Das Leben Tolstois

Part 6

Chapter 63,585 wordsPublic domain

Was ist somit die sichtbare Existenz, unser Leben als Individuum? „Es ist nicht unser Leben,” sagt Tolstoi, „denn es hängt nicht von uns ab.”

„Unsere animalische Betätigung vollzieht sich außerhalb von uns selbst... Die Menschheit hat längst damit aufgeräumt, das menschliche Leben als die Existenz eines Individuums zu betrachten. Daß das Gute unmöglich dem Einzelindividuum eingeboren sein kann, ist eine unumstößliche Wahrheit für jeden Menschen unserer Zeit, der mit Vernunft begabt ist.”[130]

Es gibt da eine Reihe von Forderungen, worüber ich hier nicht zu sprechen habe, die aber zeigen, mit welcher Leidenschaft die Vernunft sich Tolstois bemächtigt hatte. Im Grunde beherrschte ihn diese neue Leidenschaft nicht weniger blind und eifersüchtig, als jene anderen Leidenschaften, die ihn während der ersten Hälfte seines Lebens erfaßt hatten. Das eine Feuer erlischt, das andere entzündet sich. Oder vielmehr, es ist immer das nämliche. Nur die Nahrung, die es erhält, wechselt.

Was diese Ähnlichkeit zwischen den Leidenschaften des Individuums und der Leidenschaft des Vernunftmenschen noch verstärkt, ist, daß es der einen wie den anderen nicht genügt, zu lieben, sie wollen handeln, sie wollen sich in die Tat umsetzen.

„Man soll nicht reden, sondern handeln”, sagt Christus.

Und worin besteht die Betätigung der Vernunft? -- In der Liebe.

„Die Liebe ist die einzige vernunftgemäße Betätigung des Menschen, die Liebe ist der vernünftigste und lichtreichste Zustand der Seele. Alles, was der Mensch braucht, ist, daß nichts ihm die Sonne der Vernunft verberge, die allein ihn zum Wachstum bringt... Die Liebe ist das wahre Gut, das höchste Gut, das alle Widersprüche des Lebens aufhebt, das nicht nur die Schrecken des Todes verscheucht, sondern auch den Menschen dazu treibt, daß er sich für andere opfere; denn es gibt keine andere Liebe als die, welche ihr Leben hingibt für die, so sie liebt. Die Liebe ist nur dann dieses Namens wert, wenn sie sich selbst zum Opfer bringt. So ist denn auch die echte Liebe nur in die Wirklichkeit umzusetzen, wenn der Mensch begreift, daß ein persönliches Glück für ihn unmöglich zu erreichen ist. Dann erst versehen alle seine Lebenssäfte das edle Reis der echten Liebe mit Nahrung; und dieses Reis entnimmt seine ganze Wachstumskraft dem Stamme dieses wilden Baumes, dem Instinkt des Individuums.”[131]

So gelangt Tolstoi nicht zum Glauben wie ein ausgetrockneter Fluß, der sich im Sand verliert, er bringt den Strom ungestümer Kräfte mit, die sich während eines reichen Lebens angesammelt haben. -- Man wird es noch im einzelnen sehen.

Dieser leidenschaftliche Glaube, in dem sich Vernunft und Liebe in inniger Verbindung einen, findet seinen erhabensten Ausdruck in der berühmten Antwort an den heiligen Synod, der ihn in den Kirchenbann tat[132]:

„Ich glaube an Gott, der für mich der Geist, die Liebe, der Urquell aller Dinge ist. Ich glaube, daß er in mir ist, wie ich in ihm bin. Ich glaube, daß der Wille Gottes nie klarer ausgedrückt wurde, als in der Lehre des Menschen Jesus Christus; aber man kann Christum nicht als Gott ansehen und ihn anbeten, ohne die größte Gotteslästerung zu begehen. Ich glaube, daß das wahre Glück des Menschen in der Erfüllung des Willens Gottes beruht; ich glaube, daß es der Wille Gottes ist, daß jeder Mensch seine Nächsten liebe und stets gegen sie handle, wie er möchte, daß sie gegen ihn handeln, was, wie das Evangelium sagt, der Geist des Testamentes und der Propheten ist. Ich glaube, daß für jeden von uns der Sinn des Lebens nur darin besteht, die Liebe in uns zu vergrößern; ich glaube, daß diese Entfaltung unserer Liebeskraft einem täglich wachsenden Glück in diesem Leben und einer vollkommeneren Glückseligkeit im Jenseits gleichkommt; ich glaube, daß dieses Wachsen der Liebe, mehr als jede andere Kraft, beitragen wird zur Gründung des Reiches Gottes auf Erden, indem es eine Lebensordnung, in der Zwist, Lüge und Gewalt allmächtig sind, ersetzt durch eine Einrichtung, in der Eintracht, Wahrheit und Brüderlichkeit herrschen werden. Ich glaube, daß es nur ein Mittel gibt, in der Liebe fortzuschreiten: das Gebet. Nicht das öffentliche Gebet in den Tempeln, das Christus ausdrücklich verworfen hat (Matthäi VI, 5-13), sondern das Gebet, zu dem er selbst uns das Beispiel gegeben hat, das Gebet des einzelnen, das in uns das Bewußtsein vom Sinn unseres Lebens und das Gefühl, daß wir nur vom Willen Gottes abhängen, wieder stärkt... Ich glaube an das ewige Leben, ich glaube, daß dem Menschen seine Taten vergolten werden, hier und überall, jetzt und immerdar. Ich glaube dies alles so fest, daß ich in meinem Alter, an der Schwelle des Grabes, mir oft Gewalt antun muß, um nicht den Tod meines Leibes zu erflehen, will sagen meine Geburt zu einem neuen Leben...”

Er glaubte, er sei im Hafen gelandet und habe die Zufluchtsstätte erreicht, wo seine unruhige Seele Ruhe finden könnte. Es war nur der Auftakt zu neuer Unruhe.

Nachdem er einen Winter in Moskau zugebracht hatte (aus Familienrücksichten mußte er den Seinen dorthin folgen),[133] gab ihm im Januar 1882 die Volkszählung, an der man ihn teilnehmen ließ, Gelegenheit, das Elend der großen Städte aus der Nähe zu sehen. Der Eindruck, den es auf ihn machte, war erschreckend. Am Abend des Tages, an dem er zum erstenmal mit dieser verborgenen Wunde der Zivilisation in Berührung gekommen war und einem Freund erzählte, was er gesehen hatte, „hub er an zu klagen, zu weinen und die Faust zu ballen.”

„So kann man nicht leben!” sagte er unter Schluchzen. „Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!...”[134] Für Monate verfiel er wieder in schreckliche Verzweiflung. Die Gräfin Tolstoi schrieb ihm am 3. März 1882:

„Vor kurzem sagtest Du: ‚Aus Mangel an Glauben wollte ich mich aufhängen’. Jetzt hast Du den Glauben, warum bist Du also unglücklich?”

Weil er nicht den Glauben des Pharisäers hatte, den scheinheiligen und selbstzufriedenen Glauben, weil er nicht den Egoismus des mystischen Denkers besaß, der allzu beschäftigt mit seinem Heil ist, als daß er an das der anderen denken könnte[135], weil er voll Liebe war, weil er die Elenden, die er gesehen hatte, nicht mehr vergessen konnte, und weil es ihm in der leidenschaftlichen Güte seines Herzens schien, daß er für ihre Leiden und ihre Erniedrigung verantwortlich sei: sie waren die Opfer jener Zivilisation, an deren Vorrechten er teilhatte, jenes Molochs, dem eine auserwählte Kaste Millionen von Menschen opferte. Die Wohltaten solcher Verbrechen genießen, hieß an ihnen teilnehmen. Sein Gewissen hatte keine Ruhe mehr, bis er sie nicht aufgedeckt hatte.

„Was sollen wir denn tun?” (1884-1886) ist der Ausdruck dieser zweiten Krisis, die viel tragischer und viel folgenschwerer war als die erste. Was bedeuteten Tolstois eigene religiöse Ängste in diesem Meer menschlichen Elends, eines Elends, das tatsächlich war und nicht nur ausgedacht vom Geist eines Müßiggängers, der sich langweilt? Es war unmöglich, dieses Elend nicht zu sehen. Und unmöglich, nicht um jeden Preis den Versuch zu machen, es zu unterdrücken, nachdem man es einmal gesehen hatte. -- Aber ach, ist dies überhaupt möglich?...

Ein wundervolles Bildnis Tolstois aus jener Zeit, das ich nicht ohne Rührung betrachten kann[136], sagt zur Genüge, was er damals litt. Es stellt ihn von vorne gesehen dar, sitzend mit verschränkten Armen, im Muschikkittel; er schaut niedergedrückt drein. Sein Haar ist noch schwarz, sein Schnurrbart schon grau, sein Kinn- und Backenbart ganz weiß. Eine doppelte Falte gräbt eine harmonische Furche in die schöne hohe Stirn. So viel Güte liegt in der breiten treuen Hundenase, in den Augen, die einen so frei, so klar, so traurig anschauen! Sie lesen so sicher in einem! Sie klagen und bitten. Das Gesicht ist eingefallen, zeigt Spuren des Leides, tiefe Runzeln unter den Augen. Er hat geweint. Aber er ist stark und kampfbereit.

Seine Logik war heldenhaft.

„Ich wundere mich immer über die so oft wiederholten Worte: ‚Ja, das ist ganz schön in der Theorie, aber wie wird es in der Praxis sein?’ Als ob die Theorie in schönen Worten für die Unterhaltung bestände, aber keineswegs um sie zur Praxis werden zu lassen!... Wenn ich eine Sache, über die ich nachgedacht, verstanden habe, dann kann ich sie nicht anders ausführen, als wie ich sie verstanden habe.”[137]

Er fängt an, das Elend in Moskau, wie er es im Verlauf seiner Besuche in den Armenvierteln und in den Nachtasylen gesehen hat, mit photographischer Treue zu beschreiben[138]. Er überzeugt sich davon, daß er diese Unglücklichen, die mehr oder weniger von der Verderbnis der Städte ergriffen sind, nicht, wie er erst geglaubt hatte, mit Geld retten kann. Nun sucht er energisch den Ursprung des Übels zu ergründen. Und Glied um Glied entrollt sich die fürchterliche Kette der Verantwortlichkeit. Zunächst die Reichen und das Gift ihres verfluchten Luxus, der lockt und verdirbt[139]. Die allgemeine Versuchung des Lebens ohne Arbeit. -- Dann der Staat, diese mörderische Einrichtung, die von den Gewalthabern geschaffen wurde, um zu ihrem Nutzen die übrige Menschheit auszurauben und zu beherrschen. -- Die Kirche, die Wissenschaft und die Kunst als Spießgesellen ... Wie soll man alle diese Heere des Bösen bekämpfen? Zuvörderst, indem man ablehnt, in sie einzutreten. Indem man ablehnt, an der Ausbeutung der Menschheit teilzunehmen. Indem man auf Geld und irdischen Besitz verzichtet[140]. Indem man dem Staate nicht dient.

Aber das ist nicht genug; man soll „nicht lügen”, man soll keine Angst vor der Wahrheit haben. Man soll „bereuen” und den schon von der Schule her eingewurzelten Hochmut ausrotten. Schließlich soll man körperliche Arbeit tun. ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen’ ist das oberste und wichtigste Gebot[141]. Und Tolstoi sagt im voraus als Antwort auf die Spöttereien der Vornehmen, daß die körperliche Arbeit in nichts die geistigen Kräfte hemme, sondern daß sie sie im Gegenteil steigere, und daß sie den normalen Forderungen der Natur entspreche. Die Gesundheit kann dabei nur gewinnen; die Kunst noch mehr. Außerdem stellt sie die Einigkeit unter den Menschen wieder her.

In seinen folgenden Werken geht Tolstoi daran, diese Vorschriften der moralischen Gesundheitslehre zu vervollständigen. Er bemüht sich, die Seelenkur zu Ende zu führen und die Energie zu stärken, indem er die lasterhaften Vergnügungen, die das Gewissen einschläfern[142], und die grausamen Vergnügungen, die es töten[143], in Acht und Bann tut. Er selbst gibt das Beispiel. Im Jahre 1884 hat er seine zutiefst eingewurzelte Leidenschaft zum Opfer gebracht: die Jagd[144]. Er übt die Enthaltsamkeit, die den Willen stählt. Wie ein Wettkämpfer, der sich eine strenge Zucht auferlegt, um siegreich zu fechten.

„Was sollen wir denn tun?” bezeichnet die erste Strecke auf dem schwierigen Wege, den Tolstoi damit beschritt, daß er die verhältnismäßig friedliche Tätigkeit religiöser Betrachtung aufgab und sich in soziale Fragen verwickelte. Und von diesem Augenblick an begann jener zwanzigjährige Krieg gegen die Verbrechen und Lügen der Zivilisation, den der greise Prophet von Jasnaja Poljana im Namen des Evangeliums führte, allein, außerhalb aller Parteien und gegen sie alle.

In seiner Umgebung begegnete der moralische Umschwung Tolstois nur geringer Sympathie; er betrübte die Seinen aufs tiefste. Seit langem schon beobachtete die Gräfin Tolstoi in Unruhe das Fortschreiten eines Übels, das sie vergebens bekämpfte. Vom Jahre 1874 ab war sie unwillig darüber, ihren Gatten so viel Kraft und Zeit an Arbeiten für die Schule verlieren zu sehen:

„Ich verachte diese Fibel, diese Rechenlehre, diese Grammatik, und ich kann nicht so tun, als ob ich mich dafür interessierte.”

Ganz anders war es, als auf die Pädagogik die Religion folgte. So feindselig war die Aufnahme, die die Gräfin den ersten Bekenntnissen des jüngst Bekehrten bereitete, daß Tolstoi die Verpflichtung verspürt, sich zu entschuldigen, wenn er in seinen Briefen von Gott spricht:

„Ärgere Dich nicht, wie Du es manchmal tust, wenn ich Gott erwähne; ich kann es nicht vermeiden, denn er ist der Urgrund meines Denkens.”[145]

Die Gräfin ist zweifellos gerührt; sie versucht, ihre Ungeduld nicht merken zu lassen, aber sie begreift nicht; sie beobachtet ihren Gatten voll Unruhe:

„Seine Augen sind seltsam, starr. Er spricht fast gar nicht. Er scheint nicht von dieser Welt zu sein.”[146]

Sie glaubt, daß er krank ist:

„Leo arbeitet, wie er sagt, immer. Unglückseligerweise schreibt er irgendwelche religiösen Abhandlungen. Er liest und grübelt, bis er Kopfschmerzen bekommt, und alles das, um zu beweisen, daß die Kirche nicht mit der Lehre des Evangeliums übereinstimme. In Rußland finden sich kaum zehn Personen, die das interessieren könnte. Aber da ist nichts zu wollen. Ich wünsche nur eines: daß er schnellstens ein Ende damit mache, und daß es wie eine Krankheit vorübergehe.”[147]

Die Krankheit ging nicht vorüber. Das Verhältnis zwischen den beiden Gatten wurde immer peinlicher. Sie liebten sich, sie hatten die höchste Achtung voreinander; aber sie konnten sich nicht verstehen. Sie versuchten, sich gegenseitige Zugeständnisse zu machen, die -- wie das gewöhnlich ist -- zu gegenseitigen Quälereien wurden. Tolstoi fühlte sich verpflichtet, den Seinen nach Moskau zu folgen. Er schrieb in sein Tagebuch:

„Der übelste Monat meines Lebens. Die Einrichtung in Moskau. Alle richten sich ein. Wann werden sie wohl zu leben anfangen? Alles das, nicht um zu leben, sondern weil die anderen Leute es ebenso machen! Diese Unglücklichen!...”[148]

In diesen selben Tagen schrieb die Gräfin:

„Moskau. Morgen wird es einen Monat, daß wir hier sind. In den beiden ersten Wochen habe ich jeden Tag geweint, weil Leo nicht nur traurig, sondern geradezu niedergeschlagen war. Er schlief nicht, er aß nicht, und manchesmal weinte er sogar; ich glaubte, ich würde verrückt.”[149]

Sie mußten sich eine Zeitlang trennen. Sie bitten einander um Verzeihung, daß sie sich Leid zufügen. Wie lieben sie sich immer noch!... Er schreibt ihr:

„Du sagst: ‚Ich liebe Dich, aber Du brauchst meine Liebe nicht.’ Deine Liebe ist das einzige, was ich brauche... sie erfreut mich mehr als alles auf der Welt.”[150]

Aber sobald sie sich wieder zusammenfinden, macht sich der Mißklang wieder bemerkbar. Die Gräfin vermag nun einmal nicht Tolstois religiösem Hang zu folgen, der ihn jetzt dazu treibt, bei einem Rabbiner Hebräisch zu erlernen.

„Nichts anderes interessiert ihn mehr. Er verschwendet seine Kräfte an Albernheiten. Ich kann meine Unzufriedenheit nicht verbergen.”

Sie schreibt ihm:

„Ich bin nur traurig darüber, daß solche geistigen Kräfte sich mit Holzhacken, Schuhflicken und Samowarheizen verausgaben.”

Und mit dem zärtlichen und amüsierten Lächeln einer Mutter, die ihr Kind allerlei unsinnige Spiele treiben sieht, fügt sie hinzu:

„Schließlich habe ich mich mit dem russischen Sprichwort getröstet: ‚Wie das Kind sich auch zerstreut, Hauptsach' ist, daß es nicht schreit.’”[151]

Aber bevor der Brief noch abgeschickt ist, sieht sie in Gedanken, wie ihr Mann mit seinen guten, treuherzigen Augen diese Zeilen liest, und wie der ironische Ton ihn betrübt; und ihre Liebe zu ihm läßt sie den Brief wieder öffnen:

„Plötzlich hast Du so klar vor mir gestanden, und ich habe eine solche Zärtlichkeit für Dich empfunden! In Dir ist etwas so Weises, so kindlich Einfaches, so Treues, und alles das von hellster Güte überstrahlt, und dieser Blick, der bis ins Herz dringt... und nur Dir allein ist dies eigen.”

So quälten sich diese beiden Wesen, die einander liebten, und waren dann trostlos über das Böse, das sie getan hatten, ohne es verhindern zu können. Eine Schraube ohne Ende! Dieser Zustand dauerte an die dreißig Jahre, und er fand erst seinen Abschluß, als der sterbende alte König Lear in einer Stunde der Umnachtung fort aus seinem Hause in die Steppe flüchtete.

Man hat den ergreifenden Aufruf an die Frauen, mit dem „Was sollen wir denn tun?” abschließt, nicht genügend beachtet. Tolstoi hat keine Sympathie für die moderne Frauenbewegung[152]. Aber für die, die er „die mütterliche Frau” nennt, für die, die den wahren Sinn des Lebens kennt, hat er Worte ehrfurchtsvoller Anbetung. Er hält eine herrliche Lobrede auf ihre Schmerzen und ihre Freuden, auf die Schwangerschaft und auf die Mutterschaft, diese schrecklichen Leiden, diese ruhelosen Jahre, auf diese erschöpfende Arbeit in aller Stille, für die man von niemand eine Belohnung erwartet, auf diese Glückseligkeit, die die Seele überflutet, wenn der Schmerz endet, wenn das Gebot erfüllt ist. Er entwirft das Bild der tapferen Ehefrau, die für ihren Mann eine Stütze und kein Hindernis ist. Sie weiß, daß „nur das blinde unbelohnte Opfer für das Leben der anderen des Menschen Berufung ist”.

„Eine solche Frau wird nicht nur ihren Mann bei einer verkehrten und trügerischen Arbeit, die bloß den Zweck hat, aus der Arbeit anderer Genuß zu ziehen, nicht ermutigen, sondern sie wird diese Tätigkeit, die ein Verderb für ihre Kinder wäre, mit Entsetzen und Abscheu betrachten. Sie wird von ihrem Gefährten die echte Arbeit verlangen, die Tatkraft erfordert und die Gefahr nicht scheut... Sie weiß, daß die Kinder, die kommende Generation, das Heiligste sind, was dem Menschen anvertraut ist, und daß sie lebt, um mit ihrem ganzen Sein diesem geheiligten Werk zu dienen. Sie wird in ihren Kindern und in ihrem Ehegatten die Kraft zum Opfern zur Entfaltung bringen... Solche Frauen beherrschen die Männer und dienen ihnen als Leitstern... O, ihr mütterlichen Frauen! In euren Händen ruht das Heil der Welt!”[153]

Das ist der Ruf eines Flehenden, der noch hofft... Wird er kein Gehör finden?...

Einige Jahre später war der letzte Hoffnungsstrahl erloschen:

„Sie glauben es vielleicht nicht; aber Sie können sich nicht vorstellen, wie vereinsamt ich bin, bis zu welchem Grad mein wirkliches Ich von meiner ganzen Umgebung mißachtet wird.”[154]

Wenn die ihm Nahestehenden die Bedeutung seines moralischen Umschwungs schon so verkannten, dann konnte man von den anderen weder mehr Einfühlung noch mehr Achtung erwarten. Als Tolstoi besonderen Wert darauf gelegt hatte, sich mit Turgenjew zu versöhnen, mehr aus dem Geiste christlicher Demut heraus, als weil sich etwas in seinen Empfindungen ihm gegenüber geändert hatte[155], äußerte Turgenjew spöttisch: „Ich beklage Tolstoi sehr, im übrigen aber muß jeder, wie der Franzose sagt, seine Flöhe nach seiner Manier fangen.”[156]

Ein paar Jahre später, angesichts des Todes, schrieb er an Tolstoi jenen bekannten Brief, in dem er seinen „Freund, den großen Schriftsteller der russischen Erde”, anfleht, „zur Literatur zurückzukehren”.

Alle europäischen Künstler schlossen sich dieser Besorgnis und der Bitte des sterbenden Turgenjew an. Eugen Melchior de Vogüé nahm am Ende der Studie, die er 1886 Tolstoi widmete, ein Bildnis des Schriftstellers im Bauernkittel, die Schusterahle in der Hand, zum Vorwand, um einen beredten Appell an ihn zu richten:

„Schöpfer von Meisterwerken, dies ist nicht dein Werkzeug!... Unser Werkzeug ist die Feder; unser Feld die Menschenseele, die es auch zu schützen und zu nähren gilt. Laß dir jenen Schrei eines russischen Bauern -- des ersten Druckers von Moskau --, den man wieder an den Pflug zurückschicken wollte, ins Gedächtnis rufen: ‚Es ist nicht meines Amtes, Getreide zu säen, sondern die geistigen Saatkörner in der Welt zu verbreiten’.”

Als ob Tolstoi je daran gedacht hätte, seine Rolle als Sämann der Gedankensaat aufzugeben. In der Einleitung zu „Mein Glaube” schrieb er: „Ich glaube, daß mein Leben, mein Verstand, mein Licht mir geschenkt wurde, ausschließlich um die Menschen zu erleuchten. Ich glaube, daß meine Kenntnis der Wahrheit eine Begabung ist, die mir zu diesem Zweck verliehen wurde, daß diese Begabung ein Feuer ist, das nur Feuer ist, solange es brennt. Ich glaube, daß der einzige Sinn meines Lebens der ist, in diesem Lichte, das in mir ist, zu leben, und es hoch vor den Menschen einherzutragen, auf daß sie es sehen.”[157]

Aber dieses Licht, dieses Feuer, „das nur Feuer ist, solange es brennt”, versetzte die meisten Künstler in Unruhe. Die Klügsten sahen voraus, daß ihre Kunst Gefahr lief, die Beute des Brandes zu werden. Sie taten, als glaubten sie, die ganze Kunst sei bedroht, und Tolstoi zerbräche wie Prospero für immer seinen Zauberstab der schöpferischen Phantasie.

Nichts ist weniger wahr gewesen; und ich gedenke darzutun, daß Tolstoi, weit davon entfernt, die Kunst zu zerstören, Kräfte in sich entfaltet hat, die brachlagen, und daß sein religiöser Glaube seinen künstlerischen Genius erneuert und nicht zerstört hat.

Es ist seltsam, daß, wenn man von Tolstois Gedanken über Wissenschaft und Kunst spricht, man gewöhnlich das bedeutsamste der Bücher, in dem diese Gedanken zum Ausdruck gebracht sind, „Was sollen wir denn tun?” (1884-1886), außer acht läßt. In ihm nimmt Tolstoi zum erstenmal den Kampf gegen Wissenschaft und Kunst auf; und nie wieder hat irgendeiner der folgenden Kämpfe diesen ersten Waffengang an Heftigkeit übertroffen. Man wundert sich, daß bei den jüngsten Angriffen, die man bei uns gegen die Selbstgefälligkeit der Wissenschaft und der Intellektuellen unternommen hat, niemand daran gedacht hat, auf jenes Werk zurückzukommen. Es bildet die furchtbarste Anklagerede, die je gegen „die Eunuchen der Wissenschaft” und die „Freibeuter der Kunst” gehalten wurde, gegen diese Kasten des Geistes, die, nachdem sie die alten herrschenden Kasten -- Kirche, Staat und Heer -- abgeschafft oder unterjocht, sich an deren Stelle gesetzt haben und, ohne den Menschen nützen zu wollen oder zu können, verlangen, daß man sie bewundere, und daß man ihnen blind diene, die einen schamlosen Glauben an die Wissenschaft um der Wissenschaft willen und an die Kunst um der Kunst willen als Dogma aufstellen, -- eine lügnerische Maske, hinter der sich ihre persönliche Rechtfertigung zu verbergen sucht, die Verteidigung ihrer ungeheueren Selbstsucht und ihrer Nichtigkeit.

„Sagt mir nicht etwa,” fährt Tolstoi fort, „daß ich Kunst und Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern in ihrem Namen will ich die Tempelschänder verjagen.”

„Wissenschaft und Kunst sind so notwendig wie Brot und Wasser, sogar noch notwendiger... Die wahre Wissenschaft ist die Wissenschaft von der wahren Güte in allen Menschen. Die wahre Kunst ist der Ausdruck der Kenntnis von der wahren Güte in allen Menschen.”

Und er verherrlicht die, welche, „seit Menschen sind, auf Harfen und Zimbeln, durch Wort und Bild ihren Kampf gegen die Doppelzüngigkeit zum Ausdruck gebracht haben; er verherrlicht ihre Leiden in diesem Kampf, ihre Hoffnung auf den Sieg des Guten, ihre Verzweiflung über den Sieg des Bösen und ihre Begeisterung beim prophetischen Schauen in die Zukunft”.

Dann entwirft er das Bild des wahren Künstlers in Worten, die von schmerzerfülltem und schwärmerischem Feuer durchglüht sind: