Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 12

Chapter 123,752 wordsPublic domain

Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus seiner Brust.

„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“

„Mein guter Name!“ ächzte Harks.

„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. -- sie tun mir leid.“

„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie -- glauben nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr Direktor...“

Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.

„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der Direktor, „ich habe nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“

„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“

„Ja, -- gehen Sie, Harks.“

„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr Direktor, -- ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“

Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr, Harks,“ sagte er einfach.

„Herr Direktor -- wenn Sie mal einen Menschen suchen, der -- für Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.

„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. --“

Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten Klasse zurück.

„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern. „Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“

„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch wohl...“

„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau. Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ --

* * * * *

An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn. Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. --

„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und harmlos. Und gleich darauf: „Aber, lieber Herr Harks, -- ich bitte Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht Ihr eigen Fleisch und Blut...“

„Herr Direktor,“ -- ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf, -- „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, -- -- in die Hand eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.

„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, -- ich höre zu.“

„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“

Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.

„Herr Direktor, -- der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“

„Harks, -- was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. --

„Ja, er will mich verderben und -- er kann mich verderben. Aber ich will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll nicht diese angstvollen Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen mein Richter sein, Herr Direktor.“

„Harks, braver, alter Harks...“

„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig, der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns, blühende, schöne Kinder, -- was das heißt, können nur Elternherzen recht verstehen -- dann kriegt ich den Typhus, -- Herr Direktor, ich will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. -- Die einzige Freude in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, -- wie ein Bäumchen, Herr Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe, -- das schöne, feine Mädchen, -- da muß ich mich immer abwenden. Grad so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge, ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob, und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“

Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an, Harks.“

„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte. Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst. Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch getan, und, -- es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich -- die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit einer Lüge in das neue Amt gegangen war. -- Aber wie wir hier so am Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten, eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie schon zweimal geschickt. Und der Apotheker fragte an, ob er sich an die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch an unser Warten und an unsere Angst denke. Und -- -- da lag nun -- --, Herr Direktor, da hatte ich, -- da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben, aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und -- ich will’s nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W. und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja längst das Geld von der Tante. --

Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann -- dann wurde auf einmal dem Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken sollen. -- Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein und baten und flehten....

Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....

Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte. Herr Direktor, -- wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700 Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam doch zu spät....

Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth -- die Lisbeth, Herr Direktor, die hatte ihr junges Herz dem -- -- geschenkt.“

Der alte Mann weinte schwer.

„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, -- aber doch auch wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, -- sie diente erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......

Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...

Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.

So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“

* * * * *

Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören.

Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil.

Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher werde.....“

„Herr Direktor, -- ach Herr Direktor!“.....

Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte das gestohlene Gut gelegt hat?......“

„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks. Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht -- wegen Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein verirrtes Kind aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. --“

+Sonntag abend.+

Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. --

Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.

Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher immer sagte, -- das war lähmend.

Und dabei stillhalten zu müssen.

Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. --

Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.

Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......

Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....

Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.

Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.

Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir allein zutiefst gehört.

Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt die Herzen auf. Wie gerecht und gütig urteilte er über Harks. Wie verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! --

Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. -- Meine drei Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken. Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?

Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.

* * * * *

Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.

„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....

Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen waren freudig bereit, uns zu begleiten.

Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer gebreitet sehen will. --

Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“

Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.

Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.

Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen, während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen sprach. -- Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.

Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“

„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm: „Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in Heidekamp essen.“

Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli hat recht, wie immer.“

Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.

Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.

„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da, sehen Sie, dort -- Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben biegt er um die Waldecke.“

Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen. Frau Försterin hatte Kuchen gebacken, als ob anstatt zwölf junger Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. --

Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.

„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“

„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“ sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich. „Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie weise hinzu.

„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“

„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“

Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur gut sind, sie treffen sich doch.“

„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei arme Schächer, wie Agnes und ich.“

„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus, Sörine Heidekamp.“

Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.

„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme. „Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und Bresthaften in unserm Dorf wollen auch mein Lachen. Wo soll ich’s immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe? Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr viel klagen.“

„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht sagen, du junges, liebliches Kind?“

Ganz still gingen wir nebeneinander her.

Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich auf uns herab.

Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit Großvaterli.“

Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler seid ihr beide, du und das Großvaterli. --

Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. --

Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!

Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.

Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns in der Ursprache vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!

Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein Stavenhagen Mütterlichkeit.

Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner Schwester einlud.

Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz, wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. --

Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.

Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse. Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf böswillige Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.

Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...

Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.

Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes, großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. -- Sie hatte ihr Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist köstlich.

Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er, kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...

Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.

Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen ~Pecunia~ abhängig. Sie möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will mir keinen Beruf eröffnen.“

„Was meint sie denn?“

„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.“ Telse wurde sehr niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.

„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.

„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“

Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie „Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.

„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen „Bohrwurm“ führt, -- „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit „selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür verantwortlich. Kapiert ihr das?“

„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“

„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.

„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine ehrlich, -- „aber -- Großvaterli sagt nichts, über das man nicht fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das ist so schön. Hab ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit, die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“

„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.

„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu: „Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“

„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.

Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk. „Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“, rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt: Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“

„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.