Part 13
Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste hat uns der Ehrenmann aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß mit der Kapelle verbindet.
Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.
„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen. „Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt, müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält, -- die weiß Bescheid.“
Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, -- ein rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.
Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung, und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.
„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht gesund werden“, sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“
„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren. -- Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. --“
„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, -- ach ich freue mich ja so schrecklich!“
Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an dem Herrenhause da draußen, -- dies große Freuen. --
Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.
Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald -- ick freu mi bannig.“
Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im ausgeprägtesten Sinne. +Mitleid+ scheint sie sogar ein wenig zu verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden, „diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte, immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.
Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.
Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das Mitleid für gar zu billig achtet. -- Mitfreude wächst nur auf dem Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen? -- Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem Unvermögen, hier Freude zu geben.
Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.
Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch Schulleiter.“ -- Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.
Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie, und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“
Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:
„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“
Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.
So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.
Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom Willen eines starken Einzelnen.
Aber damit hat sie nur bedingt recht.
Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl wieder und wieder an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. --
Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:
Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine alles das geben, was sie sich wünscht. -- -- -- -- --
Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet, die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in Empfang nehmen mußten.
Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten und salutierten mit den Peitschen. --
Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden. Gottlob, die Gefahr war vorüber. Wer so lachen konnte und so frei von der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter Jugendleiter nach Gottes Herzen. -- Der alte Friedrich kutschierte in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem Handpferd Isabelle mit. --
„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag allein zu lassen, so finde ich das roh.....“
„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, -- ich war eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“
„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches geleistet, -- er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der braucht jetzt wohl Ruhe.“
„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute, als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, -- ich brauche dich! Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“
Hansohm schloß die Haustür auf.
Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.
„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein Doktor, -- so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es noch glüht. Halloh, Lore, -- gut Freund!“
Er öffnete die Wohnstube.
Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine Hausschuhe standen bereit.
Alles atmete liebevolle Fürsorge.
Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.
Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.
Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der letzten Zeit......
„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“
Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.
Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände gelegt.
Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein schönes schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter: Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte Frau. --
Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.
Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.
Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann. Gott befohlen, Klaus Hansohm.“
Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn Direktor sprechen.
Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit schweren, müden Schritten zu ihm trat.
„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte Sörensen mit viel guter Liebe seine Arme um den jungen Kollegen, und dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.
„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, -- und Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei. --
* * * * *
Mein alter Foliant, -- auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.
Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem himmelhochjauchzend -- zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts zu ersetzen. -- Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen darf. --
Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders unsympathisch. +Wenn+ man aber denn durchaus als Obersekundaner diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht, besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. --
Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“ Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. -- Hätte sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen. -- Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den pp. Eltern und Vormündern. -- Aber Fräulein Nissen hatte nicht das geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.
Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. -- Eine weitere Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und „Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein „Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. -- Dann erst hat er Hanne Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt, was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.
Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand, nahm ich an mich und wurde deshalb von Konrad Dierks -- gestellt. Das Bürschchen kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben.“
Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“
Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und überreichte es ihm.
Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch, aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. -- „Also Ihr Gedicht wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin. „Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der ersten Klasse.“
Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:
„Brünstig brandet mein brausendes Blut Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“
Es war aber noch erklecklich länger. -- Glauben Sie, daß Telse Lüders reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.
„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit ihnen abgeschlossen.“
„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“
„17 Jahre.“
„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“
„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.
„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen, daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen gelernt, dünken +Sie+ mich eine großangelegte Natur zu sein.“
Ich verbeugte mich geziemend.
„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von +meinem+ Direktor behandelt worden,.... ich -- ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als ihn... zu fordern.“
„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“
„Jawohl, Herr Direktor. -- Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, -- meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, -- aber sie hat mich unerhört im Stich gelassen. -- Es bleibt mir keine Wahl. Wollen -- wollen Sie mein Kartellträger sein???“
Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden unbedarften Jungen mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, -- da lachte ich schließlich so erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.
Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann -- fing er an zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich -- freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“, daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....
Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu arbeiten.
Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. --
* * * * *
Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau Dietz geheimnisvoll beiseite.
„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der Unzufriedenheit.
„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.
„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“
„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.
„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer. Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen..... Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch geguckt .....“
Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“
Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.
Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise. „Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem Besuche weiß.....“
„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“
„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.
„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität, von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr Menschentum ....“
Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.
Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort: „Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren, daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger Mensch, -- ich -- ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes gelernt, als hübsch zu sein.
Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit vorbei......
Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“
„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“
Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende. Ich habe mir vieles gefallen lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu mir, -- ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus, Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, -- so viel Sauberkeit in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann -- gleichviel woher -- erfuhr, daß gerade im Vorleben +meines+ Mannes ein häßlicher Punkt sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben, habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen sei und -- mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun -- Herr Direktor, nun wohnt da draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person -- man sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles so niedrig, -- ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider Bertels.....“
Frau Kahl schluchzte schwer auf.
„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.
„Ja, und gestern -- -- gestern war sie sogar in unserer Wohnung.... Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein Dienstmädchen stand dabei und grinste....
Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu sein, -- er schalt mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“
Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe vorstellen“, bat er drängend. --
„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und -- -- Sie sollen der Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, -- Sie werden Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen, denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“
Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und -- -- alles so widerstandslos aufgeben?“
„Er haßt Birkholz -- und Sie!“ sagte Frau Kahl.
„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, -- aber Haß???“
„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den Aufrechten....“
„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte. „Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und beleidigt und doch immer dieselbe....“
„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er jetzt.
Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus, und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. --
Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ --
„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“
„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.
„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....
Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“
„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings nicht.“
„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte. Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“
Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer auf und nieder.
Der nächste Tag war ein Sonntag.