Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 15

Chapter 153,712 wordsPublic domain

„Ich denke an +nichts+ anderes“, rief sie erregt. „Aber alle lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“

„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast könnt ich drüber erschrecken.

„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen, und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“

„Sörine...“

„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja direkt wütend über meinen Vorschlag....“

„Sörine! Kindskopf!“

Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische Sachen, sondern .....“

„Sondern?“

„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“, vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“

Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine Stimme nicht in der Gewalt.

„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.

„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.

„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“

„Natürlich!“

„Darf ich ihn wissen?“

„Ja. -- Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er gesagt.“

„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute Freundin von ihm schieden....“

„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“

„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit nachkommen. -- Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig +zu+ sörinenhaft. Ist denn etwas Besonderes geschehen, daß Sie wirklich Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“

„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte.... Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“

Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“

„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse mich nun auch fest darauf. -- Die Agnes freilich, die hat schon jede Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“

An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße Gestalt und sah mir nach.

Und wandte sich blitzschnell und floh davon.

+Um Mitternacht.+

Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.

Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, -- ich will ihn meinem Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, -- vielleicht ist er wichtiger Art.“ --

Ob er wichtig ist?

Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu. Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen Namen trägt. -- Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz geschaut, mein Erne, -- ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus 7, Vers I. -- Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies, daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch, weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und die Hände falten mit Dank. -- Und haben wir uns noch auf eine Weise ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der Erne, -- so kreuzbrav. -- Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum Lachen....“

Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur, der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs Lachen gut ist.

Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.

Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch, daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.

Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine Sörensen.

Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....

Deiner würdig will ich’s leben. --

Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein Gottes.“

Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du gute Mutter...

* * * * *

„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten! Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man von ihm weiß.“

„Genügt aber, wenn das Wenige +gut+ ist“, entgegnete der Kollege.

„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm.

Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von nichts zu wissen -- -- und heute schon fort.....

Vermutlich ein Telegramm???“

„Vermutlich.“

Traute sah, es war aus Rasmussen nichts heraus zu holen. Ärgerlich ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile: „Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur, daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz abgedampft sei, ordentlich +gelaufen+ sei er, um noch den Frühzug 5^{54} zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, -- na, Sie wissen ja Bescheid.

Unsauber, -- im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, es +muß+ ihm nächstens den Hals brechen....“

„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören. --

Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab.

Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er an dem Direktor vorbeischritt.

Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des Grußes gar nicht bemerkt.

Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit ihren Frauen, und es war wirklich befremdlich, wie langsam jede Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite schauten...

Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß war mir Ihr Gesicht, obgleich -- -- -- ich eben aus meiner Heimat +komme+“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“

„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm.

Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der Heimkehr gebacken hatte. --

„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“

„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt zur Antwort.

„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil Sie mir prophezeien wollen....“

Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm.

Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer.

„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf. „Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, -- es verdirbt mir beinahe ein wenig den Tag...“

„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden forschend.

„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage. --

„Ja. -- Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“

Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber.

Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas. Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr Vertrauen?“

„Das haben Sie, Herr Direktor.“

„Also? -- -- Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“

„Ja, Herr Direktor.“

Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage:

„Hängt es -- -- mit meiner Reise zusammen?“

„Ja.“

Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen kann ich mich nicht schützen.“ Er sah dem jungen Kollegen in das verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor gehen? Sagen sie ihr, -- ich -- ich hätte vor wenig Tagen meine Frau begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“

Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu ihm. „Ich -- danke Ihnen Herr Direktor.“

Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein treues Frauenherz aufgenommen.

Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein. Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“

Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe ehren.“ -- -- --

* * * * *

Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand allsonntäglich eine Viertelstunde vor dem Fenster, um ihrem Herrn Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die Ecke.“

Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten.

Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte Luft taten wohl. -- Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin durchsetzt war.

„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg, und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen.

„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das muß ich versuchen...“

Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue zusammenzustellen. „Es darf nur von +einem+ gebraucht werden, sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytet und mit Sorge gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der Melancholeya.‘“

Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick ernsthaft zurück.

Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus, wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte: ‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir gar nicht.‘“

„Die Kräuter sollen ja auch nur die +Deerns+ schön machen“, scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte.

„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde, da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten.

Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend.

„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen aufleben, -- -- Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“

„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in Birkholz festen Fuß fassen werde?“

„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt, aber ich habe immer dagegen gestritten.“

„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie, Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“

„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein.

„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der Schule ernstlich gefährden.“

Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an. „Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“

„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend, „so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter arbeiten.... +Ich+ habe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die Eltern meiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir erst ein Anonymus verraten.“

„Anonymus+???+ Bekommen Sie +auch+ anonyme Briefe+???+“

„+Auch???+ Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche herum?“

„Ja.“

„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug, solche Dinge gebührend zu empfangen?“

„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit. Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde. Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine, gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht, einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“ --

„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen Birkholz.“

„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. -- Und schon als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. -- Aber Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerliche Erfüllung. Er gab mir Besseres, ließ mich meine Heimat +lieben+. Das war schon Glück. Dann kam das +Erkennen+ meiner Heimat, all der reichen Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“

Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen flammten. --

„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen.

„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben. +Sie+ sind mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz einen Lehrer von +Gottes Gnaden+!“ Denn nur durch die Kinder kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig, das Innerste bei ihnen herauszuholen.“

„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster.

„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“

„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“

„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einer Weile: „Kann dies Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“

Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leid +darf+ sterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen Muttererde der Heide zu begraben.“ --

„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen Claußen, -- Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Sie +wollen+, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“

Sörensen stutzte und blieb stehen.

„Ich soll.... Kollege Hansohm, -- Sie meinen -- ich soll Farbe bekennen? Soll mich gegen -- -- anonyme Beschuldigungen verteidigen?“

„Nicht ganz so schroff -- -- Herr Direktor -- o nun habe ich wohl alles verfahren -- -- wie leid mir das ist -- --“

„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zu sitzen und sich belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“

Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus.

„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“

Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas von Agnes Asmus gehört?“

Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen, Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus sprechen.“

„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr, sehr leid. Meine Reise und -- quälende Begleitumstände hinderten mich völlig. -- -- Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen und möglichst alles Versäumte nachholen.“

„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“

„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf. „Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen ein gegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen Augen der jungen Sörine.....“

„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich -- ich bin der Agnes Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb. Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen, sobald es die Schule verlassen hat?“

„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“

„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen? Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“

Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor.

„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus, wenigstens die Stiefmutter, -- es begrüßen werden, ihr Kind bald los zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. --“

Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er brüderlich herzlich.