Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 16

Chapter 163,760 wordsPublic domain

„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit aufgebaut ist?“

„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für ein schönes, festes Fundament.“

Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell! Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein einmauern lassen. --“

* * * * *

Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um 8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine Heidekamp und Agnes Asmus fehlten.

Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten rasche erschöpfende Antworten, -- mit freundlichen Augen schaute der Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.

Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein schob sich unter vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen, wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte, und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.

Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer, daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.

„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, -- nicht zu finden. Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank, -- er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“

„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit Heidekamp verbinden.

„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.

„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig den Hörer an. „Herr von Heidekamp meint, sie sei krank. Aber die Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. -- Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf mich, Klaus Hansohm.“

„Verzeihung, -- es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das Klassenzimmer. --

Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine Glieder versagten den Dienst.

„Meine Tochter!“ stöhnte er: „+Meine+ Tochter läuft vor Tau und Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo sie ist.....“

„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“

„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich widersetzte -- -- sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben, Michaelis zu ihr zu ziehen, -- da hat es wohl allerlei gegeben.....“

„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem Gott jetzt ins Gericht ging.

„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme brach ihm.

„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon erkundigt.“

Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „+Nicht+ in Heidekamp???“

Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor. --

An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“.

Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr Herr lief wie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war. --

Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. --

„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. -- Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr plötzlich -- -- --.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.

Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit. Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand! Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“

Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.

„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, -- wie der kategorische Imperativ in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes. Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine Heimat hat.‘“

Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen. Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung. Da fielen +Sie+ mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. -- „Sie werden mich nicht im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.

Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und -- der Not gehorchend seine Tochter nach Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht über Agnes bringen.

Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.

Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten, daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.

Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz, Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘. Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, -- und +alle+ vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ -- Und er setzte sehr herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit einbegriffen. --“

„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz schlackenfrei der Urgrund ist, da +kann+ ja nichts zum Bösen gereichen.“

Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch bei sich, dieser Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem Nachdenken“ diktieren ließe.

An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme, daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.

Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus und standen vor dem alten Heidekamper.

Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben, und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie -- die lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine, -- wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, -- sie hat mich gar nicht erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht aufgepaßt hast! --“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer, und nach einer Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.

„Kann ich -- die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme. Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung.....“

Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde alles erledigen.“

Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, -- vielleicht gehorcht sie +Ihnen+, läßt sich fortbringen von der Leiche... Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“

Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein eintreten. --

In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur, und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht.

Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner jungen Schülerin?

„Sörine!“ rief er erschüttert.

Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich. Weil Sie es mir +versprochen+ hatten. Nun ist es zu spät.... Und nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. -- Gehen Sie aus meinem Stübchen fort.....“

Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf.

Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.

„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart.

Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. --

* * * * *

Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft. Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich weidwund.....

Einen Traum begrub er, -- von einem Schemen nahm er Abschied... Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.

Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte, wie herb es schmerzt, wenn Jugend zur Jugend strebt -- -- über ein reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar davongeflogen war...

Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die verräterischen Spuren.

Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint. -- --

* * * * *

Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?

Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um deiner im untersten Fache habhaft zu werden?

Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ -- Da wurde der Schrank aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du, mein alter Foliant. „Dann knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.

Was schrieb ich vor vier Jahren +zuletzt+ in dich hinein?

Laß sehen:

„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du gute Mutter!“

Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.

Aber du mußt dich ohne den „+fröhlichen+“ Anfang begnügen. Ich bin ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.

Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle zu ihrem „Vater“, -- diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest geworden.

Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden, mißtrauischer....

Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein einsames, strenges Leben eher stutzig macht, als zum guten Glauben bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens zeigt man es mir nicht.

So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden wollte. -- Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an +mir+ hängen, aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen angeschmiedet bin. --

Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.

Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.

Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe schloß.

Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach. Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder singen zu können. --

Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet hatte. --

Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland zeigen in all seiner Pracht. -- Jetzt weilt sie allein auf einer Studienreise in der Schweiz -- ~Dr.~ Hofer und ich haben sie ihr verschafft. --

Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei mir gesessen, und das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen schloß.

Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein böses, unreifes Kind weh tat....

Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen, damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb, genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.

Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.

Freilich bin auch ich in Netze gefallen, -- in die des alten Fräulein Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende „Geheimnis der alten Mamsell“.

Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein treuer Rat und sein gutes Gesicht.

Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter Christ, aber schlechter Musikant. -- Klaus Hansohm, ich vermisse dich sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. --

Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren Schlages vertreten. -- Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat sie mit übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am eifrigsten. -- Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen seines bösen Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen wird er das Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz, den er aufwühlte auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er planlos hinterher warf. -- Wie sagte mir ~Dr.~ Hofer? „Die guten Gedanken Ihrer Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das ist ein rechtes Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein +Lehrerfreund.+ -- Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an. Kinder- und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber +Lehrerfreunde+? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, und als die Erntezeit kam, lag er brach....

* * * * *

Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.

Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten. -- Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte Blumen auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah, wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten! Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig tröstend.

Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod getrieben....

Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht gehalten....

* * * * *

Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar nicht, daß sie die Gebende war.

Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen und Trinken vergaß.

„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder selig.“

Das mußt ich oft von ihr hören.

Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“

Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der Treusten.

In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.

Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut, denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut, kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.

Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne, mein Jung, willst du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“

Das wolltest du sagen, Mutter.