Das liebe Nest

Chapter 3

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Des Mondes Tochter, Mirlamein, kam in die warme Welt herein, sie kam aus ihres Vaters Haus auf einer weißen Fledermaus. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

Da saß Prinzessin Mirlamein auf einem großen weißen Stein mitten in blühender Heide in ihrem milchweißen Kleide. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

In ihren Händen bleich und fein hielt sie die Flöte aus Elfenbein; sie blies--das klang so hell und hold, als ob ein Engel uns trösten wollt. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

Gleich stecken alle Vögelein den Kopf in die Flügel und schlummern ein, die Hirsche und Rehe im tiefen Wald suchen ihr Lager und schlafen bald. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

Glühwürmchen löscht das Lämpchen aus, fliegt müde in sein Blätterhaus, die Tauben gurren im Schlaf kuruh, mein Kind macht auch die Augen zu. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

Die Flöte verklingt. Vom Heidestein wehen die Schleier der Mirlamein, Sie winkt der weißen Fledermaus und fliegt zum stillen Mond nach Haus. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

TRAUMBALLADE

Traumkönig geht durch bleiches Land, rings grüßen ihn verstohlen die braunen Nachtviolen; Marlenchen geht an seiner Hand, Marlenchen, jung Marlenchen.

Traumkönig geht an den Rosmarinstrauch, da brennen die Lebenskerzen, sie brennen mit roten Herzen; Marlenchen fühlt ihren heißen Hauch, Marlenchen, jung Marlenchen.

Traumkönig geht am See entlang, die Wasserelfen singen ein Lied von kühlen Dingen; Marlenchen überkommt es bang, Marlenchen, jung Marlenchen.

Traumkönig geht mit leisem Schritt hinein in die weichen Wellen, die silbern im Mond aufquellen; Marlenchen geht in die Tiefe mit, Marlenchen, jung Marlenchen.

MUTTER HULE

(nach einer alten Volksdichtung)

Die alte Mutter Hule kann reisen ohne Geld: sie setzt sich auf den Gänserich und reitet durch die Welt.

Die alte Mutter Hule, die hat im Wald ein Haus; der Uhu sitzt als Wächter davor, läßt niemand 'rein und 'raus.

Frau Hulens Sohn heißt Michel, der ist nicht grad, nicht krumm; am Sonntag ist er manchmal klug und Montags manchmal dumm.

Sie schickte ihn zum Markte, da kauft er sich 'ne Gans; die flatterte und schnatterte und wippte mit dem Schwanz.

Frau Hule holt den Ganter; wie liebten sie sich gleich! Sie fraßen zusammen aus einem Napf und schwammen in einem Teich.

Des Morgens in der Frühe fand Michel ein großes Ei; das hatte die liebe Gans gelegt, der Gänserich stand dabei.

Der Michel lief zur Hule: guck, was ich dir gebracht, ein goldnes Ei. Die Hule sagt: das hast du brav gemacht.

Der Michel trug's zu Markte, drei Dukaten wollt er haben; der Jud wollt bloß die Hälfte geben, da schmiß er ihn in'n Graben.

Er ging am Schloß vorüber, da stand ein Fräulein lilienschön; dem Michel schwoll das Herze, er blieb ein bißchen bei ihr stehn.

Der Jude und ein Ritter fielen über Michel her von vorne und von hinten, da schrie der Michel sehr.

Die alte Mutter Hule flog über Prag und Wien, verwandelt ihren Michel schnell in einen Harlekin.

Und auch das Fräulein rührte sie mit ihrem Flederwisch, da stand ein Kolombinchen da mit Backen rot und frisch.

Wo blieb das goldne Ei, huchjee? Das rollte weit ins Meer. Der Michel zog die Stiefel aus und sockte hinterher.

Die alte Mutter Hule sattelt hui die große Gans und flog damit zum roten Mond, denn da war Fastnachtstanz.

EIN SINGSANG VOM RHEINE

Herr Steuermann, Herr Steuermann, leg an der Brück von Köllen an! Ein Schifflein kommt gefahren wohl über den grünen Rhein. Was hat das Schiff geladen? Ei, roten Wein, ei, weißen Wein, den hat das Schiff geladen.

Zu Köllen an der Brücke, da tagt der hohe Rat am Rhein. Was wollen die Herren trinken? Ei, roten Wein, ei, weißen Wein, den wollen die Herren trinken.

Ein Schifflein kommt gefahren wohl über den grünen Rhein. Was hat das Schiff geladen? Ei, blonde Jüngferlein, ei, braune Jüngferlein, die hat das Schiff geladen.

Zu Köllen an der Brücke, da tagt der hohe Rat am Rhein. Wen wollen die Herren küssen? Ei, blonde Jüngferlein, ei, braune Jüngferlein, die wollen die Herren küssen.

Herr Steuermann, Herr Steuermann, leg an der Brück von Köllen an!

BADEBALLADE

Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß badeten im Teiche, strampelten, tauchten, plantschten und fauchten; --hell lachte die alte Eiche.

Murrian Knurr, der Pudelhund, kam vorbei am Teiche, erhob ein Geschrei: Herbei! Polizei! da baden zwei, nackend und frei! --hell lachte die alte Eiche.

Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß sprangen aus dem Teiche, faßten Murrian am Kopf, an Schwanz und Zopf, seiften ihn ein, trotz Bellen und Schrein, --hell lachte die alte Eiche.

Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß baden wieder im Teiche, hampeln und strampeln, spritzen und tauchen, patschen und plantschen, prusten und fauchen, --hell lacht die alte Eiche.

DER TEUFEL UND DIE KATZ

(nach Schwinds Bildern)

Ein Kätzlein ging einst jagen, welch schöne Katz, welch feine Katz; an einer Kirchhofsmauer, da lag sie auf der Lauer und fing sich einen Ratz.

"Ach Kätzlein, laß mich leben, du schöne Katz, du feine Katz; will dienen deinem Willen, jed Wünschlein dir erfüllen als dein getreuer Schatz."

Das Kätzlein ließ sich rühren, die schöne Katz, die feine Katz; sie ließ die Ratte leben, tat ihr ein Laternchen geben, zu leuchten bei der Hatz.

"Ich tu dir wacker helfen, du schöne Katz, du feine Katz; brauchst bloß die Öhrlein spitzen, da laufen aus Spalt und Ritzen Langschwänze auf den Platz."

Der Ratz ward groß und größer-- "Du schöne Katz, du feine Katz, wir wollen beid spazieren, am Arm will ich dich führen als dein getreuer Schatz.

Dein Schwänzlein will ich kämmen, ei schöne Katz, ei feine Katz!" Er rupft sie zum Erbarmen, kein Mauen hilft der armen, vor Schmerz tut sie 'nen Satz.

Hätt ich dich doch gefressen, ich gute Katz, ich feine Katz; ein Untier bist du worden, wirst mich gewiß noch morden, du Ungetüm von Ratz.

Er sprang ihr auf den Rücken: "Hei, Schöne Katz, hei, feine Katz, jetzt habe _ich_ zu sagen, mußt mich als Reiter tragen auch ohne Zaum und Latz.

Jetzt fahren wir zur Hölle, du schöne Katz, du feine Katz; heidi, ein Katzenbraten wird dem Teufel schon geraten, ich schür den Ofen, Schatz."

DER ESEL UND DIE LÖWENHAUT

(nach der Fabel von Hans Sachs)

Ein Müllersmann aus Oberwesel hatt 'nen gewitzten jungen Esel; der weidete auf grünem Gras und dachte sich so dies und das, wollt für sein Leben gern auf Erden was Bessers als ein Esel werden. Da fand er--und sein Herz schlug schnell-- ein unversehrtes Löwenfell. Er kriecht hinein, es paßt ihm gut, er fühlt auch gleich des Löwen Mut und denkt mit innerstem Behagen: nun brauchst du nicht mehr Säcke tragen. Stolz trabt er durch den Wald daher, tut ganz, als ob ein Leu er wär, schüttelt die Mähne, schlägt mit dem Schweif und setzt die Tatzen breit und steif. Das Häslein spitzt das lange Ohr, die Sache kommt ihm kitzlig vor, es springt hinweg; das Rehlein auch. Wie freut sich da der eitle Gauch! Und als der Müller, der ihn sieht von weitem, auch erschrocken flieht, kann er vor Wonne kaum sich fassen, muß laut sein I-A tönen lassen. Da merkt der Müller, wen er hat, prügelt den Esel mürb und matt und schimpft ihn aus: du dummes Vieh! zum Löwen wird ein Esel nie; du hast mich mit dem Fell genarrt, das sollst du büßen, Esel, wart! und schlägt und pufft ihn immer mehr. Der Esel hängt die Ohren sehr, als so sein Meister ihn verbläut; sein Hochmut hat ihn recht gereut, wollt fürder Säcke tapfer tragen, nie mehr nach Löwenhäuten fragen.

EIN SPATZENGESPRÄCH

Ich war in Fez durch die Buden gewandelt und hatte einen Ring erhandelt mit einem seltsam geschliffenen Stein; sollte der Ring König Salomos sein. Wer ihn besäße, verstünde sofort zahlreicher Tiere Geberde und Wort, könnte das Gras beim Wachsen belauschen, hörte Musik aus den Quellen rauschen, verstünde die Sprache von Baum und Stein, müßte aber ein Sonntagskind sein. Nun, ich war zu meinem Frommen Beim Glockenläuten auf die Welt gekommen, nahm meinen Ring, bezahlte bar, und--war jetzt klüger, als ich war.

Fröhlich ging ich zur Stadt hinaus, wußte da ein einsames Bauernhaus, warf mich glatt in die Frühlingsruh, kaute Halme und pfiff dazu, dachte an dies und dachte an das, wie so gedeihlich aus Ernst und Spaß die Welt sich verbastelt zum Gottgetriebe, dachte an Glauben, dachte an Liebe, und wie hellauf über Zacken und Kanten, trotz Pflichten, Gesetzen und alten Tanten, das Leben in neue Blüten schießt, in die der Saft der Zeit sich ergießt. Dachte und dachte, eiferbeflissen, glaubte den Weg aller Wege zu wissen, genau der Länge nach und der Breite, der die Welt zum Heile geleite; dachte-- --was man so buntes denkt, wenn über einem die Sonne hängt.

Neben mir blühte lichtblauer Flieder; ein Spatzenpärlein ließ sich drin nieder, die plusterten zärtlich die dicken Hälschen, zogen sich Federchen aus den Pelzchen, sahen recht verliebt darein, mußten wohl jung verheiratet sein. Doch das Schweigen währte nicht lange, bald war eine Unterhaltung im Gange; ja, mein Ring kam mir trefflich zustatten, deutlich verstand ich das Plaudern der Gatten und durfte mit Vergnügen ermessen, sie hatten höhere Interessen.

"Männe," sagte das Spatzenfrauchen und rückte näher an ihr Grauchen, "du bist so klug vom vielen Reisen, könntst mich ein wenig unterweisen. Sag mir doch, was die Menschen wollen, wenn sie die Erde in dicken Schollen aufwerfen; nie kriegen sie genug von ihrem Getue mit Spaten und Pflug." "Hm," sagte der Spatzmann mit Bedacht, nachdem er ein Weilchen nachgedacht, "Hm, in der Erde gibt's schöne Dinge, Zum Beispiel Käfer und Engerlinge, die werden sie brauchen zu Schmaus und Festen und werden damit ihre Jungen mästen. Auch Körner graben sie sehr gescheit in den Boden ein; und wenn's friert und schneit, und es ist Futtermangel im Haus, graben sie alle wieder aus."

"Du bist doch der gescheiteste Spatz," sagte die Spätzin, "mein trautester Schatz. Doch noch was andres wollt ich dich fragen, du kannst mir sicherlich auch sagen, warum die Sonne morgens aufsteht und abends wieder untergeht; ich habe mir seit vielen Wochen umsonst darüber den Kopf zerbrochen." Der Spatz putzt sich den Schnabel und spricht: "Kleines Närrchen, das weißt du nicht? Wie sollten wir Vögel anders wissen, wann wir morgens ausfliegen müssen? Die Sonne ist da, um uns zu wecken und abends uns wieder ins Nest zu stecken."

"Ja, ja, nun wird mir alles klar," sagte das Weibchen; "ganz offenbar hast du da recht. Doch in der Nacht der Mond? für wen ist der gemacht?" "Der Mond? Ach, nenn mir den Falschen nicht; der hält es mit dem Katzengezücht, lockt Marder und Eulen auf unsre Brut, drum hass' ich ihn mit aller Wut." Und zornig sträubt der kleine Mann die Federn und sieht sein Weibchen an. Das drängt sich an ihn, zärtlich, dicht, glättet ihm die Daunen an Hals und Gesicht und flüstert erschrocken: "Du hast ja recht, der meint es gewiß mit uns Vögeln schlecht; nie nenn ich ihn wieder. Doch sag mir, du Bester, ob nicht auch in der Menschen Nester die Sonne Licht und Wärme bringt, daß alles früh aufsteht und singt?"

"Nein, Kind, für _uns_ ist die Sonne gemacht, uns bringt sie Tag, uns bringt sie Nacht. Die Menschen haben in ihren Zimmern ihre eignen Sonnen, ich sah sie flimmern. Als ich mal nachts, aus dem Schlaf geschreckt, an ein Fenster stieß, hab ich's entdeckt: sie machen bloß knips, dann haben sie Licht, die brauchen unsre Sonne nicht."

Das Spatzenfrauchen schien ganz beglückt von so viel Klugheit und sah entzückt ihr Männchen an: "Du bist ein Genie, und weißt auch sicher, warum und wie die Menschen in ihren Steinhäusern kleben und nicht so frei wie wir Vögel leben?"

Das Spätzchen guckte ein wenig ins Land, hatte aber die Antwort schnell bei der Hand: "Vor Mardern und Eulen und Katzengetier sind sie in den Häusern viel sichrer als wir, und, was der wichtigste Grund von allen, kein Junges kann aus dem Neste fallen. Ja, ja, die Menschen haben Geist, sind auch den Vögeln gefällig meist, haben sie doch von Land zu Land lauter feste Drähte gespannt, damit unsre Wandrer scharenweise sich ausruhn können auf der Reise. Auch Versammlungen werden von Jungen und Alten im Herbste darauf abgehalten; wir sind ihnen wirklich zu Dank verpflichtet, so praktisch haben sie's eingerichtet."

"Glaub's schon, die Menschen sind recht klug, aber noch immer nicht klug genug," sagte das Weibchen; "was würden sie geben, könnten sie frei in den Lüften schweben, doch sind sie zu ungeschickt zum Fliegen und werden niemals Flügel kriegen."

"Bloß mit den dicken seidenen Bällen steigen sie manchmal tausend Ellen," lachte das Männchen; "was nur die tollen Leute bei uns in den Lüften wollen? Jetzt baun sie sogar allerhand Gestelle und rasen herum mit Windesschnelle. Auch der Dompfaff lachte neulich und meinte, er fände die Dinger abscheulich; sinnlos wär dies Gefliege und Rattern, kein Mücklein könnt man dabei ergattern. Ernsthaft sitzen sie in dem Kahn und gucken die Welt durch Röhren an; es ist wirklich lachhaft mitanzusehn. Komm, Schatz, wir wollen zu Bette gehn; für heute hast du genug profitiert, morgen wird wieder ein Stündchen doziert." Eine Weile noch plusterte da was rum, dann waren die Plappermäulchen stumm.

Ich aber ging übers stille Feld; so malt sich in Spatzenköpfen die Welt, dacht ich und lächelte überlegen. Da hört ich's in den Lüften sich regen, eine alte Esche rief mir zu: "Wieviel ist der Spatz denn beschränkter als du? Seid ihr Menschen nicht auch allesamt zu solchen unwissenden Tierlein verdammt, die das große Warum und das ewige Wie mit ihrer täppischen Kindsphantasie zu begreifen suchen? Dürft ihr vertraun dem Funken in euch und aufwärts schaun? Sind eure stolzesten Grübler und eifrigsten Späher der Gottheit nur um ein Strichelchen näher?" So sprach die Esche. Ich sah in die Weiten, sacht fühlt' ich den Ring mir vom Finger gleiten, scheu blickt' ich hin--er war verschwunden, und niemals hab ich ihn wiedergefunden.

DREI KOBOLDSTREICHE

Fixfax der arge Kobold spricht: die Langeweile bekommt mir nicht, ich will in lustigen Abenteuern den alten Koboldruhm erneuern, denn geht's den Menschen allzu glatt, wird ihre Seele stumpf und matt. Drum will ich sie in diesen Tagen ein wenig necken, ein wenig plagen; ein Kobold will doch auch mal lachen, sich über die Menschlein lustig machen, die den Kern aller Dinge glauben zu kennen und sich so leicht die Finger verbrennen. Drum, Fixfax, auf zu keckem Wagen, stör ein bißchen ihr Wohlbehagen, brauchst sie ja nicht ins Unglück zu hetzen, ihnen bloß ein paar sanfte Püffe versetzen.

ERSTER STREICH

Ei, wie strömen Wohlgerüche aus Frau Puffkes Wirtschaftsküche, denn für hungrige Soldaten will sie grad ein Ferkel braten; alles ist schon gut bereit und die Essenszeit nicht weit. Fixfax nun, das muntre Mätzchen, klettert hurtig wie ein Kätzchen hoch hinauf zu Schornsteins Rand, setzt sich listig und gewandt mitten auf das Loch da, schwapp, und nun zieht der Rauch nicht ab; rückwärts strömt er in die Küche, weg sind alle Wohlgerüche, und Frau Puffke steht und hustet, krebsrot im Gesicht, und prustet, kann dem dicken Rauch nicht wehren, sich die Sache nicht erklären. Rennt zum Schornsteinfeger Krause, aber der ist nicht zu Hause; niemand weiß, wo Krause schweift, und Frau Puffke steht und keift, denn die Uhr läuft immer weiter. Endlich kommt er mit der Leiter, um den Schaden zu ergründen, doch er kann durchaus nichts finden; denn der Fixfax, wohlbedacht, hat sich aus dem Staub gemacht, und Herr Krause mit dem Besen brummt, die Sonne sei's gewesen. Vier Uhr schlug's, als die Soldaten endlich kriegten ihren Braten.

ZWEITER STREICH

Vor dem Spiegel, kerzengrad, steht Herr Amtsvorsteher Plath; tadellos und mit Geschmack sitzt die Hose und der Frack, ausgezeichnet auch die glatte blütenweiße Taftkrawatte, Kragen, Vorhemd, _comme il faut_, und Herr Plath ist seelenfroh. Langt noch sorglich aus dem Schrank den Zylinder blitzeblank; nimmt dann Stock und Handschuh munter, steigt voll Stolz die Treppe runter, denn er ist heut eingeladen Zum Empfang bei ihrer Gnaden der Prinzessin Schneckenstein, und das hebt ihm Brust und Bein. Fixfax aber dachte gleich: wart, dir spiel ich einen Streich. Auf den Taubenboden geht er und nach losen Federn späht er, sammelt allen Flaum ins Säckchen, bläst verschmitzt das ganze Päckchen über Plathens neuen Frack und auf seinen _Chapeau-claque_. Plath sieht ganz befiedert aus, doch er ahnt nichts von dem Graus, steuert durch die Nacht geschwind, denkt bloß: was für'n arger Wind! tritt mit Würde in den Saal, Alle lachen--o Skandal! Bis er endlich sich besieht und geknickt von dannen flieht. Draußen denkt er ärgerlich: So ein Pech, das hab nur ich!

DRITTER STREICH

Auf des Sofas weichem Grunde schlummert sanft mit offnem Munde Pastor Pfannkuch. Nur die Fliegen summen sich was zum Vergnügen, sonst ist's muckstill. Fast erledigt liegt der Text der Sonntagspredigt auf dem Schreibtisch. Sonnenfleckchen spielen in den Zimmereckchen; nichts bedroht den tiefen Frieden, der dem frommen Mann beschieden. Doch da stiehlt sich in die Stube Fixfax, dieser lose Bube, kichert, fängt ein Dutzend Fliegen, die sind hier sehr rasch zu kriegen, tunkt sie in das Tintenfaß, bis sie gänzlich schwarz und naß, läßt sie dann gleich wieder fliegen und entfernt sich mit Vergnügen. Nach 'nem Weilchen, ach Herrjee, kommt Frau Pastor mit dem Tee, ruft voll Abscheu, Schreck und Graus: Berthold! Mensch, wie siehst du aus! bist ja wie'n Idiot beschmiert, Backen, Nase, schwarz karriert! Himmel, auch die neue Predigt ist beschmudelt und beschädigt, und auf meinen weißen Deckchen grinsen lauter Tintenfleckchen! Mann, wie hast du das getan? Und sie sehn sich grübelnd an...

Fixfax aber, auf der Wacht, sitzt im Mauseloch und lacht sich ins Fäustchen ohne Reue, und--gebt Acht--er wird sich neue Schelmentaten ausklabuntern, um uns Menschen aufzumuntern.

SPUK

(nach alten Mustern)

Der Bauer schläft im Hirsekraut; wer fährt dem Bauer sein Heu nach Haus? Der rote Mond guckt übern Strauch, der Bauer schläft und wacht nicht auf.

Wer fährt dem Bauer sein Heu nach Haus? Aus ihrem Loche lugt die Maus, der Fuchs schleicht sacht aus seinem Bau; der Bauer träumt und wacht nicht auf.

Der Mond scheint hell und hoch herauf, der Marder schleicht durchs fahle Laub, die Eulen huschen schwarz und grau; der Bauer stöhnt, doch wacht nicht auf.

Husch, horch: Wer trippelt und trappelt zu Hauf? Wer spannt die müden Gäule aus? Die Gäule wissen den Weg nach Haus; der Bauer schläft im Hirsekraut.

Wer kichert in des Wagens Bauch? Wohin rollen die Räder ohne Ruck, ohne Laut? Wer hält sie an am Garten, am Zaun? Wer fuhr dem Bauer sein Heu nach Haus?

Der kommt verstört beim Morgengraun: O Frau, mein Heu! O Frau, mein Traum! Die Frau führt lachend ihn zum Zaun, da zupft die Ziege vom Wagen das Kraut.

"Schlaf andermal nicht und sei nicht faul, wenn der Vollmond steigt übern Berg herauf; die Kobolde fuhren dein Heu nach Haus, jetzt geh und leg ihnen Speck und Kraut."

DER MÄRCHENKÖNIG UND SEIN TÖCHTERLEIN

Herbei, ihr kleinen Wichte, Kobold, Alraun und Wurzelmann, schafft hunderttausend Lichte und putzt damit die Bäume an! Bis in die höchsten Spitzen soll Licht bei Lichtlein blitzen.

Der Mond und alle Sterne sind doch bloß blasser Himmelsschaum; mein Töchterlein will gerne den ganzen Wald zum Weihnachtsbaum. Drum macht, wie ich euch sage, die Nacht zum hellen Tage!

Der Märchenkönig spricht's. Im Nu geht's an ein Lichterkneten; kein einziger sieht müßig zu, gönnt kaum sich Zeit zum Beten. Und als die Heilige Nacht heran, zünden sie alle Kerzen an.

Hei, war das ein Gestrahle, ein Leuchten, flimmern, überhell, als brach mit einem Male von Fels zu Fels ein Feuerquell. Auf Zweig und Äste blicken die Bäume mit Entzücken.

Der Meister führt sein Töchterlein durch diese Weihnachtspracht. Sie schreitet wie im Sonnenschein, fühlt Kälte nicht noch Nacht, und flüstert traumverloren: Die Liebe ward geboren.

Da rauschte durch die Weiten dies wundersame Wort, in Erd- und Himmelsbreiten pflanzt es sich heilig fort. Mit hunderttausend Kerzen glüht's heut in allen Herzen, klingt's heut durch alle Ohren: Die Liebe ist geboren!

WEIHNACHTSGANG

Es war zur lieben Weihnachtszeit, die Wälder lagen tief verschneit, im Acker schlief in guter Ruh das Korn und träumte dem Frühling zu, die Winternachmittagssonne stand wie ein gelber Fleck an weißer Wand-- da schritt ich hinaus in die blinkende Weite und summte ein Lied mir zum Geleite.

Wie ich so ging auf stillen Wegen, kam mir ein seltsamer Zug entgegen. Ein Eselchen ganz vollgesackt mit Schachteln und allerhand Kram bepackt, Schritt langsam durch die Felderruh; Sein Führer rief ihm bisweilen zu, es war ein Alter in weißem Haar, mit Runzelgesicht und sonderbar altmodischem Pelzwerk, sonst gut bei Kräften, die Füße staken in hohen Schäften und kamen munter mit Hott und Hüh grad auf mich zu samt dem Eselsvieh. Potz Blitz, fällt mir auf einmal ein, das muß doch der Gottesknecht Ruprecht sein. Ich blicke scharf in das bärtge Gesicht: "Grüß Gott, mein Alter, kennst du mich nicht? Ich hab doch oft dein Loblied gesungen, und all die Mädels und all die Jungen, die noch an Mutters Rockzipfel hängen oder sich auf den Schulbänken drängen, kennen dich wie ihre großen Zehen, doch hat wohl noch niemand dich draußen gesehen. Sonst kamst du immer auf heimlichen Wegen uns erst in der heimlichen Stube entgegen mit Sack und Pack und netten Geschenken; was soll ich, Weihnachtsmann, von dir denken? Da stehst du nun mit Haut und Haar, bist nicht ein bißchen unsichtbar, wie es dir zukommt."--"So ist meine Art," brummte der Alte und strich sich den Bart, "ich denke mir gern Überraschungen aus, für diesmal mach ich's außerm Haus; komm mit, da sollst du was erleben, das wird ein Extra-Vergnügen geben." "Topp," rief ich, "Alter, ich bin dabei, ich höre gern lustiges Kindergeschrei."

So schritten wir rüstig zur Stadt. Am Tor langte Ruprecht ein hölzernes Pfeifchen hervor und blies. Wie konnte der Alte pfeifen! Jetzt lernt ich den Rattenfänger begreifen: aus allen Straßen, aus Tür und Tor --mir klingt der Lärm noch immer im Ohr-- mit Jubeln und Lachen, in bunten Haufen kamen wohl hundert Kinder gelaufen. Sie tanzten um Ruprecht, bettelten, baten, eins um 'ne Kutsche, eins um Soldaten, eins um ein Püppchen, eins um ein Büchlein, eins um ein Rößlein, eins um ein Tüchlein, und Ruprecht langte in seinen Sack und gab, was es wünschte, dem kleinen Pack. Ja, jedes Kind durfte etwas erlangen; aber die übermütigen Rangen schrien durcheinander und wollten mehr, kletterten über das Eselchen her, zupften den Ruprecht an Bart und Kragen, wollten ihm gar die Säcke wegtragen. Da wurde es aber dem Alten zu bunt, er nahm sein Zauberpfeifchen, und-- schrill kam ein Ton. Wie erschraken sie doch. Sie wurden ganz kleinlaut, man hörte nur noch: "Komm, Fritzchen--Hans, laß doch--nicht schreien, Marie-- Knecht Ruprecht wird böse--seht ihr nicht wie?!" Und sie stellten sich artig um ihn herum und waren wie die Mäuschen stumm. Er kommandierte: "Linksum, kehrt, nun geht nach Hause, wie sich's gehört!" Da faßten die Großen die Kleinen an: "Grüß Gott und schönen Dank auch, Herr Weihnachtsmann."

Und wieder tönte die Schalmei, die Kinder trabten zwei zu zwei und sangen lustig die Weise mit, und fern und ferner klang ihr Schritt; mein Blick verfolgte den kleinen Schwarm. Wie sind ihre Bäckchen vor Freude warm-- so dacht ich--und Freude ist der Saft, den wir auf unsrer Wanderschaft durchs Leben aus frohen Kindertagen ins graue Alter mit hinübertragen als verjüngendes Elixier; ein gut Teil davon verdanken wir dir, du alter bärtiger Gottgeselle! Ich sah mich um--leer war die Stelle, nur fern in der dämmernden Abendluft verschwebte ein Wölkchen wie Weihrauchduft, und durch die feiernde Stille drang der erste hohe Glockenklang.

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