Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen
Part 2
ERSTER ENGEL. Und in die Seite hinein!
ZWEITER ENGEL. Und von der Stirn unter den Haaren herab fließen Blutstropfen!
DRITTER ENGEL (_der mit wachsender Bewunderung zugehört_). Aber er lebt?
ERSTER UND ZWEITER ENGEL. Er lebt!
_Man hört draußen das Sich-Nahen eines Zuges. Eine Schar junger, mädchenhafter Engel stürzt voraus._
ERSTER UND ZWEITER ENGEL. Der Mann kommt!
DRITTER ENGEL (_leise repetierend_). Der Mann kommt. (_Sie Treten etwas zurück, um Platz zu machen_.)
DIE VORAUSEILENDEN ENGEL (_zwitschernd, kichernd_). Der Mann! Der Mann!
_Christus, mit gestreckten, nach vorn übereinandergeschlagenen Armen (Ecce-homo-Stellung), kommt im weißen Talar mit übergeschlagenem Purpur-Mantel, als König der Juden, gesenkten Kopfes und mit tief-trauriger Miene skandierten Schrittes herein, umgeben von meist älteren Engeln, die Kreuz- und Marterwerkzeuge tragen; in seinem Gefolge Apostel, Märtyrer, Maria Magdalena, Klageweiber. Er ist sehr jugendlich, blaß mit dunklen Haaren, leichtem Flaumbart, eine hoch aufgeschossene, ätherische Erscheinung; auch das Gefolge hat den Charakter tiefster Niedergeschlagenheit und Hinfälligkeit. Die jüngeren Engel drängen sich mit feurigen Blicken um ihn, suchen seinen Gewandsaum zu berühren. Er begibt sich, gleichgültig von Gott Vater beobachtet und gänzlich unbeachtet von Maria, selbst in seiner Passivität von niemandem Notiz nehmend, zu einem für ihn inzwischen aufgeschlagenen, etwas abseits von den andern stehenden Thron, der die primitive Gestalt eines jüdischen Lehrstuhls hat. Dort läßt er sich, seine Ecce-homo-Stellung beibehaltend, in großer Apathie nieder, während sich sein Gefolge um ihn gruppiert._
_Nachdem alles sich versammelt und die Engels-Gruppen in der Front von den drei Thronen, wo sie den ganzen Vordergrund einnehmen, sich kniend niedergelassen._
GOTT VATER (_feierlich mit tiefem Pathos_). Sind Wir alle versammelt?--
_Im nächsten Augenblick fährt ein feuriger Streifen pfeifend wie eine Rakete oben am Gewölbe quer durch den Saal, in der Ferne klirrend verhallend: der Heilige Geist.--Alles blickt mit feierlicher Geste, die Engel die Hände auseinanderspreitend, nach oben; nur Maria schaut, den Kopf nachlässig auf die linke Thronlehne gestützt, gleichgültig vor sich hin; während Christus, die Arme über der Brust kreuzend, das Haupt noch tiefer senkt und so längere Zeit in tiefer Zerknirschung verweilt._
GOTT VATER (_nach einer Pause, während der alle in die frühere Stellung zurückkehren_). Wir haben Euch hieher berufen, um Euren Rat in einer schweren, entsetzlichen Sache zu vernehmen.--Die Menschen haben sich, meine Gebote mißachtend, in götzendienerischer, selbst-zerstörender Weise den schrecklichsten Ausschweifungen, den fürchterlichsten Greueln hingegeben. In einer Stadt--in Asien--in--in--wo war es nur gleich?...
CHERUBIM (_in nächster Nähe von Gott Vater mit emporgefalteten Händen_). In Neapel, heiligster Vater.--
GOTT VATER (_sich erinnernd_). In Neapel haben sie unter gänzlicher Verschiebung der die Scham garantierenden Kleider sich wie Tiere, mit rücksichtsloser Verachtung der für die fleischlichen Instinkte gesetzten Schranken und Vorbehalte, vermischt, und so den göttlichen Zorn....
MARIA (_einfallend, leichthin_). Ach ja, ich hab' davon gehört.
GOTT VATER (_erstaunt aufhorchend_). Wie? Was ist das?
MARIA (_wie oben_). Ja, ich kenne die Affäre. Der Bote war zuerst bei mir ... (hält sich plötzlich den Mund zu, als wolle sie's zurücknehmen).
GOTT VATER (_blaß vor Zorn, will auffahren, sucht den Boten unter den Versammelten, blickt dann wieder schnaubend zu Maria hinüber_).
CHERUBIM (_mit stummer Geberde, bittet den Alten, sich zu bemeistern und hält unverwandt in seinem Bitten an_).
GOTT VATER (_schluckt es hinunter, bitter_). ... Dann seid Ihr alle orientiert. Kämpft noch längere Zeit mit seiner Erregung.--Die schrecklichste Strafe haben Wir bei Uns beschlossen....
MARIA (_dazwischenfahrend_). Das Gesindel wird nie besser.
CHRISTUS (_blickt matt auf, mit schwindsüchtiger Stimme und gläsernem Aug', nachlallend_). Nein,--das--Gesindel wird nie besser.
DIE ENGEL (_unter sich, sich anstoßend_). Der Mann! Der Mann!--
MARIA MAGDALENA (_bitter_). Was haben sie denn getan?
MARIA (_kurz_). Ich sag' Dir's nachher! Koschonerien, wie gewöhnlich.
GOTT VATER (_erbost_). Wir wollen sie verderben!
CHRISTUS (_wie oben_). Ja, ja,--wir wollen sie verderben!
CHORUS DER APOSTEL, MÄRTYRER, ENGEL (_bedauernd_). Ah!--Ah!--
CHRISTUS (_nicht orientiert_). Hä?
MARIA (_kurz, imperatorisch_). Nein, nein! Das geht nicht! Wir müssen sie doch haben.
CHRISTUS (_nachsprechend_). Ja,--ja,--wir müssen sie haben.
GOTT VATER (_sich in der Minorität fühlend, zornig_). Müssen wir sie haben?--Ich will sie ausrotten, diese Scheusale.--Will--will--will wieder eine schöne Erde haben mit Tieren im Walde....
MARIA (_spöttisch_). Wenn wir Tiere haben, müssen wir Menschen auch haben.
MARIA MAGDALENA (_teilnahmsvoll_). Die Sünde dient zur Läuterung.
GOTT VATER. Sie fressen die Sünde wie süßen Kuchen, bis sie platzen, bis sie faulen.
MARIA (_trocken_). Die Begattung müssen wir ihnen schließlich lassen.--Ein Stückchen Wollust muß man ihnen gönnen--sonst hängen sie sich am nächsten Baum auf. (_Der Alte schaut immer zorniger, sprühender herüber_.) Bei der Nacht! Bei der Nacht!--Im Frühjahr!--Zu gewissen Zeiten!--Wenn der Mond scheint!--Mit Maß und Ziel!...
GOTT VATER (_immer zorniger_). Ich will sie erschlagen wie zwei geile Hunde--in ihrem schönsten Rausch!... (_Große Bewegung in der Versammlung. Die jüngeren Engel blicken sich staunend an._)
MARIA (_trocken_). Wer macht dann die Menschen?
_Während die Apostel sich eifrig unterhalten und eine peinliche Empfindung durch den ganzen Saal geht, starrt der Alte mit glühendem Kopfe schwer keuchend vor sich hin; er wird immer dunkler im Gesicht, kollert und rasselt; ein Erstickungsanfall scheint im Anzuge zu sein; er fuchtelt mit den Armen herum; wirft Decken und Krücken von sich; stöhnt und brüllt; man eilt ihm zu Hilfe; bringt Spuckschale, Flaschen und ätherische Flüssigkeit; Maria ist besorgt aufgesprungen; Christus, vor Schwäche sitzen bleibend, blickt mit lechzenden, glasigen Augen herüber; große Verwirrung. Der Alte weist aber alle Hilfe und Unterstützung mit wilder Gebärde von sich, nimmt alle Kraft zusammen und brüllt mit furchtbarer Anstrengung._
GOTT VATER. Ich will sie zerschmeißen--zertreten--im Mörser meines Zornes--zerschmettern. (_ist im Begriffe, sich zu erheben und zu einem allmächtigen, unwiderruflichen, mit der Tat identischen Schlag auszuholen_).
CHERUBIM (_stürzt in diesem Moment hervor, wirft sich vor dem Alten hin, mit flehender Stimme_). Heiligster, göttlichster Vater, morgen ist Ostern!--Drunten essen sie das Passah-Mahl!
CHOR DER APOSTEL, MÄRTYRER, ÄLTEREN ENGEL (_einfallend_). Sie essen das Passah-Mahl.
GOTT VATER (_der innegehalten_). Was essen sie?--
CHERUBIM UND DIE ANDERN. Sie essen das Passah-Mahl!
GOTT VATER (_blickt verwundert um sich_). Das Passah-Mahl essen sie?
CHOR DER APOSTEL. Sie essen das Osterlamm!
CHERUBIM. Sie essen das Abendmahl?
GOTT VATER (_sich besinnend_). Das Abendmahl?
CHERUBIM. Sie essen das Fleisch und Blut Christi!
GOTT VATER (_etwas wärmer_). Mein Sohn, sie essen Dich!
CHRISTUS (_mit matter Stimme_). Ja, sie essen mich.
MARIA (_mit gemachter Zärtlichkeit_). Mein lieber Sohn, den ich in meinem Leibe getragen habe!
CHRISTUS (_kindlich_). Den Du in Deinem Leibe getragen hast.
GOTT VATER (_mechanisch_). Den sie in ihrem Leibe getragen hat.
DIE JÜNGEREN ENGEL (_unter sich flüsternd_). Der Mann!--Der Mann!--
MARIA (_wie oben_). Dich essen sie!
CHRISTUS (_wie oben_). Mich essen sie.
GOTT VATER (_wie oben_). Ihn essen sie.
CHRISTUS (_auffahrend_). Ja, und trotzdem werden Wir da heroben immer elender und schwächer!--Es ist entsetzlich! Hüstelt. Mich essen sie, und werden wieder gesund und sündenfrei. Und Wir gehen immer mehr zu Grund. Erst fressen sie sich drunten mit Sünden voll, bis zum Platzen, und dann genießen sie mich, und gedeihen, und werden sündenfrei, und dick und fett; und Wir werden mager und elend. Ah! diese vermaledeite Rolle! Ich möchte einmal den Spieß umkehren und mich satt essen, und sie darben lassen! (_Bricht in einen schwindsüchtigen Husten aus_).
MARIA (_aufspringend und zu ihm hineilend, besorgt_). Mein Gott, mein Sohn, vergiß nicht, Du bist unverletzlich, göttlich, unaufzehrbar, in alle Ewigkeit derselbe! Legt sein Haupt an ihre Brust und liebkost ihn.
CHRISTUS (_schluchzt heftig an der Brust Marias_).
DIE JÜNGEREN ENGEL (_unter sich flüsternd_). Der Mann! Der Mann!
GOTT VATER (_nach einer Pause, viel ruhiger geworden, zu Cherubim_). Wer feiert denn da drunten jetzt alles Passah-Mahl?
CHERUBIM (_einfallend_). Die Christen, heiliger Vater. Deine Gläubigen, göttlicher Meister; Deine Kinder, die auf Dich hoffen; die Frommen, die Katholischen, die alleinseligmachende Kirche, Deine Priester, die Bischöfe, der Papst!
GOTT VATER (_gernglaubend, freundlich_). So!--Das wollen Wir doch einmal ansehen!
MARIA (_glücklich, daß ein Ausweg gefunden_). Ja, das wollen wir uns einmal ansehen! Zu Christus. Komm, mein Sohn, wir wollen uns das einmal ansehen, das wird Dich zerstreuen!
_Große Erleichterung in der ganzen Versammlung; die kompakten Gruppen lösen sich auf; jüngere Engel verlassen den Saal; dienstbare Geister machen sich an den Thronen zu schaffen, um alles wieder in prächtige, geschmückte Ordnung zu bringen; alles medizinische Gerät wird entfernt; dafür werden eigentümliche große Dreifüße während des Folgenden hereingebracht; die Gruppen der Apostel, Märtyrer, Engel, Barmherzigen Schwestern entfernen sich in feierlicher Ordnung; so daß zuletzt nur die drei Gottheiten, der Cherubim und einige ältere Engel zurückbleiben._
GOTT VATER (_der bequem auf seinem Thron in halbliegender Stellung gebettet ist, in tief-sonorem, feierlichem Ton_). Bringt Uns die Räucherbecken und Kohlenpfannen und erzeuget in Uns Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit!--
_Die Dreifüße werden in die Mitte des Saales gestellt, mit einer braunen Droge, gemischt mit Sandelholz, beschickt, und dann angezündet; die Thüren werden geschlossen; die dienstbaren Engel entfernen sich, als letzter der Cherubim. Man sieht die drei Gottheiten, während sich die Dampfwolken verbreiten, langsam zurücksinken und die Augen schließen. Während dem fällt der Vorhang._
Zweiter Aufzug[1]
Erste Szene
Ein Prunksaal im päpstlichen Palast in Rom, den im Hintergrunde Arkaden mit darüber befindlicher Galerie im Rundbogenstil abschließen; der Saal ist rückwärts als an die Privatkapelle des Papstes stoßend gedacht, mit der eine Kommunikation von der hohen Galerie aus durch Öffnen der daselbst befindlichen Fenster möglich ist, derart, daß die Galerie mit dem Sänger-Chor der Kapelle etwa in gleicher Höhe liegend ist.--Die ganze linke Seite (von der Bühne aus) nehmen der Papst mit seiner Familie, der päpstliche Hofstaat und die tafelnden Gäste ein, wo reich-besetzte Tische mit kostbarem Service und hellen, auffallend hohen, dreiarmigen Kandelabern zu sehen sind. Die ganze Mitte und rechte Seite, mit Ausnahme einiger zu äußerst rechts sich bildender unterhaltender Gruppen, bleibt frei für die späteren Evolutionen und Maskeraden.--Es ist gegen Abend und der erste Ostertag 1495; die Speisen werden eben abgetragen. Der Papst ist in dem bequemen, wenig auffälligen Kostüm eines Hausprälaten (violett mit Sammet) gekleidet und trägt ein rundes Sammetkäppchen; alle übrigen in reichen Kostümen.--Glänzende Dienerschaft; fortwährendes Hin- und Hergehen; rege Unterhaltung; wiederholtes Gelächter; im Hintergrund unter den Arkaden eine Musik; die Galerie mit Zuschauern, Leuten aus dem Volk besetzt; die Gruppen im Saal bilden sich, tauschen Neuigkeiten aus, und zerstreuen sich wieder.--Außer dem Papst (RODRIGO BORGIA, Alexander VI.), einem Sechziger, seine neun Kinder GIROLAMA, ISABELLA, PIER LUIGI, DON GIOVANNI (Graf von Celano), CESARE, DON GIOFFRE, LUCREZIA, fünfzehnjährig, blond, heiter und kindlich, LAURA und DON GIOVANNI BORGIA, ein Knabe; seine Schwiegertöchter und Schwiegersöhne, darunter DONNA SANCIA, Gemahlin Don Gioffres; seine Neffen und Verwandten, darunter COLLERANDO BORGIA, Almosenier, Bischof von Coria und Monreale, FRANCESCO BORGIA, Erzbischof von Cosenza, Schatzmeister des Papstes, LUIGI PIETRO BORGIA, Kardinal-Diakon von Santa Maria, RODRIGO BORGIA, Kapitän der päpstlichen Garde; seine Vertrauten, darunter GIOVANNI LOPEZ, Bischof von Perugia, PIETRO CARANZA, Geheimkämmerer, GIOVANNI VERA DA ERCILLA und REMOLINA DA ILERDA, Mitglieder des heiligen Kollegiums, JUAN MARADES, Bischof von Toul, Geheimer Intendant; des Papstes zwei Mätressen, die frühere, VANOZZA, 53 jährig; die jetzige, JULIA FARNESE, 21 jährig; diese mit ihrem Gemahl ORSINI und ihrem Bruder, dem Kardinal ALESSANDRO FARNESE; seine Vertraute ADRIANA MILA, Erzieherin seiner Kinder; BURCARD, Zeremonienmeister des Papstes; Erzbischöfe, Bischöfe, Kardinäle, päpstliche Würdenträger, römische Damen, Soldaten und Dienerschaft, Leute aus dem Volke, später Courtisanen und Schauspieler.
DON GIOFFRE. Hat dieser Spanier heute nicht wieder langweilig gepredigt?
DER PAPST. Schrecklich, es war nicht zum Anhören.
DONNA SANCIA (_zu Lucrezia_). Ich habe Dir immer Zeichen hinübergemacht, aber Du hast mich nicht verstanden.
LUCREZIA (_schläfrig_). Ach, Pietro hat mich doch immer mit dem Fuß gestoßen.
DON GIOFFRE. Der Spanier hat Seine Heiligkeit auch nicht verstanden; er predigte immer zu; und Seine Heiligkeit gaben doch deutliche Zeichen der Unzufriedenheit.
DER PAPST. Er kommt aus Valencia; die Kerle sind dort so bocksteif; wenn Einer anfängt, hört er nimmer auf; jede Empfindung wird eine Rakete, jedes Wort ein Knüppel. (Gelächter).
FRANCESCO BORGIA, der Bischof. Aber ehrlich Mühe hat er sich gegeben.
DER PAPST. Ehrlichkeit ist immer eine Ungeschicklichkeit.
DON GIOFFRE. Und das Volk glotzte herauf, wie mit Geisteraugen, wütend, besessen, verschlingend.
DON GIOVANNI. Weil Donna Sancia immer wisperte und kicherte.
DONNA SANCIA. Nein, weil Lucrezia immer Confetti aß.
LUCREZIA. Nein, weil Laura eingeschlafen war und schnarchte.
DON GIOFFRE. Ich glaube die Perlen der schönen Farnese stachen ihm in die Augen.
FRANCESCO BORGIA, der Bischof. Konnte das Volk das alles sehen?
LUCREZIA. Wir saßen doch alle oben im Chor, rechts und links vom Altar.
DER PAPST. Nein, Kinder, das ist es nicht! Ihr dürft lachen und scherzen, Perlen tragen und Confetti essen. Aber ich sah einige _Dominikaner_ unter ihnen sitzen; es sind Florentiner von San Marco, Schüler des Savonarola, dieses Ruhestörers. Sie wiegeln mir das Volk auf, und schwatzen, und machen geisterhafte Augen....
DON GIOFFRE. Warum, entfernt man die Tagediebe nicht?
FRANCESCO BORGIA. Sie sind in Mission hier. Sie konferieren mit ihrem General.
DON GIOVANNI. Oho, sind wir hier auch schon so weit, daß man den Frauen Schmuck vom Körper reißt, auf einen Haufen wirft und verbrennt?
DON GIOFFRE. Wird sich Eure Heiligkeit noch länger von dem Florentiner Narren Gesetze diktieren lassen?
DER PAPST (_zwinkernd_). Wir luden ihn ein.--Er kommt nicht.
DON GIOVANNI. Wie, er weigert den Gehorsam?
DER PAPST. Der Medizäer schützt ihn.--Lorenzo ist bußfertig geworden, er fragt täglich bei Savonarola an, ob er noch Aussicht habe, in den Himmel zu kommen.
LUCREZIA. Wer ist Savonarola, santo papa?
DER PAPST. Er erlaubt Euch nicht, Confetti zu essen und Perlen zu tragen. (_Gelächter_.)
DON GIOFFRE. Gibt es kein Mittel...? Haben wir kein Kirchengift mehr?
CESARE (_finster, trocken_). Später!--
_Eine Gruppe Edelleute zu äußerst rechts (von der Bühne aus)_.
ERSTER EDELMANN (_flüsternd_). Ihr wißt, man fand heute nacht den Herzog von Bisaglie im Tiber?
ZWEITER EDELMANN. Ja, er ist ertrunken.
DRITTER EDELMANN. Ja, und mit drei schweren Wunden dazu!
ERSTER EDELMANN. Er soll schwer betrunken nachts den Vatikan verlassen haben....
DRITTER EDELMANN. Es ist gegenwärtig immer gefährlich, nachts den Vatikan zu verlassen, einerlei in welchem Zustand ... besonders, wenn man der Gemahl der schönen Lucrezia ist.
ZWEITER EDELMANN. Ihr meint...?
DRITTER EDELMANN. Ich meine, daß der Herzog von Bisaglie gestern abend in Gegenwart seiner Gemahlin Lucrezia und ihres Bruders Don Cesar erdrosselt wurde.--
_Erster und zweiter Edelmann fahren auseinander_.
ZWEITER EDELMANN. Aber die tiefen Wunden?
DRITTER EDELMANN. Rühren von einem Überfall her, den vor vier Wochen eine Bande Maskierter auf ihn am Petersplatz machte, und von denen der Herzog die Unverschämtheit hatte, genesen zu wollen.
_Beide erschrecken aufs neue_.
ERSTER EDELMANN. Aber seht Lucrezia; sie ist heiter, wie am Hochzeitstag.
DRITTER EDELMANN. Sie ist ein Kind! Seine Heiligkeit machte sie diesen Morgen zur Fürstin von Nepi und schickte ihr einen großen Korb mit Confetti.
ZWEITER EDELMANN. Und weiß der Papst von dem Sachverhalt?
DRITTER EDELMANN. Alexander VI. weiß nichts; Rodrigo Borgia weiß alles.
ERSTER EDELMANN. Und was wird er tun?
DRITTER EDELMANN. Er wird eine Seelenmesse für den in den Tiber gefallenen Herzog lesen, und den Fürsten von Ferrara benachrichtigen, daß Lucrezia frei ist.--
_Vom Hintergrund her ertönt eine Tanzweise. Die drei Edelleute gehen auseinander. Man sieht im Hintergrunde Paare tanzen. Die Tafel ist inzwischen abgeräumt und hinausgetragen worden. Die ganze Gesellschaft setzt und lagert sich auf Taburetts und Kissen. Der Platz in der Mitte ist nun noch größer geworden. Die Gruppen bleiben nicht unbeweglich. Man steht auf, geht zu andern, plauscht, trinkt und nippt von den dargebotenen Süßigkeiten, und kehrt auf seinen Platz zurück. Von den tanzenden Paaren haben inzwischen einige pausiert. Einige der Damen kommen erhitzt und glühend nach vorn. Der Papst nimmt einem der Diener einen Korb Confetti ab und wirft von denselben den Damen in den Busen. Heiteres Gelächter unten und von der Galerie herab. Das Musikstück hat aufgehört._
DER PAPST. Wo stecken unsere Buffoni!--Laßt sie herein!--Und Wir, Wir lassen uns hier nieder Nach links weisend, wo die Plätze sich befinden; zu Lucrezia. Komm, mein Kindchen!
_Pulcinello tritt auf mit Colombina und seinem Gefolge. Sie führen ein mimisches Spiel auf. Pulcinello im weißen Puderkostüm mit Ledergurt, Halskrause, Tüten-Mütze und schwarzer Halbmaske, die Pritsche in der Hand, apostrophiert erst mit tiefen Verbeugungen, Grimassierungen und Verdrehungen das Publikum; währenddem sucht er sich plötzlich zu erdrosseln, hält die Hände so, als wenn es fremde wären, ächzt und stöhnt und will sterben. Colombina kommt von hinten vor, erschrickt scheinbar, kann es nicht sehen und hält die Hände vors Gesicht. Der Papst versteht die Anspielung und droht mit dem Finger. Darauf lassen sie ab, und das eigentliche Spiel beginnt in dem Sinne, daß Colombina, die junge Frau des alten Pantalone, von Pulcinello entführt und der Ehemann betrogen wird. Wiederholtes Gelächter während des Spiels und lebhafte Unterhaltung._
DER PAPST (_während des Spiels zu Lucrezia, die zu seinen Füßen auf einem Kissen Platz genommen, schmeichelnd_). Mein Herzchen, Du hättest eigentlich heute einen Trauertag; Dein schöner Herzog ist so plötzlich gestorben.
LUCREZIA (_kindlich_). Ach ja, er ist in den Tiber gefallen.
DER PAPST (_bedauernd_). Du hast ihn wohl gern gehabt?
LUCREZIA (_wie oben_). Ach ja, recht sehr!
DER PAPST. Sei nur zufrieden, wir haben schon wieder einen neuen für Dich!
LUCREZIA (_lebhaft_). So schön wie mein Herzog?
DER PAPST. Schöner noch, mein Kätzchen.
_Während im Spiel Colombina und Pulcinello sich hinter Pantalone laut küssen, und dieser, sich plötzlich umkehrend, eine Ladung weißen Puders im Gesicht empfängt, und unbeholfen hin- und hertaumelt, was von allen Seiten mit lautem Gelächter begrüßt wird, tritt der Zeremonienmeister._
BURCARD (_auf den Papst zu_). Eure Heiligkeit, die Vesper hat in der Kapelle begonnen; die Kirche ist gedrängt voll und das Volk erwartet am Ostertag Euren Segen!
DER PAPST. Wir wollen das Spiel sehen; auch hat Uns der Tod Unseres lieben Schwiegersohns zu plötzlich erschüttert.--Man öffne (_auf die Galerie weisend_) dort die Fenster, und sage dem Volke, daß ich von der Loggia dort der Vesper beiwohne. Der Zeremonienmeister ab.
_Gleich darauf sieht man oben die Fenster zwischen den Rundbögen der Galerie, wo das Volk steht, rückwärts vom Innern der Kirche aus sich öffnen, so daß man einen Einblick auf Fries, Gebälk, Statuen und angezündete Kronleuchter erhält.--Während dem nimmt das Spiel seinen Fortgang. Wie Pulcinello mit der Pritsche dem verwirrt hin- und herlaufenden Pantalone nacheilt und auf ihn losschlägt, und Colombina, sich versteckend, hinter Pulcinello drein eilt, hört man plötzlich aus den Fenstern über der Galerie in wehmütig-schmerzlichem Ton ein mehrstimmiges Graduale singen._
CHOR. De profundis clamavi ad te Domine; Domine exaudi vocem meam; Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae; Si iniquitates observaveris Domine, quis sustinebit? Speravit anima mea in Domino; A custodia matutina usque ad noctem; quia apud Dominum misericordia et copiosa apud eum redemptio. Et ipse rediniet nos ex omnibus iniquitatibus nostris[2].
_Schon bei den ersten Tönen ist das Volk oben auf der Galerie scheu von den Fenstern zurückgewichen, und hat sich, sich bekreuzend, halb gegen das Innere der Kirche gewendet. Unten sieht man, mehr gegen den Hintergrund, einige Gesichter und verlegene Mienen. Aber der Papst mit seiner Familie bleibt heiter und das Spiel nimmt, wenn auch etwas gezwungen, seinen Fortgang._
_Kurz nach dem Graduale geht auch das Spiel zu Ende. Der Papst gibt der Musik ein Zeichen, und diese beginnt ein neues Musikstück, zu dem im Hintergrund die Paare tanzen. Pulcinello und seine Truppe verabschieden sich unter tiefen und grotesken Bücklingen. Man wirft ihnen Goldstücke zu. Der Papst winkt Colombina zu sich hin, der er die Backen streichelt und ihr ein besonderes Geldgeschenk in die Hand drückt, worauf sie sich mit einem Handkuß verabschiedet._
DER PAPST (_nachdem die Musik geendet, klatscht in die Hände_). Wo sind unsre Schönen?
_Auf dies Zeichen öffnet sich im Hintergrund der Galerie ein Vorhang und zwölf Courtisanen von auserlesener Schönheit betreten, durch leichte, durchsichtige Gewänder verhüllt, den Saal, und nehmen rechts im Vordergrund Aufstellung; der Papst mit den Herren und Damen seiner Umgebung gehen auf sie zu, mustern sie, und bewillkommnen sie unter scherzenden Redensarten._
DER PAPST (_nachdem er sie alle gemustert, erstaunt_). Wo ist die Pignaccia?[3]
EINES DER MÄDCHEN nachdem (_erst alle verlegen geschwiegen_). Sie ist zu Karl[4] nach Neapel.
DER PAPST. Wie? Geht Ihr auch zu Unsern Feinden über?
_Der Papst mit seinem Gefolge zieht sich wieder nach links zurück, wo es sich, wie früher, auf Taburetts und Kissen gruppiert; Lucrezia auf dem Schoß ihres Vaters, von diesem geschmeichelt; Diener stellen die großen, dreiarmigen, helles Licht verbreitenden Kandelaber, die früher auf der Tafel stunden, in die Mitte des Saales auf den Boden. Auf ein Zeichen durch Klatschen in die Hände werfen die Mädchen die Gewänder ab; päpstliche Diener, hinter den Herrschaften stehend, werfen aus Körben über die Köpfe der Zuschauer hinweg Kastanien in die Mitte des Saales, auf die sich die Mädchen stürzen und sich um sie raufen. Helles Gelächter. Es bildet sich ein Kreis um die auf dem Boden kämpfenden Mädchen. Auch von der Galerie, wo sich inzwischen das Volk wieder zusammengedrängt hat, erschallt lautes Gelächter. Sobald eine Ration Kastanien aufgelesen ist, welche die Courtisanen nach rechts neben ihre Gewänder sorgfältig auf einen Haufen legen, werden neue Kastanien aufgeworfen und der gleiche Kampf beginnt von neuem.--Eines der Mädchen, dessen Haare alle aufgelöst sind, kommt einem der Kandelaber zu nahe und fängt Feuer. Der Papst springt auf--während Lucrezia zu Boden gleitet--und erstickt das Feuer mit seinen Gewändern._