Das liebe Nest

Chapter 4

Chapter 43,848 wordsPublic domain

Ländliche Straßen, dicht beschneit. Knirschen, Geläut, ein Schlitten; inmitten sitzen drei kleine Leut bis zu den Öhrchen vermummt. Es singt und summt von Weihnachtsglocken; ein paar neugierige Flocken lassen vom Wind sich herüberwehn, wollen durchaus das Mädelchen sehn mit den roten Kältebäckchen und den goldbraunen Zottellöckchen und das Bübchen daneben, das sich eben das immer tropfende Näschen putzt. Großäugig, verdutzt, bis zum Mäulchen zugedeckt, im Wollmützchen fast versteckt, sitzt das Kleinste auf Mutters Schoß. "Kutscher, ein bißchen los, es wird kalt; Sie wissen doch, drüben zum Förster am Wald." Der Alte schmunzelt und knallt mit der Peitsche, hüh, hott-- die Gäule bleiben bei ihrem Trott. ... Von drüben her Lichter, Zwei altliebe Gesichter hinter den Scheiben: "Wo sie nur bleiben? Ist schon die fünfte Stunde!" Da knurren die Hunde, bellen, wollen hinaus; Großmutter läuft vors Haus. Da:--Knirschen, Geläut, ein Schlitten, inmitten sitzen vier liebe Leut. Wie das Altchen sich freut! Unter Lachen und Weinen wickelt sie aus den Tüchern die Kleinen, küßt die Tochter, nimmt ihr das Jüngste vom Knie: "Ein prächtiges Kindchen! Gott schütz es, Marie!" Neben ihr sprudelt ein Zünglein: "Großmutter, komm doch 'rein! Großmutter, sind die Hühner noch wach? Großmutter, Vater kommt morgen nach, er läßt schön grüßen." ... Auf bedächtigen Füßen, als ging ihn die Sache nichts an, kommt auch der Förster langsam heran. "Na? Seid ihr endlich da?" Gleich läuft der Fritz auf ihn zu: "Großvater, Du, guck mal drüben den roten Fleck! och, Großvater, nu is die Sonne weg." "Die Sonne? Hm, laß man; drin is noch eine, 'ne ganze feine, die wird uns bald blinken-- nu aber, bitte, kommt Kaffee trinken." ... Der Platz wird leer, schneestill und stumm. Der alte Kutscher lenkt langsam um, nickt vor sich her, gedankenschwer, und brummelt für sich: "Der oll Förster hett's gaud, manch enner hett's nich."

KÖNIG KUCHEN UND KÖNIGIN SCHOKOLADE

Bei König Kuchen und Königin Schokoladen war ich mit Linchen heut Nacht in Gnaden zu Gaste geladen. Ein prachtvolles Fuhrwerk, tripp, tripp, trapp, holte uns stolz von Hause ab. Vorn stampften zwei schneeweiße Vollblutjucker aus feinem biegsamen Lederzucker, auf dem Kutschbock der dicke Mohr kam uns marzipanisch vor, und neben ihm der fette Mops war ganz gefüllt mit englischen Drops. Die Kutsche, aus weißem Zuckerkant, erstrahlte hell wie Diamant; sie ging auf zierlichen Süßholzrädern, aus Vanille waren die Deichsel, die Federn, dicke Polster aus Traubenrosinen sollten uns als Sitze dienen, aber in den Bätterteig-Wagentaschen gab es allerhand Gutes zum Naschen. Ein allerliebster Praliné-Page dienerte neben der Equipage in einem rot kandierten Frack und öffnete uns den Wagenschlag. Wir stiegen ein und fuhren im Nu durch Rußland und Asien nach China zu. Bald kamen wir in jenes Land, wo König Kuchen, der Süße genannt, unumschränkt herrscht in seinen Reichen mit seiner Fürstin ohnegleichen, der herrlichen Königin Schokolade, die uns zum Fest befohlen in Gnade.

Das goldgelb glacierte Ballfesthaus sah wie ein riesiger Napfkuchen aus, umgeben von einem Spritzkuchengitter; als Wache davor zwei braune Ritter aus Pfefferkuchen mit Gußfiligran, die hatten Knackmandel-Harnische an. Als Führer dienten mir und Linchen zwei allerliebste Thorner Kathrinchen; sie verbeugten sich höflich als wir kamen, und sagten: bitte, meine Damen.

Ach, Kinder, wie das Herz mir lacht, denk ich zurück an all die Pracht! Die Wände waren von Makronen, verbrämt mit Schokoladenbohnen, aus grünen Bonbons die glatten Dielen, daß wir nachher beim Tanz fast fielen, die Säulen aus mächtigen Baumkuchentorten von den allerhöchsten und edelsten Sorten, die Tische aus marmoriertem Konfekt, mit drolligen Lutschfigürchen bedeckt, die Stühle Fäßchen mit Gelees, mit Eingemachtem und Knusperknees; rings auf appetitlichen Zimmetstaffeln lagen Biskuits und Keks und Waffeln. Im Hintergrunde ein Gletschersee, mit Vanille-Eisbergen und Schlagsahnen-Schnee, entsandte in doppelter Kaskade Zitronen- und Himbeer-Limonade; und hoch über allem, im glanzvollen Saal, strahlte eine Sonne aus Zucker-Opal.

In der Mitte aber stand ein Thron, gebaut aus Bretzeln mit blauem Mohn, darauf saß liebreich in ihrer Gnade die herrliche Königin Schokolade. Sie harrte huldvoll, bis die Schar der Kinder ganz versammelt war, die sie aus kalter und warmer Zone herbefohlen zu ihrem Throne, um ihnen mit königlichen Händen von ihren süßen Kleinodien zu spenden; ihr hoher Gemahl, der König Kuchen, hatte Mühe, sie auszusuchen. Da waren Kinder aus Deutschland und Spanien, aus Frankreich, Chile, Mesopotamien, Kinder von Kaffern und Hottentotten, von Persern, Eskimos und Schotten, Kinder aus Süden und Kinder aus Norden von den feinsten Familien und den wildesten Horden, denn alle Kinder zu allen Zeiten essen gerne Süßigkeiten.

An der Königin Seite, im leckeren Grase machte Männchen ein stattlicher Osterhase, und als die Kinder versammelt waren, ordnete er die bunten Scharen; rechts gingen die Mädchen, links die Knaben, so wollt es der König Kuchen haben, und jedes Kind in jeder Reih bekam ein prächtiges Osterei, die Mädchen blaue, rote die Jungen, dann ist das Häschen davongesprungen.

Nun fing die Kapelle zu spielen an, vorn geigte ein Nürnberger Lebkuchenmann; ich sag euch, es war 'ne Musik für Kenner, und waren doch alles gebackene Männer, mit Rosinenaugen und Mandelnasen, und konnten so lieblich flöten und blasen. Es wurde getanzt, gespielt, gelacht, damit verging die schöne Nacht. Zuguterletzt, nicht zu vergessen, wurde alles aufgegessen, artig gedankt und Abschied genommen; wir fuhren heim, wie wir gekommen, und erwachten in unserm Bett-- Kinder, Kinder, wie war das nett!--

DER ERSTE MAI

Nein, Kinder, immer kann man nicht dichten, immer weiß man nicht neue Geschichten; oft sind die Märchengeister stumm, als wären sie wer weiß wie dumm, und alle Wände grinsen mich an, als hätt ich ihnen was angetan. So war's auch neulich. Bei mir zu Haus sah alles öde und langweilig aus, da bin ich in den Abend geschlendert; der Himmel hing rosenrot umbändert, die Wolken türmten sich wie ein Tor, plötzlich stand ich grade davor und sah hinein in das Himmelsschloß. "Na, Petrus, was ist denn hier oben los?" fragt ich; "hier sieht's ja munter aus." Da schmunzelt der alte Wächter vom Haus und sagt mir--aber ihr dürft nicht lachen--: Im Himmel wäre groß Reinemachen, die Jungfrau Maria tät revidieren und die himmlischen Scharen zum Scheuerfest führen. Die kleinsten Englein müßten ran, kriegten große Schürzen an, dürfte keins spielen und müßig bleiben, müßten fegen und wischen, seifen und reiben. Da würden die Sterne blitzblank geputzt, den kleinen Kometen die Schwänzchen gestutzt, der Himmel mit Wunderblau lackiert, der Regenbogen neu ausstaffiert; dem Vollmond würde, wie er sich auch steift, mal gründlich wieder die Glatze geseift, und damit am klaren Firmament die liebe Sonne schön leuchten könnt, würden die Wolken fest ausgedrückt und hinter den Horizont geschickt. Wenn alles fertig, wüschen sich die Englein die Flügel säuberlich-- denn morgen sei ja der erste Mai-- -- Ich fragte, was an dem Tage sei, da blitzte mich Petrus an und sprach: "Na, weißt du, das ist doch wirklich 'ne Schmach; da sieht man wieder, wie wenig ihr wißt, nicht mal, wann Gottes Geburtstag ist." Na, Kinder, ich machte ein dummes Gesicht; das wußt ich bei aller Gelehrsamkeit nicht. Doch nun wurde mir auf einmal klar: Darum putzt sich die Erde Jahr für Jahr mit Blumen und Kräutern im bunten Gemisch, darum grünen die Hecken, die Bäume so frisch, darum üben die Vögel die Festmelodie, und Bienen und Grillen begleiten sie, darum wird dem Menschen die Freude so groß, als säß er dem lieben Gott im Schoß, wenn der Maiwind kommt über Berg und Tal-- nun begriff ich den Frühling mit einem Mal. Und ich fragte Petrus aus froher Seele: Erlaubst du, daß ich das weiter erzähle? "Immerzu," sagte der und strich sich den Magen; "kannst den neugierigen Leuten gleich noch sagen, daß an Gottes Geburtstag, dem ersten Mai, auch der Tanztag für Teufel und Hexen sei. Sonst dürfen sie, zu Aller Segen, sich keinen Schritt ohne Leine bewegen; doch an dem Tage sind sie frei, --da macht die Bande genug Geschrei," entfuhr es brummend dem alten Knaben-- "doch Gott ist der Herr und will es so haben. Er sieht in hoher heiliger Ruh dem tollen Blocksbergvergnügen zu; und treibt es einer zu arg von der Sippe, kommt er sofort wieder an die Strippe. Nun aber leb wohl, ich wünsch gute Nacht, um neun wird der Himmel zugemacht." Langsam schloß sich das Wolkentor; ich ging, ein Liedchen klang mir im Ohr. Zu Haus in heimlicher Abendruh nickt ich den Sternen fröhlich zu und betete: Ich bin nur ein Zwerg, und die herrliche Welt, sie ist dein Werk, o Gott; du hast alles, nichts kann man dir schenken, nur deiner in Freude und Demut gedenken. So nimm dieses Liedchen, ich hab es erdacht in dieser Frühlings-Geburstagsnacht.

WETTERWUNSCH

Scheine, Sonne, scheine, die Wäsch hängt auf der Leine; unsre Hemden, unsre Socken, mach sie uns bis Sonntag trocken, scheine, Sonne, scheine!

Rausche, rausche, Regen, gib uns deinen Segen, wasch die armen Sünder rein, gib uns Brot und gib uns Wein, rausche, rausche, Regen!

Zu best ist allerwegen Sonnenschein _und_ Regen; auch der Wind muß pfeifen, soll die Ernte reifen. Regen, Wind und Sonnenschein mögen bei unserm Hause sein!

HAMMERLIEDCHEN

Pink, pank, Hammerschlag, der Nagel hat 'nen Kopf; und wenn er keine Spitze hat, ist er ein armer Tropf. Mein Hämmerlein du, schlag zu, schlag zu!

Pink, pank, Hammerschlag, hast du der Nägel zehn und nagelst du ein Särglein zu, ist's um einen geschehn. Mein Feuerlein du, blas zu, blas zu!

IM SONNENSCHEIN

(nach einer alten Fabel)

Kribbel-krabbel-Käfer läuft hinab zum See, er kommt vom grünen Hügel, hell leuchten seine Flügel im Sonnenschein.

Kommt der Fisch geschwommen, Sperrt das Fischmaul auf, da ist in zwei Sekunden der Käfer drin verschwunden im Sonnenschein.

Überm See der Reiher sieht, wies Fischlein schnappt, nimmt seinen spitzen Schnabel und spießt es auf die Gabel im Sonnenschein.

Wie nun stolz der Reiher seine Kreise zieht mit leuchtendem Gefieder, knallt ihn der Jäger nieder im Sonnenschein.

WANDERLIED

Sonnenlichter, Frühlingswichter spielen auf der dunkeln Wand. Prüfend öffne ich das Fenster; seht die Wolken, die Gespenster lösen sich am Himmelsrand.

Holla, Jungen, aufgesprungen, schnell das Ränzel aus dem Spind! Kommt, wir wandern durch die feuchten Saaten; wie Smaragden leuchten Halm an Halm im Morgenwind.

Feste Schritte, Männersitte; wie die Ferne lockt und wirbt! Und wir lassen sie im Schreiten achtlos oft vorübergleiten, bis sie hinter uns erstirbt.

Hohe Ziele, nicht zum Spiele; immer steiler wächst der Paß. Aber oben wolln wir rasten nach der Arbeit, nach dem Fasten; Jungens, trinkt, ich komm euch was!

Hoch im Blauen selig Schauen, unter uns der Erde Glück! Doch es zieht mit tausend Armen immer wieder zu den warmen Menschenstätten uns zurück.

VIERTER TEIL

SPRUCH FÜRS LEBEN

Hinüber, hinein! über Wipfel und Stein! die Herzen zu baden im Goldsonnenschein! Auf schwierigen Pfaden zu lichten Gnaden! über Wipfel und Stein, hinunter, hinein!

ALLERLEI RÄTSEL

(Die Lösungen stehen im Verzeichnis der Überschriften)

--1--

Ich habe Flügel--rate, Kind-- doch flieg ich nur im Kreise; und singen tu ich, wenn der Wind mir vorpfeift, laut und leise. Was ihr den Feldern abgewinnt, kau ich auf meine Weise; doch was mir durch die Kehle rinnt, das mundet euch als Speise.

--2--

Standen vier weiße Ritterchen auf einem roten Gitterchen, die machten alles klitzeklein und warfen es in ein Loch hinein. Als das die andern Ritter sahn, zogen sie neue Harnische an, kamen aus ihren Burgen herbei, stellten sich tapfer in die Reih und machten hack und sagten knack und warfen alles in einen Sack.

--3--

Die erste frißt, der zweite ißt, das dritte wird gefressen; das ganze wird zu Pökelfleisch und Erbsenbrei gegessen.

--4--

Mein erstes ist ein Hund, mein zweites ist ein Junge, mein ganzes ist ein Dieb, kein Hundejunge!

--5--

Die ersten sind ein Untertan, die dritte ist ein Untertan, das ganze ist ein Untertan, wird von dem andern Untertan unter den ersten Untertan ganz untertänigst untergetan.

--6--

Wenn das R am Anfang steht, liebt man es nicht sauer; wenn es bis ans Ende rutscht, hüt dich vor dem Hauer!

Wenn das R am Anfang steht, ist's ein Heldenname; wenn es bis ans Ende rutscht, wird's ein Waldbaumsame.

Wenn das R am Anfang steht, sind es böse Leute; wenn es bis ans Ende rutscht, gerbt man seine Häute.

Wenn das R am Anfang steht, ist es eine Schale; wenn es bis ans Ende rutscht, wird's ein Orientale.

Wenn das R am Anfang steht, ist's ein klein schwarz Luder; wenn es bis ans Ende rutscht, ist's von "wenn" der Bruder.

--7--

Wächst einer alten Dame ein Buckel kleinster Sorte, verwandelt sie sich augenblicks in ein Stück Mandeltorte. Doch nimmst du ihr den Rücken, auf dem der Buckel wächst, hast du die alte Dame zur trocknen Frucht verhext.

--8--

Ich stand begehrlich am Worte, umgekehrt wuchs es nicht weit; ein arges Diebsgelüste besiegte die Redlichkeit. Ich stahl das umgekehrte, kein Argus achtete drauf; Schmunzelnd enteilt' ich dem Worte und aß es umgekehrt auf.

--9--

Mein erstes ist nicht wenig, mein zweites ist nicht schwer; mein ganzes läßt dich hoffen, doch hoffe nicht zu sehr!

--10--

Es läuft und hat keine Beine, es gibt viele und doch nur eine. Wer zuviel hat, kann's nicht verschenken; wer zu wenig hat, muß es beschränken. Bald geht es langsam, bald schnell; mal ist es dunkel, mal hell.

--11--

Christkindchen lag im Stalle und hörte die ersten schrein; die zweiten tragen wir alle zur Weihnachtszeit am Bein.

--12--

Sind es die Stiefel, halten sie 'ne Weile; wird es der Junge, kriegt er halt Keile.

--13--

Der Vater will's das Fritzchen (die erste Silbe betont)-- jedoch die Mutter bittet, da ward der Schelm verschont. Sie sprach: Du mußt dir's, Liebster, (die dritte Silbe betont)-- denn Nachsicht mit den Kleinen wird oft von Herzen belohnt. Denk doch, wie du's dem Jungen an Einsicht bist und Geist; du mußt was andres dasselbe, das ihn sich bessern heißt.

--14--

Klärchen nähte an dem ersten und war ganz die beiden zweiten, denn sie durfte Sonntag reiten, Leutnant Kurt wollt sie begleiten; ihre Augen wurden groß, müßig lag die Hand im Schoß.

Mutter näht am andern Fenster, sah's und runzelte die Brauen: Höre, Kind, Luftschlösser bauen taugt nicht viel für fleißige Frauen, weil man leicht die Pflicht vergißt und zu sehr das Ganze ist.

--15--

Mariechen war's. Mit meinem Kuchen stand ich nun da und dem Bukett. Wo soll ich bloß das Mädel suchen? Wenn sie doch nur geschrieben hätt!

Ja ja, ich hab sie es seit Jahren; ich gebe zu, das war recht dumm. Nein, welch ein rücksichtslos Gebaren! Und schwer geärgert kehrt' ich um.

--16--

Froh singt ihr Lied am Sommertag die eins-zwei früh und spat. Die drei wünscht jeder Jüngling sich; doch bricht er ab, ist's schad. Das Ganze war ein König, der lustig und unverschämt die stolze Prinzeß, die ihn nicht wollt, bestraft hat und gezähmt.

--17--

In eins-zwei-drei lebt ganz gemütlich Herr Müller mit Herrn Schulze friedlich; bis Müller einst, wer hätt's gedacht, Anspruch auf Schulzes zwei-drei macht. Da hörte man ein bös Geschrei: So denk doch eins, mein Herr eins-zwei! Ich muß stets alles zwei bezahlen, kann nicht mit zuviel zwei-drei prahlen; kommst du noch mal mir drum ins Haus, ist's mit der guten eins-zwei-drei aus.

--18--

Er geht in sich, um sich zu pflegen, und ist in sich um sich verlegen.

--19--

Rate, Freund, es ist nicht schwer: Wer's hat, hat, was er hatte, nicht mehr. Wer's aber ist, den äfft des Teufels Brut; man sperrt ihn ein und fürchtet seine Wut.

--20--

Wer es hat, der ist betrübt; aber froh und stolz, wer's gibt.

--21--

Das Wort pflegt zu erhöhn den Glanz des Edelsteins; solang man es bewahrt, ist man der Herr des Seins.

--22--

Sind es die Feinde, muß man sich wehren; sind's deine Backen, mußt du sie nähren. Ist mir's ein Rätsel, schreib ich es nieder; ist es mein Haus--nun, so bau ich es wieder.

--23--

Wenn es von Freund und Liebchen kommt, oder von dir verfaßt, so liebst du wohl das erste Wort; sonst ist es dir verhaßt.

Das zweite Wort, so klug wir sind, machen wir Menschen viel; und was dich reut, oft andre freut im schadenfrohen Spiel.

Der Schluß: gefürchtet und geneckt, teils boshaft und teils dumm, geht er als Geist des Widerspruchs in Schrift und Mären um.

Die drei vereint: wir stehn verdutzt, wie Zufalls Koboldmacht das Wort entstellt, den Sinn verdreht-- man ärgert sich und lacht.

--24--

Zwei Worte weiß ich, die einander feind, das eine sucht das andre zu verderben, in beiden müssen viel Geschöpfe sterben; und hast du sie zu einem Wort vereint, eint sich auch ihre zehrend böse Kraft, schon manchen Volksstamm hat es hingerafft.

--25--

Auf der höchsten Berge Rücken ist es immer leicht zu finden, wo die kleinen Gletscherbäche schäumend sich zu Tale winden.

Tausch die Silben--ach, verlegen steh ich vor gemischten Dingen, Chemiker und Apotheker mögen dir die Lösung bringen.

--26--

Ich hab keine Hände und kann doch tragen, hab keine Flinte und kann doch jagen; kann klettern und schwere Lasten heben und bin doch ein zartes, hinfälliges Leben.

--27--

Viel Glieder hab ich, die einander gleichen. Ich helf auf des Verbrechens dunklem Pfade, doch himmelshell führ ich empor zur Gnade; manch hohen Stand kannst du mit mir erreichen.

Bist du's, so darfst du wanken nicht noch weichen; denn Ehre trägst du neben mancher Last, die arbeitsfroh du übernommen hast, ob du im Kleinen wirkst, ob hoch im Grade.

--28--

Getrieben werd ich, doch ich treibe wieder; mir folgen arbeitsam viel erzne Glieder. Seit Jahrmillionen geh ich auf und nieder, bald sanft, bald wild, doch niemals ohne Brüder.

Hitze und Kälte trag ich, hin und wider; übt mich der Knabe, stärkt er seine Glieder. Die Luft durcheil ich ohne jed' Gefieder; den Augen bring ich Schau, den Ohren Lieder.

--29--

Stets bin ich eines Leuchtenden Trabant, teils nah, teils fern ihm, wie's der Himmel will. Bescheiden bin ich selten, niemals still; ja, Schweigen ist mir gänzlich unbekannt.

Ein Wort füg an, das keiner gern empfängt und das die Kinder schreckt von Alters her; doch ohne es fällt manche Arbeit schwer, weil's feste Massen auseinander drängt.

Das ganze Wort sind Steinchen unter Steinen, die im Geröll sich finden, glatt und spitz; du hebst sie auf und freust dich an dem Witz, den die Natur sich hat erlaubt im Kleinen.

--30--

Ich bin nur klein, doch banne ich die Welt in meinen Kreis bis hoch ins Sternenzelt; dem Vorbild der Natur einst nachgeschafft vertiefte ich den Blick der Forschungskraft. Ein Wort füg an, das sich der Mensch gesetzt zur Ordnung gegen den, der sie verletzt; der Fromme fühlt es oft von Gott gesandt, ans Letzte, Jüngste denkt er furchtgebannt, an Weltkrieg, Hungersnot und Aufruhrleid-- da ist das Ganze eine Seltenheit.

--31--

Die erste Silbe führt die krause Schar, die uns vertraut seit unsrer Klippschulzeit. Die zweite tönt durch Weiten hell und klar, ruft bald zur Ruhe, bald zu wildem Streit. Und wenn der tapfre Krieger sein junges Leben gab, fällt ihm vielleicht der Schatten des Ganzen auf sein Grab.

--32--

Ein deutscher Meister war es, gottgesandt, der jenes edle Tonstück uns geschenkt; der Vogel übt's, der seine Flügel lenkt-- dir wünsch ich es, mein deutsches Vaterland.

Was allen Flügelwesen wohlbekannt, was jedes Blatt, das aus der Hülle bricht, ersehnt; was man von Kraft und Tugend spricht-- das wünsch ich dir, mein deutsches Vaterland.

Ein Flüßchen, an der Schieferberge Rand, sehr vielen ist sein Name leerer Schall, ein kleines Wort, doch wir ersehnen's all-- wünsch ich dir auch, mein deutsches Vaterland.

Auch ihn, der tief verabscheut Mord und Brand, den Engel, der auf Morgenwiesen geht, doch oft verhüllten Hauptes abseits steht-- ihn sende Gott dir, o mein Vaterland!

--33--

In Not und Gefahr greife ich ein, Schmerzlich willkommen der Angst und der Pein; lies mich von vorn, lies mich verkehrt, immer der gleiche, geschmäht und geehrt.

--34--

Wir sind's mit Stamm und Vaterland, mit Menschen, die uns lieb und blutsverwandt, mit jeder Arbeit, die der Seele wert; der Reiter rühmt: wir sind's, ich und mein Pferd.

Doch wer es ist, trägt eine schwere Last, er ist sich selbst ein mißgeschickter Gast; Statt Liebe blüht ihm Mitleid, und im Schwarm gesunder Jugend fühlt er doppelt Harm.

--35--

Wir sind's gewiß in vielen Dingen in einem sind wir's nimmermehr; die sind's, die wir zu Grabe bringen, und eben die sind's bald nicht mehr. Drum, weil wir leben, sind wir's eben an Wesen wie Gesicht; drum, weil wir leben, sind wir's eben zur Zeit noch nicht.

--36--

Nennst du das Ganze, tönt es uns entgegen von Sommernächten, wo des Mondes Horn verschwärmten Pärchen winkt auf lauschigen Wegen, und wo aus seinem wundersamen Born das Märchen auftaucht und in tiefem Sinnen uns anschaut, und verträumte Bäche rinnen.

Teilst du das Wort, stellt dir zuerst sich dar die Stadt, die wir mit Ehrfurcht gern beschauen, die Heiden einst wie Christen heilig war, wo Pilger heut und Kenner sich erbauen; ein Teil der Stadt ist noch des Wortes Rest und hält den Glanz vergangner Zeiten fest.

--37--

Ohne Zepter, ohne Krone herrsche ich auf dieser Erde, buntes Spiel vor meinem Throne zaubert stets mein Wort: Es werde!

Noch zwei Zeichen: Alles wich, Pracht und Buntheit sind verschwunden, und in künftigen dunklen Stunden werden es auch du und ich.

Aber ändre den Akzent: sieh, schon quillt das Leben wieder, neue Schau und neue Lieder, die man gern mit mir benennt.

--38--

Mein Strom ergießt sich sickernd durch die Welt, ich dring in Haus und Hütte, Schloß und Zelt.

Seitdem der Mensch Urkunden aufbewahrt, sind Geist und Wille durch mich offenbart.

Ich schüre Gluten, wirke Herzeleid, tief wird durch mich verdammt und hoch gebenedeit.

Versöhnung bring ich und entfache Streit, zeig manchen töricht, manchen grundgescheit.

Doch sitzt du in mir, fühlst du dich geknickt; vielleicht, daß dir durch mich die Rettung glückt.

--39--

Ich nähre mich von fremden Stoffen, doch kann auch ohne sie bestehn; ich bin's, auf das die Weisen hoffen, und alle Weiten stehn mir offen, ihr würdet ohne mich vergehn.

Am hellen Tage herrsch ich gerne, doch auch die Nacht ist mir vertraut; ich wohne auf dem kleinsten Sterne, mich schreckt sie nicht, die große Ferne die mich mit Geisterhänden baut.

Ich wirke in den Himmelsblitzen, versteckter Tat bin ich verhaßt; wo grübelnd die Gelehrten sitzen und ratlos ob der Lösung schwitzen, bin ich ein hochwillkommner Gast.

--40--

In alten Zeiten hat mich der Mensch erdacht und Ordnung mit mir in die Dinge gebracht.

Wie nötig bin ich der Wissenschaft, wie zeige ich der Völker Kraft!

Wenn ich nicht eng ihm verbunden wär, wie würde erliegen das tapferste Heer!

Und doch weiß jeder, wie schwach ich bin, denn erst mein Nachbar gibt Halt mir und Sinn.

--41--

Als ich noch klein war, war ich recht beschaulich; mein Leben ging so lind wie Frühlingswellen, und zaghaft flossen meines Geistes Quellen, eng, doch erbaulich.

Ich wuchs und wuchs, es schwollen meine Adern, sie dehnten sich wie meine Machtgedanken; mein Schaffenswille türmte ohne Schranken Quadern auf Quadern.

Den Künsten schuf ich manche Pflegestätte, ich half der Wissenschaft zu vollem Wirken, und Geist und Arbeit gaben den Bezirken die feste Kette.

Doch Ruh und Frieden mußten weiterziehen; und meine Kinder lassen gern sich locken von grünen Wäldern, sanften Herdenglocken, mir zu entfliehen.

--42--

Mein erstes Wort, im engen Raum genährt, strebt weit hinaus, daß es die Welt regiere; wir stäken noch im Dämmersinn der Tiere, hätte nicht Gott dem Menschen es gewährt.