Part 17
Aber dein Empfinden war so zart und fein. -- Du wolltest nicht an Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige Mutter. -- Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte in Arbeit und Pflicht. -- Dein Mund war herb geschlossen, als wolle er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten. Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto unwirscher wurdest du. -- Kenne ich dich gut, Mutterherz?
Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich den weiland Heidekönig nannte.
So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du lehntest den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes Brust.
Weißt du noch, Mutter?
Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise zu dir -- und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine Hände -- -- -- -- „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb. Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn Enkelin.
Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut, daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig und groß ist sie, daß sie nur ein +Mutterherz+ mit dem Sohne tragen kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eine +Mutter+ sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber beten und weinen kann. -- Da sahst du mich an, und wolltest sprechen. Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten -- fragten....
Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich. Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen helfen, Mutter...“ --
Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.
Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr Direktor?“ fragte er. Und machte es umgekehrt wie die gebildeten Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von mir ging, hatte er mich hochgeehrt.
Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir ‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen, Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen. Aber“, -- und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an, „nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut. Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd ich fünsch. +Eine+ Dummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn die machen die meisten jungen Lehrer, -- er wird zu früh geheiratet haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine +Frau+. Was da sonst drum und dran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie oft ich +dich+ hab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein Frauenzimmer.“ --
Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte ich seine Rechte ganz herzhaft.
„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind, Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war meine Frau.“
„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“
„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, -- ehe sie starb.“ --
„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung, solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie solange beehrt habe. --“
Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen, goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte meiner Großmutter Gesine gehört, und ich schenkte sie Lisette an unserm Hochzeitstage. -- Dachte auch an die Kleinstadt und ihre Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.
Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.
* * * * *
Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.
* * * * *
Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag, Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben wir nie miteinander.
Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt, aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. --
Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. --
Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete sie in Heidekamp weiter.
Da sah ich sie auf der Straße.
Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.
Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes, erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.
Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß hören.
Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel von Mensch und Tier, nur nicht der meine....
* * * * *
Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!
Rufe mich immer +zuerst+ an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an dir vorüber.
* * * * *
Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt.... Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz von selbst hat sie mich darum gebeten.
Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!
Aber das hat noch lange Wege. --
* * * * *
Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.
Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde. Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden, die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der Spruch prangte:
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.
Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet hatte, dann mußte man sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein, gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun gebrannt heimkommen.
In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war +nur+ „korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen. Und während die ~prima omnium~ Grete Vahl in wohlgesetzten Worten den in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre Händchen zusammen, tat unentwegt einen kleinen Luftsprung und rief: „Ach ja bitte! Ach ja bitte!“
Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. --
Und er sagte „+ja+“.
Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. --
Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.
So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.
Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen, vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate, die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.
Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der Heidekamper Wagen.
Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.
In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte Annahme. -- Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. -- Man fuhr dem Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen den Brauen kannte, erhellt gewesen...
Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.
Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!
Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise. Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....
* * * * *
Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war, nahm man die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.
Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es vorgeschlagen. --
Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten. Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer mehr Kinder und Eltern drängten herein.
„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die Luft wird uns hier knapp.“
Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“
Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Aufforderung aus, man zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil des Raumes.
„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“
Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions gelöscht hätten....
Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“
Niemand vergaß es je, der es gehört.
„Feuer! Feuer!“
Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm nach und half, die Flammen zu ersticken. --
Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brandwunden davongekommen. Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen sitzen und kühlte die wehen Hände.
Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden, verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.
Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.
Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.
Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.
Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.
„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende Diele.
Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und verbrannten Fingern.
Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.
Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.
Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum. --
Prasselnd brannte die Waldkate nieder.
Weithin leuchtete der rote Feuerschein.
Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.
Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm. Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.
Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann genesen könnte, und sein Freund würde.
Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen vor. Vorsichtig bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden durch die dämmernde Heide. --
* * * * *
+Mein alter Foliant, grüß dich Gott!+
Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!
Zwar mit dem Wieder+sehen+, da hat es so seinen Vorbehalt und Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. -- Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.
Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......
Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.
Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als hundert Kinder um Hilfe schrien.
Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. --
Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir auferlegte, weiß ich Ihm Dank. --
Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz +eingebrannt+.
In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.
Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter Heide gebettet hatte.
Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne bedeuteten.
Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.
Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen Binde, die meine versehrten Augen barg.
Mütter hörte ich schluchzen, -- sie weinten wohl über mich. Aber ich lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder. --
Gestern haben mich die Ärzte entlassen.
Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab. Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“
Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.
Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen. --
Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.
Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend Jungvolk um sich habe“.....
Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. --
Vier Hände legten sich in die meinen.
Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen die Namen an mein Ohr.
„Seid +ihr’s+, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden. Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“
Dann haben wir lange beieinander gesessen.
Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“
Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.
Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit, Doktorsche, ich hatte gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“
Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...
Schade. --
Aber daß sie beide zu mir kamen, -- der Klaus und die Kollegin aus bitterschwerer Zeit, -- das vergesse ich ihnen nicht. --
Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange Lebewohl sagen.....
Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu jung.
Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung.... Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige Mund mir demütig Abbitte tut. --