Das Lyzeum in Birkholz: Roman

Part 10

Chapter 103,718 wordsPublic domain

Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen Fleck.

„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt. Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr! Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: +Jetzt läßt er sein Nachtlicht leuchten!+“

„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen! Teure Freunde! Liebe Frau!“

„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm Sörensen mit dem Finger drohte.

Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das „tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium betonte, sowie das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.

„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins Ungemessene. --

Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt, die vorbildliche Einigkeit, das ist meine +Hoffnung+. Rechnen Sie immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“

„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.

„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich) uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte. Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die Stavenhagen an, -- es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“

Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.

Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute, ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.

Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in Augenschein zu nehmen.

Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke lehnten sich an die Bäume.

Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. --

Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn aufrichtete und mit Kreidestrichen in Felder teilte. Er rief einen Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und begann die Bahn zu säubern.

Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar herausfordernde Augen.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“

Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.

„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.

„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah die Frau lauernd an.

„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn. Nach einer Weile stand die Frau auf.

„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht zu, und sie diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte sie auf den Tisch.

Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie nachdenklich in der Hand.

Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die Frau auf Kahl zu.

„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.

„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.

Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“

Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.

„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege Kahl, können wir kegeln?“

Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam den Kopf.

„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt darin. Ich selbst habe eben einen Geist gesehen und wenn mich nicht alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“

Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.

Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.

„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“

Man bildete Parteien und kegelte.

Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune herunter.

Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.

„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“

„Herr Oberlehrer Kahl, +Sie+ werden mich immer unglücklich lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.

Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten Gemütern auf, -- ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er abwehrt. --“

Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien. Aber das fanden sie gerade entzückend.

Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste sie gutmütig durch die gespenstische Heide. --

„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht des so sehr Verehrten.

„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“

„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich ja erst abwarten müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern gleich herum, wenn Sie befehlen.“

„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“

„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht. Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“

Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick Sörensens dankte ihm.

Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe, ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.

„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“

„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“

Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen, wollte sie Agnes helfen.

„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie sanftmütig.

„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“

„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt, -- wie schaffe ich eine andere Freude?“

„Darf sie also kommen?“

„Ja.“

„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“

„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich nichts von Herzensgüte ...“

Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.

Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“

„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da könnte ich zuschließen und...“

„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch wirklich die Wurzel alles Übels war.

„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“

„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“

„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das Mittagessen vorher...“

„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich zu.“

Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.

Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.

Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute friedloser...“

„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene Schuld,“ grollte Hansohm.

„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine Legion und besitze nicht ein einziges.“

„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse Weiber in Essig legt‘ und dann...“

„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor. „Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“

Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht noch auf derselben Stelle stehen.

An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe kränkend kurz und knapp.

Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das schwer hinter ihm ins Schloß fiel. --

* * * * *

+Sonnabend nacht.+

Das Skelett meines Hauses grinst.

Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?

Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt, gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer, willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.

Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen, wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande warst.

Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt Einlaß.

Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. --

Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet. Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein Fältchen des Inneren verborgen bliebe. --

Ich will ihr nicht schreiben.

Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.

Lebten meine Knaben noch, -- vielleicht...

Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine Arbeitsjahre umsonst gewesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...

Guter Herrgott, hilf mir!

Ich bin ganz ruhig.

Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.

Ich will Lisette sprechen. --

* * * * *

In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus, tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“ am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren. -- Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.

Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. -- Und er und seine rührige Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche, Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über Nacht bleibenden Gästen. -- Hatte er doch der hübschen, kecken Frau Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.

Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.

War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung wohne.“

„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der Polizei Bescheid zu holen.“

So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus fallen. --

Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.

Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam in sein strenges Gesicht blickte. --

„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.

„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.

„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem, wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“

Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend. „Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen, Erne...“

Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.

„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen wollten, erzähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“

„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein, „und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“

„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen fürderhin nicht hältst, Lisette, -- so zwingst du mich...“

Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen zurück?“

„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg. Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“ lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht das nicht länger.“

„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt, es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“

„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen, er mußte über Land. Schon als ihr ankamt, habe ich euch beobachtet. Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, -- „die sah dich arg verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“

„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt, daß ich nicht frei bin...“

Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“ murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“

Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken... Werde bald gesund! Leb wohl! --“ Er reichte ihr die Hand und ging mit schweren Schritten.

Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.

Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein zartes Mädchen, weinte.

Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.

Sie tastete sich zum Sofa.

Und während sie sich dort von dem Krampf erholte, überdachte sie ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie höflich der Wirt zu ihr war.

Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.

Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh war, heute fortreisen zu können.

Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen hatte.

* * * * *