Part 14
Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor, der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte, vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war, wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und -- das Pharisäertum geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken, ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ, da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen gemünzt war. --
Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.
Aber nicht allzuweit.
Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm sonst gegeben: besinnliche Stille.
Er befand sich in seltsamer Aufregung -- und Verlegenheit. Und die Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht, wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den „Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier Schneidermeister Bertels wohnte.
Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.
Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts anderes lesen als: Lisette Balian.
Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere Todfeinde gegenüber.
„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.
„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“
Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.
Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie du +mir+ wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht. Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und schüttelte die Fäuste.
„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht gerufen.“
„Aber wie kommst +du+ hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer Heilanstalt....“
„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich ordentlich pflegen und auskurieren....“
„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich habe eine zähe Natur.“
„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel gab ich dir reichlich....“
„Ja. -- Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld. Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“
„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“
„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“
„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.
„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“
„Woher wußte er deine Anschrift?“
„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war alle, und -- alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen. Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“
„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“
Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und biß sich auf die Lippen.
„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“
„Erkläre dich näher....“
„Nun, der Herr Kahl meint doch, -- es besteht irgend etwas Unsauberes zwischen uns beiden, mein lieber Erne. Meinst du denn, ich hätte ihm gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.
„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße Lisette Balian und -- -- -- na ja, er hatte sich eine ganze lustige Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.
Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte +er+ hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern +deine Frau+ wäre...“
„Lisette!!!“
„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze Geschichte verkreckt.“
Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich aus. Heute nachmittag komme ich wieder und -- bringe dich selbst in ein Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß du krank und allein in die Weite fährst....“
Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen brannten.
„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und wir zwei hätten doch dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh dich gar nicht.....“
„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann -- -- -- geliehen hat, -- packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus. Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging, zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte, bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei Kahls kündigen.....
Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.
Zorn und Scham brannten in seiner Seele. -- --
* * * * *
Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß erwartungsvoll und horchte nach der Tür.
Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der +liebe+ Herr Direktor“ hatte er gesagt.
Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten, wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine Antwort hatte ihm gefallen. -- Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....
Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben- bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien, um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger Neugierde zu verfolgen --
Großer Pädagoge Traute!
Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt, und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.
Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.
Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.
In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“, sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“
Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.
„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.
„Ach, -- Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“
„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.
„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen. „Sone ganze Stadt mit allen drin.“
„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“
„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden und strich liebkosend über die Blondköpfe.
„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige, und Hansohm bestätigte lachend.
Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden und fragten ihn um Unverstandenes.
Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der neunten Klasse ein guter, ja der beste Freund war, zu dem sie recht mit bewußtem Vertrauen aufsahen.
Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen Schule und Haus. -- Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.
„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur Mutti, wie sie +so+ weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ -- Der hat ihn dann auch aufgekriegt.“
„Na, der hat’s auch leicht mit -- die vielen Werkzeuge,“ bestätigte Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.
Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.
Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf, so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß, Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein, -- aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt Sodom und wurde -- zur ‚Salzgurke‘.“
* * * * *
Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. --
Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht, betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt, „ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn +alle+, -- wohlgemerkt den +Kinderfreund+, der ihnen entgegenkommt, nicht den, den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“
„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“, aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie gewesen....“
„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“
„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor Claßen.“
Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde.... +Sie+ natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl meckerte hämisch. --
Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden, -- grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine Herzensfreude bereiten könne.
So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun, sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.
* * * * *
+Sonntag abend.+
Die Heide blüht. --
In diesen drei Worten liegt ein Erleben.
Die Heide blüht.
Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?
Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen. Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....
Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden Haar an den Schläfen. --
Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen auftaucht und grinst. Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“
Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.
Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.
Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.
Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.
Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald von Unterlüß. --
Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde vom Umherlaufen in der Stadt.
Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.
Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.
Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.
So, -- als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen wäre....
Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf Minuten beisammen. Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide mir bot.
Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende, grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine rote Heide.....
Dann sprang ich auf und besann mich.....
Und wanderte, wanderte, -- bis ich mich in Heidekamp wiederfand.
Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten gleich wieder umkehren.
Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben. -- Man ließ mich auch nicht fort.
Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand Spiele unternahm.
Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie umher recht wie ein Sommerfalter.
Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen zu uns auf die Terrasse.
Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.
„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem Gürtelsträußchen....
„Oh -- nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, -- wie täppisch du immer bist!“
„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“
Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.
Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. --
Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es war wie ein herber Schmerz.....
Meine Schülerin. -- Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen nach Wunsch deines Vaters....
Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, -- löse sie fein langsam....
Denn lösen willst und wirst du sie wohl. -- Der alte Herr gab mir sein gutes Vertrauen.
„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte. „Neffe Kurt ist mir der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn er erst Herr hier ist.....“
„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....
„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, -- sie hat ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden soll...“
In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen, herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort, Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich langweilig.“
„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.
„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren Namen.“
Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen, rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.
„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. -- Als sie zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“
„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“
„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“
Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten Worten zu mir herüber.
„Und dann,“ -- Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, -- „Herr Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“
Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.
„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine, aber sie lächelte nur schattenhaft.
„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete, pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.
„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab, anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu beschäftigen...“
„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer etwas anzuvertrauen....?“
„Eine Bitte habe ich, -- -- eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig mit tiefem Ernst. „Es +muß+ etwas für Agnes geschehen...“
„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“