Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 18

Chapter 183,000 wordsPublic domain

Nein, -- nichts soll mich weich machen. --

Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das des einsamen Mannes Erne Sörensen. -- --

* * * * *

Ganz still war es im Studierzimmer.

Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.

Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben, hatte der Leiter der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch +Licht+.

Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....

„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“

Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle geschmunzelt....

Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig, ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und der wunderlichen Haube einlassen sollte.

Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....

Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen, und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging gleich hinein.

Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....

„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.

„Ich bin es!“

Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder sinken. --

In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu sagen -- -- wer ist da?“

„Ich bin’s, -- Sörine Heidekamp.“

Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf.

„Was soll das“, sagte er hart.

Seine Hand tastete nach einem Halt.

Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen, Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, -- meine Verantwortung ist ja so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“

Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte sich an seine Seite. --

„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“

„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus.

„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja -- -- in meinem heißen, kindischen Zorn vor vier Jahren....“

„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“

„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s denn sonst gut machen? Es waren so einsame vier Jahre für mich....“

Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich.

„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“

„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz nichts sagen.....“

„Die Mutter? -- Welche Mutter?“

„Die Mutter Gesine aus Einingen, -- ich hab sie geholt ....“

„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“

„Weil -- weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf.

„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, -- nicht wahr, Sörine? Sie waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein Mitleid von Ihnen annehmen. --“

„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen. Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“

Da lächelte er schattenhaft.

Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindisches Vergehn so schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“

Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“

Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines Herzens.

„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so einsam. -- Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen.... Beinahe gestorben bin ich +vor Heimweh nach Ihnen+. Und Sie müssen mir verzeihen, -- müssen -- müssen -- ich gehe nicht fort....“

Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen... Herrgott, wie quälen Sie mich....“

Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die Mutter ist dran Schuld, -- die +liebe+ Mutter....“ Ihre Worte überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, -- -- daß -- ich so einsam geworden bin, -- und daß ich Sie am liebsten habe von allen Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....

Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist alles nicht wahr....“

Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, -- „Kind, Kind, geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja nicht nehmen. Du bist so jung -- -- sieh doch mein graues Haar. Und sieh doch wie häßlich ich bin, -- voll Narben -- halbblind.....“

Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine, „meine liebe Heimat!“

Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid eines anderen aufbauen?“

Sörine sah ihn ernst an.

„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, -- wenn es wirklich eins war. Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....

„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist in allem andern mir so fern. Du bist reich, -- verwöhnt, -- ich hab dir nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von Heidekamp gegenüber der +Herr+ sein wollen. Hat das wohl auch dein Großvaterli bedacht?“

Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehn -- dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“

Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor, sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt, die seine Heimat ist. --

Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen.

* * * * *

„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Aber +mich+ haben sie, scheint’s, vergessen...“

Und sie klinkte leise die Tür auf, hinter der das Glück wohnte. --

Ein Weniges erschrocken war sie über ihres Erne verändertes Aussehen, denn man hatte ihr das Ärgste verschwiegen von dem furchtbaren Brande da draußen. Aber er tröstete und beruhigte das kleine, weinende Mutterchen. „In acht Tagen darf ich die Brille abnehmen, -- denk, Mutter, dann bin ich gesund....“

„Und dann können Sie mich auch sehen“, sagte Sörine ernsthaft.

Er lachte sein altes, schönes, sonores Lachen. „Sörine, du hast mich einst feierlichst gebeten, dich ‚Sie‘ zu nennen, aber nun muß ich dich ebenso feierlich bitten, ‚Du‘ zu sagen, kleine, närrische Deern.“

Da küßte sie seine Hand, die er ihr erschrocken entzog. „Ich will alles tun, was du willst, Erne Sörensen.“ Und hinterher kam ihr frohes Kinderlachen, um das er sie einst beneidet. Das sollte nun sein einsames Haus durchwärmen und durchleuchten, es war schier nicht auszudenken. „Ich habe ja ein halbes Jahr Schule nachzuholen“, rief sie glücklich. „Das sagte ich auch dem Großvaterli, als er mich in einer frohen Stunde neckte, und immer rief: Sörine! Ausgerechnet ein +Schulmeister+! Dann meinte er: So muß ich wohl schon wegen Schulgeldersparnis zufrieden sein. -- Ach Erne, wenn Ihr erst ganz zusammen seid, Großvaterli und du! Er sagte, du wärst ein Dickkopf, und würdest mich gar nicht wollen....“

So plauderte der junge Mund und Sörensen dachte, daß diese Stunden alles auslöschten, was er Herbes durchlebt.

Und die Mutter sah auf die junge, feine Tochter und nahm ihre Hand und streichelte sie scheu. Gottes Segen über dich, kleines Mädchen, du willst meinen Sohn gesund machen an Leib und Seel. --

* * * * *

Mutter Gesine und Sörine fuhren nach Heidekamp.

Nur für eine Nacht. Morgen wollte die Mutter die Pflege des Sohnes übernehmen.

Sörine hielt fest einen großen Brief auf ihrem Schoß.

Der barg in kurzen, markigen Zügen das Bild von Erne Sörensens harter Vergangenheit. Und er enthielt die ehrerbietige Bitte des gereiften Mannes an den alten Herrn von Heidekamp, ihm sein Kleinod Sörine zum Weib zu geben, das er, Erne Sörensen, hüten und hegen wolle, so wahr ihm Gott helfe. --

Und oben im alten Patrizierhause saß Sörensen am Fenster, und wenn er auch die Sonne nicht sah, die in wonnevoller Schönheit hinter den Föhren unterging, so leuchteten dafür drei Glückssonnen in seinem ehrlichen Herzen: Sohnesliebe, Mannesliebe und Heimatliebe.

Und er streckte seine in heißem Dank gefalteten Hände der braunen Heide draußen entgegen.

+Ende.+

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Das Lyzeum in Birkholz.

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Berlin · Deutsches Verlagshaus Bong & Co. · Leipzig

Romane von

Felicitas Rose

Jeder Band in Ganzleinen gebunden 6.50 M., die mit * bezeichneten Bände auch in Halbleder je 10 M.

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