Das Liebeskonzil: Eine Himmels-Tragödie in fünf Aufzügen
Part 1
Das Liebeskonzil
Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen
von
Oskar Panizza
Zürich
Verlags-Magazin (T. Schabelth)
1895
Dem Andenken
Gutten's.
"Es ist got gefellig gewesen in unsern tagen kranckheiten zu senden (als wol zu achten ist) die unsern vorfaren unbekant seint gewesen. Da bey haben gesagt die der heiligen geschrift obligen, das die blatteren uß gotz zorn kumen seint, und got damit unsere bösen berden straffe und peynige."
Ulrichen von Hutten, eins teutschen Ritters Von den Frantzosen oder blatteren 1519.
"Dic Dea, quae causae nobis post saecula tanta Insolitam peperere luem?..." Fracastoro, Syphilis sive de morbo Gallico 1509.
Personen.
Gott Vater Christus Maria Der Teufel Das Weib Ein Cherubim Erster Engel Zweiter Engel Dritter Engel Helena } Phryne } Héloise } Gestalten aus dem Totenreich Agrippina } Salome } Rodrigo Borgia, Alexander VI., Papst Girolama Borgia, vermählt mit Cesarini (Mutter unbekannt) } Isabella Borgia, vermählt mit Matuzzi (Mutter unbekannt) } Pier Luigi Borgia, Herzog von Gandia(von der Vanozza) } Don Giovanni Borgia, Graf von Celano(v. d. Vanozza) } Kinder des Cesare Borgia, Herzog von Romagna(v. d. Vanozza) } Papstes Don Gioffre Borgia, Graf von Cariati(v. d. Vanozza) } Donna Lucrezia Borgia, Herzogin von Bisaglie (v. d. Vanozza)} Laura Borgia, noch minderjährig. Giovanni Borgia, noch minderjährig (von Julia Farnese, vermählte Orsini). Die Vanozza } Mätressen des Papstes Julia Farnese, vermählt mit Orsini } Alessandro Farnese, ihr Bruder, Kardinal. Donna Sancia, Schwiegertochter des Papstes, vermählt mit Don Gioffre. Adriana Mila, Vertraute des Papstes, Erzieherin seiner Kinder. Francesco Borgia, Erzbischof von Cosenza } Luigi Pietro Borgia, Kardinal-Diakon } Neffen des Papstes Collerando Borgia, Bischof von Monreale } Rodrigo Borgia, Kapitän der päpstlichen Garde } Giovanni Lopez, Bischof von Perugia } Pietro Caranza, Geheimkämmerer } Vertraute des Papstes Juan Marades, Bischof von Toul, Geheimintendant } Giovanni Vera da Ercilla, Mitglied des heiligen } Kollegiums Remolina da Ilerda, Mitglied des heiligen Kollegiums Burcard, Zeremonienmeister des Papstes. Ein Priester. Erster Edelmann. Zweiter Edelmann. Dritter Edelmann. Pulcinello, Schauspieler Colombina, Schauspieler Eine Courtisane.
Der Heilige Geist, Erzengel, ältere und jüngere Engel, Amoretten; --Maria Magdalena, Apostel, Märtyrer, Barmherzige Schwestern, ein Bote;--Tiere, Fratzen, Gestalten von Toten;--Geistliche Würdenträger, päpstliche Hofbeamte, Gesandte, römische Damen, Kavaliere, Courtisanen, Schauspieler, Sänger, Kämpfer, Soldaten, Volk.
Zeit: Frühjahr 1495, das erste historisch beglaubigte Datum vom Ausbruch der Lustseuche.
Erster Aufzug
Erste Szene
_Der Himmel; ein Thronsaal;_ DREI ENGEL _in schwanenweißen, federdaunartigen Anzügen mit enganliegenden, gamaschenähnlichen Kniehosen, Wadenstrümpfen, kurzen Amoretten-Flügeln, weißgepuderten, kurz geschnittenen Haaren, weißen Atlas-Schuhen; sie haben Flederwische in der Hand zum Abstauben._
ERSTER ENGEL. Heut steht ER wieder spät auf.
ZWEITER ENGEL. Seid froh! Dieses Gehust', dieses wasserblaue Geglotz', dieses Schleimfließen, Fluchen, Spucken den ganzen Tag--man kommt zu keinem gesunden Augenblick.
DRITTER ENGEL. Ja, es ist merkwürdig daheroben!
ERSTER ENGEL. Apropos! Ist der Thron festgemacht?
ZWEITER ENGEL. Ja, um Gottes Willen! Ist der Thron festgemacht? Er wackelte gestern.
DRITTER ENGEL. Wer wackelte gestern?
ERSTER ENGEL. Der Thron, dummes Gänschen!
DRITTER ENGEL (_verwundert_). Der Thron?--Warum wackelt der Thron?
ERSTER ENGEL. Enfin, er wackelt eben.
DRITTER ENGEL. Wie? Wackelt denn hier heroben überhaupt etwas?
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_laut auflachend_). Ha, ha, ha, ha!--
DRITTER ENGEL (_immer ernster und erstaunter_). Ja, warum wackelt der heilige Thron?
ERSTER ENGEL (_energisch_). Dummes Gänschen! Weil hier sowieso alles aus dem Leim geht und lidschäftig wird, Götter und Möbel, Franzen und Tapeten.
DRITTER ENGEL (_innerlich erbebend_). Gott, wenn das meine Mutter wüßte!
ZWEITER ENGEL (_stirnrunzelnd und höhnisch_). Deine Mutter?--Was willst Du denn mit Deiner Mutter, Fratz?
DRITTER ENGEL. Ach, sie ließ doch heute die sechzigste Seelenmesse für mich lesen!
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_mit wachsender Verwunderung_). Für Dich?!-- (_Beide laut auflachend_.) Ja wie alt bist denn Du?
DRITTER ENGEL (_sich besinnend und dann mit Pathos zitierend_.) "Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, und ein Tag wie tausend Jahre!"--
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_ihr abwinkend und sie zur Raison bringend; sehr breit_). Ja, ja, ja--is schon recht; das wissen wir schon!--Aber wie alt warst Du denn drunten?
DRITTER ENGEL (_kindlich_). Knapp vierzehn Jahre!
ERSTER ENGEL (_lachend_). Und da brauchst Du Seelenmessen?
DRITTER ENGEL (_zaghaft_). Ach, Ihr wißt ja nicht, ich bin ja gestorben!
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_noch lauter lachend_). Ha, ha, ha! Hi, Hi!--No, natürlich, sonst wärst Du ja nicht hier!--
DRITTER ENGEL (_in unverrückbarem Ernst_). Ach, Ihr wißt ja nicht, ich bin ja in Sünden gestorben!
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_aufs neue lachend_). Das auch noch!--Du armer Schlucker, was hast Du denn getan?--
DRITTER ENGEL (_stockt, schaut mit ihren starren Augen ihre Genossinnen an und faltet die Hände_).
ZWEITER ENGEL (_höhnisch_). Hast Deine Schulaufgaben nicht gelernt?--Hast Kleckse in Dein Schreibheft gemacht?
DRITTER ENGEL (_immer in ängstlich-gespannter Haltung_). Ach, mir wird so bang;--nicht wahr, Ihr sagt es nicht weiter?!--
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_sich ausschüttend vor Lachen_). Was? Da heroben; und nichts weiter sagen?!
DRITTER ENGEL (_erstaunt_). Was? Ihr wißt es schon?
ERSTER ENGEL. Nein! Aber sag's nur heraus; wir erfahren's doch!
ZWEITER ENGEL. Also frisch! Was war's?
DRITTER ENGEL. Ach, mich hat ein großer Mann--erdrückt!
ERSTER ENGEL (_betonend_). Erdrückt?
DRITTER ENGEL. Oder vergiftet!
ZWEITER ENGEL (_ebenso betonend_). Vergiftet?
DRITTER ENGEL (_naiv_). Ich weiß nicht mehr, wie die Mutter sagte.
ERSTER ENGEL (_mit wachsendem Erstaunen_). Ja, war denn die Mutter dabei?
DRITTER ENGEL (_mit glänzenden Augen erzählend_). Die war im Nebenzimmer;--aber die Thüre war halb offen;--da kam ein großer, alter Mann herein;--die Mutter hatte gesagt, ich sollte alles geschehen lassen; der Mann sei der Rektor der Schule und sei sehr streng;--und wenn ich in allem gehorsam sei;--käme ich unter die ersten;--und der große, alte Mann--
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_drängend_). Nun, der große, alte Mann...?
DRITTER ENGEL (_fortfahrend_).... war sehr stark.
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_sich gegenseitig anschauend und die Kleine imitierend_). Der große, alte Mann war sehr stark!
ZWEITER ENGEL. So steht's im Ollendorf[1] auch.
ERSTER ENGEL (_die Kleine aufrüttelnd_). Nun, was tat denn der große, alte Mann?
DRITTER ENGEL (_herausbrechend_). Er erdrückte mich und vergiftete mich, und bespie mich mit seinem heißen Atem, und wollte in meinen Leib eindringen....
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_die Hände zusammenschlagend, mit verstellter Verwunderung_). Was?--Und die Mutter kam Dir nicht zu Hilfe?
DRITTER ENGEL. Die stand an der Thürspalte und sagte immerfort: "Sei nur brav, Lilli, sei nur brav, Lilli!"
ZWEITER ENGEL. Nun, und dann?
DRITTER ENGEL. Dann lag ich schluchzend auf dem Bett.
ERSTER ENGEL. Und dann?
DRITTER ENGEL (_sich besinnend_). ... ich hörte dann noch die Mutter mit dem Manne reden....
ZWEITER ENGEL. Was sprachen sie?
DRITTER ENGEL (_sich tief besinnend_). ... ich weiß es nicht mehr;... sie waren schon im Nebenzimmer ... ich hörte noch die Zahl fünfhundert....
ERSTER ENGEL. Und dann?
DRITTER ENGEL (_sich immer länger besinnend_). ... die Mutter kam herein ... sie sagte, nun hätten sie viel Geld, und könnten lustig und vergnügt für immer leben.... Die Gedanken gehen ihm aus.
ERSTER ENGEL (_drängend_) Und dann?--
ZWEITER ENGEL (_ebenso_). Und dann? Und dann?
DRITTER ENGEL (_fast verklärt_). Dann--bin ich gestorben.
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_fahren, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, mit einem schrillen, lang anhaltenden, mädchenhaft-gilfenden Ton, wie um eine innere Erregung ausströmen zu lassen, auseinander, und wie zwei Kreisel pfeifend, in der weitesten Rundung im Saal herum; der Dritte noch immer in starr verklärter Stellung._)
ERSTER ENGEL (_nach längerem Umhersausen, atemlos_). Und da läßt Dir jetzt Deine Mutter für das viele Geld Seelenmessen lesen?!
DRITTER ENGEL. (_weinerlich ängstlich_). Ich bin ja in Sünden gestorben!
ZWEITER ENGEL (_eindringlicher_). Für die 500 Mark oder Taler oder Franken läßt Dir jetzt Deine Mutter Seelenmessen lesen?!
DRITTER ENGEL (_mißverstehend-naiv_). ... für einen Teil des Geldes.
ZWEI ÄLTERE ENGEL (_kommen schnell hereingestürzt mit dem Ruf_). ER kommt!--ER kommt!--Ist alles parat?--(_Die Drei fahren auseinander und machen sich an die Arbeit_.)
ERSTER ENGEL. Um Gottes willen, seht, ob der Thron fest ist! (_Einer der Engel macht sich am Thron zu schaffen. Andere Engel kommen inzwischen, bringen Decken, Polster, Kissen und dergl._)
ZWEITER ENGEL (_hopst auf den Thron und probiert ihn nach allen Seiten_). Alles fix!
ERSTER ENGEL (_zum dritten, der noch zu scheu ist, Hand anzulegen und verwundert dem ganzen Treiben zuschaut_). Du, davon mußt Du mir noch mehr erzählen.--Jetzt stell' Dich zu uns her!
DIE ZWEI ÄLTEREN ENGEL (_die bisher außen an der Thüre Wache gestanden haben, kommen jetzt, wie oben, eilfertig zurück, übermäßig mit den Armen fuchtelnd, und mit dem gleichen Rufe_). ER kommt!--ER kommt!--(_Man hört draußen schlappendes und schleppendes Geräusch_.)
[1] Bekannte Schulgrammatik.
Zweite Szene
DIE VORIGEN; GOTT VATER, _ein Greis im höchsten Lebensalter mit silberweißen Haaren, ebenso Bart, hellblauen wässerigen Glotzaugen, tränengefüllten Augensäcken, gebeugten Hauptes, kyphosischen Rückgrats, kommt in langem, talarartigem, mißfarbig-weißem Gewände, von zwei Cherubim rechts und links gestützt, hustend und brustrasselnd, schwerfällig tappend und nach vorn geneigt, hereingeschlappt; zwei Engel stehen am Thron und halten ihn: die übrigen stürzen auf die Knie, wenden das Gesicht zur Erde und breiten die Arme aus; hinter Gott Vater ein endloses Cortège von Engeln, Seraphim, Thürstehern, Aufwärtern, alles weiblich, oder geschlechtslos, mit teils alltäglich-gelangweilten, teils fürwitzigen, teils ängstlich-besorgten Gesichtern; sowie einige nonnenartig gekleidete Barmherzige Schwestern mit Medizinflaschen, Decken, Spucknäpfen u. drgl.--Sie geleiten Gott Vater langsam vorsichtig zum Thron, helfen ihm die zwei Stufen hinauf, indem sie unten seine Beine fassen und hinaufheben, drehen ihn dann oben um, und lassen ihn langsam auf den im ältesten byzantinischen Stil gehaltenen, mit reichem Mosaik verzierten Sitz nieder, indem zwei vorne, zwei hinten und je einer an den beiden Seiten ihn teils stützen, teils in Empfang nehmen; ein letzter Engel trägt die Krücken nach._
GOTT VATER (_sinkt mit einem verzweifelnd von sich stoßenden, lebenssatt-rauhen Exspirations-Seufzer auf den Thron nieder_). Ach!--(_Glotzt dann starr und bewegungslos, aber schweratmend, vor sich hin_.)
(_Alle Engel, auch die bis dahin gekniet gewesenen, in hastig hin- und herlaufender Bewegung_.)
CHERUBIM (_in flüsternd-drängendem Befehlston_). Die Fußbank!
EIN ENGEL (_bringt eilig das Gewünschte_). Die Fußbank!
CHERUBIM (_die Fußbank untersetzend; wie oben_). Die Wärmeflasche!
EIN ENGEL (_bringt sie_). Die Wärmeflasche.
CHERUBIM (_wie oben_). Den Fußsack!
EIN ENGEL (_eilig_). Den Fußsack.
CHERUBIM (_wie oben_). Die Steppdecke!
EIN ENGEL (_bringt sie, eilig_). Die Steppdecke.
CHERUBIM (_in drängendem Befehlston_). Die Schlummerrolle!
EIN ENGEL (_bringt sie_). Die Schlummerrolle.
CHERUBIM (_wie oben_). Den Rückenwärmer!
EIN ENGEL (_bringt ein sechsfach zusammengelegtes weiches Flanellstück_). Den Rückenwärmer!
CHERUBIM (_immer hastiger befehlend_). Die Armpolster!
EIN ENGEL (_bringt zwei Hohlkissen für die Armlehnen_). Die Armpolster.
CHERUBIM (_wie oben_). Das Foulard!
EIN ENGEL (_bringt ein kirschrotes Seidentuch_). Das Foulard.
(_Während der Cherubim das Tuch um den Hals des Greisen windet, hört man_).
GOTT VATER (_unartikuliert-rauh stöhnen und jammern_). Ach!--Ach!--Ach!--Ach!--
VERSCHIEDENE ENGEL. Wo fehlt's?--Was ist?--Helft! Helft!--Wo fehlt's?--
GOTT VATER (_mit vorgebeugtem Kopfe weiterstöhnend_). Ach!--Ach!--Ach!--Ach!--
ALLE ENGEL (_sammeln sich in großer Bestürzung um den Thron; einige knien nieder und schauen ängstlich gespannt auf Gott Vater_.) Helft!--Helft!--Wo fehlt's?--Wo fehlt's?--Göttliche Majestät, wo fehlt's?--Er stirbt uns!--Holt Maria!--Holt den Mann!--Helft!--Helft!--
GOTT VATER (_weiter stöhnend; wird engobiert im Gesicht; aus den Augensäcken rollen große Tränen infolge der Anstrengung_). Ach!--Ach!--Schu!--Schpu!--Schpu!--
EIN ENGEL (_springt auf, triumphierend, mit heller, lauter Stimme_). Die Spuckschale!
ALLE ENGEL (_aufspringend, in klirrendem Diskant, erlösend_). Die Spuckschale!!
(_Sie eilen zu einem Tisch, wo Medizinflaschen, Weinkaraffen, Bisquit-Gläser u. drgl. stehen, und bringen eine rosa-rote Kristall-Vase_).
GOTT VATER (_räuspernd, kollernd, sich abmühend, erleichtert sich endlich_).
_Ein Engel nimmt die Spuckschale zurück, trägt sie, von anderen begleitet, feierlich nach hinten; ein anderer Engel wischt dem Alten mit einem seidenen Tuch den Bart ab; dann stehen alle Anwesenden, dicht gesammelt, erwartungsvoll um Gott Vater herum.--Dieser schaut erst lange mit glasig-starren Blicken im Kreise herum, packt dann plötzlich mit zitternden Händen die Krücken, die ihm im Schoß liegen, und stößt sie mit unerwartetem Ruck und heiserem, fürchtenmachendem, fingierten Gebrüll gegen die Engel vor. "Wuh!--Wuh!--" Die Engel fahren kreischend auseinander und fliehen zu den Thüren hinaus.--Nur ein Cherubim bleibt zurück, der kniend, mit in den Händen vergrabenem Gesicht, sich vor ihm niederwirft.--Lange Pause_.--
Dritte Szene
GOTT VATER. EIN CHERUBIM; _dieser, ein geschlechtsloser Engel, gefitticht weiß, sehr schön von Angesicht, im Charakter des Antinous; kniet während der ganzen Szene_.
GOTT VATER (_nachdem er lange auf ihn herabgesehen; sehr ruhig; mit tief genommenem Bariton_). Rollt die Erde noch in ihren Sphären?--
CHERUBIM (_die Augen aufschlagend, feierlich_). Die Erde rollt in ihren Sphären!--Pause.
GOTT VATER (_wie oben_). Ist die Sonne schon aufgegangen?--
CHERUBIM (_zögernd_). Die Sonne steht, heiligster Vater!
GOTT VATER (_ruhig, unbekümmert_). _Steht_ die Sonne?--Ach so, ich hab' vergessen.--Ich sehe sie ja fast nicht mehr!--
CHERUBIM. Was machen Deine Augen, ehrwürdiger Vater!--
GOTT VATER. Schlecht!--Schlecht!--Gott, ich bin alt geworden!--
CHERUBIM (_feierlich_). Vor Dir sind tausend Jahre wie ein Tag!--
GOTT VATER. Ja, ja; aber schließlich gehen die auch herum!
CHERUBIM. Du wirst wieder besser werden, göttlicher Greis!
GOTT VATER. Nein, ich werde nicht wieder besser werden! Ausbrechend. Gott, ist das schrecklich, alt zu sein!--Gott, wie ist das schrecklich, als Alter auch noch ewig leben zu müssen!--Gräßlich, ein blinder Gott zu sein!
CHERUBIM. Du wirst wieder sehend werden, göttlichster, heiligster Vater!--
GOTT VATER (_bestimmt_). Nein, ich werde nicht wieder sehend werden!--Ich werde immer älter, zerbrechlicher und elender! Gott, wenn ich sterben könnte!
CHERUBIM (_sanft_). Du wirst nicht sterben!--Du kannst nicht sterben!--Du sollst nicht sterben!--
GOTT VATER (_gerührt, leise weinend_). ... Ach, meine Glieder, sie sind gekrümmt, verschwollen, wassersüchtig, kontrakt, verdorben.... Streicht die Knie hinab.
CHERUBIM (_rutscht ganz nahe zu ihm hin, legt seinen Kopf auf das eine Knie und streichelt mit der Hand das andere; leise wimmernd, mit tiefer Teilnahme, den Alten kindlich imitierend_). Deine Glieder sind gekrümmt,--sind geschwollen,--sind wassersüchtig,--sind kontrakt,--sind verdorben.... Ach!--Ach!--
GOTT VATER (_intensiver weinend_). Meine Füße sind vergichtet, verknorpelt, brennend vor Schmerzen, zuckend und zerrissen....
CHERUBIM (_rutscht hinunter auf die Füße des Alten, liebkost sie, und jammert_). Deine Füße sind vergichtet,--sind verknorpelt,--sind brennend vor Schmerzen,--zucken und sind zerrissen.... Ach!--Ach!--
GOTT VATER (_bricht in heftiges, schmerzhaftes Schluchzen aus_). Ach!--Ach!-
CHERUBIM (_stürzt sich ganz zu Boden und umschlingt beide Füße, sein Gesicht in denselben schluchzend verbergend_). Ach, mein Gott! Mein Gott!--
GOTT VATER (_will sich gerührt vorbeugen, streckt beide Arme nach dem Knaben aus, kann ihn aber nicht erreichen, während dicke Tränen auf den Kopf des Cherubim herabtropfen_.)
CHERUBIM (_dessen gewahr, schnellt empor und bringt sich, in halb-kniender Stellung den Körper des Alten umschließend, ihm entgegen._)
GOTT VATER (_ergreift in heftiger Leidenschaft den Kopf des Knaben mit beiden Händen, drückt sein naß-verschwommenes Gesicht an dessen Wangen, und küßt, von Schluchzen unterbrochen, brünstig dessen Stirne, Augen, Haare. Beide, in Tränen aufgelöst, ruhen, während der heftige Ausbruch des Alten zu versiegen beginnt, in stummer Umarmung aneinander.--In diesem Augenblick klopft es draußen_.)
CHERUBIM (_fährt empor_). Es ist jemand draußen!
GOTT VATER (_müd_). Sieh, wer es ist!
CHERUBIM _nachdem er sich an der Thüre flüsternd erkundigt, kommt zurück. Ein geflügelter Bote ist draußen, der will Dir Nachricht bringen; er thut sehr eilig_.
GOTT VATER (_gleichgültig_). Laß ihn herein!--
Vierte Szene
[_Die Vorigen; ein gefittichter, auch an den Füßen geflügelter Bote von reiferem Charakter kommt in Begleitung zweier Engel in großer Erregung herein._]
BOTE (_sinkt in den Staub und küßt den Boden; richtet sich dann kniend auf_). Herr, ich komme aus Italien; aus Neapel; Gräßliches muß ich Dir berichten; der Pfuhl der Sünde stinkt bis da herauf; alle Bande der Sittlichkeit sind gelöst; man hohnlacht Deiner heiligen, am Berge Sinai von Dir selbst gegebenen Gebote; die Stadt, vom Franzosenkönig belagert, ergibt sich den entsetzlichsten Greueln; Weiber laufen mit entblößtem Busen frech-lüstern durch die Straßen; die Männer funkeln wie Böcke; ein Laster folgt dem andern; das Meer brandet bis in ihre Gassen; die Sonne hat sich schon verdunkelt; aber sie achten weder irdischer noch himmlischer Zeichen; die Unterschiede der Stände sind aufgehoben; der König bricht ins Lupanar; und der Facchino dringt zu den feilen königlichen Metzen in den Palast; Hunde und Spielhähne haben ihre Brunstzeit, aber die Neapolitaner sind das ganze Jahr Tiere; die ganze Stadt ein kochender Kessel der Leidenschaft; Italien ist das liebes-wahnwitzigste unter den Völkern Europas; aber Neapel ist in Italien, was Italien unter den Völkern; die Belagerung hat den Rausch der Geschlechter bis zum Wahnsinn gesteigert; kein Alter wird geschont, keiner Jugend sich erbarmt; Zeugungs-Glieder in unermeßlicher Größe werden als Gottheiten in festlichem Aufzug durch die Straßen geführt, von Reigen junger Mädchen begleitet, und wie allmächtige Idole angebetet. Und in Deiner Kirche sah ich den Priester vor dem Altar mit einer feilen Dirne....
GOTT VATER (_der den Gang der Erzählung mit wachsendem Erstaunen zugehört, erhebt sich, seines Zornes nicht mehr mächtig, mit äußerster Kraft-Anstrengung vom Thron, und reckt die geballte Faust_). Ich will sie zerschmettern!--(_Alles stürzt zu Boden und verbirgt das Antlitz_).
CHERUBIM (_mit flehender Geberde_). Thu' das nicht, lieber heiliger Vater;-- -- -- Du hast ja sonst keine Menschen mehr!--
GOTT VATER (_der den Cherubim lange mit offenem Munde angestarrt, sich besinnend, zusammenknickend_). Ja, so,--richtig,--ich hab' vergessen; (_vollends auf den Thron zurücksinkend_). das Erschaffen ist ja vorbei;--ich bin zu alt;--und meine Kinder können es nicht.--
CHERUBIM (_naiv_). Beruhige Dich, göttlicher Greis!--Du wirst Dein drohendes Gesicht aus den Wolken zeigen und den Neapolitanern eine Zornes-Rede halten; sie werden dann schaudern.
GOTT VATER. Sie werden nicht schaudern!--Sie verlachen mich ja!--Sie wissen, daß ich nur reden kann. Sie wissen, daß sie da unten unter sich sind; freien, lieben und hassen können, und mich nicht mehr brauchen.--(_Auffahrend_). Aber Du (_zum Boten_) rufe mir meine Tochter, die allerseligste Jungfrau,--und auch meinen Sohn magst Du rufen,--und die Cherubim und Würgengel mögen sich für meinen göttlichen Befehl bereit halten;--und auch dem Teufel laß ich vermelden, er möge sich zu mir bemühen: wir wollen ein Konzil halten, und beraten, was in dieser gräßlichen Sache zu tun ist.
BOTE _und alle_ ÜBRIGEN ENGEL _bis auf den_ CHERUBIM _unter großem Geräusch ab._--Der CHERUBIM _bemüht sich um den erschöpften Alten, bettet ihn aufs neue auf den Thron, rückt Fußschemel und Wärmeflasche zurecht, knüpft ihm das Foulard, wischt ihm Gesicht und Bart ab, und schmiegt sich zuletzt zu seinen Füßen, während der Alte dessen Hand ergreift und in der seinen ruhen läßt._--STUMME SZENE.
Fünfte Szene
DIE VORIGEN. MARIA, _von einer Schar jugendlich amorettenhaft gekleideter Engel, die ihr vorauseilen und ihr Blumen streuen, sowie von erwachsenen Engels-Knaben, die Lilienstengel tragen, gefolgt und begleitet, kommt in hochmütig-stolzer Haltung, eine kleine Krone auf dem Haupte, in einem blauen, sternbesäten Kleid, welches vorne das weiß-seidene Untergewand erblicken läßt, durch die Haupt-Thüre herein, macht in Front von Gott Vater, von dessen Thrones-Stufen sich der Cherubim inzwischen zurückgezogen, eine steife, hofmäßige Verbeugung und begibt sich dann auf einen zweiten, in der Zwischenzeit von dienstbaren Engeln, etwas entfernt von Gott Vater, ebenfalls an der Wand zurechtgerichteten Thron, der, mit hoher Rücklehne, im Stile sich der Zeit der Minnesänger anpaßt. Sie verweilt dort während des Folgenden, von ihrem Engels-Chor umgeben, ausschließlich mit Herrichtung ihrer Toilette, Benutzung eines kleinen Spiegels sowie Selbst-Besprengung mit wohlriechenden Wässern, beschäftigt.--Ein weiches Geflüster schalkhafter, augenschmeißender Amoretten macht sich um ihn vernehmbar.--Währenddem unterhalten sich auf der entgegengesetzten Seite, links im Vordergrund, die drei aus der ersten Szene bekannten_ ENGEL.
ERSTER ENGEL. DER MANN kommt.
ZWEITER ENGEL (_in die Hände patschend_). Der Mann, der Mann kommt.
DRITTER ENGEL (_aufhorchend ernsthaft_). Der Mann? Wer ist der Mann?--
ZWEITER ENGEL. Ach, der Mann--Du kleines Äffchen--das ist der Mann!
ERSTER ENGEL (_belehrend_). Das ist der schönste, der zarteste, der zuckrigste Mann; der einzige Mann im Himmel; das ist der Mann.
DRITTER ENGEL (_neugierig_). Ist er jung?
ERSTER ENGEL. Wie eine Palme.
DRITTER ENGEL (_nach einigem Besinnen_). Ist er jünger wie der alte Mann dort?
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_sich gegenseitig ins Wort fallend_). Hunderttausendmal jünger!
DRITTER ENGEL (_nach weiterem Besinnen_). Ist er jünger wie die schöne Frau dort?
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_wie oben_). Tausendmal, tausendmal jünger!
DRITTER ENGEL (_wieder besinnend_). Ist er jünger wie der garstige alte Mann drunten auf der Erde?
ERSTER UND ZWEITER ENGEL (_wie oben_). Unendlich oftmal viel jünger!
DRITTER ENGEL (_sich erwärmend_). Ist er schön?
ZWEITER ENGEL. Weiß wie Elfenbein!
DRITTER ENGEL. Ist er schlank?
ERSTER ENGEL. Wie eine Tanne!
DRITTER ENGEL. Was hat er für Augen?
ZWEITER ENGEL. Wie eine Gazelle!
DRITTER ENGEL. Wie spricht er?
ERSTER ENGEL (_besinnend_). Wie eine Aeolsharfe--Aber traurig, traurig!
DRITTER ENGEL (_teilnahmsvoll_). Warum ist er traurig, der Mann?
ZWEITER ENGEL. Er ist ja verwundet!
DRITTER ENGEL (_stumm-verwundert fragend_).
ERSTER ENGEL. Sie haben ihn ja in die Hände gestochen!
ZWEITER ENGEL. Und durch die Füße!