Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen
Part 4
_Und doch!_--Und doch bist du mehr! Bist mehr als diese Firlefanz-Leute in ihrem Glück und Wolkenbau! Steckst mitten in der Welt; und in deinem Kopf stecken die Gedanken der Erde! Und wenn du hier allein bist, allein mit deinem Erdgeruch, und dein Kopf sich illuminiert, dann entsteht in diesem vergrämten Kopf, mitten in der Verzweiflung, ein Funken, ein Gift, eine Kraft, die wie ein Blitz, zündend und wetternd, durch die Welt fährt, und die Hülsenköpfe in ihrem Wolken-Heim erbeben macht.--Und brauchst keine Tiaren zu tragen, keine Ambrosia noch Sekt zu trinken, und scheppernd und glänzend dich zu zeigen, um glücklich zu sein. Bist so glücklich; glücklich, wie die andern nicht glücklich sein können! Glücklich in diesem Erdenloch, in diesem kostbaren Tunnel, diesem Hauch von Irdischkeit und Würze, diesem Welt-Geruch, der dich kräftigt und stählt, und Gedanken erzeugt, und zur Arbeit zwingt.--Und brauchst keine Ahnen und Vergangenheits-Register; bist blank und sauber; darfst von neuem, beginnen; brauchst nicht nichts zu tun; die Arbeit sind deine Ahnen! Deine Ahnen produzierst du in die Zukunft!--Arbeit! Arbeit!--(_Springt auf_). Also denn auf zur Arbeit!
(_Er geht längere Zeit auf und ab, bleibt wiederholt stehen und sinnt nach._)
"Also _verführerisch_ soll es sein, das Ding,--na natürlich, sonst beißen sie nicht an";--"etwas Frauenzimmerartiges", sagte Maria;--sehr gut!--Die Frauenzimmer kennen ihr Geschlecht immer am besten.--Aber _giftig_ soll es auch sein; darin liegt ja die Strafe; und sie sollen das Gift nicht merken, es hinunterschlucken wie Sirup;--sehr gut!--das läßt sich machen.--Aber es soll dabei _Seele_ und _Leib_ vergiftet werden; aber nicht definitiv; nur bis zur Verzweiflung, bis zum Wahnsinn; sie wollen also sehen, wie sich die Menschheit krümmt und bricht; wie sie ihre Seelen ausleeren, wie einen Magen;--ich verstehe;--die Seele soll aber wieder reparierbar sein,--"erlösungs-fähig", wie sie sagen;--na, die Freude kann ich ja ihnen fürs erste lassen; ihnen und ihnen;--vom _Leib_ haben sie nichts gesagt; sehr gut!--Als ob sich das trennen ließe!--Wenn ich den Leib toll und voll verseucht habe, und der ganze Kerl zum Teufel fährt--ah pardon--kaputt geht, dann möchten sie die Seele, nachdem sie schon auf dem Weg zu mir ist, noch erlösen!--Die Barmherzigkeit!--Na, das wird sich ja finden.--(Geht wieder schweigend und nachdenklich auf und ab). Was soll das nun aber für ein Gift sein? Welches ruiniert, und doch wieder nicht ruiniert?--Mit organischen und chemischen Giften komm' ich da nicht aus!--Auch kann ich da nicht _quantitativ_ vorgehen. Die schluckten ja und schluckten das Zeug hinunter--besonders, da es so süß ist--und pardauz lägen sie da! Ich kann da nicht dosieren. Ich kann doch kein ellenlanges Rezept an die Bettlade kleben: pro dosi soundsoviel!--Das muß also ein feines, neues und ganz besonderes Gift sein!--Welches weder den Geber noch den Nehmer sogleich vergiftet!--Das muß dann ein feines, schleichendes, langsam wirkendes Ding sein, welches sich ruhig weitervererbt, und in einigen lebenden Exemplaren immer frisch zu haben ist!--Dann--soll das Gift sich an das höchste Entzücken des Menschen anschließen, an den Liebestaumel, an das naivste und köstlichste Glück, welches sie besitzen: damit es sicher zu allen dringt!--Ja, das heißt, das war eigentlich mein Gedanke!--Keine Verschiebung des geistigen Eigentums!--Na ja!--Wie nun weiter?--Woher nimmst du das Gift?--(_Überlegt, bleibt stehen_). Na, aus dir.--Kühl. Gibt es denn etwas Giftigeres, die Adern Durchdringenderes, als du selbst?--Sehr gut!--Was weiter?--Wie wirst du's nun anstellen?--(_Überlegend, sehr langsam, mit vorgestrecktem Zeigefinger sich vordiktierend_). Du mußt das Gift, welches an sich vielleicht zu stark ist und tödlich wäre, erst organisch abschwächen, und dann in einer lebenden Person verwirklichen! (_Patscht in die Hände_). Hoppla, das ist's--Noch einmal: Du mußt das Ding erst organisch so mild machen, daß es ihre Mägen und Leber zunächst gut vertragen, und es gleichzeitig in einem Lebewesen, das ihnen gleich sei, personifizieren!--Sackerlot!--Und zweitens: dieses Lebewesen muß ein Weib sein! Und das Gift muß durch die bekannten Schläuche geleitet werden!--Und drittens: dieses Weib muß schön sein; und ich ihr Vater!--Sapristi! Reibt sich die Hände. Kommen wir auch einmal zum Zeugen!--(_Geht lange erregt auf und ab_). ... Nun, und wenn ich dies Kunstwerk fertig bringe, was krieg' ich dann dafür?--Freund, nimm dich in acht! Diese Gelegenheit kommt nicht wieder! Jetzt hole die lang aufgespeicherten Speisezettel deiner Wünsche hervor!--(besinnt sich).--Diese Stiege da (schaut nach oben). muß er mir reparieren. Das Gerümpel. Wenn ich da 'mal ausgleite, und breche mir den Fuß, dann bin ich ein ganzer Krüppel.--Dann, diese Falltüre da oben, die ist meiner unwürdig. Da stoß ich mich schon lange daran. Das soll ein schöner, freier Zugang werden, mit einem Geländer daran, und ein paar Teppichen.--Dann, diese Audienzmeierei habe ich ebenfalls schon lange satt. Wird der Zugang oben frei, muß ich auch freien Zugang haben! Ich muß stets unangemeldet kommen können.--Er kann ja auch stets unangemeldet zu mir herunter.--Dann (sehr bestimmt) muß Er mir meine Bücher frei drucken lassen, und ihre breiteste Zirkulation im Himmel und auf Erden erlauben. Das muß ich unbedingt haben. Ohne das gehe ich gar nicht an die Arbeit, (ausbrechend). Wenn jemand denkt, und darf seine Gedanken nicht mehr andern mitteilen, das ist die gräßlichste aller Foltern.--Dieses reinste Entzücken, dieser Tropfen Lust, der Fässer voll Bitterkeit genießbar macht, daß andere das nachdenken, was du vorgedacht hast,--ist das so schwer zu begreifen?!--Also das ist Numero eins!--Dann--muß hier die Ventilation besser werden.--(Glotzt lange an der Decke herum)... Eigentlich könnt' ich mir das Ding hier mit Goldleisten ausschlagen lassen.--Ach,--es wird doch nicht heller.... Wie wär's, wenn Er mich zum Graf machte?--Graf Miraviglioso! Oder gleich ganz italienisch Conte di Miraviglioso; Signor Conte di Miraviglioso.--Pfui, schäm' dich! Hast du nicht gesagt, du willst ein ehrlicher Kerl bleiben?--Nun ja; ich wollte ja nur auf ganz kurze Zeit das tolle Empfinden haben, ganz ohne Grund etwas zu sein. Nur auf acht Tage.--Ich kann ihn ja dann meinem Ausgeher schenken.--... Ein paar Orden könnt' ich mir bei dieser Gelegenheit geben lassen!--Dazu ist es wieder nicht hell genug da herunten. An der Beleuchtung fehlt es hier überhaupt.--Was noch?--Etwas bessere Garderobe! Dieses spanische Kostüm trag' ich nun schon seit Philipp II. Es ist unerhört. Und nur meine ganz außerordentliche Peinlichkeit erlaubt mir noch, überhaupt oben zu erscheinen.--Dann, um Gottes Willen, etwas Mobiliar. Ein paar Pfund Roßhaar werde ich doch noch wert sein. Und ein paar warme Decken.--Weiter!--Etliche Borten an meine Kleider; wenigstens Leutnants-Rang!--Dann: Einreihen, wenigstens in die letzte Hofrangklasse; mein Gott, ich helfe doch den Leuten in ganz außerordentlicher Weise.--Femer: ein kleines "von"--, und die Möglichkeit einer standesgemäßen Verbindung mit einer der Engel-Klassen; Gott, so ein zartes Geschöpfchen, neben mir, 's wär' ja zum Entzücken; sie mag so dünn und jung sein, wie sie will; ich richt' sie mir schon her!--Was noch?--Ein goldenes Portepee, 'n Kammerherrntitel, ein kleines Krönlein, 'n Herzogskragen oder ... (hält plötzlich inne, greift sich mit beiden Händen an die Stirn und schreit in tierischer Weise hinaus). Äh,--äh!--Bleib' fort! (Er hält die Hände weit von sich wie um etwas wegzustoßen, das auf ihn eindringt, und weicht zurück). Äh!--Es kommt!--Es hat mich!--Du Hund, hab ich dir nicht gesagt, wenn du über die Schnur haust, packt es dich!--Pfui Teufel! (spuckt aus, wie um etwas aus seinem Innern zu entfernen). Pfui Deifel! Es kommt!--_Der Ekel_,--er hat mich!--Pfui!--Pfui!--Oh, es ist zu spät!--Ekel! Ekel! Verdammte Sauce!--Teufel, weißt du nicht mehr?--Weißt du nicht, daß du nur in der Entbehrung, im Finstern, nur unter der Marter gedeihst?--Und dann will der Kerl stolz sein!--Ah,--ah--(_Er macht Würgbewegungen, schleppt sich bis zu seinem Lager, wirft sich dort auf den Bauch, wälzt sich in Krämpfen, reißt aus der Matratze Stroh heraus, macht einen Knebel und steckt ihn sich mit ingrimmigem Behagen in den Mund;--wird dann allmählich etwas ruhiger, liegt bewegungslos da, und scheint zu schlafen.--Lange Pause_.)
_Währenddem hat sich im Hintergrund an der Rückwand des Gewölbes die Szene wie aufgeklärt; die Schicht wird heller und heller; zuletzt durchsichtig; es ergibt sich eine, wie es scheint, unermeßliche Perspektive; allmählich schwindet auch der letzte trübe Schleier, und man erblickt ein ungeheures Totenfeld, auf dem eine schier unfaßbare Zahl, wie es scheint, lauter Weiber, in Leibesgestalt, mit fahlen Gewändern, die einen hockend, die andern hingestreckt, teils die Arme aufgestützt, teils das Gesicht in den Armfalten vergraben, wie schlafend dortliegen; das Ganze übergossen von einem kalten, flirrenden, mondlichtähnlichen Schimmer.--Tiefe Stille.--_
TEUFEL (_wacht langsam auf, hebt sich mit den Händen aufstützend matt empor; wie er sich umwendet und erblickt die Szene, fahrt er plötzlich zum Sitzen auf, reißt sich den Knebel aus dem Mund._) Ah!--Ihr seid mir vorausgeeilt, Gedanken! (_Betrachtet lange mit Entzücken die Szene._) Ihr habt Euch verwirklicht, meine guten Gedanken!--Und die gemeinen sind mir in den Magen gefahren, und haben mich krank gemacht;--so ist's recht!--Du hast gebüßt,--und bist jetzt wieder ein ehrlicher Kerl!--(Legt sich, noch immer etwas erschöpft, wieder in eine mehr ruhende Stellung zurück, aber so, daß er die Szene im Auge behält--matt und langsam.) Welche von diesen wähl' ich mir jetzt aus als Mutter für mein glorioses Geschöpf?--... Schön!--Verführerisch!--Sinnlich!--Giftig!--Hirn und Adern verbrennend!--Ahnungslos!--Tollpatschig!--Grausam!--Berechnungslos! --Seelenschmutzig!--Naiv!--_Lange Pause_.
_Er erhebt sich dann zum Sitzen und ruft mit halblauter, aber klarer Stimme, in sanftem Ton._
Helena--von Sparta--des Paris Geliebte--Trojanische Königin!--(_Im Hintergrund erhebt sich aus der Reihe der Schlafenden langsam eine Gestalt mit langem schleppendem Mantel, der um die Taille durch einen Strick gleicher Farbe zusammengehalten, kommt langsam, wie schlaftrunken, mit geschlossenen Augen, den Lichtschimmer, der ihr aus dem Totenreiche anhaftet, beibehaltend, nach vom und bleibt vor dem Teufel stehen._)
TEUFEL. Du bist damals mit dem jungen Laffen, dem Trojaner-Prinzen, auf und davon, und hast deinen Mann, den König, zurückgelassen; rein aus Verliebtheit?--(_Helena verneint schwerfällig mit dem Kopfe._) Was? Nicht einmal verliebt?--Aus Neugierde?--(_Sie scheint sich zu besinnen; nickt dann wie schlaftrunken._)--Nur, weil es dir gefallen hat?--(_Helena nickt._)--Ohne etwas zu denken?--(_Nickt_.)--Justament? (_wartet und nickt dann._)--Und als dann der Krieg ausbrach, da dachtest du?--(_nickt mechanisch, besinnt sich aber dann und verneint._)--Dachtest dir: Es ist nun einmal so! (_nickt und betont._)--Geh', leg' Dich wieder schlafen--armes, dummes Ding!--(_Sie wartet einen Moment, dreht sich dann langsam um und geht zurück auf ihren Platz, wie sie gekommen_.)
TEUFEL (_nach einer Pause, mit der gleichen hellen, sanften Stimme._) Phryne--aus Athen--glatteste aller Hetären--komm'! (_Von dem Totenfeld erhebt sich aus einer andern Reihe ein Weib im gleichen Anzuge wie die erste und kommt näher._) Blasseste aller Zauberinnen, du hast Tausende von Männern in dein Garn gelockt, sie arm und elend gemacht, ihnen Geld und Gedanken geraubt,--hast Philosophen genarrt,--Richter bestochen,--Staatsgesetze umgestoßen,--Krieg angezettelt,--Reichtümer angehäuft,--hast dich als Göttin geriert,--dich anbeten lassen,--hast dein Vaterland verhöhnt,--wolltest deinen Namen wie eine schmutzige Reklame auf die Mauern Thebens setzen--und dafür bezahlen,--hast dich nackt vor allem Volk gezeigt,--in Korinth die Tempel und Statuen bauen lassen,--hast fortgehurt, bis deine Haare weiß wurden--und wurdest schließlich in einem Tempel, in den du dich geflüchtet, wie ein unreines Tier erschlagen?--(_Nickt stumm wiederholt auf alle Fragen_.)--Warum?--Aus Liebe? (_verneint_).--Aus Leidenschaft? (_verneint_).--Aus Laune?--(_nickt_).--Weil du schöner und blasser warst, als alle andern? (_nickt_).--Hast gar nichts dabei gedacht?--(_verneint_).--Ließest den Dingen ihren Lauf?--Bejaht.--Geh', du harmloses Kind, du bist unschuldig!--(_Geht langsam und schweigend ab, wie die erste._)
TEUFEL (_nach einer Pause, wie oben_). Héloise,--Äbtissin von Paraclet--Latinistin des 12. Jahrhunderts!--(_Eine dritte Gestalt erhebt sich aus dem Totenfeld und kommt im gleichen Anzug, wie die vorigen näher._) Du hast studiert,--und hast geliebt,--und hast Kinder gebracht,--und hast deinen Lehrer, ABÄLARD, die Leuchte des Jahrhunderts, verführt,--und deine Familie in Spott und Schande gejagt,--bis sie dir deinen Geliebten zum Kapaun machten,--und dich zur Nonne,--und hast dann deinen verschnittenen ABÄLARD fortgeliebt,--und ihm brünstige Briefe geschrieben--bis man dich zur Äbtissin machte;--und als Äbtissin hast du weiter studiert, und ihn weiter geliebt, und weiter--wenigstens in der Phantasie--Kinder gebracht, und mit deinem längst abgekühlten Freund imaginative Scheußlichkeiten begangen, die man selbst in der Hölle nicht sagen darf,--und hast ihm geschrieben: lieber wollest du des ABÄLARD Hure als des Kaisers rechtmäßige Gattin sein;--und als er starb, hast du dir seine Leiche kommen lassen, und hast ihn immer noch geliebt, und ihn mit deinen eigenen Händen begraben;--und dann hast du ihn noch zwanzig Jahre auf Kosten deiner Phantasie weiter geliebt;--bis du selbst starbst?--Hat zu allen Fragen stumm genickt.--Warum?--Aus Liebe?--Bejaht heftig.--Aus reiner Liebe?--Bejaht intensiv.--Kind, du bist ja schon für den Himmel reif!--Halte dich parat, wenn die Posaune ertönt, kommst du zuerst dran!--Inzwischen geh', und schlaf weiter!--(_Gestalt geht ab._)
TEUFEL (_für sich_). Ich hab' doch verdammt wenig Grandioses in der Hölle; muß mir 'mal 'n Scheusal holen!--(_besinnt sich, dann nach einer Pause_). AGRIPPINA,--Mutter, Gemahlin und Mörderin von Kaisern,--und Gemordete eines Kaisers,--komm'!--(_Eine Gestalt erhebt sich aus anderer Gegend._)--Du hast etwas viel auf dem Kerbholz, Freundin;--mit 14 Jahren heiratetest du deinen Mann, und läßt dich herbei, ihm nach neun Jahren eines der größten Scheusale, den NERO, zu gebären?--Dafür kannst du nichts!--Tröste dich, wir haben jetzt eine Schule, die dir nachweist, daß du auch für die anderen Sachen nichts kannst; nur ist diese Lehrmeinung noch nicht bis zum Himmel gedrungen.--Du vernachlässigst also deinen Mann, und gibst dich dem LEPIDUS hin;--das war damals so Sitte!--dann verbindest du dich mit deinem Freier, um deinen Bruder, den Kaiser CALIGULA, zu ermorden;--es gelingt nicht!--dafür kannst du wieder nichts,--d.h. du warst nicht geschickt genug!--Endlich wird aber CALIGULA doch ermordet,--wie das damals so Sitte--und du wirst wieder hoffähig;--du versuchst dann vergeblich einige andere vornehme Römer zu kapern, bis sich endlich der reiche Advokat PASSIMUS--den ich für gescheiter gehalten hätte--herbeiläßt, und mit dir eine zweite Ehe eingeht; du vergiftest ihn dann, und beerbst ihn!--doch das haben schon andere vor dir gemacht; das war damals so Sitte!--dein folgendes Stückchen war dagegen schon viel origineller: du spielst so geschickt hinterm Vorhang--von deiner Villa aus--daß du die Kaiserin MESSALINA von ihrem Gemahl, dem Kaiser CLAUDIUS, abschlachten lässest, heiratest dann selbst den Kaiser CLAUDIUS und wirst Kaiserin!--Was dann folgte, der von dir inszenierte Selbstmord des LUCIUS SILANUS, die Verbannung seiner Schwester JUNIA und die Verbannung der LOLLIA PAULINA, deren Kopf du dir nachträglich aus der Verbannung zurückholen lässest, waren mehr Nebenabfälle; du folgtest darin den Sitten deiner Zeit.--Dann verschaffst du dir den Beinamen 'Augusta', die Heilige, lässest deinen Sohn NERO von deinem neuen Gemahl, Kaiser CLAUDIUS, adoptieren, lässest ihn dann mit der Tochter dieses Kaisers CLAUDIUS, OCTAVIA, vermählen, vergiftest dann diesen Kaiser, deinen Gemahl, und rufst deinen Sohn NERO zum Kaiser aus.--Das war nämlich damals ganz neu!--Du vergiftest dann noch ein paar Konsuln, Prokonsuln und Nebenbuhlerinnen, und wirst letztlich von deinem eigenen Sohn NERO ermordet!--(Die Gestalt hat auf alle Fragen stummnickend geantwortet).--Hör' mal, AGRIPPINA, du bist eine ganz scharmante Person, aber ich vermisse in deinem ganzen Tun den eigentlich künstlerischen Impuls--die Naivität;--alles hängt ab von deinem maßlosen Ehrgeiz!--Das ist krankhaft!--Das wird auf die Dauer langweilig!--Wir fassen die Sachen jetzt anders auf!--Nicht ein schöner Mord in deiner ganzen Geschichte!--Ich kann dich wirklich nicht brauchen!--Geh' nur und leg' dich wieder schlafen!--Schlaf sanft! (_Gestalt ab_.)
TEUFEL (_nach einigem Überlegen, für sich_). Jetzt hab' ich noch eine Nummer, die HERODIAS;--aber halt, ich nehm' statt der Mutter lieber die Tochter! (_ruft_). Salome,--schöne, junge Tänzerin,--komm' zu mir!--(_Weit hinten erhebt sich eine schlanke, jugendliche Erscheinung, und kommt näher, eine freundliche, heitere Erinnerung auf ihrem Gesicht_).--Sag' mir einmal, mein hübsches Kind, du warst damals auf dem Bankett bei Herodes zugegen?--(_bejaht_.)--Und da tanztest du?--Bejaht.--Warum tanztest du?--(_Sie weiß es nicht_.)--Nun, du tanztest eben, weil junge hübsche Mädchen überhaupt gern tanzen,--und weil du Tanzstunde gehabt hattest?--(_bejaht_.)--Und du fandest Beifall?--(_nickt_.)--Und HERODES sagte dir, du solltest dir 'was schenken lassen?--(_nickt_).--Und du ließest dir einen Kopf schenken?--(_nickt_.)--Einen Menschenkopf?--(_bejaht_.)--Einen _lebenden_ Menschenkopf?--(_bejaht_.)--Weshalb?--(_Sie weiß es nicht_.)--Zum Spielen?--(_sie zaudert und bejaht schließlich_.)--Und Herodes schickte dich mit dem Henker ins Gefängnis, und der schneidet dir dort einen Kopf ab?--(_nickt_.)--Das war der Kopf des JOHANNES?--(_bejaht gleichgültig_). Der ward dir auf eine Platte gelegt, und du kamst dann damit herein in den Bankett-Saal?--(_nickt_).--Das Blut lief wohl in der Platte herum,--und machte sie schließlich ganz voll?--(_nickt_.)--Es netzte deine Finger?--(_bejaht lebhaft_.)--War dir das angenehm, oder unangenehm?--(_bejaht_.)--Ja, was?--Angenehm oder unangenehm?--(_Sie reibt die Hände gegen einander._)--Es kitzelte dich?--(_bejaht sehr deutlich_.)--Du hast wohl sehr feine Finger?--(_keine Antwort_.)--Und dann,--dann schenktest du den Kopf deiner Mutter?--(_bejaht_.)--Warum?--(_zuckt mit den Achseln._)--Er war eben schon tot?--(_nickt traurig_.)--Und du wolltest doch einen lebenden haben?--(_bejaht_.)--Ja, die abgeschnittenen Menschenköpfe halten sich nicht lang!--Sag mal, hast du einen von den Leuten gern gehabt, was man sagt, lieb?--(_weiß nicht, was sagen, und verneint schließlich_.)--Den HERODES?--(_verneint_.)--Den JOHANNES?--(_verneint_.)--Deine MUTTER?--(_zuckt mit den Achseln und verneint_.)--Aber deinen abgeschnittenen Kopf, den hattest du gern?--(_bejaht sehr deutlich_.)
TEUFEL (_springt plötzlich auf_). Kind, du bist mein Fall!--Geht auf sie zu. Aus dir läßt sich noch 'was machen!--Er schließt sie, halb von rückwärts kommend, leicht in seine Arme. Du sollst mir heut' in mein Schlafgemach folgen!
DIE GESTALT (_hört man tief und vernehmlich stöhnen_).
Während des Folgenden fallen über dem Totenfeld wie im Vordergrund schwarze, anfangs noch durchsichtige Flöre und Schatten herab, die die ganze Szene immer mehr verdüstern.
TEUFEL (_die Gestalt sanft mit sich nach rechts fortführend_). Wir haben große Dinge mit dir vor!--Du sollst die Ahnin eines grandiosen Geschlechtes werden, an das kein Aristokrat hinankann!--Deine Nachkommen werden weder blaues noch rotes, sondern weit merkwürdigeres Blut in ihren Adern führen.--Und du wirst die Mutter sein.--Deine Qualitäten sind einzig in meinem großen, ungeheuren Reich!--Selbst oben, bei Hof, sieht man unsere Verbindung mit gnädigem Wohlwollen!--Er verschwindet mit ihr; die Stimme klingt immer entfernter. Morgen schon darfst du zu deinen Schwestern zurück!--Unser heißes Temperament läßt Schaffen und Entstehen sich in unglaublich kurzer Zeit vollenden!--Zeugen und Gebären rückt durch unsere Gewalten in wenige Stunden zusammen!--Komm', mein Kind, komm'!--
_Das Totenfeld ist jetzt verschwunden. Die Flöre fallen nun auch im Vordergrund immer dichter; so daß die Szene bald ganz verdunkelt ist.--Man hört in der Ferne noch einen gellen weiblichen Schrei.--Dann wird es schwarze Nacht, und der Vorhang fällt._
Vierter Aufzug
Erste Szene
_Im Himmel. Ein kostbar ausgestattetes Gemach in Rosa. Maria, vornehm geschmückt auf ihrem Thron, umgeben von meist jüngeren Engeln in lichter, farbiger Tracht, die an den Stufen des Thrones teils sitzen, teils in malerischer Stellung liegen. Einer derselben hat ein Buch in der Hand und liest aus Boccaccio in monotoner, breiter, schulmädchenartiger Stimme vor._
ENGEL (_liest_). "... Agilulf, der König der Longobarden, befestigte, gleich seinen Vorgängern in Pavia, der Hauptstadt der Lombardei, seinen Thron durch Vermählung mit Teudolinga, der Witwe Auterichs, der ebenfalls König der Longobarden gewesen war. Diese Gattin war sehr schön, verständig und ehrbar, der aber dennoch ein Liebhaber einst einen schlimmen Streich spielte. Als nämlich durch die Tapferkeit und den Verstand des Königs Agilulf der lombardische Staat glücklich und ruhig geworden war, geschah es, daß ein Reitknecht der genannten Königin, ein Mensch, was die Abstammung anbetrifft, von höchst ärmlichen Umständen, sonst aber über sein schmähliches Geschäft hoch erhoben, und von Person schön und groß wie der König, sich über alle Maßen in die Königin verliebte. Da jedoch sein niedriger Stand ihn keineswegs verhinderte einzusehen, daß diese seine Liebe außer allen Grenzen der Möglichkeit und Schicklichkeit liege, so offenbarte er sich als ein verständiger Mann niemandem und wagte nicht einmal, sich der Königin selbst nur durch einen Blick zu entdecken. Obgleich er nun gänzlich hoffnungslos war, so tat er sich doch bei sich selbst etwas darauf zugute, daß er seine Gedanken so hoch hatte steigen lassen und, vom Liebesfeuer ganz entzündet, gab er sich Mühe, es allen seinen Kameraden in allem, von dem er glaubte, daß es der Königin gefallen könnte, zuvor zu tun. Dadurch geschah es, daß die Königin, wenn sie ausritt, weit lieber das Pferd ritt, das dieser wartete als ein anderes, und dies rechnete sich jener zur höchsten Gnade, ging alsdann nicht vom Steigbügel weg, und schätzte sich glücklich, wenn er ihre Kleider berühren dürfte.--Aber wie wir dies häufig sehen, daß die Liebe um so stärker wird, je mehr sich die Hoffnung verringert...."
MARIA (_unterbrechend_). Ja, kriegen denn die Zwei sich noch nicht?--
LESENDER ENGEL (_stockt_).--Ich weiß nicht, Immerwährende Jungfrau.
MARIA. Sieh' mal, wie viel Seiten die Geschichte noch hat?
LESENDER ENGEL zählt sorgfältig nach. Noch zwanzig, Allerseligste Gottesmutter.
MARIA. Das ist schrecklich lang; kann man denn da nichts überschlagen? Läßt sich das Buch geben.--Na, ich glaube, jetzt wird's etwas lebhafter. Lies 'mal zu! (_Gibt ihm das Buch zurück._)
LESENDER ENGEL (_wie oben_): "... Je mehr sich die Hoffnung verringert, so geschah es auch bei diesem armen Reitknecht, der sein verborgenes Verlangen, das von keiner Hoffnung gelindert war, kaum mehr ertragen konnte, und oft, da er sich von dieser Liebe nicht losmachen konnte, den Entschluß faßte, zu sterben...."