Das Leben und der Tod des Königs Lear

Chapter 6

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Gloster. Weil ich nicht sehen wollte, daß deine grausamen Nägel seine alten Augen auskrazten, noch daß deine grimmige Schwester ihre Bären- Klauen in sein gesalbtes Fleisch einhakte. Von einem solchen Sturm, wie sein kahles Haupt in Hölle-schwarzer Nacht aushalten mußte, hätte die kochende See bis an den Himmel aufbrausen, und die gestirnten Feuer auslöschen mögen. Und doch, das arme alte Herz! half er dem Himmel regnen. Hätten Wölfe in dieser entsezlichen Nacht vor deinem Thor geheulet, du würdest dem Pförtner befohlen haben, sie zu öffnen; die grausamsten Thiere wurden vor Schreken mild--Aber ich werd es noch sehen, wie die geflügelte Rache solche Kinder überfallen wird.

Cornwall. Sehen sollt du es niemals. Kerls, haltet den Stuhl; auf diese deine Augen will ich meinen Fuß sezen.

(Gloster wird auf den Boden gelegt, und Cornwall tritt ihm das eine von seinen Augen aus.)

Gloster. Wer so lange zu leben gedenkt bis er alt wird, gebe mir einige Hülfe--O grausam! O! ihr Götter!

Regan. Eine Seite möcht' es der andern vorrüken; das andere auch.

Cornwall. Wenn ihr Rache sehet--

Ein Bedienter. Haltet ein, Mylord, ich habe euch von meiner Kindheit an gedient, aber keinen bessern Dienst hab ich euch nie gethan, als izt, da ich euch bitte, einzuhalten.

Regan. Was ist das, du Hund?

Bedienter. Wenn ihr einen Bart an euerm Kinn trüget, so wollt' ich es mit euch aufnehmen--

(indem er sieht, daß Cornwall den Degen gegen ihn zieht:)

Wie? was habt ihr im Sinn?

Cornwall. Nichtswürdiger Bube--

Bedienter. Nun so kommt dann, weil ihr mich so herausfodert--

(Sie fechten, Cornwall wird verwundet.)

Regan. Gieb mir dein Schwerdt--ein Sclave soll sich so auflehnen?

(Sie ersticht ihn.)

Bedienter. O! ich bin erschlagen--Mylord, ihr habt noch ein Auge übrig, um Unglük über ihm zu sehen--O! --

(Er stirbt.)

Cornwall. Wir wollen ihm zuvorkommen; aus, nichtswürdige Sulz--

(Er tritt das andre Aug auch aus.)

Gloster. Ganz finster und hülflos--Wo ist mein Sohn Edmund? Edmund, fache alle Funken der Natur an, diese greuliche That zu rächen.

Regan. Hinaus, verräthrischer Hund! du rufst einem, der dich verabscheuet; Edmund war's, der uns deine Verräthereyen entdekte; er ist zu gut, Mitleiden mit dir zu haben.

Gloster. O meine Thorheiten!--So wurde Edgar fälschlich angeklagt! Ihr mitleidigen Götter, vergebet mir das, und segnet ihn!

Regan. Geht, führt ihn vor das Thor hinaus, und laßt ihn seinen Weg nach Dover durch den Geruch finden.

(Gloster wird weggeführt.)

Wie stehts, Mylord, wie seht ihr so übel aus?

Cornwall. Ich habe einen Stoß bekommen; folget mir, Lady; Stosset diesen auglosen Buben hinaus--werft diesen Sclaven auf den Mist--Regan, ich verblute; dieser Stoß kommt sehr zur Unzeit--

Regan. Gebt mir euern Arm--

(Sie gehen ab.)

1. Bedienter. Wenn es diesem Mann wohl geht, so will ich mir um keines Bubenstüks willen bange seyn lassen.

2. Bedienter. Wenn Sie lange lebt, und am Ende so stirbt wie andre Leute, so werden alle Weiber zu Ungeheuern werden.

1. Bedienter. Wir wollen dem alten Grafen nachlaufen, und irgend einen Bettler suchen, der ihn führe--

2. Bedienter. Geh du, ich will etwas Flachs und Eyer-Weiß hohlen, es auf seine blutenden Augen zu legen. Nun, der Himmel helf ihm!

(Gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erster Auftritt. (Ein freyes Feld.)

Edgar (tritt auf) Immer besser so, und wissen daß man verachtet wird, als immer verachtet und geschmeichelt werden. Das ärmste, niedrigste, verworrenste Geschöpf lebt immer in Hoffnung, und hat nichts zu befürchten. Klägliche Veränderungen treffen nur die Glüklichsten. Wer nichts verliehren kan, kan immer lachen. Willkommen dann, du unkörperliche Luft, der Unglükliche, den du unter den Elendesten hinunter geweht hast, ist deinen Stürmen nichts mehr schuldig. (Gloster tritt auf, von einem alten Manne geführt.) Aber wer kommt hier? Mein Vater, von einem fremden Manne geführt?--Welt, Welt, o Welt!--Und doch, wenn deine seltsamen Abwechslungen dich nicht verhaßt machten, wo ist der Greiß welcher sterben wollte?

Der alte Mann. O mein guter Lord, ich bin euer Pachter und euers Vaters Pachter gewesen, diese achzig Jahre.

Gloster. Gehe, gehe deinen Weg, guter Freund, geh, dein Beystand kan mir nichts nüzen, und dir könnt' er schädlich seyn.

Der Alte. Ihr könnt ja euern Weg nicht sehen.

Gloster. Ich habe keinen Weg, und bedarf also keiner Augen; ich strauchelte, da ich noch sah. Wie wahr ist es, was uns die Erfahrung so oft lehrt, unsre Mittelmässigkeit ist unsre Sicherheit, und selbst was wir entbehren, beweißt, daß wir es nicht nöthig haben--O theurer Sohn Edgar, unglüklicher Gegenstand des Zorns deines betrogenen Vaters, möcht ich nur leben dich in meinen Armen zu fühlen, dann wollt' ich sagen, ich habe wieder Augen.

Der Alte. Wie? wer ist der?

Edgar. Ihr Götter, wer kan sagen, ich bin der Elendeste? Ich bin elender als ich jemals war.

Der Alte. Es ist der arme tolle Tom.

Edgar. Und doch kan ich noch elender werden; das Ärgste ist noch nicht, so lang man noch sagen kan, das ist das Ärgste.

Der Alte. Guter Freund, wo gehst du hin?

Gloster. Ist es ein Bettelmann?

Der Alte. Ein Thor und ein Bettler zugleich.

Gloster. Er hat noch einige Vernunft, sonst könnt' er nicht betteln. In dem Sturm der lezten Nacht sah ich einen solchen Burschen, der mich denken machte, der Mensch sey ein Wurm. Mein Sohn kam mir dabey in den Sinn; und doch war er damals fern von meinem Herzen. Seitdem hab ich mehr gehört. Was Fliegen für muthwillige Knaben sind, sind wir den Göttern; sie tödten uns zu ihrem Zeitvertreib.

Edgar. Gott helf dir, Meister.

Gloster. Ist das der nakende Bursche?

Der Alte. Ja, Mylord.

Gloster. Geh doch, oder wenn du mir zu lieb eine Meile oder zwoo uns nach Dover zuvorlauffen willt, so thu es um der alten Liebe willen, und bring etwas Kleidung für diese nakte Seele, die ich bitten will, mich zu führen.

Der Alte. Ach, Mylord, es ist wahnwizig.

Gloster. Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwizige die Blinden führen; thu was ich dir gesagt habe, oder vielmehr thu was du willst; alles überlegt, geh deinen Weg.

Der Alte. Ich will ihm den besten Anzug bringen, den ich habe; werde daraus was will.

(Geht ab.)

Gloster. Hieher, nakter Bursche.

Edgar. Der arme Tom friert, ich kan es nicht länger verheelen.

Gloster. Komm hieher, Bursche.

Edgar. Und doch muß ich; Gott behüte deine lieben Augen, sie bluten.

Gloster. Kennst du den Weg nach Dover?

Edgar. Gatter und Zäune, Postweg und Fußsteg: Der arme Tom ist um seine guten Sinnen gekommen. Gott behüte dich vor dem bösen Feind, alter Mann. Fünf Feinde sind auf einmal in dem armen Tom gewesen; Obidicut, der Hureteufel, Hobbididen, der Fürst der Taubheit; Mahu, des Stehlens, Mohu, des Mordens, und Flibbertigibbet, der Grimassen- Teufel, der seither die Kammer-Jungfern und Stuben-Mädchen besizt.*

{ed.-* Shakespeare läßt den Edgar in seinen phantastischen Reden öfters auf eine niederträchtige Betrügerey etlicher Englischen Jesuiten zielen, die um selbige Zeit in Gesellschaften Stoff zur Unterredung gab, weil eben damals eine von dem nachmaligen Erzbischof von York Dr. Harsenet mit grosser Kunst und Stärke geschriebene Geschichte derselben zum Vorschein kam, unter dem Titel: Entdekung merkwürdiger Papistischer Betrügereyen, um Ihrer Majestät Unterthanen von ihrer Pflicht abzuziehen u.s.w. unter dem Vorwand Teufel auszutreiben, gespielt von Edmunds sonst Weston genannt, einem Jesuiten, und verschiedenen Römischen Priestern, seinen boshaften Gesellen. 1603. Diese Jesuitische Comödie wurde zur Zeit der berühmten Spanischen Armada gegen England gespielt, und hatte zur Absicht, zu Beförderung des Spanischen Vorhabens, Proselyten unter dem Pöbel zu machen. Die vornehmste Scene war in der Familie eines Hrn. Edmund Pekham, eines Catholiken, wo Marwood, ein Bedienter von Hrn. Anton Babington, Trayford, ein Bedienter des Hrn. Pekham und drey Kammer-Mädchen in diesem Hause für besessen ausgegeben, und von gedachten Priestern in die Cur genommen wurden. Die fünf barbarischen Teufel, von denen Edgar spricht, sind eben die, von denen ermeldte fünf dienstbare Personen besessen seyn sollten. Auszug aus Warbürt. Anmerk.}

Gloster. Hier, nimm diesen Beutel, du den des Himmels Plagen allen Streichen des Unglüks ausgesezt haben. Daß ich elend bin, macht dich glüklicher. Theilet immer so, ihr Götter; Laßt den reichen, von Überfluß und Wollust berauschten Mann, der euern Schiksalen Troz bietet, und das Elend seiner Nebengeschöpfe nicht sehen kan, weil er's nicht fühlt, laßt ihn schleunig eure Allmacht fühlen; so wird Freygebigkeit den unmässigen Überfluß dämpfen, und ein jeder Mensch genug haben. Kennst du Dover?

Edgar. Ja, Herr.

Gloster. Es ist ein Hügel dort, dessen hoher und überhangender Gipfel fürchterlich über die angrenzende Tieffe herabsieht. Bring mich auf die äusserste Spize desselben, und ich will dir etwas geben, das deinem armseligen Zustand ein Ende machen wird; von dort aus werd' ich keinen Führer mehr nöthig haben.

Edgar. Gieb mir deinen Arm, der arme Tom soll dich führen.

Zweyter Auftritt. (Des Herzogs von Albanien Palast.) (Gonerill und Edmund.)

Gonerill. Seyd willkommen, Mylord; mich wundert, daß mein sanftmüthiger Mann uns nicht entgegen gegangen ist. (Der Hofmeister kömmt.) Nun, wo ist euer Herr?

Hofmeister. Gnädige Frau, er ist drinnen; aber so verändert, daß es kaum glaublich ist; ich sagte ihm, die Feinde seyen angeländet; er lächelte dazu. Ich sagte ihm, Euer Gnaden kommen wieder an; desto schlimmer, war seine Antwort. Als ich ihm von Glosters Verrätherey und von der Treue seines Sohns Nachricht gab, nannte er mich einen Dummkopf, und sagte mir, ich hätte die schlimme Seite herausgekehrt. Was ihm am unangenehmsten seyn sollte, scheint ihm zu gefallen; und was ihm gefallen sollte, beleidigt ihn.

Gonerill (zu Edmund.) So sollt ihr nicht weiter gehen. Es ist nichts, als die feige Zaghaftigkeit seines Geistes, welcher nicht Muth genug hat etwas zu unternehmen: Er wird keine Beleidigung fühlen, die ihn zu einer Antwort nöthigte. Auf diese Art können unsre Wünsche zur Erfüllung kommen. Zurük, Edmund, zu meinem Bruder; beschleunige dich, mustre seine Völker und führe sie an. Hier zu Hause muß ich die Waffen wechseln, und meinem Manne die Spindel in die Hand geben. Dieser getreue Diener soll unser Verständniß unterhalten; ihr sollt in kurzem von mir hören, wenn ihr Herz genug habt zu euerm eignen Vortheil, den Befehl einer Geliebten zu wagen. Traget diß

(sie giebt ihm ich weiß nicht was,)

sparet die Worte,

(leise)

drehet den Kopf ein wenig--Dieser Kuß, wenn er reden dürfte, würde deine Lebensgeister in die Höhe treiben--Verstehe mich und lebe wohl.

Edmund. Der Eurige bis in den Tod.

Gonerill. Mein allerliebstes Gloster.

(Edmund geht ab.)

Was für ein Unterscheid ist zwischen Mann und Mann! Du verdienst die Gunstbezeugungen einer Dame; mein Thor usurpiert meine Person.

Hofmeister. Gnädige Frau, hier kömmt Mylord. (Der Herzog von Albanien kömmt.)

Gonerill. Bin ich nicht mehr werth gewesen, als meinem Bedienten zu pfeiffen, wie ich ankam?

Albanien. O, Gonerill, ihr seyd den Staub nicht werth, den euch der Wind ins Gesicht bläßt. Ich fürchte die Folgen eurer Gemüthsart; ein Geschöpf das seinen Ursprung verachtet, kan sich nicht in seiner eignen Natur erhalten; der Zweig, der sich selbst von seinem väterlichen Stamm abreißt, muß verdorren, und zu einem tödtlichen Gebrauch kommen.*

{ed.-* Eine Anspielung auf den Gebrauch, welchen, der Sage nach, die Hexen und Zauberer von verdorreten Zweigen zu ihren Bezauberungen machen sollen. Warbürton.}

Gonerill. Nichts mehr, welch ein närrisches Gewäsche!

Albanien. Weisheit und Güte scheinen dem Nichtswürdigen verächtlich; Tygerthiere, nicht Töchter, was habt ihr gethan? Einen Vater, einen höchstgütigen alten Mann habt ihr, auf eine höchst barbarische, höchst unnatürliche Weise, zum Wahnwiz getrieben. Konnte mein Bruder zulassen, daß ihr es thatet, ein Mann, ein Fürst, der ihm soviel zu danken hatte? Wahrlich, wenn die Himmel nicht ungesäumt ihre sichtbar werdenden Geister herabsenden, so schändliche Übelthaten zu straffen, so muß die Menschheit nothwendig, gleich den Meer-Ungeheuern, sich selbst aufzehren.

Gonerill. Du Milchleberichter Mann! der eine Wange für Maulschellen und einen Kopf für Beleidigungen trägt; der kein Auge hat, den Unterschied zwischen deiner Ehre und deiner Beschimpfung zu sehen; der nicht weiß, daß nur Thoren mit Bösewichtern Mitleiden haben, wenn sie gestraft werden, eh sie ihre Übelthaten ausüben konnten. Wo ist deine Trummel? Frankreich spreitet seine Fahnen in unserm ruhigen Land aus; in befiederten Helmen beginnst dein künftiger Mörder seine Drohungen, während daß du, ein moralischer Narr, still sizest und rufst: Ach! warum thut er denn das? --

Albanien. Sieh dich selbst, Teufel! Seine ihm natürliche Häßlichkeit scheint in einem Teufel nicht so abscheulich, als in einem Weibe.

Gonerill. O eitler Thor!

Albanien. Du verwandeltes, ausgeartetes Ding! Schäme dich wenigstens, deine Bildung mit so ungeheuern Gesinnungen zu schänden! Wenn es sich für mich schikte, diese Hände dem Trieb meines kochenden Blutes zu überlassen, sie würden fertig genug seyn dein Fleisch von deinen Knochen abzureissen--Ob du gleich ein Teufel bist, so schüzt dich doch die Gestalt eines Weibes--

Gonerill. Wahrhaftig, eine wolangebrachte Mannheit! (Ein Bote kömmt.)

Bote. O mein gnädigster Lord, der Herzog von Cornwall ist todt, von seinem Bedienten erschlagen, da er im Begriff war, Glosters zweytes Auge auszutreten.

Albanien. Glosters Augen?

Bote. Ein in seinem Haus erzogner Bedienter, von Reue durchbohrt, widersezte sich der That, und zog sein Schwerdt gegen seinen Herrn, welcher voll Wuth über eine solche Kühnheit, ihn auf der Stelle tödtete, vorher aber eine Wunde bekam, die ihn nun das Leben gekostet hat.

Albanien. Diß zeigt, daß ihr dort oben nicht säumet, ihr himmlischen Richter, diese unsre unter euern Augen begangne Verbrechen zu rächen. Aber, O! der arme Gloster! Verlohr er das andre Aug auch?

Bote. Beyde, beyde, Mylord. Dieses Schreiben, Gnädigste Frau, fodert eine schleunige Antwort; es ist von eurer Schwester.

Gonerill (vor sich.) Von einer Seite gefällt mir diß ganz wol. Und doch da sie izt Wittwe, und mein Gloster bey ihr ist, so könnte leicht das ganze Gebäude in meiner Phantasie über mein verhaßtes Leben einstürzen-- Auf einer andern Seite ist diese Neuigkeit nicht so reizend--Ich will lesen und antworten.

(Geht ab.)

Albanien. Wo war sein Sohn, als sie ihn seiner Augen beraubten?

Bote. Er begleitete die Herzogin hieher.

Albanien. Er ist nicht hier.

Bote. Nein, Mylord, ich traf ihn unterwegs auf der Rükreise an.

Albanien. Weiß er die schändliche That?

Bote. Ja, Gnädigster Herr, er war es selbst der seinen Vater anklagte, und er verließ das Haus, nur damit ihre Rache freyern Lauf hätte.

Albanien. Gloster, ich lebe, dir für deine Liebe zu dem König zu danken, und deine Augen zu rächen. Komm mit mir, Freund, und sage mir was du noch mehr weissest.

(Gehen ab.)

Dritter Auftritt. (Dover.) (Kent und ein Edelmann treten auf.)

Kent. Der König von Frankreich so plözlich wieder umgekehrt! Wißt ihr die Ursache?

Edelmann. Umstände, welche seine Abwesenheit in seinem Königreiche dem Staat gefährlich machen, haben seine schleunige Rükreise nöthig gemacht.

Kent. Wen hat er zum Feldherrn zurükgelassen?

Edelmann. Den Marschall von Frankreich, Monsieur le Far.

Kent. Brachten eure Briefe die Königin zu einiger Äusserung von Bekümmerniß?

Edelmann. Ja, Sir, sie nahm sie und laß sie in meiner Gegenwart, und zu verschiednen malen rollte eine grosse Thräne über ihre sanften Wangen; es schien, sie sey Königin über ihren Affect, der auf eine ganz rebellische Weise König über sie zu seyn suchte.

Kent. So rührte es sie also?

Edelmann. Aber nicht zum Zorn. Geduld und Schmerz stritten mit einander, welches von beyden ihrem Gesicht den schönsten Ausdruk geben könnte; ihr habt Sonnenschein und Regen zugleich gesehen--ihr Lächeln, und ihre Thränen schienen wie ein nasser May. Dieses anmuthsvolleste Lächeln das um ihre reiffen Lippen spielt, schien nicht zu wissen, was für Gäste in ihren Augen wären, die aus denselben wie Perlen von Diamanten, herunter tröpfelten--Kurz, der Schmerz würde die liebenswürdigste Sache von der Welt werden, wenn er allen so anstünde wie ihr.

Kent. Aber gab sie ihn nicht in Worten zu erkennen?

Edelmann. Ein oder zweymal seufzte sie aus beklemmten, langsam emporathmender Brust den Namen Vater hervor, rief zu verschiednen Malen-- Schwestern! Schwestern!--Schandfleke euers Geschlechts! Schwestern! Kent! Vater! Schwestern! wie? Im Sturm? in einer solchen Nacht? Laßt die Menschlichkeit es niemals glauben!--Hier schüttelte sie das heilige Wasser aus ihren himmlischen Augen; und in einer Bewegung, als ob es ihr unmöglich sey, den lautesten Ausbruch des Schmerzens zurük zu halten, fuhr sie auf und eilte in ihr Cabinet, ihrer Empfindung freyen Lauf zu lassen.

Kent. Die Sterne sind's, die Sterne über uns, die unsre Zufälle bestimmen, sonst könnte unmöglich eben dasselbige Paar so ungleiche Kinder zeugen. Sprach sie mit euch seit diesem?

Edelmann. Nein.

Kent. Geschah diß noch vor der Rükreise des Königs?

Edelmann. Nein, erst hernach.

Kent. Gut, Sir, der arme unglükliche Lear ist in der Stadt; in seinen bessern Augenbliken erinnert er sich, warum wir hieher gekommen sind, und dann will er sich schlechterdings nicht bereden lassen, seine Tochter zu sehen.

Edelmann. Warum, guter Sir?

Kent. Eine demüthigende Schaam überwältigt ihn so; die Härte, mit der er sie seines Segens beraubte, sie der Willkuhr fremder Zufälle überließ, und ihre theuresten Rechte ihren hündischen Schwestern zuwarf: Diese Dinge verwunden ihn mit so giftigen Stichen, daß brennende Schaam ihn von seiner Cordelia zurük hält.

Edelmann. Der arme alte Herr!

Kent. Hörtet ihr nichts von Albaniens und Cornwalls Kriegs-Macht?

Edelmann. Man sagt, sie sey auf den Beinen.

Kent. Gut, Sir, ich will euch zu unserm Herrn führen, und ihn eurer Sorgfalt überlassen. Irgend eine wichtige Ursache wird mich eine Weile verborgen halten. Wenn ich euch recht bekannt seyn werde, so wird es euch nicht gereuen, so genau mit mir bekannt worden zu seyn. Ich bitte, kommt mit mir.

(Gehen ab.)

Vierter Auftritt. (Ein Lager.) (Cordelia, ein Medicus und Soldaten.)

Cordelia. Ach! es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von Stürmen gepeitschte See; überlaut singend, mit rankichtem Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lülch und allem dem Unkraut bekränzt, das in unsern Kornfeldern wächßt. Schiket eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn vor unsre Augen. Was vermag die menschliche Weisheit seine beraubten Sinnen wieder herzustellen? Der, der ihm hilft, nehme alles davor, was ich im Vermögen habe.

Medicus. Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe; diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Kräfte mancher Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen wird.

Cordelia. Möchten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Kräfte der Erde, von meinen Thränen begossen, hervorsprossen!--Wendet alles an, die Krankheit des guten alten Mannes zu heben.--Suchet, suchet ihn auf, eh seine unbezähmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dämpfen, den Rest seines Lebens auflöset. (Ein Bote kömmt.)

Bote. Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Völker sind im Anzug hieher.

Cordelia. Das wußten wir schon vorher; unsre Zurüstungen warten nur auf ihre Ankunft. O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher gebracht hat; für dich haben meine Klagen, meine heissen Thränen den grossen Fürsten von Frankreich erweicht; kein aufgeblähter Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und unsers alten Vaters Recht. O wie verlangt mich ihn zu hören und zu sehen!

(Gehen ab.)

Fünfter Auftritt. (Regans Pallast.) (Regan und der Hofmeister.)

Regan. Sind meines Bruders Völker ausgerükt?

Hofmeister. Ja, Gnädige Frau.

Regan. Und er ist selbst in Person dabey?

Hofmeister. Ja und noch jemand, der mehr zu bedeuten hat; eure Schwester ist ein beßrer Soldat als er.

Regan. Lord Edmund sprach nicht mit eurer Lady, da sie zu Hause angekommen?

Hofmeister. Nein, Madame.

Regan. Was mag meiner Schwester Brief an ihn zu sagen haben?

Hofmeister. Ich weiß es nicht, Gnädige Frau.

Regan. Er ist in wichtigen Geschäften von hier abgegangen. Es war ein grosser Unverstand, dem Gloster nur die Augen, und nicht auch das Leben zu nehmen; wohin er kömmt, empört er alle Herzen wider uns. Edmund, denke ich, ist gegangen, aus Mitleiden über seinen elenden Zustand, seinem nächtlichen Leben ein Ende zu machen; und zugleich die Stärke der Feinde zu erkundigen.

Hofmeister. Ich muß ihn nothwendig aufsuchen, Gnädige Frau; um ihm meinen Brief einzuhändigen.

Regan. Unsere Truppen rüken morgen vor; bleibet bey uns; die Wege sind so unsicher--

Hofmeister. Ich darf nicht, Madame; Mylady gab mir dieses Geschäfte auf meine Pflicht.

Regan. Was konnte sie dem Edmund zu schreiben haben? Konntet ihr ihr Geschäfte nicht etwann mündlich ausrichten?--Vielleicht, etwas--ich weiß nicht was--Du sollt alle meine Gunst haben--laß mich den Brief öffnen.

Hofmeister. Gnädige Frau, ich wollte lieber--

Regan. Ich weiß, eure Lady liebt ihren Gemahl nicht; und bey ihrem lezten Hierseyn, warf sie zärtliche Blike, sehr deutlich redende Blike auf den edeln Edmund. Ich weiß, ihr seyd ihr Vertrauter--

Hofmeister. Ich, Gnädige Frau?

Regan. Ich weiß was ich sage--ihr seyd's--ich weiß es; merkt euch also, was ich euch izt sagen will. Mein Gemahl ist todt; Edmund und ich haben uns miteinander besprochen; er schikt sich besser für meine Hand, als für eure Lady. Das übrige könnt ihr selbst schliessen. Wenn ihr ihn findet, so gebt ihm dieses, ich ersuche euch; und wenn ihr eurer Lady diese Nachrichten bringt, ich bitte, so rathet ihr, ihre Weisheit zurük zu ruffen. Hiemit lebet wohl. Wenn ihr etwann von diesem blinden Verräther hören solltet, so wißt, daß der eine reiche Belohnung zu erwarten hat, der ihm den Kopf abschneiden wird.

Hofmeister. Ich wollte ich träfe ihn an, Madame, ich wollte bald zeigen, was für eine Parthey ich halte.

Regan. Lebet wohl.

(Gehen ab.)

Sechster Auftritt. (Die Gegend um Dover.) (Gloster, und Edgar als ein Bauer.)

Gloster. Wenn kommen wir dann zu dem Hügel, wovon ich sagte?

Edgar. Eben izt steigen wir hinauf. Sehet, wie wir arbeiten.

Gloster. Mich däucht, der Grund ist eben.

Edgar. Entsezlich steil. Horcht, hört ihr das Meer?

Gloster. Nein, wahrhaftig.

Edgar. Wie denn, so greift die Verderbniß eurer Augen auch eure übrigen Sinnen an.

Gloster. In der That es kan wol seyn. Mich däucht, deine Stimme ist verändert, und du sprichst bessere Sachen, und in bessern Ausdrüken als zuvor.

Edgar. Ihr irret euch sehr, ich bin in nichts verändert als in meinem Anzug.

Gloster. Ganz gewiß, du sprichst besser.

Edgar. Folget mir, das ist der Ort--Stehet still. Wie entsezlich und schwindlicht ist es, die Augen in eine solche Tieffe herab zu senken! Die Krähen und Wasser-Raben die in der mittlern Luft fliegen, scheinen kaum so groß als die Schröter; an der Mitte des Felsen hängt einer, der Meerfenchel sucht, ein fürchterliches Handwerk; mich dünkt, er ist nicht diker als sein Kopf. Die Fischer die am Ufer herum gehen, kommen mir vor wie Mäuse, jene lange vor Anker ligende Barke nicht grösser als ihr Hahn, und ihr Hahn so klein, daß ihn das Auge nicht mehr fassen kan. Die murmelnde Welle, die um die unzählbaren nakten Kieselsteine keift, kan in dieser Höhe nicht mehr gehört werden. Ich will nicht mehr hinab schauen, sonst möchte das schwindelnde Hirn und das gebrechende Gesicht mich überwälzend in die Tieffe hinab stürzen.

Gloster. Stelle mich dahin, wo du stehest.