Part 11
Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.
Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.
Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer. Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen Zwischenräumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.
„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich. „Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“
„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an? Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“
„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“
„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so eilig?“
„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen will.“
Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.
„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen, Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“
Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame arg verstört und bekümmert dreinschaute.
„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“
„Was ist denn geschehen?“
„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen gesehen, unsern Sörensen, +meinen+ Sörensen, wie er eine Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“
„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen Schein blasser.
„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag Ihnen, Doktorsche, von +dem+ Manne schmerzt es mich, daß er nicht ist, was er scheint.“
„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser als all die andern. Für mich bleibt Sörensen -- Sörensen und wenn er hundert junge Weiber hofiert...“
„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren runzeligen Händen Doras Wange.
Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.
„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort. „Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert. Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen mich doch nicht so in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“
Dora Stavenhagen faßte sich.
„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde, gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“
„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus. Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene rundliche Fülle mit dem Finger.
„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele: Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“
„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“
„Fräulein Tingleff!!!“
„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei, deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her erinnere...“
„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“
„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte Fräulein Tingleff ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem Herrlichsten von allen?“
„Eigentlich nicht. -- Sörensen geht nur Wege, an denen seine unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“
Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der Einsame wird uns brauchen können. --“
„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an seinem Gesicht, daß er +niemand+ brauchte.“
„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“
„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist fürchterlich.“
„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu hören, und für das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr Gelegenheit dazu gibt.“
„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht. Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp auch mit her?“
„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“
„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins sein Lebtag vergebens erfleht hat. -- Mit aller innewohnenden Menschen- und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“
Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.
Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.
„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben? Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht zersplittern. So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht. Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom Dienstag, auf den ich mich freue.“
„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer. Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes Tänzchen anhebe.
„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie, wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm blasen...“
„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, -- ganz sicher -- -- es ist besser so. Aber Hansohms -- o, das ist herrlich! Hoffentlich ist Lore wohl genug.“
„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“
Die beiden berieten noch eifrig miteinander.
Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein waren, mit eins den kommenden fröhlichen Dienstag vergessen und dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.
+Sonntag abend.+
Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.
Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber für einen Direktor doch wohl berechtigt.
Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern. Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...
Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. --
So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung. Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.
Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm, alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme, die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken, aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen, aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.
Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich nicht genau zu sagen.
Aber es ist da.
Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles, Gesundes für mich. -- Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe körperlich.
Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und Vorurteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...
Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß ich dort war.
„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so Kleinigkeiten sind...“
Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. --
Aber auch ihm kann ich nicht helfen.
Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum „schwarzen Schaf“ befördert werden ...
Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.
Von ihm und dem Ehepaar Asmus, -- ob sie schweigen oder es vorziehen, zu schwatzen.
Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu niedrig gewählt?
An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, -- würde beichten, würde fragen... Mutter! Mutter...
* * * * *
Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.
Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit raschem Entschluß.
Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.
Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.
„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.
„Nichts Gutes.“
Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, -- das, was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“
Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in meiner dritten Klasse gestohlen.“
„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“
„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir den Dieb in Sicherheit einwiegten. --“
„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“
„Seit vierzehn Tagen.“
„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in schroffstem Gegensatze.“
„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.
Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“
„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte, frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“
„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“
„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“
„Was wird gestohlen?“
„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu gekaufte Hefte an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel verschwand...“
„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei solchen Vorkommnissen?“
„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich beizulegen...“
„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen das einzig Gegebene...“
„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete Durchstechereien.“
„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“
„Herr Direktor,“ -- Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, -- mein Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf -- ich spreche streng vertraulich -- auf den Schuldiener Harks.“
„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“
„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks gespielt hätten.“
„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“
„Hm.“
„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm. -- Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“
„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu gehen.“
„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“
„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...
„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose Anschuldigungen.“
Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“
„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn Harks nicht der ist, der er scheint?“
„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald Klarheit schaffen.“
Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des Harks?“ fragte er schroff.
„+Persönlicher+ Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, -- seit einiger Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da noch einmal vorstellig werden...“
„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“
„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich der ‚Onkel Harks‘ für sie...“
„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld seiner Schwestertochter.“
„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.
„Herr Oberlehrer, -- ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles sorgen.“
„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“
„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“
„Ziemlich, Herr Direktor.“
Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“ Aber da las er in den Augen des Kollegen so viel Befriedigung... und fühlte zugleich, daß er -- gehaßt wurde...
„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die Bertha Ehlen vernehmen ...“
„Guten Morgen, Herr Direktor.“
Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.
Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. --
Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat, wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan habe!“
„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine Freundin hast.“
„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“
„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im rechten, echten Angeberton.
Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja immer fortgegessen,“ schrie sie. --
Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der Wintermantel gestohlen?“
Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan und wenn ich es nicht getan habe?“
Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.
„Was willst du, Lise Steffens?“
„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen. Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“
„Setz dich.“
Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“
„Der Schuldiener?“
„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“
Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“
Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.
„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.
Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“
Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.
Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt, Muff und Gummischuhe lagen obenauf.
„Ich habe es aber nicht getan, und...“
Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und schob sie zur Türe hinaus.
„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst nicht wiederzukommen.“
Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt, sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“
„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“
Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor öffnete ihm.
„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch einzulassen.“
Es war alles rasch erledigt.