Chapter 4
Zuunterst in der Mappe lag noch ein unförmlicher Fetzen, worauf Mouton etwas gesudelt hatte, was meine Neugierde fesselte. 'Das ist nicht von mir, sagte Julian, 'es hat sich angehängt.' Ich studierte das Blatt, welches die wunderliche Parodie einer ovidischen Szene enthielt: jener, wo Pentheus rennt, von den Mänaden gejagt, und Bacchus, der grausame Gott, um den Flüchtenden zu verderben, ein senkrechtes Gebirge vor ihm in die Höhe wachsen lässt. Wahrscheinlich hatte Mouton den Knaben, der zuweilen seinen Aufgaben in der Malkammer oblag, die Verse Ovids mühselig genug übersetzen hören und daraus seinen Stoff geschöpft. Ein Jüngling, unverkennbar Julian in allen seinen Körperformen, welche Moutons Malerauge leichtlich besser kannte als der Knabe selbst, ein schlanker Renner, floh, den Kopf mit einem Ausdrucke tödlicher Angst nach ein paar ihm nachjagenden Gespenstern umgewendet. Keine Bacchantinnen, Weiber ohne Alter, verkörperte Vorstellungen, Ängstigungen, folternde Gedanken--eines dieser Scheusale trug einen langen Jesuitenhut auf dem geschorenen Schädel und einen Folianten in der Hand--und erst die Felswand, wüst und unerklimmbar, die vor dem Blicke zu wachsen schien, wie ein finsteres Schicksal!
Ich sah den Knaben an. Dieser betrachtete das Blatt ohne Widerwillen, ohne eine Ahnung seiner möglichen Bedeutung. Auch Mouton mochte sich nicht klargemacht haben, welches schlimme Omen er in genialer Dumpfheit auf das Blatt hingeträumt hatte. Ich steckte dasselbe unwillkürlich, um es zu verbergen, in die Mitte der Blätterschicht, bevor ich diese in die Mappe schob.
'Julian', begann ich freundlich, 'ich beklage mich bei dir, dass du mir Mouton vorgezogen hast, ihn zu deinem Vertrauten machend, während du dich gegen mein Wohlwollen, das du kennst, in ein unbegreifliches Schweigen verschlossest. Fürchtest du dich, mir dein Unglück zu sagen, weil ich imstande bin, dasselbe klar zu begrenzen und richtig zu beurteilen, und du vorziehst, in hoffnungslosem Brüten dich zu verzehren? Das ist nicht mutig.'
Julian verzog schmerzlich die Brauen. Aber noch einmal spielte ein Strahl der heute genossenen Seligkeit über sein Antlitz. 'Herr Fagon', sagte er halb lächelnd, 'eigentlich habe ich meinen Gram nur dem Pudel Mouton erzählt.'
Dieses artige Wort, welches ich ihm nicht zugetraut hätte, überraschte mich. Der Knabe deutete meine erstaune Miene falsch. Er glaubte sich missredet zu haben. 'Fraget mich, Herr Fagon', sagte er, 'ich antworte Euch die Wahrheit.'
'Du hast Mühe zu leben?'
'Ja, Herr Fagon.'
'Man hält dich für beschränkt, und du bist es auch, doch vielleicht anders, als die Leute meinen.' Das harte Wort war gesprochen.
Der Knabe versenkte den Blondkopf in die Hände und brach in schweigende Tränen aus, welche ich erst bemerkte, da sie zwischen seinen Fingern rannen. Nun war der Bann gebrochen.
'Ich will Euch meine Kümmernis erzählen, Herr Fagon', schluchzte er, das Antlitz erhebend.
'Tue das, mein Kind, und sei gewiss, dass ich dich jetzt, da wir Freunde sind, verteidigen werde wie mich selbst. Niemand wird dir künftig etwas anhaben, weder du noch ein anderer! Du wirst dich wieder an Luft und Sonne freuen und dein Tagewerk ohne Grauen beginnen.'
Der Knabe glaubte an mich und fasste mit hoffenden Augen Vertrauen. Dann begann er sein Leid zu erzählen, halb schon wie ein vergangenes: 'Einen schlimmen Tag habe ich gelebt, und die übrigen waren nicht viel besser. Es war an einem Herbsttage, dass ich mit Guntram zu seinem Ohm, dem Comtur, nach Compiègne fuhr. Wir wollten uns dort im Schiessen üben, für uns beide ein neues Vergnügen und eine Probe unserer Augen.
Wir hatten ein leichtes Zweigespann, und Guntram unterhielt mich in einer Staubwolke von seiner Zukunft. Diese könne nur eine militärische sein. Zu anderem habe er keine Lust. Der Comtur empfing uns weitläufig, aber Guntram hielt nicht Ruhe, bis wir auf Distanz vor der Scheibe standen. Keinen einzigen Schuss brachte er hinein. Denn er ist kurzsichtig wie niemand. Er biss sich in die Lippe und regte sich schrecklich auf. Dadurch wurde auch seine Hand unsicher, während ich ins Schwarze traf, weil ich sah und zielte. Der Comtur wurde abgerufen, und Guntram schickte den Bedienten nach Wein. Er leerte einige Gläser, und seine Hand fing an zu zittern. Mit hervorquellenden Augen und verzerrtem Gesichte schleuderte er seine Pistole auf den Rasen, hob sie dann wieder auf, lud sie, lud auch die meinige und verlor sich mit mir in das Dickicht des Parkes.
Auf einer Lichtung hob er die eine und bot mir die andere. 'Ich mache ein Ende!' schrie er verzweifelt. Ich bin ein Blinder, und die taugen nicht ins Feld, und wenn ich nicht ins Feld tauge, will ich nicht leben! Du begleitest mich! Auch du taugst nicht ins Leben, obwohl du beneidenswert schiessest, denn du bist der grösste Dummkopf, das Gespötte der Welt!' 'Und Gott?' fragte ich. 'Ein hübscher Gott', hohnlachte er und zeigte dem Himmel die Faust, 'der mir Kriegslust und Blindheit und dir einen Körper ohne Geist gegeben hat!' Wir rangen, ich entwaffnete ihn, und er schlug sich in die Büsche.
Seit jenem Tage war ich ein Unglücklicher, denn Guntram hatte ausgesprochen, was ich wusste, aber mir selbst verhehlte, so gut es gehen wollte. Stets hörte ich das Wort Dummkopf hinter mir flüstern, auf der Strasse wie in der Schule, und meine Ohren schärften sich, das grausame Wort zu vernehmen. Es mag auch sein, dass meine Mitschüler, über welche ich sonst nicht zu klagen habe, wenn sie sich ausser dem Bereiche meines Ohres glauben, kürzehalber mich so nennen. Sogar das Semmelweib mit den verschmitzten Runzeln, die Lisette, welche vor dem Collège ihre Ware vertreibt, sucht mich zu betrügen, oft recht plump, und glaubt es zu dürfen, weil sie mich einen Dummen nennen hört. Und doch hangt an der Mauer des Collège Gott der Heiland, der in die Welt gekommen ist, um Gerechtigkeit gegen alle und Milde gegen die Schwachen zu lehren.' Er schwieg und schien nachzudenken.
Dann fuhr er fort: 'Ich will mich nicht besser machen, Herr Fagon, als ich bin. Auch ich habe meine bösen Stunden. Bei keinem Spiele würde ich Sonne und Schatten ungerecht verteilen, und wie kann Gott bei dem irdischen Wettspiel einem einzelnen Bleigewichte anhängen und ihm dann zurufen: 'Dort ist das Ziel: lauf mit den andern!' Oft, Herr Fagon, habe ich vor dem Einschlafen die Hände gefaltet und den lieben Gott brünstig angefleht, er möge, was ich eben mühselig erlernt, während des Schlafes in meinem Kopfe wachsen und erstarken lassen, was ja die blosse Natur den andern gewährt. Ich wachte auf und hatte alles vergessen, und die Sonne erschreckte mich.
'Vielleicht', flüsterte er scheu, 'tue ich dem lieben Gott Unrecht. Er hülfe gern, gütig wie er ist, aber er hat wohl nicht immer die Macht. Wäre das nicht möglich, Herr Fagon? Wurde es dann allzu arg, besuchte mich die Mutter im Traum und sagte mir: 'Halt aus, Julian! Es wird noch gut!'
Diese unglaublichen Nativitäten und kindischen Widersprüche zwangen mich zu einem Lächeln, welches ein Grinsen sein mochte. Der Knabe erschrak über sich selbst und über mich. Dann sagte er, als hätte er schon zu lange gesprochen, hastig, nicht ohne einige Bitterkeit, denn die Zuversicht hatte ihn im Laufe seiner Erzählung wieder verlassen: 'Nun weiss jedermann, dass ich dumm bin, selbst der König, und diesem hätte ich es so gerne verheimlicht'--Julian mochte auf jenen Marly anspielen--, 'einzig meinen Vater ausgenommen, der nicht daran glauben will.'
'Mein Sohn', sagte ich und legte die Hand auf seine schlanke Schulter, 'ich philosophiere nicht mit dir, Willst du mir aber glauben, so trage ich dich durch die Wellen. Wie du bist, ich werde dich in den Port bringen. Zwar du wirst trotz deines schönen Namens kein Heer und keine Flotte führen, aber du wirst auch keine Schlacht leichtsinnig verlieren zum Schaden deines Königs und deines Vaterlandes. Dein Name wird nicht wie der deines Vaters in unsern Annalen stehen, aber im Buche der Gerechten, denn du kennst die erste Seligpreisung, dass das Himmelreich den Armen im Geiste gehört.
Merk auf! Der erste Punkt ist: du gehst ins Feld und kämpfst in unsern Reihen für den König und das jetzt so schwer bedrohte Frankreich. Im Kugelregen wirst du erfahren, ob du leben darfst. Dass du bald hineinkommst, dafür sorge ich. Du bleibst oder du kehrst heim mit dem Selbstvertrauen eines Braven. Ohne Selbstvertrauen kein Mann. Niemand wird dir leicht ins Angesicht spotten. Dann wirst du ein einfacher Diener deines Königs und erfüllst deine Pflicht aufs strengste, wie es in dir liegt. Du hast Ehre und Treue, und deren bedarf die Majestät. Unter denen, die sie umgeben, ist kein Überfluss daran. Marstall, Jagd oder Wache, ein Dienst wird sich finden, wie du ihn zu verrichten verstehst. Deine Geburt wird dich statt des eigenen Verdienstes vor andern begünstigen: das mache dich demütig. Die Majestät, wenn sie sich im Rate müde gearbeitet hat, liebt es, ein zwangloses Wort an einen Schweigsamen und unbedingt Getreuen zu richten. Du bist zu einfach, um dich in eine Intrige zu mischen; dafür wird dich keine Intrige zugrunde richten. Man wird, wie die Welt ist, hinter deinem Rücken höhnen und spotten, aber du blickst nicht um. Du wirst gütig und gerecht sein mit deinen Knechten und keinen Tag beendigen ohne eine Wohltat. Im übrigen: verzichte!'
Der Knabe blickte mich mit gläubigen Augen an. 'Das sind Worte des Evangeliums', sagte er.
'Verzichtet nicht jedermann', scherzte ich, 'selbst deine Gönnerin, Frau von Maintenon, selbst der König auf einen Schmuck oder eine Provinz? Habe ich, Fagon, nicht ebenfalls verzichtet, vielleicht bitterer als du, wenn auch auf meine eigene Weise? Verwaist, arm, mit einem elenden Körper, der sich gerade in deinen Jahren von Tag zu Tag verwuchs und verbog, habe ich nicht eine strenge Muse gewählt, die Wissenschaft? Glaubst du, ich hatte kein Herz, keine Sinne? Ein zärtliches Herzchen, Julian!--und entsagte ein für allemal dem grössten Reiz des Daseins, der Liebe, welche deinem schlanken Wuchse und deinem leeren Blondkopf nur so angeworfen wird!'"
Fagon trug, was ihn vielleicht in seiner Jugend schwer bedrängt hatte, mit einem so komischen Pathos vor, dass es den König belustigte und der Marquise schmeichelte.
"Ich begleitete Julian bis an die Pforte und zog ihn mit Mirabellen auf. 'Ihr habt rasch gemacht', sagte ich, 'Es ist so gekommen', antwortete er unbefangen. 'Man hat sie mit dem Geiste gequält, sie weinte, und da fasste ich ein Vertrauen. Auch gleicht sie meiner Mutter.'
Eine Arie aus irgendeiner verschollenen Oper meiner Jugendzeit trällernd, die einzige, deren ich mächtig bin, kehrte ich zu meiner Bank vor der Orangerie zurück. 'Er muss gleich ins Feld', sagte ich mir. Wenig fehlte, ich schlug ihm vor: ohne weiteres eines meiner Rosse zu satteln und stracks an die Grenze zum Heere zu jagen; aber dieser kühne Ungehorsam hätte den Knaben nicht gekleidet. Überdies wusste man, dass der Marschall für einmal nur die Grenzen sicherte und die Festungen in Flandern instand setzte, um vor einer entscheidenden Schlacht nach Versailles zurückzukehren und die endgültigen Befehle deiner Majestät zu empfangen. Dann wollte ich ihn fassen.
Als ich, die liegengebliebene Mappe noch einmal öffnend, den Inhalt zurechtschüttelte, da, siehe! lag der Pentheus mit der grausigen Felswand obenauf, den ich geschworen hätte in die Mitte der Blätter geschoben zu haben...
Wenig später begab es sich, dass Mouton der Pudel, in dem Gedränge der Rue Saint-Honoré seinen Herrn suchend, verkarrt wurde. Er schläft in deinem Garten, Majestät, wo ihn Mouton der Mensch unter einer Catalpa beerdigte und mit seinem Taschenmesser in die Rinde des Baumes schnitt: 'II Moutons'.
Und wirklich lag er bald neben seinem Pudel. Es war Zeit. Der Trunk hatte ihn unterhöhlt, und sein Verstand begann zu schwanken. Ich beobachtete ihn mitunter aus meinem Bibliothekfenster, wie er in seiner Kammer vor der Staffelei sass und nicht nur vernehmlich mit dem Geiste seines Pudels plauderte, sondern auch mit hündischer Miene gähnte oder schnellen Maules nach Fliegen schnappte, ganz in der Art seines abgeschiedenen Freundes. Eine Wassersucht zog ihn danieder. Es ging rasch, und als ich eines Tages an sein Lager trat, in der Hand einen Löffel voll Medizin, drehte er seinem Wohltäter mit einem unaussprechlichen Worte den Rücken, kehrte das Gesicht gegen die Wand und war fertig.
Es begab sich ferner, dass der Marschall aus dem Felde nach Versailles zurückkehrte. Da sein Aufenthalt kein langer sein konnte, ergriff ich den Augenblick. Ich war entschlossen, Julian an der Hand, vor ihn zu treten und ihm die ganze Wahrheit zu sagen.
Ich fuhr bei den Jesuiten vor. In der Nähe der Hauptpforte hielt das von den Dienern kaum gebändigte feurige Viergespann des Marschalls, Julian erwartend, um den Knaben rasch nach Versailles zu bringen. Das Tor des Jesuitenhauses öffnete sich, und Julian wankte heraus, in welchem Zustande! Das Haupt vorfallend, den Rücken gebrochen, die Gestalt geknickt, auf unsichern Füssen, den Blick erloschen, während die Augen Victor Argensons, welcher den Freund führte, loderten wie Fackeln. Die verblüfften Diener in ihren reichen Livreen beeiferten sich, ihren jungen Herrn rasch und behutsam in den Wagen zu heben. Ich sprang aus dem meinigen, den Knaben von einer tückischen Seuche ergriffen glaubend.
'Um Gottes willen, Julian', schrie ich, 'was ist mit dir?' Keine Antwort. Der Knabe starrte mich mit abwesendem Geiste an. Ich weiss nicht, ob er mich kannte. Ich begriff, dass der sonst schon Verschlossene jetzt nicht reden werde, und da überdies der Stallmeister drängte: 'Hinein, Herr, oder zurück!', denn die ungeduldigen Rosse bäumten sich, so liess ich das Kind fahren, mir versprechend, ihm bald nach Versailles zu folgen. Schon hatte sich um die aufregende Szene vor dem Jesuitenhause ein Zusammenlauf gebildet, dessen Neugierde ich zu entrinnen wünschte, und Victor erblickend, welcher mit leidenschaftlicher Gebärde dem im Sturm davongetragenen Gespielen nachrief. 'Mut, Julian! Ich werde dich rächen!', stiess ich den Knaben vor mich in meinen Wagen und stieg ihm nach. 'Wohin, Herr?' fragte mein Kutscher. Bevor ich antwortete, schrie das geistesgegenwärtige Kind: 'Ins Kloster Faubourg Saint-Antoine!'
In dem genannten Kloster hat sich, wie Ihr wisset, Sire, Euer Ideal von Polizeiminister einen stillen Winkel eingerichtet, wo er nicht überlaufen wird und heimlich für die öffentliche Sicherheit von Paris sorgen kann. 'Victor', fragte ich durch das Geräusch der Räder, 'was ist? was hat sich begeben?'
'Ein riesiges Unrecht!' wütete der Knabe. 'Père Tellier, der Wolf, hat Julian mit Riemen gezüchtigt, und er ist unschuldig! Ich bin der Anstifter! Ich bin der Täter! Aber ich will dem Julian Gerechtigkeit verschaffen, ich fordere den Pater auf Pistolen!' Diese Absurdität, mit dem Geständnisse Victors, das Unglück verschuldet zu haben, brachte mich dergestalt auf, dass ich ihm ohne weiteres eine salzige Ohrfeige zog. 'Sehr gut!' sagte er. 'Kutscher, du schleichst wie eine Schnecke!' Er steckte ihm sein volles Beutelchen zu. 'Rasch! peitsche! jage! Herr Fagon, seid gewiss, der Vater wird dem Julian Gerechtigkeit verschaffen! Oh, er kennt die Jesuiten, diese Schurken, diese Schufte, und ihre schmutzige Wäsche! Ihn aber fürchten sie wie den Teufel!' Ich hielt es für unnötig, das rasende Kind weiter zu fragen, da er ja seine Beichte vor dem Vater ablegen würde und die fliegenden Rosse schon das schlechte Pflaster der Vorstadt mit ihren Hufen schlugen, dass die Funken spritzten. Wir waren angelangt und wurden sogleich vorgelassen.
Argenson blätterte in einem Aktenstoss. 'Wir überfallen, Argenson!' entschuldigte ich.
'Nicht, nicht, Fagon', antwortete er mir die Hand schüttelnd und rückte mir einen Stuhl. 'Was ist denn mit dem Jungen? Er glüht ja wie ein Ofen,' 'Vater--' 'Halt das Maul! Herr Fagon redet.'
'Argenson', begann ich, 'ein schwerer Unfall, vielleicht ein grosses Unglück hat sich zugetragen. Julian Boufflers'--ich blickte den Minister fragend an--"Weiss von dem armen Knaben", sagte er--'wurde bei den Jesuiten geschlagen, und der Knabe fuhr nach Versailles in einem Zustande, der, wenn ich richtig sah, der Anfang einer gefährlichen Krankheit ist. Victor kennt den Hergang.'
'Erzähle!' gebot der Vater. 'Klar, ruhig, umständlich. Auch der kleinste Punkt ist wichtig. Und lüge nicht!'
'Lügen?' rief der empörte Knabe, 'werde ich da lügen, wo nur die Wahrheit hilft? Diese Schufte, die Jesuiten--'
'Die Tatsachen!' befahl der Minister mit einer Rhadamanthusmiene. Victor nahm sich zusammen und erzählte mit erstaunlicher Klarheit.
'Es war vor der Rhetorik des Père Amiel, und wir steckten die Köpfe zusammen, welchen Possen wir dem Nasigen spielen würden. 'Etwas Neues! ' rief man von allen Seiten, 'etwas noch nicht Dagewesenes! eine Erfindung!' Da fiel uns ein--'
'Da fiel mir ein', verbesserte der Vater.
'--Mir ein, Julian, der so hübsch zeichnet, zu bitten, uns etwas mit der Kreide an die schwarze Tafel zu malen. Ich legte ihm, der auf seiner Bank über den Büchern sass, eine Lektion einlernend--er lernt so unglaublich schwer--, den Arm um den Hals. Zeichne uns etwas!' schmeichelte ich. 'Ein Rhinoceros!' Er schüttelte den Kopf. 'Ich merke', sagte er, 'ihr wollt damit nur den guten Pater ärgern, und da tue ich nicht mit. Es ist eine Grausamkeit. Ich zeichne euch keine Nase!'
'Aber einen Schnabel, eine Schleiereule, du machst die Eulen so komisch!'
'Auch keinen Schnabel, Victor.'
Da sann ich ein wenig und hatte einen Einfall.' Der Minister runzelte seine pechschwarze Braue. Victor fuhr mit dem Mute der Verzweiflung fort: ''Zeichne uns ein Bienchen, Julian', sagte ich, du kannst das so allerliebst!' 'Warum nicht?' antwortete er dienstfertig und zeichnete mit sorgfältigen Zügen ein nettes Bienchen auf die Tafel.
'Schreibe etwas bei!'
'Nun ja, wenn du willst', sagte er und schrieb mit der Kreide: 'abeille.'
'Ach, du hast doch gar keine Einbildungskraft, Julian! Das lautet trocken.'
'Wie soll ich denn schreiben, Victor?'
'Wenigstens das Honigtierchen, bête à miel.''
Der Minister begriff sofort das alberne Wortspiel: bête à miel und bête Amiel. 'Da hast du etwas dafür!' rief er empört und gab dem Erfinder des Calembourgs eine Ohrfeige, gegen welche die meinige eine Liebkosung gewesen war.
'Sehr gut!' sagte der Knabe, dem das Ohr blutete.
'Weiter! und mach es kurz!' befahl der Vater, 'damit du mir aus den Augen kommst!'
'--In diesem Augenblick trat Père Amiel ein, schritt auf und nieder, beschnüffelte die Tafel, verstand und tat dergleichen, der Schäker, als ob er nicht verstünde. Aber: 'Bête Amiel! dummer Amiel!'scholl es erst vereinzelt, dann aus mehreren Bänken, dann vollstimmig, 'bête Amiel! dummer Amiel!'
Da--Schrecken--wurde die Tür aufgerissen. Es war der reissende Wolf, der Père Tellier. Er hatte durch die Korridore spioniert und zeigte jetzt seine teuflische Fratze.
'Wer hat das gezeichnet?'
'Ich', antwortete Julian fest. Er hatte sich die Ohren verhalten, seine Lektion zu studieren fortfahrend, und verstand und begriff, wie er ja überhaupt so schwer begreift, nichts von nichts.
'Wer hat das geschrieben?'
'Ich', sagte Julian.
Der Wolf tat einen Sprung gegen ihn, riss den Verblüfften empor, presste ihn an sich, ergriff einen Bücherriemen und--' Dem Erzählenden versagte das Wort.
'Und du hast geschwiegen, elende Memme?' donnerte der Minister. 'Ich verachte dich! Du bist ein Lump!'
'Geschrieen habe ich wie einer, den sie morden', rief der Knabe, ''ich war es! ich! ich!' Auch Père Amiel hat sich an den Wolf geklammert, die Unschuld Julians beteuernd. Er hörte es wohl, der Wolf! Aber mir krümmte er kein Haar, weil ich dein Sohn bin und dich die Jesuiten fürchten und achten. Den Marschall aber hassen sie und fürchten ihn nicht. Da musste der Julian herhalten. Aber ich will dem Wolf mein Messer'--der Knabe langte in die Tasche--'zwischen die Rippen stossen, wenn er nicht--'
Der gestrenge Vater ergriff ihn am Kragen, schleppte ihn gegen die Türe, öffnete sie, warf ihn hinaus und riegelte. Im nächsten Augenblicke schon wurde draussen mit Fäusten gehämmert, und der Knabe schrie: 'Ich gehe mit zum Père Tellier! Ich trete als Zeuge auf und sage ihm: 'Du bist ein Ungeheuer!''
'Im Grunde, Fagon', wendete sich der Minister kaltblütig gegen mich, ohne sich an das Gepolter zu kehren, 'hat der Junge recht: wir beide suchen den Pater auf, ohne Verzug, fallen ihn mit der nackten Wahrheit an, breiten sie wie auf ein Tuch vor ihm aus und nötigen ihn, mit uns zu Julian zu gehen, heute noch, sogleich, und in unsrer Gegenwart dem Misshandelten Abbitte zu tun.' Er blickte nach einer Stockuhr. 'Halb zwölf. Père Tellier hält seine Bauerzeiten fest. Er speist Punkt Mittag mit Schwarzbrot und Käse. Wir finden ihn.'
Argenson zog mich mit sich fort. Wir stiegen ein und rollten.
'Ich kenne den Knaben', wiederholte der Minister. 'Nur eines ist mir in seiner Geschichte unklar. Es ist Tatsache, dass die Väter damit anfingen, ihn zu hätscheln und in Baumwolle einzuwickeln. Seine Kameraden, auch mein Halunke, haben sich oft darüber aufgehalten. Ich begreife, dass die Väter, wie sie beschaffen sind, das Kind hassen, seit der Marschall das Missgeschick hatte, sie zu entlarven. Aber warum sie, denen der Marschall gleichgültig war, einen Vorteil darin fanden, das Kind zuerst über die dem Schwachen gebührende Schonung hinaus zu begünstigen, das entgeht mir.'
'Hm', machte ich.
'Und gerade das muss ich wissen, Fagon.'
'Nun denn, Argenson', begann ich mein Bekenntnis--auch dir, Majestät, lege ich es ab, denn dich zumeist habe ich beleidigt--, 'da ich Julian bei den Vätern um jeden Preis warm betten wollte und ihm keine durchschlagende Empfehlung wusste--man plaudert ja zuweilen ein bisschen, und so erzählte ich den Vätern Rapin und Bouhours, die ich in einer Damengesellschaft fand, Julians Mutter sei dir, dem Könige, eine angenehme Erscheinung gewesen. Die reine Wahrheit. Kein Wort darüber hinaus, bei meiner Ehre, Argenson!' Dieser verzog das Gesicht.
Du, Majestät, zeigest mir ein finsteres und ungnädiges. Aber, Sire, trage ich die Schuld, wenn die Einbildungskraft der Väter Jesuiten das Reinste ins Zweideutige umarbeitet?
'Als sie dann', fuhr ich fort, 'den Marschall zu hassen und sich für ihn zu interessieren begannen, lauschten und forschten sie nach ihrer Weise, erfuhren aber nichts, als dass Julians Mutter das reinste Geschöpf der Erde war, bevor sie der Engel wurde, der jetzt über die Erde lächelt. Leider kamen die Väter zur Überzeugung ihres Irrtums gerade, da das Kind desselben am meisten bedurft hätte.' Argenson nickte."
"Fagon", sagte der König fast strenge, "das war deine dritte und grösste Freiheit. Spieltest du so leichtsinnig mit meinem Namen und dem Rufe eines von dir angebeteten Weibes, hättest du mir wenigstens diesen Frevel verschweigen sollen, selbst wenn deine Geschichte dadurch unverständlicher geworden wäre. Und sage mir, Fagon: hast du da nicht nach dem verrufenen Satze gehandelt, dass der Zweck die Mittel heilige? Bist du in den Orden getreten?"
"Wir alle sind es ein bisschen, Majestät", lächelte Fagon und fuhr fort: "Mitte Weges begegneten wir dem Père Amiel, der wie ein Unglücklicher umherirrte und, meinen Wagen erkennend, sich so verzweifelt gebärdete, dass ich halten liess. Am Kutschenschlage entwickelte er seine närrische Mimik und war im Augenblicke von einem Kreise toll lachender Gassenjungen umgeben. Ich hiess ihn einsteigen.