Das Lob der Narrheit

Part 7

Chapter 73,421 wordsPublic domain

Vielleicht würd ich am besten thun, wenn ich bey den Theologen stillschweigend vorüber gienge, und diese Seite ganz und gar nicht berührte. Diese Art von Menschen trägt den Kopf gewaltig hoch, und ist ungemein reizbar; ich laufe Gefahr, daß sie mit tausenderley Folgerungen auf mich losstürmen; und mir bleibt dann anders nichts übrig, als zu palinodisieren, wenn ich nicht für eine Erzketzerinn will ausgeschrien werden. Wenn sie jemanden auch nur ein wenig ungünstig sind, so sind sie gleich bereit, ihm mit einem Bannstrahle einen Schrecken einzujagen. Freylich sind sie unter allen Menschen die, welchen es am widerlichsten vorkömmt, mich für ihre Wohlthäterinn zu erkennen; und doch sind sie auch aus verschiedenen nicht unwichtigen Ursachen in meiner Schuld: die Eigenliebe, die sich in meinen Diensten befindet, versetzt sie wie in den dritten Himmel, wo sie alle übrigen Sterblichen, als so viele auf der Erden kriechende Thiere, von ihrer Höhe herab verachten, und beynahe bemitleiden. Mit einem ungeheuern Heer von magisterialischen Definitionen, Conclusionen, Corollarien, expliciten und impliciten Propositionen, sind sie rund umschanzt; so vielerley Ausflüchte stehen ihnen bereit, daß es auch einem Vulkan unmöglich seyn würde, sie zu verstricken; immer bahnt eine Distinction ihnen den Ausweg; auch ist dieses das beste Mittel jeden Knoten zu durchschneiden; schärfer und hurtiger, als jene Art, mit welcher der Richter in Teredos dem, der den Proceß verlohren hatte, den Kopf zu zerspalten pflegte; und zu diesem Ende haben sie sich mit neuausgedachten Wörtern reichlich versehen; Redensarten, die Schauer einjagen.

Verborgene Geheimnisse erklären sie nach ihrem Gutdünken: auf welche Weise die Welt erschaffen und eingerichtet worden; durch welche Canäle sich jene Sündenseuche in die Nachkommenschaft ergossen habe; wie, in welchem Maasse, in welchem Zeitpunkte, Christus in dem Leibe der Jungfrau vollendet worden; wie sich im Abendmahle Accidentien ohne Behausung beherbergt befinden. Doch dieses sind nur gemeine und ausgenützte Dinge. Es giebt andere, die verdienen von grossen und hocherleuchteten Theologen fein behandelt zu werden; wenn diese vorkommen, dann wacht man erst recht auf; zum Exempel: hat Gott einen Zeitpunkt nöthig, wenn er etwas hervorbringt? giebts in Christo verschiedene Sohnschaften? läßt sichs sagen, Gott der Vater haßt den Sohn? hätte Gott sich mit einem Weibe vereinen können, mit dem Satan, mit einem Esel, mit einer Pflanze, mit einem Steine? wie hätte in einem solchen Falle die Pflanze predigen, Wunder thun, ans Kreuz geheftet werden können? was würde Petrus eingesegnet haben, wenn er zu eben der Zeit eingesegnet hätte, in welcher Christi Leib am Kreuze hieng? hätte man alsdann Christum einen Menschen nennen können? wird es nach der Auferstehung erlaubt seyn, zu essen, und zu trinken? O diesen Herren liegt vieles daran, sich zum voraus und in Ewigkeit hinein vor Hunger und Durste zu bewahren! Solcher fein gesponner Possen giebt es eine unzählbare Menge.

Es fehlt ihnen an noch weit feinern nicht: von Zeitpunkten bey göttlichen Zeugungen; von Notionen, Relationen, Formalitäten, Quidditäten, Ecceidäten; Dingen, die selbst der Argonaute Lynceus, der durch eine Mauer hindurch sehen konnte, nie würde entdeckt haben; denn hier muß man durch die dickste Finsterniß hindurch das sehen, was nirgends ist. Hieher gehören auch ihre Moralsätze, die so seltsam sind, daß die paradoxesten Behauptungen der Stoiker, in Vergleichung mit denselben, eine gemeine und Alletagswaare scheinen würde; zum Exempel es sey ein kleineres Verbrechen, tausend Menschen todt schlagen, als auch nur einmal einem Armen am Sonntage den Schuh flicken; man solle ehender die ganze Welt mit aller ihrer Zubehörde zu Grunde gehen lassen, als nur die allerkleinste und nichtsbedeutendste Unwahrheit sagen.

Diese so feinen Feinigkeiten werden durch eine Menge von scholastischen Ränken noch mehr befeinert; so daß man sich ehender aus allen Labyrinthen heraus finden könnte, als aus dem Gewirre der Realisten, Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occanisten, Scotisten, wer möchte sie alle nennen? dieses sind nur die vornehmsten: Hier ist alles so voll von Gelehrtheit, von Schwürigkeit, daß ich wirklich glaube, die Apostel müßten mit einem ganz andern Geiste versehen seyn als dem, der sie ehedem belebte, wenn sie gezwungen wären, über diese Dinge mit diesem neuen Geschlechte von Theologen handgemein zu werden. Dem Paulus hat es an Glauben nicht gefehlt, wenn er aber sagt: »der Glaube sey eine Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht,« so hat er ihn nicht magistraliter definiert. Er erwieß sich auf eine vortrefliche Weise liebreich, aber bey seiner Beschreibung und Eintheilung der Liebe, in dem dreizehnten Capitel seines ersten Briefs an die Corinther, verräth er wenig Logik. Die Apostel bezeigten sich bey Einsegnung des Abendmahls andächtig und fromm; wenn man sie aber gefragt hätte, was sich bey dem Anfang und Fortgange des Erfolgs der Einsegnung ereigne; wie es mit der Transsubstantiation beschaffen sey; wie der nämliche Körper an verschiedenen Orten seyn könne; mit welchem Unterschiede der Leib Christi im Himmel, am Kreuze, im Abendmahle gewesen sey; in welchem Zeitpunkte die Transsubstantiation vorgehe, da die Einsegnung durch Sylben und Worte geschieht, die sich nur nach und nach aussprechen lassen: o so würden sie wohl nicht so scharfsinnig geantwortet haben, wie die Scotisten es heut zu Tage thun.

Die Apostel kannten die Mutter Jesu, aber welcher von ihnen hat es so philosophisch demonstriert, wie sie vor Adams Fehler bewahrt worden, als unsre Theologen es thun? Petrus empfieng die Schlüssel, und empfieng sie von dem, der sie keinem Unwürdigen anvertrauen würde: und doch weiß ich nicht, ob er es verstanden habe (gewiß äussert er nirgends eine solche Spitzfindigkeit) wie auch der, indem sich keine Erkenntniß befindet, den Schlüssel der Erkenntniß habe. Sie tauften allerorten, und lehrten doch nirgends, welches die förmliche, materielle, wirksame, und endzweckliche Ursache der Taufe sey; auch thun sie keine Meldung von einem auslöschlichen und unauslöschlichen Charakter. Sie beteten an, aber im Geiste, und befolgten blos die evangelische Anweisung. »Gott ist ein Geist, und die, so ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.« Es zeigt sich aber nicht, es sey ihnen damals geoffenbaret worden, man müsse das an der Wand mit einer Kohle gezeichnete Bildchen mit der nämlichen Anbetung wie Christum selbst anbeten, wenn er nur mit zween emporgestrebten Fingern gezeichnet sey, mit langem Haare, und mit Strahlen sowohl auf dem Wirbel, als auch an beiden Schläfen. Nein, niemand kann zu solchen Einsichten gelangen, der nicht sechs und dreißig Jahre lang die aristotelische und scotistische Physik und Metaphysik durchgeschwitzt hat.

Die Apostel schärfen die Lehre von der Gnade ein, nirgends aber zeigen sie den Unterschied zwischen der aus Gnade gegebenen Gnade, und der begnadigenden Gnade. Sie vermahnen zu guten Werken; unterscheiden aber nicht zwischen einem wirkenden Werke, und einem gewirkten. Sie schärfen oft die Liebe ein, unterscheiden aber nicht zwischen der eingeflößten, und der erlangten; auch zeigen sie nicht, ob diese Tugend etwas Zufälliges sey, oder etwas Wesentliches; etwas Erschaffenes, oder etwas Unerschaffenes. Sie verabscheuen die Sünde; ich will aber sterben, wenn sie es kunstmäßig hätten bestimmen können, was das sey, was wir Sünde nennen, insofern sie etwann nicht von dem Geiste der Scotisten dessen belehrt worden. Man wird mich nie dahin bringen können, daß ich glaube, Paulus (man mache von der Gelehrtheit desselben einen Schluß auf die übrigen) würde so oft wider spitzfindige Fragen, Zänkereyen, Wortkriege, geredet haben, wenn er mit allen jenen feinen Dingen bekannt gewesen wäre; insonderheit, wenn man das rohe und bäurische Gezänke seiner Zeiten mit den mehr als chrysippischen Feinheiten unsrer grossen Meister vergleichen will. Doch muß man auch ihre grosse Bescheidenheit zu rühmen nicht vergessen: wenn sie in den Schriften der Apostel etwas nachlässiges finden, das vor Meister und Gesellen nicht bestehen kann, so fahren sie nicht gleich mit der Verdammung zu, sondern legen es auf das beste aus; und dieses ist die Ehre, die sie theils dem Alterthume, theils dem apostolischen Namen erweisen. Und gewiß würde es nicht billig seyn, so grosse Dinge von ihnen zu fordern, über welche ihr Lehrer nie auch nur ein Wörtchen mit ihnen verlohren hat.

Wenn sie beym Chrysostomus, Basilius, Hieronymus, etwas dergleichen antreffen, so sprechen sie ohne Umschweif: dieses hat man nicht angenommen. Jene Alten haben die heidnischen Philosophen und die Juden widerlegt; Leute, denen es von Natur an Hartnäckigkeit nicht fehlte; sie thaten es aber mehr durch Leben und Wunder, als durch Syllogismen; und die Leute, die bekehrt wurden, waren ehrlich-einfältige Leute, die mit Anspannung alles ihres Witzes nicht im Stande gewesen wären, ein einziges Quodlibet des Scotus zu verstehen. Nun aber, wo ist ein Heid, ein Ketzer, welcher vor so feinen Subtilitäten nicht sogleich die Waffen strecken müßte? Es sey denn, daß er, der Tummkopf, es nicht fassen konnte; oder unverschämt genug wäre, es auszuzischen; oder sich mit ähnlichen Waffen und Fallstricken versehen hätte, so daß man im Treffen keinen Vortheil vor einander haben würde; wie wenn zween Zauberer einander beym Kopfe kriegen; oder wenn jeder ein Zauberschwerdt hat: da würde die Sache so wenig zu Ende kommen, als das Gewebe der klugen Frau Penelope.

Wenn die Christen (ich rede nach meiner Einsicht) weise wären, so würden sie anstatt jener Scharen von schwerfälligen Soldaten, derer man sich seit langem aber nicht mit dem besten Erfolge bedient, lärmende Scotisten, hartnäckige Occanisten, unüberwindliche Albertisten, mit dem ganzen Geschleppe der Sophisten, wider Türken und Saracenen senden; man würde (ich zweifle nicht daran) das allerlustigste Gefechte sehen, und einen noch nie gesehenen Sieg. Wo sollte sich eine so kalte Seele finden lassen, die nicht bey der Glut solcher Männer in Flammen gerathen müßte? der allerträgste würde dadurch zur Hurtigkeit angespannt werden; dem Scharfsichtigsten würde hier Staub in die Augen geworfen werden.

Mich deucht bald, ich scheine euch dieses alles nur im Scherze gesagt zu haben. Kein wunder! es giebt ja auch unter den Theologen, den gelehrtesten, solche, denen vor dergleichen elenden (das ist ihr Wort) theologischen Spitzfindigkeiten eckelt. Es giebt derer, die es als eine Gotteslästerung verabscheuen und es für die höchste Ruchlosigkeit halten, wenn man von so geheimen Dingen, die ehender anzubeten als zu erklären sind, mit einem so unausgespühlten Munde redet; sich darüber mit unheiligen von Heiden ausgesonnenen Grübeleyen erzankt; alles stolz erklärt; und die Majestät der göttlichen Theologie mit einem frostigen und unsaubern Wörtergemische beschmutzt.

Indessen sind sie aufs herrlichste mit sich selbst zufrieden, und klatschen sich Beyfall; mit diesen allerliebsten Kindereyen Tag und Nacht beschäftigt, finden sie die geringste Zeit nicht, nur einmal das Evangelium, oder die paulinischen Briefe, aufzuschlagen. Unter diesen Schulärmlichkeiten bereden sie sich, daß sie die ganze Kirche, die sonst einsinken müßte, mit ihren Syllogismenstützen gerade so aufrecht erhalten, wie der Himmel bey den Dichtern sich auf die Schultern des Atlas steuert. Wie glückselig dünken sie sich nicht auch dann zu seyn, wenn sie Schriftstellen, wie ein Stück Wachs, nach Willkühr bilden und ändern! Wenn diesen ihren Entscheidungen die Unterschrift einiger Scholastiker beygefügt ist, so sehen sie dieselben für ehrwürdiger an, als Solons Gesetze; sie ziehen sie den päbstlichen Decreten vor; sie, als Censoren der Welt, wollen jedermann einen Wiederruf abzwingen, der sich für etwas erkläret hat, das mit ihren mittelbaren und unmittelbaren Folgerungen nicht haarklein übereinstimmt; mit einer schnarrenden Orakelstimme sprachen sie: »dieser Satz ist ärgerlich; dieser vergreift sich an der Ehrbarkeit; dieser riecht nach Ketzerey; dieser klingt nicht gut.« Also lässet man weder die Tauf noch das Evangelium, weder Paulus noch Petrus, weder Hieronymus noch Augustinus, ja den so sehr aristotelesierenden Thomas selbst nicht für christlich gelten, wenn es den Herren Baccalauren nicht einleuchten will: denn ohne ihre Feinheiten läßt sich kein gesundes Urtheil fällen. In der That, wer würde es haben fühlen können, daß der kein Christ sey, der sagen würde; »die beiden Sätze: du, Nachttopf, stinkst, und, der Nachttopf stinkt; ferner, in Hafen südets, und, der Hafen südet, lassen sich beide sagen« wenn er nicht bey diesen Weisen zur Schule gegangen wäre. Wer würde die Kirche von solchen Irrthumsfinsternissen befreyt haben, die man nirgends auch nur einmal gelesen hätte, wenn diese Herren nicht so gut gewesen wären, sie mit angehängten grossen Insiglen an das Taglicht kommen zu lassen? Aber, sind sie nicht eben hiedurch für erzglückliche Geschöpfe zu erkennen?

Alles, was sich in den unterirdischen Gegenden zuträgt, beschreiben sie so mit den kleinsten Umständen, als ob sie in selbiger Republik viele Jahre zugebracht hätten. Nach Willkühr bauen sie einen neuen Himmel über den andern; und lassen es zuletzt an dem weiten und schönen Empyreum nicht fehlen, damit es den beglückten Seelen an Raume nicht gebreche, sich zu ergehen, ihre festlichen Mahlzeiten zu halten, oder den Ball zu schlagen.

Mit diesen und tausend dergleichen Schnakereyen haben sie den Kopf so vollgestopft, daß ich glaube, Jupiters mit der Pallas beschwängertes Gehirne sey nicht ausgespannter gewesen, da er die Art des Vulkans um Hülfe anrief. Kein Wunder also, daß sie in ihren öffentlichen Disputationen den Kopf mit so vielen Binden auf das sorgfältigste umschlungen haben; denn ohne dieses würde er augenblicklich zerplatzen. Auch dieses macht zuweilen selbst mich zu lachen. Erst alsdann dünken sie sich recht grosse Theologen zu seyn, wenn sie eine garstige rothwelsche Sprache plaudern, und alles so durch einander hudeln können, daß nur ein ganz zerrütteter Kopf darinnen Verstand finden kann; denn, für einen Scharfsinnigen wär es ja ein ewiger Schimpf, wenn der Pöbel ihn verstehen könnte! Die Würde des Theologen müßte sich zu tief erniedrigen, wenn er sich unter die Gesetze der Grammatiker zwingen liesse. Wunderbare Majestät dieser Männer! sie machen einen Anspruch auf das Vorrecht, fehlerhaft zu reden. Und doch findet sich auch mancher Schuflicker im Besitze desselben. Endlich dünken sie sich erhaben wie Götter zu seyn, wenn man sie mit einer ehrfurchtsvollen Mine, als Magister grüßt; ein Titel, in welchem sie etwas so Grosses zu stecken glauben, als in dem bey den Juden für unaussprechlich gehaltenen Namen von vier Buchstaben. Ein Todesverbrechen, sagen sie, würde man begehen, wenn man _MAGISTER NOSTER_ anderst als mit grossen Buchstaben schriebe; und auch dann, wenn man das letztere Wort dem erstern vorhersetzte, würd es um die ganze theologische Majestät erbärmlich stehen.

Bald eben so glücklich als diese sind jene, die sich Religiosen und Mönche zu nennen pflegen, und beydes falsch; ein grosser Theil von ihnen weiß von der Religion so viel als nichts; und Mönche, daß ist in der Einsamkeit Lebende, sind sie eben so wenig, weil wir uns in allen Strassen an sie stossen. O ja, die elendesten Tropfe würden sie seyn, wenn ich ihnen nicht auf vielerley Weise zu Hülfe käme. Diese Art von Menschen wird gemeiniglich so verabscheut, daß man es für ein böses Zeichen hält, wenn man von ungefehr einem dieser Unglücksvögel begegnet; ich aber mache, daß sie grosse Dinge von sich selbst denken. Sie halten es für den Gipfel der Frömmigkeit, wenn sie so ungelehrt sind, daß sie auch nicht einmal lesen können. Wenn sie ihre vorgezählten und nicht verstandenen Psalmen mit ihrer Eselsstimm in den Tempeln herauskrächzen, so glauben sie dem Häuflein der Frommen die Ohren mit einem Wollustsgefühle zu kitzeln. Einige von ihnen spiegeln aus Habsucht ihre schmutzige Betteley; vor den Thüren brüllen sie um Brod; Gasthäuser, Reisewagen, Schiffe, alles wird von ihnen angeranzt, wenn auch gleich den übrigen Bettlern noch so vieles dadurch abgestohlen wird. Also pflegen diese holden Geschöpfe durch ihr garstiges, tummes, bäurisches, unverschämtes Wesen, uns das Muster der Apostel vorzulügen.

Recht zum lachen ists, wie sie alles auf die vorgeschriebene Weise einrichten; kein Mathematiker könnt es genauer auszirkeln; das geringste Versehen würde Todsünde seyn: wie viele Knoten am Schue seyn müssen; von welcher Farbe der Gurt, von welchem Schnitte das Kleid, von welchem Stoffe, wie viele Strohhalme breit, der Gürtel; wie gestaltet, wie viele Scheffel haltend, die Kappe; wie viel Finger breit die Blasse; und wie viele Stunden der Schlaf dauern müsse. Wer sieht nicht, wie unschicklich bey einer so grossen Verschiedenheit des Leibes und auch des Gemüths, eine solche Gleichheit sey? Und doch sind es solche ärmliche Possen, um derentwillen sie nicht nur Andere weit unter sich herabsetzen, sondern auch einander selbst verachten; sie die auf den Besitz einer apostolischen Liebe prahlen, machen sich kein Bedenken, wegen einem anderst gegürteten Kleide, einer etwas bräunern Farbe, den blutigsten Unfug zu stiften.

Einige derselben sind so streng religios, daß sie das feine Hemd unter dem härenen Rocke ja nicht sehen lassen; andere hingegen tragen den Leinwand über der Wolle. Einige wollten viel lieber das giftigste Kraut in die Hände nehmen, als ein Stück Gelds berühren; und doch haben sie keinen Abscheu vor dem Weine, noch von dem Betasten eines Weibes. Es läßt sich nicht genug sagen, wie vielen Fleiß sie alle anwenden, sich in allem von einander zu unterscheiden. Es liegt ihnen nichts daran, Christo ungleich zu seyn, wenn sie nur auch unter einander ungleich sind. Strickträger nennen sie sich, Coleten, Minoriten, Minimen, Bullisten, Benedictiner, Bernhardiner, Brigittenser, Augustiner, Wilhelminer, Jacobiten; als ob es zu gering wäre, sich Christen zu nennen.

Viele von ihnen zählen so sehr auf Ceremonien und armselige Legenden, daß sie glauben, der Himmel für sich sey nicht im Stande, so verdienstvolle Leute zureichend zu belohnen; sie denken nicht daran, daß Christus auf alles dieses nicht achte, und von den Menschen nur die Beobachtung seines grossen Gebotes fordere, das sich auf die Liebe bezieht. Am Gerichtstage wird der Eine mit seinem aufgedunsenen Bauche prahlen, den man einen vollgestopften Fischkasten nennen könnte; ein Anderer wird von hundert Scheffeln herausgeschriener Psalmen schwatzen; ein Anderer wird Myriaden von Festtägen daher zählen, und wie oft er, des Tags nur einmal essend, den Magen bald bis zum zerplatzen angefüllt habe; ein Anderer wird einen solchen Haufen von Ceremonien daher schleppen, daß man sie auch in sieben Lastschiffe nicht zusammendrängen könnte; ein Anderer wird sich rühmen, er habe sechzig Jahre lang nie ein Stück Gelds anderst als mit Büffelhandschuen berührt; ein Anderer wird in einer so garstig beschmutzten Mütze einherstrotzen, daß auch ein Bootsknecht lieber die Ohren abfrieren als sie mit derselben wider den Frost schützen würde; ein Anderer wird erzehlen, daß er seit mehr als fünfzig Jahren sein Leben, gleich einem Pfifferlinge, stets am gleichen Orte zugebracht habe; ein Anderer wird sich auf seiner durch stetes Singen heischer gewordene Stimme berufen; ein Anderer wird erweisen, daß er sich durch sein einsames Leben die Schlafsucht zugezogen habe; ein Anderer wird seine durch stetes Schweigen starrgewordene Zunge hervorstrecken.

Christus, um diesem sonst nie zu Ende kommenden Geprahle abzuhelfen, wird fragen, woher dieses neue Judengeschmeiß entstanden sey? »Nur ein einziges Gesetze, wird er sagen, erkenne ich für das meinige; und nur von diesem hör ich nichts; ehedem versprach ich deutlich, ohne es in Parabeln zu hüllen, mein väterliches Erbe, nicht dieser oder jener Kappe, diesem oder jenem Gebetlein, noch dem Fasten, sondern der Liebthätigkeit; ich kenne die nicht, die von ihren Thaten zu groß denken; diese, die das Ansehen haben wollen, als ob sie mich an Heiligkeit überträfen, mögen, wenn es ihnen beliebt, den Himmel der Abraxasianer beziehen; oder sich von denen, deren Legenden sie meinen Geboten vorgezogen haben, einen neuen Himmel erbauen lassen.« Wenn sie dieses hören und sehen werden, daß man Matrosen und Fuhrknechte ihnen vorziehe, o stellen Sie meine Herren, sichs einmal vor, mit welchen langen Gesichtern werden die Tropfen einander anstarren! Inzwischen sind sie bey ihrer Hoffnung glücklich, mit welcher sie von meiner Gutmüthigkeit ausgerüstet worden.

Wenn diese Geschöpfe gleich von der Republik ausgeschlossen sind, so hat man sie doch nicht zu verachten; sonderlich die Bettelmönche: denn die Beicht hat sie mit den Geheimnissen eines jeden bekannt gemacht. Freylich halten sie es nicht für erlaubt, aus der Schule zu schwatzen; aber, was geschieht nicht, wenn man ein Glas Wein zu viel im Kopfe hat, und zur Ergötzung etwas Lustiges auf die Bahn bringen will? dann aber tragen sie die Sache nur räthselhaft vor und verschweigen die eigentlichen Namen. Wenn jemand hier in das Hornissennest sticht, so wissen sie sich in der ersten besten Predigt redlich zu rächen; durch gewisse Umstände wissen sie ihren Feind auf eine so versteckte Weise zu schildern, daß nur die ihn nicht erkennen, die ganz und gar nichts begreifen können. Ihr Gebelle nimmt kein Ende, bis man zu dem Mittel des Eneas greift, der dem Cerberus etwas zum Fressen in den Rachen warf.

Nein, meine Herren, bey keinem Schauspieler, keinem Marktschreyer würden Sie stehen bleiben, wenn Sie einen solchen Prediger auftreten sehen. Freilich giebts da possierliche Rednersprünge; sie sind alle den Regeln der Muster in dieser Kunst auf das lieblichste nachgeahmt. O meine Herren! merken Sie dann wohl auf jede Geberde; wie schicklich ändern die Leute nicht ihre Stimme! ihre Rede ist Gesang; alles an ihnen regt und bewegt sich; niemand versteht besser die Kunst, Gesichter zu schneiden und mit dem durchdringendsten Geschreye die Gewölker erschallen zu machen. Und diese Rednerkunst pflanzt sich als ein Geheimniß durch die Ueberlieferung von einem Klosterbruder auf den andern fort. Mir freylich, einem Weibe ist die Einsicht in solche Dinge nicht verstattet; ich kann also davon nur so viel sagen, als ich durch Muthmaassung erhaschen könnte.