in Mutters kärglichen Briefen. Ich selbst schreibe zu ihr jeden Sonntag. Komme mir beinahe wie ein Pfarrer vor, der seine Sonntagspredigt und Sonntagsstimmung vorbereitend genießt.

Von Lisette erwähnen wir beide nichts.

Ich weiß, daß Mutter meine Not begriff...

Aber sie wurzelt auch wieder mit allen Fasern in den göttlichen Geboten. Der alte Lutherkatechismus vom Großvater her lag immer auf ihrem Bettischchen. Ich sah einmal, daß sie das vierte und das sechste Gebot mit leuchtend rotem Stift angestrichen hatte. --

Daß ich ihr den Schmerz meiner unglücklichen, häßlichen Ehe zugefügt habe, wird mich immer brennen...

Von Lüneburg aus konnte ich oft die beiden kleinen Heidegräber aufsuchen, die Frau Pastor Verden mir betreut.

Schlaft wohl, Erne und Jens Sörensen! --

* * * * *

Auf dem Schulhof vom Birkholzer Lyzeum wirbelt und tost es, lacht es und schreit.

Fräulein Nissen hat die Aufsicht.

Sörensen, der an seinem Schreibtisch im Direktorzimmer sitzt, sieht gar nicht erst nach dem Stundenplan. Er weiß es sofort, als der ohrbetäubende Lärm auf dem Schulhof losbricht, und sagt es geruhig vor sich hin: „Natürlich die Nissen.“

Dann erst tritt er ans Fenster und schaut kopfschüttelnd hinunter auf das Gewühl.

Wie eine Henne, die Enten ausgebrütet, flattert die Lehrerin zwischen den Mägdlein umher, und wo sich eine ruhige Gruppe bildet, wird sie aufgescheucht. Dabei scheint denn einige Disziplin in die Brüche zu gehen.

Prachtvoll jung ist sie, die Bande da unten. Eben meint Sörensen, die Siebenjährigen stießen diese hellen Juchzer aus, es sind aber die Backfische aus der zweiten Klasse.

Telse Lüders kräht wie ein junger Hahn.

Fauchend steht Fräulein Nissen vor ihr, das Sündenregister scheint endlos zu sein.

„Ei, so laß sie doch krähen!“ denkt Sörensen unpädagogisch.

Denn der Schulhof ist ja eigentlich kein Hühnerhof. Aber der Direktor weiß, daß Telse Lüders das einzige junge Kind alter Eltern ist, der die Schule viel Freude und Jugendübermut ersetzen muß.

Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt...

Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen.

Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit. Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes, rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft. Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an.

Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehrerbietig. Direktor Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines, schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen arg zerschunden hat. --

Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen.

Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig anzusehen.

„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös. Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr. --

„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, -- „diese Sörine Heidekamp ist noch mein Tod.“

Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. -- Nein, Kollega, dies Getue allerneuesten Datums um Sörine +von+ Heidekamp, -- vergessen Sie ja nicht dieses schmückende Beiwort, -- also dies Getue läßt mich kalt. Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“

Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“

„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“

Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen. --

Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat und die Plätze eingenommen sind, verkündet sie die neuen Tadel im Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an.

„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her und die Kinder krümmen sich vor Lachen.

Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der ersten Strophe:

„In schwarzer Nacht, auf roter Heid Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid. So gelb der Mond, so grau das Land, Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“

„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein, hinterher die ganze Klasse und dann -- melde ich euch dem Herrn Direktor.“

Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen!

Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers aus der neunten Klasse und ihr Vater ein strenger Mann. Man munkelt, daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden.

„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und schmerzlich.

„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch.

Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“

Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen Heidekamp nachzudenken.

Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn jemand am Ersticken ist.

Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit Friedrichs des Großen...“

Da läutet die Schulglocke.

Und mit einem Radau ohnegleichen geht die zweite Klasse von der geistigen Entwicklung zur leiblichen, zur Frühstückssemmel, über.

Fräulein Nissen rast ins Lehrerzimmer.

Hier ist vorläufig nur die wortkarge, mit trockenem Humor begabte Oberlehrerin Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen anwesend. Sie schlürft eine Tasse Kakao und mustert über den Rand ihrer Tasse hinweg die Auf- und Abrennende.

„Was fehlt Ihnen, Nissen?“ fragt sie.

Fräulein Nissen haßt Verschiedenes auf dieser Welt, darunter auch die Eigentümlichkeit der Kollegin, sie mit dem Nachnamen anzureden.

Aber sie weiß, daß es nichts nützt, wider den Stachel zu löcken, und so entschließt sie sich zur raschen Antwort: „Die zweite Klasse ist noch mein Tod.“

„Das begreife ich nicht, Nissen. Ich würde der Bande gar nicht den Gefallen tun, mich durch sie töten zu lassen. Aber abgesehen davon, -- Nissen, können Sie wohl ruhig bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß mir diese verlästerte Zweite die liebste von allen Klassen ist?“

Nein, bei so einer hirnverbrannten Rede konnte Fräulein Nissen nicht ruhig bleiben. Sie schlug eine nervöse Lache auf und verdoppelte ihre Renngeschwindigkeit.

„Ehe Sie sich aber auf den Schragen ärgern, Nissen, lassen Sie sich von mir die Rockborte annähen, es macht sich würdiger im Sarg.“

„Fräulein Stavenhagen -- -- --!“

Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden eingefädelt, hob die Nadel wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das Ganze haaalt!“ zu.

Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein schattenhaftes Lächeln ab.

„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen mageren Stelzchen, -- „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘, sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für +Sie+ eingespannt.“

„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen.