Chapter 2
Wer tanzt mit mir? wer spielt mit mir? der Wind macht mein Krönchen entzwei. Kam da unser brauner Junge an, macht 'nen Diener wie 'n Edelmann: Prinzeß, ich bin so frei.
DAS GROSSE LOCH
Das große Loch, wie kam es doch in Gretens neuen Schuh? Die ganzen Zehn sind ja zu sehn; wer macht das Loch uns zu?
Drüben hinterm Rathaus hängt ein großes Schild raus, goldner Stiefel drauf. Da wohnt der Schuster Firlefanz, der macht dein Schuhchen wieder ganz; lauf, Grete, lauf!
ZWEI GESELLEN
Es tanzen zwei Gesellen hier herum; der eine, der ist klug, und der andre, der ist dumm. Der eine liegt im Grase, der andre sitzt am Tisch; der eine kaut den Kanten, der andre ißt den Fisch ißt den Fisch.
Es tanzen zwei Gesellen hier herum; der eine, der ist grad, und der andre, der ist krumm. Der eine, der bleibt mager, der andre, der wird fett; der eine kommt an'n Galgen, der andre stirbt im Bett. Je nun, je nun, was ist dabei zu tun.
WENN'S PFINGSTEN REGNET
Oben aus dem Fahnenhaus guckt das schwarze Wettermännchen raus, spreizt die Beine und grinst uns an; schäme dich, alter Wettermann! Am Ostersonntag, vor sieben Wochen, hast du dem Fritze fest versprochen, daß zu Pfingsten, im Monat Mai, das allerschönste Wetter sei. Und nun regnet's, liebe Not, alle hellen Blüten tot; sie liegen da wie nasser Schnee. Auf den Wegen steht See an See; ja, wenn wir noch drin baden könnten, wie die Spatzen oder die Enten. Wir dürfen aber gar nicht raus, sehn so mucksch wie Maulwürfe aus; röche nicht der Kuchen so lecker her, wüßte man gar nicht, daß Feiertag wär. Nicht mal die Pfingstkleider kriegt man an; Schäme dich, schwarzer Wettermann!
EINE HÜHNERGESCHICHTE
Vor der Laube kräht der Hahn, ein rot-schwarz-gelb und grüner: Kuchen, Kuchen, Kuchen auf dem Tisch, fix, kommt fix, ihr Hühner!
Seht die Hennen, wie sie rennen, aus Verstecken, über Zäune, über Hecken, gackern, beißen sich und schrein, jede will die erste sein. Wie sie fliegen, wie sie flattern, um ein Plätzchen zu ergattern. Oben auf des Tisches Mitte steht Herr Hahn: Bitte, meine Damen, bitte, fangt nur an! Pick und schluck, nicht genug, immer mehr Kuchen her! Unser Kropf ist ein Topf, wird nicht voll, wird nicht leer, darum mehr Kuchen her, bis der Teller leckeleer!
Drüben aus des Gärtners Haus guckt der kleine Fritz und lacht: Ei, wie sah das lustig aus, das haben die Hühner klug gemacht.
MARIEKEN UND DIE KÜKEN
Marie, Marei, Marieken mit deinen sieben Küken, was willst du tun?
"Die alte Kluckenmutter ist tot, nun frieren die Kinder und finden kein Brot; ich will sie pflegen."
Marie, Marei, Marieken mit deinen sieben Küken, was hast du im Sack?
"Kartoffelmus und Hirsekern, das essen meine Kinderchen gern, das streu ich ihnen."
Marie, Marei, Marieken, gib mir eins von deinen Küken, du hast noch genug.
"Wenn ich meine Kinder verschenken tät, müßt ich weinen von früh bis spät, daß sollst du wissen."
Marie, Marei, Marieken, Zu Hühnern werden die Küken; was machst du dann?
"Und werden hübsch bunt und werden groß, fliegen mir alle um Kopf und Schoß, hei, alle sieben!"
KINDERKÜCHE
Marie-Marei will Braten machen, hat keine Pfanne; nimmt sie sich die Schiefertafel von klein Schwester Hanne. Hat sie eine Pfanne.
Marie-Marei will Braten machen, hat keine Butter; borgt sie beim Kanarienvogel rasch ein bißchen Futter. Hat sie Butter.
Marie-Marei will Braten machen, hat keine Kohlen; vor der Tür blüht roter Mohn, geht sie den sich holen. Hat sie Kohlen.
Marie-Marei will Braten machen, fehlt noch das Gänschen; nimmt sie sich die Pudelmütze von klein Bruder Fränzchen. Hat sies Gänschen.
Hei, mit diesen Wunderdingen muß der Braten wohlgelingen; bitte zu Tisch!
ESSENSREGELN
Spitzt das Ohr und merkt euch still, was die gute Sitte will! Wer die schöne Form erfaßt, ist ein gern gesehner Gast; wer sich frech und plump beträgt, wird ohne Besen hinausgefegt.
--1--
Ein Kind soll nicht vorher von Speisen naschen, soll Mund und Hände sich sauber waschen, sich erst setzen, wenn die andern sitzen, das Mäulchen bei Tisch nicht zum Pfeifen spitzen, nicht plappern, wenn große Leute sprechen, das Brot nicht zerkrümeln, zerkneten, nur Bissen abbrechen.
--2--
Rückt immer den Stuhl so dicht heran, daß Löffel und Gabel zum Munde kann, ohne das Tischtuch zu betrippen; und schließt beim Kauen hübsch die Lippen! Turnen beim Essen, das will nicht passen; also die Ellbogen hübsch unten lassen!
--3--
Nicht gierig stopfen! langsam essen! auch keinen Rest auf dem Teller vergessen! Nicht wie Hunde oder Katzen schlecken, schlürfen, schnaufen, schmatzen! Nicht kichern und nicht heimlich fragen, und immer schön bitte und danke sagen!
--4--
Seid ihr beim Essen und trinkt dazwischen, sollt ihr zuvor die Lippen wischen. Kartoffeln und Fisch mit Stahlmessern schneiden, das wird ein Mensch, der Geschmack hat, vermeiden. Brot nimmt man zuhilfe, wenn Fischmesser fehlen; auch Obst soll man nicht mit Stahlklingen schälen.
--6--
Wer stochert in den Zähnen, nicht unterdrückt das Gähnen, das Messer in den Mund steckt, Gabel und Teller ableckt, zuviel packt auf den Löffel, gilt als Flegel und Töffel.
DIE BÖSE MIES
Es war einmal ein Kätzchen, ein allerliebstes Frätzchen. Es hatte das Mamsellchen ein seidenweiches Fellchen und einen Bart ums Schnäuzchen und Augen wie ein Käuzchen. Es machte gern den Rücken krumm und brachte viele Mäuse um, dann schlich es auf die Ofenbank und leckte sich die Pfoten blank.
Einst aber, oh das Kätzchen, was tut das liebe Frätzchen? Einst stand auf unserm Tische ein Teller Bratenfische. Hopp, ist das Kätzchen oben: die Fische muß ich loben. So denkt es sich und sitzt und schmaust, doch Mutterchen kommt angesaust, und gibt dem Naschmamsellchen --na warte--eins aufs Fellchen.
Nein, unser Miesekätzchen war gar kein liebes Frätzchen: los auf die gute Mutter, und durch das Ärmelfutter --kratz--in den Ellenbogen! War das nicht ungezogen? Dann lief es voller Wut hinaus und kam erst abends spät nach Haus, und schlich sich auf die Ofenbank und leckte sich die Pfoten blank.
POTTKIEKER
Mutti, Mutti, was ist denn da drin? "Hoppel-poppel-Appelreis, mach dich weg, Naseweis, kann dich hier nicht brauchen, der Ofen tut rauchen, muß Spähne suchen, sonst brennt der Kuchen, muß Gänse schlachten, in sechs Wochen ist Weihnachten."
Mutti, Mutti, wo soll ich denn hin? "Ei, tanz mit dem Schimmel, bohr Löcher in den Himmel, lehr die Katz das Alphabet, sieh nach, ob sich der Kirchturm dreht, oder lauf ans Ende der Welt, paß auf, daß keiner runter fällt, marsch!"
DER REITERSMANN
(von Paula und Richard Dehmel)
Schimmel, willst du laufen, will ich uns was kaufen. Heißa, lauf nach Mexiko, da kaufe ich dir Bohnenstroh; laufe nach der Mongolei, da kauf ich mir ein Osterei, hopp!
Eile, Schimmel, eile, oder du kriegst Keile. Hoppßa, lauf nach Hindostan, da kaufe ich mir Marzipan; laufe nach Kap Morgenrot, da kauf ich dir ein Dreierbrot, burr!
DAS RICHTIGE PFERD
(von Paula und Richard Dehmel)
Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd! Mein Schaukelpferd ist gar nichts wert, es hat so steife Beine, es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht, und macht solch ledernes Gesicht, und weiß nicht, was ich meine.
Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd, ein wirklich richtiges Pferd beschert, dann reit ich über die Brücke, und reite durch den Kiefernforst nach Vehlefanz und Haselhorst und noch fünf große Stücke.
Dann bin ich mitten in der Welt, da such ich mir ein Haberfeld und lasse mein Pferdchen grasen. Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt, wo der Riese den Regenbogen hält, und--schick euch 'ne Ansichtspostkarte.
DER KLEINE REKRUT
Ich hab einen Helm aus Packpapier, mit einem Federbusche; der Wilhelm malt mir 'n Adler drauf mit schwarz-weiß-roter Tusche.
Einen hölzernen Säbel hab ich auch, mit einem richtgen Griffe; wenn nur der Scherenschleifer käm, daß er ihn endlich schliffe!
Meine Mutter ist 'ne gute Frau, die schenkt mir einen Dukaten, dann kauf ich mir ein Schießgewehr, geh unter die Soldaten.
DER HAUPTMANN
Ich bin der Hauptmann, ihr die Soldaten; immer gehorsam, das will ich euch raten, hört ihr!
Eins, zwei, immer hinterher, eins, zwei, schultert das Gewehr, marsch!
Seht euch nicht um, seht euch nicht an, immer hübsch stramm, Mann hinter Mann, halt!
Eins, zwei, immer hinterher, eins, zwei, schultert das Gewehr, marsch!
ABZÄHLREIM
Rechts, links, über Eck, die Henne legt die Eier weg, legt sie in ein Bündel Stroh, irgendwie, irgendwo; kommt der Marder Wagemut, jagt die Henne von der Brut, rechts, links, über Eck-- ein Küken hat--er--weg.
FRAGEFRITZE UND DIE PLAPPERTASCHE
(von Paula und Richard Dehmel)
Fritz, ich möcht den Spaten haben. "Mutterchen, warum?" Möchte eine Grube graben. "Mutterchen, warum?"
Möchte drin ein Bäumchen pflanzen. "Mutterchen, warum?" Wird mein Fritze drunter tanzen. "Mutterchen, warum?"
Wird das Bäumchen Kirschen tragen. "Mutterchen, warum?" Ei, du mußt die Spatzen fragen, die sind nicht so dumm!--
Kommt die kleine Plappertasche: "Mutterchen, nicht wahr, ich bin klüger als der Fritze, bin schon bald sechs Jahr.
"Mutterchen, nicht wahr, der Fritze ist ein Schaf, o je! Ich kann schon bis zwanzig zählen und das A-B-C."
I, du kleine Plappertasche, laß den Fritz in Ruh. Plappertasche, wische wasche, halt das Mäulchen zu.
Übermorgen in vier Wochen kommt der Weihnachtsmann; wenn du dann noch immer plapperst, was bekommst du dann?
Einen großen Maulkorb!--
PLAPPERMÜNDCHEN
In Leipzig wohnt ein Bäckermeister, Hans-back-die-Semmeln-größer heißt er; Seine Mutter, die Frau Meisterin, zieht den Teig wer weiß wie dünn, rollt ihn mit der Mangel aus, macht sieben bucklige Bretzeln draus, drei für den Vater, drei für die Mutter, eine für unser Plappermündchen, dann schweigt's vielleicht ein Viertelstündchen.
PUPPENDOKTOR
Lieber Doktor Pillermann, guck dir bloß mein Püppchen an. Drei Tage hat es nichts gegessen, hat immer so stumm dagesessen, es will nicht einmal Zuckerbrot, die Arme hängen ihr wie tot. Ach, lieber Doktor, sag mir ehrlich, ist diese Krankheit sehr gefährlich?
Madam, Sie ängstigen sich noch krank; der Puls geht ruhig, Gott sei Dank. Doch darf sie nicht im Zimmer sitzen, sie muß zu Bett und tüchtig schwitzen; drei Kiebitzeier gebt ihr ein, dann wird es morgen besser sein. Empfehle mich.
KLEINER EINKAUF
Guten Tag, guten Tag, liebe Grünkramfrau, Gemüse will ich kaufen, ich bin mit meinem Henkelkorb extra hergelaufen; auch schöne frische Eier will ich, hoffentlich sind sie heute billig.
Die Schoten hier gefallen mir, zuckersüße Kerne; auch von den Rübchen möchte ich ein halbes Liter gerne. Kohlrüben? lieben wir nicht sehr; doch zeigen Sie mal die Pflaumen her!
Davon will ich fünf Litermaß, haufenvoll gemessen! weil meine Kinderchen zu Haus alle gern Pflaumen essen. Geld schick ich Ihnen morgen her; ich denke doch, es eilt nicht sehr, ich hab es grad vergessen.
VATERS GEBURTSTAG
Schnell, schnell, Besen, feg die Stube rein; wenn Väterchen zum Kaffee kommt, muß alles sauber sein.
Wisch, wisch, Lappen, über Stuhl und Schrank; wenn Väterchen zum Kaffee kommt, sind sie blitzeblank.
Blüh, blüh, Blume, blüh recht frisch; wenn Väterchen zum Kaffee kommt, Stehst du auf dem Tisch.
Herz-Herz-Muttchen, schnell das neue Kleid; bis Väterchen zum Kaffee kommt, ist nur noch wenig Zeit.
Tick, tick, Uhrchen, renn doch nicht so fix; wenn Väterchen zum Kaffee kommt, mach ich meinen Knix.
Fertig, alles fertig, der Kuchen auch ist da; der Kaffee kommt, der Vater kommt, mein Verschen kann ich ja: "Heut ist dein Geburtstag!"
DAS HIMMELSPRINZESSCHEN
Ich bin das Himmelsprinzeßchen, habe Flügel von blauem Duft, ich schlafe im Wolkenbettchen und bade in Licht und Luft. Mir gehört die silberne Schaukel hoch oben im Himmelssaal; wenn die goldenen Seile schwingen, blitzt es unten im Tal.
Der alte Wetterriese donnert und schilt mich aus, ich flitze über die Sterne und lache den Brummbart aus. Die Mirlamein vom Monde webt meine Kleider und Schuh, die gute Mutter Sonne gibt goldne Spangen dazu.
Der liebe Gott hat mich gerne, ich bin sein liebes Kind; er nimmt uns auf die Kniee, mich und den Frühlingswind.
Des Abends sitzen wir stille bei Mirlamein im Zelt und spinnen Wünsche und Träume und streuen sie über die Welt.
WINDFREUDE
Wenn der Wind über Wiesen und Felder rennt, renn ich mit; da denk ich, daß ich fliegen kann, und guck mir lustig die Vögel an, susewitt, susewitt.
Wenn der Wind durch die Sträucher und Bäume fegt, feg ich mit; die Blütenkätzchen feg ich zu Hauf und setz mir vom Ahorn ein Nasenhütchen auf, susewitt, susewitt.
Wenn der Wind durch die Turmlöcher singt und pfeift, pfeif ich mit; sein Jodler wird mir gar nicht schwer, und den Brummbaß lern ich nebenher, susewitt, susewitt.
LIED VOM MONDE
Wind, Wind, sause, der Mond ist nicht zu Hause; er ist wohl hinter den Berg gegangen, will vielleicht eine Sternschnuppe fangen, Wind, Wind, sause.
Stern, Stern, scheine, der Mond, der ist noch kleine; er hat die Sichel in der Hand, er mäht das Gras am Himmelsrand, Stern, Stern, scheine.
Singe, Vogel, singe, der Mond ist guter Dinge; er steckt den halben Taler raus, das sieht blank und lustig aus, singe, Vogel, singe.
Und hell wird's, immer heller; der Mond, der hat 'nen Teller, mit allerfeinstem Silbersand, den streut er über Meer und Land, und hell wird's, immer heller.
WEIHNACHTSSCHNEE
Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf, es riecht nach Weihnachtstorten; Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd und backt die feinsten Sorten.
Ihr Kinder, sperrt die Augen auf, sonst nehmt den Operngucker: die große Himmelsbüchse, seht, tut Ruprecht ganz voll Zucker.
Er streut--die Kuchen sind schon voll-- er streut--na, das wird munter: er schüttelt die Büchse und streut und streut den ganzen Zucker runter.
Ihr Kinder, sperrt die Mäulchen auf, schnell! Zucker schneit es heute! Fangt auf, holt Schüsseln!--Ihr glaubt es nicht? Ihr seid ungläubige Leute!
KNECHT RUPRECHT IN NÖTEN
Knecht Ruprecht kratzt sich seinen Bart und rückt zurecht die Brille: Ihr Engelskinder, lärmt nicht so, seid mal ein bißchen stille! Kommt, rückt hübsch artig zu mir ran, seht euch mal das Bestellbuch an!
Was steht hier auf dem ersten Blatt? was auf dem zweiten, dritten? was steht am Ende von dem Buch? was steht hier in der Mitten?--: Ach Weihnachtsmann, wir bitten sehr, Schick uns doch mal das Luftschiff her!
Hans möchte nach Amerika, und Fritz zu Tante Lotte, Kurt durch die Luft zu Großpapa, Marie zum lieben Gotte; Georg will bloß nach Neuruppin mit Zeppelin, mit Zeppelin.
Ach Zeppelin, du Zaubermann, 's ist aus der Haut zu fahren, das ganze liebe kleine Pack will bloß noch Luftschiff fahren; dein Fahrzeug ist ja viel zu klein, da gehn nicht alle Kinder 'rein.
Ihr Engelskinder, helft mir doch in meinen Weihnachtsnöten, baut mir ein Luftschiff riesengroß mit hunderttaufend Böten, laßt lustig die Propeller gehn, da sollt ihr mal die Freude sehn!
Hurra, schreit da die Engelschar, wir helfen alle, alle. Nach dreien Tagen, blitzeblank, stehts Luftschiff in der Halle. Dank schön, sagt Ruprecht, fährt hinab, holt alle Jungs und Mädels ab zur Flugfahrt durch die Welten. Ob sie sich nicht erkälten?
FROHE BOTSCHAFT
Früh, eh ich's konnt begreifen, hört ich schon etwas pfeifen, hört ich Schon etwas brummen, wie tausend Bienen summen. Was ist denn los? Ach ja: der Weihnachtsmann ist da!
Die Raben und die Spatzen, sie müssen's weiterschwatzen; in alle Häuser dringt es, von allen Glocken klingt es. Was läuten sie? O ja: der Weihnachtsmann ist da!
Mit seinem braven Esel zieht er von Thorn bis Wesel; wo Mädels sind und Buben, tritt er in ihre Stuben und langt aus Sack und Taschen zum Spielen was und Naschen. Wo habt ihr's her? Na ja: der Weihnachtsmann war da!
DER LIEBE WEIHNACHTSMANN
(von Paula und Richard Dehmel)
Der Esel, der Esel, wo kommt der Esel her? Von Wesel, von Wesel, er will ans schwarze Meer.
Wer hat denn, wer hat denn den Esel so bepackt? Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht mit seinem Klappersack.
Mit Nüssen, mit Äpfeln, mit Spielzeug allerlei, und Kuchen, ja Kuchen aus seiner Bäckerei.
Wo bäckt denn, wo bäckt denn Knecht Ruprecht seine Speis? In Island, in Island, drum ist sein Bart so weiß.
Die Rute, die Rute hat er dabei verbrannt; heut sind die Kinder artig im ganzen deutschen Land.
Ach Ruprecht, ach Ruprecht, du lieber Weihnachtsmann: komm auch zu mir mit deinem Sack heran!
SANKT NIKLAS' AUSZUG
Sankt Niklas zieht den Schlafrock aus, klopft seine lange Pfeife aus und sagt zur heiligen Kathrein: Öl mir die Wasserstiefel ein, bitte hol auch den Knotenstock vom Boden und den Fuchspelzrock, die Mütze lege oben drauf, und schütte dem Esel tüchtig auf, halt auch sein Sattelzeug bereit; wir reisen, es ist Weihnachtszeit. Und daß ich's nicht vergeß, ein Loch ist vorn im Sack, das stopfe noch! Ich geh derweil zu Gottes Sohn und hol mir meine Instruktion.
Die heilige Käthe, sanft und still, tut alles, was Sankt Niklas will. Der klopft indes beim Herrgott an, Sankt Peter hat ihm aufgetan und sagt: Grüß Gott! wie schaut's denn aus? und führt ihn ins himmlische Werkstättenhaus.
Da sitzen die Englein an langen Tischen, ab und zu Feen dazwischen, die den kleinsten zeigen, wie's zu machen, und weben und kleben die niedlichsten Sachen, hämmern und häkeln, schnitzen und schneidern, fälteln die Stoffe zu zierlichen Kleidern, packen die Schachteln, binden sie zu und haben so glühende Bäckchen wie Du. Herr Jesus sitzt an seinem Pult und schreibt mit Liebe und Geduld eine lange Liste. Potz Element, wieviel artige Kinder Herr Jesus kennt! Die sollen die schönen Engelsgaben zu Weihnachten haben.
Was fertig ist, wird eingesackt und auf das Eselchen gepackt. Sankt Niklas zieht sich recht warm an; Kinder, er ist ein alter Mann, und es fängt tüchtig an zu schnein, da muß er schon vorsichtig sein.
So geht es durch die Wälder im Schritt, manch Tannenbäumchen nimmt er mit; und wo er wandert, bleibt im Schnee manch Futterkörnchen für Hase und Reh. Aus Haus und Hütte strahlt es hell, da hebt er dem Esel den Sack vom Fell, macht leise alle Türen auf, jubelnd umdrängt ihn der kleine Hauf: Sankt Niklas, Sankt Niklas, was hast du gebracht? was haben die Englein für uns gemacht? "Schön Ding, gut Ding, aus dem himmlischen Haus; langt in den Sack! holt euch was raus!"
BESCHEIDENE FRAGE
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, bringst du der flinken Grete was? Sie ist fast immer artig gewesen, hat fleißig in ihrer Fibel gelesen, kann das große H schon ganz richtig schreiben, wird Ostern gewiß nicht sitzen bleiben; Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du ihr was?
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, bringst du dem dicken Peterle was? Er ist noch zu klein, um zur Schule zu gehn, aber beten kann er schon wunderschön: "Lieber Dott, mach alle Menßen dut, nimm alle unter deinen Hut'" Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du ihm was?
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, bringst du der kleinen Lene was? Sie gehört der armen Flick-Marie und hat schon lange ein schlimmes Knie; zum Spielen kommt sie gar nicht mehr raus, sieht immer so blaß und ängstlich aus. Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du ihr was?
Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, ich wünsch mir selber auch noch was: möcht in der Weihnacht mit dir gehn, mir all die fröhlichen Kinder besehn, wie sie tanzen und tuten, knabbern und schlucken und am strahlenden Christbaum die Wunder angucken. Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du mir das?
DRITTER TEIL
WIDMUNG
Klänge wachsen auf den Wegen im Gebüsch, im jungen Grün; alle meine Melodien möchte ich mit leisem Segen abends auf dein Kissen legen.
Wilde Blumen, seltne Früchte: was der reife Sommer bringt, möcht ich in dein Zimmer tragen, sollst mir keine Antwort sagen-- Still--der Traum versinkt--verklingt.
SONNE
Sonne scheint draußen und scheint in die Stube, unten am Boden kugelt mein Bube, greift nach den schimmernden, flimmernden Stäubchen; ich sitze am Fenster und nähe ein Häubchen, ein ganz kleines Häubchen aus weißem Batist. Ob's wohl ein Mädel ist?-- Und hat's _seine_ Augen, _seinen_ trotzfrohen Sinn, dann weiß kein Mensch, wie glücklich ich bin! Bloß Er--Er--sein liebes Gesicht-- -- "Na, Bub? Hast du die Sonne noch nicht?"--
MARIENLIED
Maria herzt ihr Kindlein und küßt sein rotes Mündlein; sie weiß es nicht, daß einst zu Golgatha sein Kreuz wird aufgericht't.
Der Wind mit Blumendüften tut des Kindes Härlein lüften; nicht weiß der Wind, daß einst zu Golgatha unschuldig Blut verrinnt.
Sein Lämmlein kommt gesprungen, spielt um den holden Jungen; sieht nicht von fern, daß man zu Golgatha einst höhnt den lieben Herrn.
Ihr sorgend Mutterherzen müßt es fein still verschmerzen; ihr wißt es nicht, wann eurem teuren Kindlein sein Kreuz wird aufgericht't.
KORSISCHES WIEGENLIED
Schlafe, mein kleiner Wildling, du schlankes Reis, schlaf ein; draußen im Mondschein die Pappel sieht auf dein Bett herein.
Träume, mein heißer Wildling; was ballst du die kleine Faust? Kühl geht der Wind durchs Fenster, die hohe Pappel braust.
Wachse, mein trotziger Wildling, wachse dich hoch und frei, horch auf die herrischen Stürme und des Adlers stolzen Schrei!
Räche mich, Sohn meiner Wildheit, räche den Mutterleib, Schärfe den Dolch und töte, töte das fremde Weib!
KÖNIGSKIND
--1--
Schlafe ruhig, Königskind; wie im Traume singt der Wind, schweigend sitzt der Mond zu Haus, gießt die weißen Strahlen aus, gießt sie über das weite Land, über Wald und Hügelwand.
Taube gurrt im dunklen Laub, Käfer surrt und fliegt auf Raub, Fischlein steht im Wasser still, weiß nicht, ob es schwimmen will. Was dir auch das Leben spinnt: träume, Königskind!
--2--
Ein Vogel flog aus dem Heimatland, er flog wohl sieben Tage lang über fremde Wälder und Seen; da wurden ihm die Flügel lahm, und als er ans große Wasser kam, konnt er nicht weiter.
Ein Mägdlein mußte von Hause fort, in ein fernes Land an fremden Ort, so bang und alleine. Die Mutter gab ihr drei Tropfen Blut: Tochter, liebe Tochter, wahre sie gut, sonst trifft dich ein Unheil.
Das Vöglein fiel aus der Höh herab, brach die Flügel beide und fand sein Grab im öden Lande; das Mägdlein verlor der Mutter Blut, verlor den Weg und verlor den Mut und irrt in der Fremde.
--3--
Waldtaube saß gefangen, Kuruh, das Vögelein, wohl hinter Gitter und Stangen; da ließ das Köpflein hangen Kuruh das Vögelein.
Waldtaube saß am Gitter, Kuruh, das Vögelein, da kam ein blauer Ritter, ein Falke an ihr Gitter: Kuruh, mein Vögelein.
Und bist du auch gefangen, Kuruh, mein Vögelein, meine Liebe zerbricht die Stangen, zu dir will ich gelangen, Kuruh, mein Vögelein.
Mit seinen starken Fängen tat er das Gitter aufzwängen, Kuruh, mein Vögelein. Sie breiteten aus die Flügel, flogen weithin über die Hügel, grad in die Sonne hinein, Kuruh, mein Vögelein.
HEIMWEH
Quellchen geht in den Rauschebach, Bach geht in den Fluß, Fluß geht vorbei am Elternhaus, Mütterchen hört seinen Gruß; grüße mir, Quellchen, grüße mir fein Vater und Mutter, vergiß es nicht, nein?
Vater pfeift seinem Hühnerhund, Mutter sorgt für den Herd, Schwesterchen gießt ihre Tausendschön, Bruder zäumt sich sein Pferd; grüße mir, Quellchen, ich bin so allein, Bruder und Schwester, vergiß es nicht, nein?
ELFENREIGEN
Eia, wir Elfen, wir kommen und helfen, eh du's gedacht, Kind, eh du's gedacht. Wir kommen im frommen Geleuchte der Nacht, Gewänder und Bänder vom Monde erdacht; wir schweben und heben im Reigenspiel sacht die Schleier zur Feier der freundlichen Nacht. Eia, wir reichen uns schmeichelnd die weichen Hände im gleichen lieblichen Takt, im lieblichen Takt. Wir gleiten durch Weiten der wandernden Welt, wie ziehende fliehende Nebel im Feld; wir lauschen, dem Rauschen der Quellen gesellt, und schauen die blauen Gefilde bestellt. Eia, wir zeigen im silbernen Reigen mit Nicken und Neigen die Zauber der Welt, die Zauber der Welt.
WIEGENMÄRCHEN