Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen
Part 3
DER PAPST (_als sich zeigt, daß die Kleine keinen Schaden gelitten, züchtigt sie mit der Hand_). Diesmal, Du Schlingel, konntest Du die Reise ins Jenseits antreten! (_Lachen_).
DIE COURTISANE. Du hättest mich im Fegfeuer nicht länger brennen lassen als hier, santo papa! Erneutes Gelächter, in das der Papst miteinstimmt.
_Als die Kastanien alle verteilt, wird gezählt, und je nach der Zahl der gesammelten an die Mädchen Preise verteilt. Ein neues Musikstück beginnt, und die Diener reichen Erfrischungen. Laute Unterhaltung im ganzen Saal, vornehmlich über die Qualitäten der Mädchen._.
_Als das Musikstück schweigt:_
DER PAPST (_klatscht aufs neue in die Hände_). Jetzt laßt unsere Athleten herein.
_Auf der andern Seite der Galerie treten von hinter einem Vorhang zwei nackte kräftige Männer ein, die zu den Mädchen geführt, sich an deren Anblick berauschen, um dann, auf ein weiteres Zeichen, den Zweikampf zu beginnen[5]. Alles drängt sich um das Schauspiel unter Aufmunterungen und Beifalls-Zeichen. Auch die Mädchen verfolgen mit allem Interesse den Kampf. Als der Sieger seinen Gegner unter lautem Beifall geworfen, tritt er auf die Courtisanen zu, wählt sich unter Scherzreden aller Anwesenden die Schönste und verläßt mit ihr den Saal. Der Unterlegene geht allein fort. Darauf betritt ein zweites Paar den Saal.--Die Aufregung unter den Zuschauenden steigert sich von Minute zu Minute. Beifallsworte und aufstachelnde Bemerkungen werden mit immer größerer Teilnahme und Leidenschaft dazwischen geworfen.--Als der fünfte seinen Gegner unter lautem Geschrei und Beifallsklatschen geworfen, und er eben seine Wahl trifft, ertönt in tiefernsten, tragischen Tönen vom Innern der Kirche der Schlußgesang der Vesper._
VENI SANCTE SPIRITUS[6]
Veni sancte Spiritus Et emitte coelitus Lucis tuae radium. Veni pater pauperum Veni dator munerum Veni lumen cordium. Sine tuo nomine Nihil est in homine, Nihil est innoxium. Lava quod est sordidum, Riga quod est aridum, Sana quod est saucium. O lux beatissima Reple cordis intima Tuorum fidelium.
_Eine peinliche Stille ist nach den ersten Akkorden eingetreten. Das Volk auf der Galerie ist wieder entsetzt zurückgewichen, um den Platz vor den Fenstern freizumachen. Ein Teil der Anwesenden verläßt den Saal.--Indessen ist schon der sechste Kämpfer mit seinem Partner eingetreten. Der Papst gibt durch einen Wink den Befehl zur Fortsetzung des Spiels, an dem seine Familie und Vertrauten mit ärgerlichen Mienen über die eingetretene Störung teilnehmen, und das bis zum siebenten Kämpfer unter der Begleitung des Kirchengesangs seinen Fortgang nimmt.--Nach Schluß des letzteren wird die Stimmung wieder etwas wärmer und das Interesse reger. Der Kreis um die Kämpfenden schließt sich wieder. In der Kirche sieht man die Kronleuchter verlöschen und die Fenster von innen sich zumachen.--Das Spiel geht weiter._
_Beim neunten Kämpfer stürzt ein Bote in den Saal und flüstert in erregter Weise mit den im Hintergrund Stehenden. Die Bewegung setzt sich nach vorne fort. Man hört Rufe: Was ist los?--Was gibt's?--_
RODRIGO BORGIA (_Kapitän der päpstlichen Garde_). Der französische König, Eure Heiligkeit, ist, von Neapel zurückkehrend, im Anmarsch auf Rom und nur noch wenige Meilen entfernt.
DER PAPST (_aufstürzend, erregt_). Zum Teufel!--Auf nach Orvieto!--Die Spanier und Katalanen sollen Uns begleiten!--Nehmt Unsere Kassen und Kostbarkeiten mit!--Die Damen sollen sich rüsten; auf Gepäck und Maultiere verzichten; wir reisen alle zu Pferd! Pallavicini bleibt als Gouverneur der Stadt mit einem Teil der Truppen zurück. Er empfange den König mit allen Ehren, aber drohe ihm in Unserem Namen, als einem ungehorsamen Sohn der Kirche, den Bannfluch an, wenn er länger als vierundzwanzig Stunden auf Unserem Gebiet verweilt.--Cesare übernimmt die Bedeckung Unseres Zuges.--Vergeßt die goldenen Meßgeräte nicht! Fort! Alles in großer Erregung ab.
DIE MÄDCHEN (_ihre Gewänder anlegend, jauchzend_). Carlo kommt!--Carlo kommt!--
(_Der Vorhang fällt._)
[1] Burcardi, Zeremonienmeister Alexanders VI., "Diarium", nouvelle edition par Thuasne, 3 vols., Paris 1885.
[2] Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir; Herr, höre meine Stimme; laß Deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens; So Du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen? Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache zur andern; Denn bei dem Herrn ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm; Er wird uns erlösen von allen unseren Sünden.
[3] Eine berühmte Hetäre ihrer Zeit, die später hingerichtet wurde.
[4] Karl VIII. von Frankreich, der kurz vorher Neapel eingenommen hatte.
[5] Battaglie d'amore, Liebeskämpfe, hießen diese Schauspiele am Hofe Alexanders VI.
[6] Komm, Heiliger Geist, und entsende himmelher den Strahl Deines Lichts. Komm, Vater der Armen, Geber der Güter, Erleuchter unserer Herzen. Ohne Deine Klarheit sind wir Menschen leer, nichtig und schuldbeladen. Wasche uns rein von Sünden; Erfrische die, die da vertrocknet sind; Und heile die Verwundeten. O göttliches Licht, erfülle die Herzen Deiner Frommen!
Dritter Aufzug
Erste Szene
_Im Himmel; ein vertrauliches Kabinett in Blau. Interimsthron, einfach und bequem_. GOTT VATER, MARIA, CHRISTUS, der TEUFEL; _erstere drei auf ihren Stühlen; letzterer in schwarzem, enganliegenden Kostüm, sehr schlank, mit pointiertem Gesicht, ganz rasiert, mit verwitterten, abgelebten, gelb-verärgerten Zügen, in seinen Bewegungen an einen feineren Juden erinnernd, auf einen Fuß sich stützend, den andern aufziehend, vor ihnen aufrecht._
GOTT VATER (_ernst und kurz_). Freund, Wir haben Dich rufen lassen.--Es handelt sich um einen speziellen Auftrag, der ... (_Stockt_) ... besondere Geschicklichkeit erheischt;--ich weiß, Du denkst viel--(Teufel verbeugt sich).--könntest Du nicht ... (_Stockt_) ... es handelt sich, ä ... ein Wesen, ä ... ein Ding, welches ... ä, ein Einfluß,--der imstande wäre,--die--Uns in ihrem Begehren anekelnde, gänzlich verwahrloste Menschheit--(_Teufel macht eine verständnis-innige, vornehm-bedauernde Bewegung_) ... ä, wieder auf den Pfad der Tugend ... ä, und der wahren Sittlichkeit ... in empfindlich-strafender Weise zurückzuführen, ... ä, so daß ... ä ... (_Zu Christus gewendet_). mein lieber Sohn, sag' Du's ihm;--Ich kann mit Worten nicht recht umgehn;--Ich habe immer nur gehandelt,--nie viel Worte gemacht.--
CHRISTUS (_sich mühsam aufrichtend, nach einigem Besinnen, fließend._) Mein Herr!-- --Wir gedächten Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen--in einer Sache,--die Ihnen ebenso großen Vorteil einbringen soll, wie uns selbst,--ich meine,--die Ihnen die Menschheit--hinsichtlich ihrer irdischen Sphäre keineswegs entfremden soll,--ich sage dies ausdrücklich, um jeden Verdacht bei Ihnen nach dieser Richtung hin gleich von vornherein zu zerstreuen--(_Teufel macht eine verbindlich-abwehrende Handbewegung, als sei ihm ähnliches nie in den Sinn gekommen._)--im Gegenteil, die--Ihnen diese Sphäre in noch ausgiebigerer Weise als bisher--unterwerfen soll:--es handelt sich um einen Kompromiß,--um ein Übereinkommen hinsichtlich der Verschiebung der Grenzen--unserer beiderseitigen, bisherigen Gewalten,--die keinem der beiden kontrahierenden Teile zu nahe treten soll,--und wobei Wir auf Ihre bewährte Geschicklichkeit, Ihren Scharfsinn, Ihren Takt, Ihr--versöhnliches Entgegenkommen, Ihre--Bildung,--Ihre--Ihre-- -- (_fängt zu hüsteln an, wird kurzatmig, stöhnt und keucht, fällt röchelnd zurück, die Augen treten hervor, die Stirne wird schweißig, er bekommt einen asthmatischen Anfall_).
MARIA (_herbeispringend, während der Teufel sehr vornehm eine reservierte Verlegenheit heuchelt_.) Schon Dich, mein Sohn,--Du sollst nie reden,--Du wirst schlechter,--Du bist leidend, (zum Teufel gewendet, verbindlich), mein lieber Freund, wir bedürfen Deiner Hilfe,--es ist ja nicht nötig, daß man erfährt, daß Du es bist, der die Sache inszeniert (der Teufel macht eine abwehrend-beruhigende Bewegung).--bitte, steh' uns bei,--es soll Dein Schade nicht sein Zwinkert ihn an.--Du verstehst Winkt gegen Gott Vater ab, in dem Sinne, daß dieser taub, alt und gebrechlich, und ihr nichts in den Weg lege--(der Teufel verbeugt sich).--es handelt sich in Kürze um folgendes: Durch eine unglückliche Einflüsterung (zeigt auf den Alten hin) bewogen, wohnten wir einer Szene im päpstlichen Palast zu Rom bei, in den Gemächern des Papstes ... wie heißt er gleich....
TEUFEL (_verbindend einfallend_). Ah, Alexander, der Sechste seines Namens, Rodrigo Borgia-- --
MARIA. Ganz recht, dieser Borgia,--ach, es war skandalös, es war gräßlich,--das war ein Passahmahl!...
GOTT VATER (_plötzlich hervorkollernd, in breitester Unflätigkeit_). Pfui Daifel!--Pfui Daifel!--Pfui Daifel!--
CHRISTUS (_erwacht aus seiner Schwäche, fällt ein, fast tonlos_). Ja,--pfui Daiwel!--pfui Daiwel!...
TEUFEL (_in großer Verwirrung, ärgerlich, unangenehm berührt_). ... Ich bitte ... unter diesen Umständen ... darf ich wohl verzichten, ... fernerhin hier.... Will sich, nach rückwärts schreitend, zurückziehen.
GOTT VATER (_redressierend zum Teufel gewendet_). Mein Gott!--Nein!--Sie waren nicht gemeint....
TEUFEL (pikiert). Ah, doch....
GOTT VATER. Nein, nein!--Also nochmals nein!--Es war nicht so;... es fuhr Uns heraus ... die alte Gewohnheit ... Ich vergaß....
TEUFEL (kommt zurück, vornehm-versöhnlich, bitter lächelnd, schnellt mit der einen Hand ein Stäubchen vom andern Ärmel). Bitte,... bitte....
MARIA. Nein, nein, mein Freund, Du bist der Unsere; von Verstimmung kann keine Rede sein; Wir bedürfen Deiner Hilfe zu notwendig; und (_sehr laut zum Alten hinüber, anzüglich_) eine Beleidigung Unseres viellieben Vetters, Unseres Alliierten, Unseres freundlich geliebten Bruders, werden Wir in keiner Weise zulassen (_Teufel verbeugt sich sehr verbindlich_).--mit einem Wort also, die Sache ist die: Von einer an höchster Stelle (_hinüberdeutend_). in Aussicht genommenen gänzlichen Vernichtung des Menschengeschlechts aus höheren Gründen absehend, haben Wir beschlossen, eine empfindliche, sündflutartige Rache zu nehmen, und brauchen daher jemand, ein Ding, einen Einfluß, eine Gewalt, eine Person, ein Gift, ein Etwas, welches die Unflätigkeit der Menschen, besonders der Neapolitaner und Römer, in geschlechtlicher Beziehung--ah, fi donc!--(_gießt etwas_ Eau de Cologne _auf ein Spitzentuch, und hält es sich vor,--scheint leise zu schnupfen--schielt über dem Taschentuch zum Teufel hinüber_)--ah! es wird mir besser (_fortfahrend_)--welches die Bestialität der Männer und Weiber in jenen lediglich der Fortpflanzung dienenden, und nur in dieser Begrenzung ihnen gewährleisteten Beziehungen und nötig erscheinenden Berührungen und Vermischungen--ah, c'est terrible! (_schnupft wieder_ Eau de Cologne).--enfin--eindämmen soll!--Du verstehst!
TEUFEL (_in sonorem Baß--etwas theatralisch_).--Ich verstehe.--
GOTT VATER (_kollernd_). Ja, ja,--eindämmen soll!--
CHRISTUS (_mit schwindsüchtiger Stimme_). Ja, ja,--eindämmen soll!--
TEUFEL (_nach einigem Besinnen_). Soll es sehr empfindlich sein?--
MARIA (_ihr Spitzentuch dem Teufel entgegenstreckend, heftig nickend--sozusagen für die andern mitnickend_). In der Tat, es soll sehr empfindlich sein.
GOTT VATER (_guckt glasig herüber; scheint nicht ganz verstanden zu haben; ächzt schließlich zustimmend, mit fettem Räusperton_). Ja, ja!--
CHRISTUS (_noch immer im Anfall liegend, sich langsam erholend, hauchend_). Ja, ja!--
TEUFEL (_steht die ganze Zeit mit gesenktem Kopf, sich besinnend, zwei Finger an die Lippen gelegt_). Soll die Sache direkt auf den Fuß folgen?--
MARIA. Freilich, freilich soll sie das!
GOTT VATER (_guckt glasig weiter_). Freilich!--Freilich!--
CHRISTUS (_will seine zwei "freilich" sagen, kommt aber zu spät, und kollidiert mit der folgenden Rede der Maria, die nichtsdestoweniger fortfährt, mit ihrem Taschentuch beschwichtigend gegen ihren Sohn abwehrend, der lechzenden Blicks jeder ihrer Bewegungen folgt._)
MARIA (_zum Teufel_). Du bist auf dem richtigen Weg, mein Freund, Du bist Unseres Wohlgefallens sicher!
TEUFEL mit einem kurzen trockenen Blick auf Maria, dann wieder in seine Meditation von vorhin versinkend;--nach langer Pause, während der man nur das Röcheln von Christus hört, eigentümlich betonend, und skandierend.--Dann--müßte man den Stachel,--das Gift,--ä--das Etwas (_den Finger wie zum Hindeuten erhebend_).--in die Sache selbst,--in die--hm! (sich anzüglich räuspernd).--in die Beziehung selbst legen!--
MARIA (_sehr weltmännisch_). C'est charmant!--C'est charmant!--
GOTT VATER (_versteht nicht recht, schaut mit großen kuglig-fließenden Augen herüber, und wiederholt mehr im Tonfall, als im Verständnis, Marias Worte_). Ja,--ja, ja.--
CHRISTUS (_will es auch wiederholen, bringt es aber nicht heraus, ist selbst darüber erschrocken, schaut sich ängstlich, erst zu Gott Vater, dann zu Maria hin um, und produziert endlich ein rhythmisches, unartikuliertes_). A,--a,--a!--
TEUFEL (_nachdem er diese Leistung bei Christus mit einem kühlen, seine Überlegung nicht weiter störenden Blick verfolgt, fortfahrend, sehr betonend._) Man müßte die Sekretion beim Geschlechtsakt vergiften!--
MARIA. Ah, wie das?--Das wird interessant! (_Rückt auf ihrem Stuhl zurecht_).
GOTT VATER und CHRISTUS (_die diesmal doch etwas verstanden zu haben scheinen, halten ihre Köpfe glotzend auf den Teufel gerichtet_.)
TEUFEL (_den eben geborenen Gedanken wiederholend, wie um ihn sich selbst nochmals in den Weg zu legen_). Man müßte die Sekretion beim Geschlechtsakt vergiften!
MARIA. Du meinst den Samen? (_Hält sich das Taschentuch einen Augenblick vor den Mund, als schlucke sie etwas Unangenehmes hinunter._)
TEUFEL (_einfallend_). Nein, nein!--Nicht den Samen; nicht das Ei;--sonst würde die Nachkommenschaft darunter leiden, und, verschlechtert und gewitzigt, nicht mehr zu haben sein!--Die soll aber auch dran kommen!--Nein, Samen und Ei sollen unberührt bleiben, damit die Erzeugung der Menschen ruhig weitergeht.--Aber der Täter, der sorglos mit seinem Instinkt drauflos Fahrende, soll durch ein kleines Neben-Produkt vergiftet werden, durch ein Etwas, welches gleichzeitig mit Samen und Ei produziert wird, und welches, wie bei den Schlangen, nicht mehr auf den Besitzer, aber auf seinen Gegenpart, auf sein Vis-à-vis in der sexuellen Française--pardon!--wenn ich mich so ausdrücken darf,--(_Maria hebt zum Zeichen des Verständnisses die Augenbrauen hinauf_) ansteckend wirkt;--so daß der Mann das Weib, oder das Weib den Mann, im günstigsten Fall sie sich beide infizieren können,--nichts ahnend,--ganz im Taumel verloren,--ja in der Täuschung des höchsten Glücks--(_macht eine Handbewegung zu Maria, ob er verstanden sei, die diese mit dem Spitzentuch freudig und verständnisinnig aufnimmt_).--so daß sie lallend wie Kinder in die scheußliche Brühe hineintappen!!!
MARIA. C'est glorieux!--C'est charmant!--C'est diabolique!--Mais comment?...
GOTT VATER und CHRISTUS (_glotzen ruhig weiter_).
TEUFEL. Ah, Madame, das lassen Sie meine Sorge sein!--
MARIA. Gut! Aber unter _einer_ Bedingung. Was Du auch mit den Menschen anfängst, sie müssen _erlösungs-bedürftig_ bleiben!--
TEUFEL (_mit großer Beherrschung_). _Erlösungs-bedürftig_ bleiben sie.
MARIA. Sie müssen auch erlösungs-fähig bleiben!--
TEUFEL (_mit den Armen, wie ein Verkäufer, bis zur Schulterhöhe aufwippend_). Erlösungs-fähig,--nachdem ich sie vergiftet,--auf besonderen Wunsch vergiftet,--das dürfte kaum sein.--
MARIA (_von ihrem Thron springend, in die Nähe von Gott Vater und Christus eilend_). Ja, dann ist die ganze Sache umsonst!--Wenn wir die Menschen nicht mehr erlösen können, was soll denn dann die ganze Einrichtung?!--
GOTT VATER und CHRISTUS (_heben verzweifelnd die Hände empor; Christus, der sich etwas erholt, folgt von jetzt an wieder mit regerer Teilnahme_.)
TEUFEL (_dreht sich mit sardonischem Lächeln auf dem rechten Fuß-Absatz herum, und hebt, mit künstlichem Bedauern, wie ein Handelsjude, die Achseln hoch._)
_Peinlicher Moment. Das Geschäft scheint nicht zustande kommen zu wollen.--Pause._
MARIA (_um alle zu diversieren, geht langsam auf ihren Platz zurück, und frägt plötzlich, mit freundlicher Stimme, den Teufel_). Apropos! Wie geht's denn mit Deinem Fuß?--
TEUFEL (_auf die Diversion eingehend_). Oh,--so so!--Nicht besser,--aber auch nicht gerade schlechter!--Mein Gott (auf sein kurzes Bein schlagend).--der wird nicht mehr anders!--Misemaschin'!--
MARIA (_etwas leiser_). Das ist von Deinem Fall?
TEUFEL (_verständnisvoll, lange stumm und ernst nickend._)
MARIA (_sehr freundlich_). Nun, und sonst--was macht die Großmutter?
TEUFEL (_ebenso_). Die Lilith!--Oh, danke,--recht gut!
MARIA. Und die Kleinen?
TEUFEL. Danke! Danke!--Alles wohlauf!--
_Neue Pause.--Maria, unentschlossen, geht endlich auf Gott Vater zu, mit dem sie einige Zeit leise spricht.--Darauf_.
GOTT VATER (_ostentativ orientiert_). Voyons! Voyons! mein Freund, Du mußt doch etwas machen können, was die Menschheit vergiftet, ohne sie ganz zugrunde zu richten!--Wir wollen sie dann wieder erlösen!--Nicht wahr, mein Sohn?
CHRISTUS. Wir wollen sie dann wieder erlösen!
MARIA. Wir müssen sie wieder erlösen!
TEUFEL. Der Auftrag ist dann zu kompliziert!--Es soll unflätig und liebenswürdig und giftig zu gleicher Zeit sein!--Wenn ich sie in ihren geheimen, amorosen Beziehungen sogleich und heftig treffen soll, und sie in diesem Moment vergiften soll, dann muß die Seele auch mit!--Denn die Seele steckt da mit drin!--
GOTT VATER (_erstaunt_). Die Seele steckt da mit drin?--
CHRISTUS (_ebenso, aber mehr mechanisch repetierend_). Die Seele steckt da mit drin?--
MARIA (_affirmativ, und halb für sich selbst, wie sich erinnernd_). Die Seele steckt da mit drin!--
TEUFEL (_nach einer Pause zu Gott, etwas spöttisch_). Mein Gott, Du bist ja der Schöpfer! Weißt Du nichts?
GOTT VATER (_unwillig_). Wir--ä--erschaffen jetzt nicht mehr.--Wir sind müde!--Auch gehört dies Gebiet des Irdischen und der Sinnlichkeit in Deine Sphäre.--Also besinne Dich, wie Du es anrichtest; beflecke die Seele, aber sie muß wieder herstellbar sein!
CHRISTUS (_noch immer schwach, will das letzte wiederholen, kommt aber nur bis_). Beflecke--die--Seele....
TEUFEL (_zu Gott Vater_). Es soll sie zur Liebe anreizen, sagst Du, und sie gleichzeitig vergiften?
GOTT VATER. Natürlich, sonst beißen sie ja nicht an!
CHRISTUS (_aufatmend_). In der Wollust sind sie blind, hab' ich gehört.
MARIA. Mit Speck fängt man Mäuse!
GOTT VATER. Suche in Deinem Hexenkessel! Es ist ja allerlei Zeug darin; in Deiner Hölle hast Du so manches aufgespeichert; bist doch ein Meister in solchen Kompositionen!--Kreiere, braue, zeuge, mische 'was zusammen!--
MARIA. Es muß allerdings sehr verlockend sein.--Womöglich was Frauenzimmerartiges.
CHRISTUS. Ja, sehr verlockend sein.
TEUFEL (_mit einem Gedanken beschäftigt_). Lüstern und zerstörend soll es zugleich sein, sagt Ihr?--Und doch die Seele nicht definitiv zerstörend?
ALLE DREI (_zugleich und untereinander_). Lüstern--zerstörend--verlockend--giftig--wollüstig--grausam--Hirn und Adern verbrennend--.
GOTT VATER. Aber nicht die Seele!--Wegen der Zerknirschung!--Wegen der Verzweiflung!--
TEUFEL (_seinen Gedankengang plötzlich beendend_). Halt, da hab' ich 'was!--Will mal mit der Herodias reden!--Halblaut für sich. Lüstern und zerstörend zugleich!--Laut. Ich bring' etwas!--
MARIA. Gott sei Dank!
TEUFEL (_sich zum Gehen wendend_). Ich glaub', ich hab's!
GOTT VATER. Bravo! Bravo!
MARIA. Bravo! Bravo!
CHRISTUS. Bravo! Bravo!
ALLE DREI (_sich freudig erhebend, soweit es geht; leise in die Hände schlagend_). Bravo, Teufel, bravo! Bravissimo!
TEUFEL (_sich empfehlend und im Abgehen ein Schnippchen schlagend_). Ich komm' bald wieder! (Ab.)-- Draußen, wie er die Thüre öffnet, erblickt er einige jüngere Engel, die gelauscht haben. Er packt den Nächsten beim Flügel, und zaust ihn tüchtig. Dieser läuft, mit den andern, unter schrecklichem Geschrei davon.--Der Teufel, sieht man, öffnet draußen eine Falltür, durch die er hinabsteigt, und die er hinter sich schließt. (_Die drei Gottheiten verschwinden bei der folgenden Verwandlung in die rechten Seiten-Coulissen._)
Zweite Szene (Verwandlung.)
_Das Himmels-Kabinett steigt langsam nach oben; die Szene wird dunkler, und macht einem tonnenartigen, nach unten sich verlängernden, düsteren, mit grauen Quadern ausgemauerten Tunnel Platz, der sich wie das Innere eines Turmes oder Ziehbrunnens scheinbar bis ins Unendliche nach abwärts erstreckt, und an dessen hinterem Ende eine morsche, verbarrikadierte, vielfach ausgebesserte Holzstiege sich befindet. Auf dieser sieht man bald darauf den Teufel nicht ohne Mühe, ächzend, sich am Geländer fest einhaltend, hinabsteigen, während die gleichzeitig nach oben rückende Szene ihn im Auge behalten läßt. Phantastische Vögel und Ungeheuer, die teils auf Stangen sitzen, teils in Hohlräumen des Mauerwerks lagern, pfauchen und krächzen ihm mit heiserem Ruf ihren Gruß entgegen.--Nach einiger Zeit mündet dieser brunnenartige Gang in einen größeren, finsteren, kellerartigen Raum, der durch ein traniges Öllicht nur teilweise erhellt ist und in dem zunächst nichts weiter zu erkennen ist als ein aus Binsen und Flechtwerk roh zurechtgerichtetes Lager rechts im Vordergrund. Die Öllampe ist auf der andern Seite und mehr im Hintergrund. Der Teufel, der müde und humpelnd angekommen, geht einige Schritte seufzend hin und her, geht dann nach hinten; man hört eine schwere Truhe aufschlagen; er entledigt sich seines engen, schwarzen Gewandes, das er säuberlich in einen der Kasten legt, um in einem aus Tierfellen zusammengeflickten, warmhaltenden Flaus bald darauf nach vorn zu kommen. Er ächzt wiederum erst einige Schritte hin und her, wie nicht wissend, wohin er sich wenden solle, und setzt sich endlich quer auf sein Binsenlager, zieht die Füße an und vergräbt die Hände tief in das Wollhaar des Kopfes, Stirn und oberen Teil des Gesichtes auf diese Weise verdeckend._
TEUFEL (_mit sich redend_). Da hockst du nun, Hund, wieder allein, und heimgekehrt zu dir; weltverlassen und verachtet; zurückgekehrt von der Audienz; Ahnenloser Geselle ohne Respekt und Reputation; und hast wieder einmal gesehen die goldausgelegten Gemächer der Hohen und Vornehmen. Und du bist immer und bleibst der Lump, der Spitzbub, der krumme Kerl. Und die da droben, die dürfen tun, was sie wollen, es mag noch so platt, niedrig oder gemein sein, es ist immer edel und vornehm, weil es in den Gemächern des Nobeltums passiert. Und du magst tun, was du willst--und wenn du mit dem Kopfe dich bis zum andern Ende der Erde wühltest,--es ist immer niedrig und gemein und schuftig.--(Pause; überlegt). Wenn du ein Graf wärest, dann wäre auch dein krummes Bein gräflich. Und wenn du nur ein Thürsteher da droben wärest, dann wären auch dein Kopf und deine Gedanken himmlisch und engelhaft, wie dein Kleid, das du dann trügest. Aber so bist und bleibst du ein Hund!--Nur wenn du für sie was tun sollst, was sie selbst nicht können, oder was für sie zu schmutzig ist, dann lächeln sie dir und sagen: "Mein Freund! Mein Freund!" Aber wenn die Audienz vorbei, mußt du wieder herunter in Staub und Kot, und dann heißt's "Pfui Deifel! Pfui Deifel!"--Und so bist du ein erdgeborener, gebückter und verzerrter Kerl dein Leben lang, und humpelst herum mit deinem Fuß, und frissest Ärger und Grimm in dich hinein!-- --