Part 5
Schon ein Jahr nach seiner Heirat weisen in den ersten Kapiteln von „Krieg und Frieden” die vertraulichen Mitteilungen, die Fürst Andrej in bezug auf die Ehe Peter gegenüber macht, auf die Ernüchterung des Mannes hin, der in der geliebten Frau die Fremde sieht, die schuldlose Feindin, das unwillkürliche Hindernis für seine moralische Entwicklung. Briefe aus dem Jahre 1865 künden die nahe Wiederkehr religiöser Qualen an. Zunächst noch weniger bedrohlich, da die Freude am Leben obsiegt. Aber im Jahre 1869, in den Monaten, in denen Tolstoi „Krieg und Frieden” vollendet, tritt eine ernstere Erschütterung ein:
Er hatte die Seinen für einige Tage verlassen und sich auf eins seiner Güter begeben. Eines Nachts lag er im Bett; es hatte gerade 2 Uhr geschlagen:
„Ich war schrecklich müde, hatte Schlaf, und es ging mir leidlich gut. Plötzlich wurde ich von einer solchen Angst gepackt, von einem derartigen Schrecken, wie ich etwas Ähnliches nie empfunden habe. Ich erzähle Dir das noch in den Einzelheiten[102]: es war wirklich fürchterlich. Ich sprang aus dem Bett und befahl anzuspannen. Während man anspannte, schlief ich ein, und als man mich weckte, war ich vollständig wiederhergestellt. Gestern hat sich dieselbe Geschichte ereignet, aber in weit geringerem Maße...”
Der Bau der Hoffnung, den die Liebe der Gräfin Tolstoi mühselig errichtet hatte, weist Risse auf. In der Leere, die den Geist des Dichters nach Beendigung von „Krieg und Frieden” umfängt, fühlt er sich aufs neue von seinen philosophischen[103] und pädagogischen Sorgen bedrückt. Er will eine Fibel fürs Volk schreiben. Vier Jahre lang arbeitet er mit Feuereifer daran; er ist stolzer darauf als auf „Krieg und Frieden”; und nachdem er sie im Jahre 1872 geschrieben hat, arbeitet er sie im Jahre 1875 noch einmal um. Dann vernarrt er sich ins Griechische, studiert von morgens bis abends, läßt alle andere Arbeit liegen, entdeckt den „köstlichen Xenophon” und Homer, den richtigen Homer, nicht den der Übersetzer, „eines Jukowsky, eines Voss, die mit hohler, greinender, süßlicher Stimme singen”, sondern „jenen Teufel, der mit voller Stimme singt, ohne daß es ihm je in den Sinn kommt, es könne jemand zuhören”[104].
„Ohne die Kenntnis des Griechischen keine Bildung!... Ich bin überzeugt, daß ich von allem, was in dem Wort menschlich wirklich schön, von einer schlichten Schönheit ist, bis heute nichts wußte.”[105]
Es ist eine Narretei; das gibt er zu. Er wirft sich wieder mit solcher Leidenschaft aufs Lernen, daß er krank davon wird. Im Jahre 1871 muß er in Samara bei den Baschkiren eine Kefirkur gebrauchen. Außer dem Griechischen ist er mit allem unzufrieden. Im Jahre 1872 spricht er infolge eines Prozesses ernstlich davon, alles, was er in Rußland hat, zu verkaufen und sich in England anzusiedeln. Die Gräfin Tolstoi härmt sich darüber:
„Wenn Du Dich immer in Deine Griechen verbohrst, wirst Du nie gesund werden. Sie sind es, die Dir diese Angst und diese Gleichgültigkeit dem heutigen Leben gegenüber verursachen. Nicht umsonst nennt man das Griechische eine tote Sprache: ihre Wirkung ist geisttötend.”[106]
Endlich nach vielen entworfenen und gleich wieder verworfenen Projekten beginnt er am 19. März 1873 zur größten Freude der Gräfin sein neues Buch „Anna Karenina”[107]. Während er daran arbeitet, wird sein Leben durch Trauerfälle in der Familie[108] umdüstert. Seine Frau ist krank. „Glückseligkeit herrscht nicht in diesem Hause...”[109]
Das Werk trägt ein wenig die Spuren dieser trüben Erfahrungen und Enttäuschungen[110]. Außer in den hübschen Kapiteln von der Verlobung Lewins spricht er von Liebe nicht mehr mit dieser jugendlichen Poesie, die gewisse Seiten in „Krieg und Frieden” neben die schönsten lyrischen Dichtungen aller Zeiten stellt. Liebe ist jetzt vielmehr eine stürmische, sinnliche und gewalttätige Angelegenheit geworden. Das Verhängnis, das über dem Roman schwebt, ist nicht mehr wie in „Krieg und Frieden” eine Art Gott Krischna, mordlustig und heiter zugleich, ein Geschick, das über Reiche entscheidet, sondern es ist die Liebestollheit, „die Göttin Venus”. $Sie$ verleiht der wunderbaren Ballszene, wo Anna und Wronski, ohne es selbst zu wissen, von der Leidenschaft erfaßt werden, der unschuldsvollen Schönheit Annas, in dem schwarzen Samtkleid mit dem Vergißmeinnichtkranz, „eine beinahe teuflische Verführungskraft”. $Sie$ läßt, nachdem Wronski sich erklärt hat, Annas Gesicht leuchten, -- „nicht vor Freude: es war vielmehr das schreckliche Leuchten einer Feuersbrunst in dunkler Nacht”. $Sie$ ist es auch, die das Blut dieser braven und vernünftigen Frau, dieser liebevollen jungen Mutter in wollüstige Wallungen bringt und sich in ihrem Herzen einnistet, um es nicht eher zu verlassen, als bis sie es vollständig zerstört hat. Niemand nähert sich Anna, ohne von dem verborgenen Dämon angezogen und erschreckt zu sein. Kitty entdeckt ihn als erste voll Schauer. Eine geheimnisvolle Furcht mischt sich in Wronskis Freude, da er Anna sehen soll. Lewin verliert in ihrer Gegenwart seine ganze Willenskraft. Anna selbst weiß, daß sie nicht mehr sie selbst ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte untergräbt die unerbittliche Leidenschaft den ganzen moralischen Halt dieser stolzen Frau Stück für Stück. Alles Gute in ihr, ihr tapferes und treues Herz verkümmert; sie hat nicht mehr die Kraft, ihre oberflächliche Eitelkeit zu opfern; ihr Leben hat keinen anderen Zweck mehr, als ihrem Liebhaber zu gefallen. Aus Angst und Scham versagt sie es sich, Kinder zu bekommen; Eifersucht martert sie. Die Sinnlichkeit, von der sie beherrscht wird, zwingt sie in Haltung, Stimme und Blick zur Lüge; sie sinkt auf die Stufe der Frauen herab, die nichts anderes wollen, als jedem Mann, wer immer er auch sei, den Kopf zu verdrehen. Um sich zu betäuben, sucht sie Zuflucht beim Morphium, bis die unerträglichen Qualen, die sie martern, sie eines Tages im bitteren Gefühl ihres moralischen Verfalls unter die Räder eines Eisenbahnwagens werfen. „Und der kleine Muschik, mit dem struppigen Bart” -- die finstere Erscheinung, die sie und Wronski in ihren Träumen geschreckt hatte -- „beugte sich vom Trittbrett des Wagens auf das Geleise hinunter”; und, so sagte der prophetische Traum, „er beugte sich tief herab über einen Sack und vergrub darin die Überreste von etwas, das das Leben gewesen war, das Leben mit seinen Qualen, seinen Täuschungen und seinen Schmerzen...”
„Die Rache ist mein, spricht der Herr.”[111]
Um diese Tragödie eines Herzens, das von der Liebe verzehrt und vom Gesetz Gottes zermalmt wird, -- ein Werk aus einem Guß und von erschreckender Tiefe -- hat Tolstoi, wie in „Krieg und Frieden”, die Romane anderer Leben gruppiert. Leider folgen sich hier die nebeneinander laufenden Geschichten ein wenig willkürlich und künstlich, ohne zu einem organischen Ganzen zu werden, wie die Symphonie „Krieg und Frieden”. Man wird auch finden, daß der vollkommene Realismus gewisser Szenen -- z. B. die Schilderung der aristokratischen Kreise Petersburgs und ihrer müßigen Reden -- manchmal im Grunde recht überflüssig ist. Und schließlich hat Tolstoi seine moralische Persönlichkeit und seine philosophischen Ideen noch offener als in „Krieg und Frieden” rein äußerlich in dieses Lebensbild hineingetragen. Deshalb aber ist das Werk von nicht geringerem wunderbaren Reichtum. Dieselbe Fülle von Gestalten wie in „Krieg und Frieden”, und alle erstaunlich gut beobachtet. Die Männer erscheinen mir womöglich noch besser gelungen als die Frauen. Tolstoi hat sich darin gefallen, den liebenswürdigen Egoisten Stefan Arkadjewitsch zu zeichnen, dem niemand begegnen kann, ohne sein einnehmendes Lächeln zu erwidern, und Karenin, den vollendeten Typus des hohen Beamten, des vornehmen Durchschnittsstaatsmannes, mit der Sucht, seine wahren Gefühle dauernd hinter Ironie zu verbergen: eine Mischung aus Würde und Feigheit, Pharisäertum und Christenglauben, ein sonderbares Produkt einer künstlichen Welt, von der er sich trotz seiner Intelligenz und tatsächlichen Großzügigkeit nicht freimachen kann, -- und der wohl mit Recht seinem Herzen mißtraut; denn als er sich ihm schließlich überläßt, verfällt er einem albernen Mystizismus.
Der Roman mit der Annatragödie und den verschiedenartigen Bildern der russischen Gesellschaft um 1860 -- Salons, Offizierskreisen, Bällen, Theatern, Rennen -- fesselt aber vornehmlich seines autobiographischen Charakters wegen. Viel mehr als irgend eine andere Figur von Tolstoi ist Konstantin Lewin seine Verkörperung. Tolstoi gab ihm nicht nur seine gleichzeitig konservativen und demokratischen Ideen eines reaktionären Landedelmanns, der die Intellektuellen[112] verachtet, er gab ihm auch dieselben Lebensschicksale. Die Liebe Lewins und Kittys und ihre ersten Ehejahre sind eine Übertragung seiner eigenen häuslichen Erinnerungen, -- ebenso wie der Tod von Lewins Bruder ein schmerzliches Heraufbeschwören des Todes von Tolstois Bruder Dmitri ist. Der ganze letzte Teil, der für den Roman unwesentlich ist, gibt uns Aufschluß über die Kümmernisse, die damals Tolstoi bewegten. Wenn das Nachwort zu „Krieg und Frieden” eine künstlerische Überleitung zu einem anderen geplanten Werke darstellt, so ist das Nachwort zu „Anna Karenina” eine autobiographische Überleitung zur moralischen Revolution, die zwei Jahre später in der „Beichte” zum Ausdruck kommen sollte. Schon innerhalb des Buches wird fortwährend, bald ironisch, bald heftig, Kritik geübt an der zeitgenössischen Gesellschaft, die er auch in seinen späteren Werken unaufhörlich bekämpfte. Krieg der Lüge, allen Lügen, den frommen sowohl wie den gottlosen, Krieg dem freisinnigen Gerede, der Wohltätigkeit der guten Gesellschaft, der Salonreligion, dem Philanthropentum! Krieg der Welt, die alle echten Gefühle verfälscht und die edle Begeisterung der Herzen unheilvoll vernichtet! Der Tod wirft ein jähes Licht auf die gesellschaftlichen Bräuche. Angesichts der sterbenden Anna wird der geschraubte Karenin gerührt. In diese Seele ohne Leben, in der alles erkünstelt ist, dringt ein Strahl von Liebe und christlicher Vergebung. Alle drei, der Gatte, die Frau und der Liebhaber, sind plötzlich verwandelt. Alles wird einfach und ohne Falsch. Aber in dem Maße, wie Anna sich erholt, merken sie alle drei, „angesichts der nahezu heiligen sittlichen Kraft, die sie innerlich leitete, das Bestehen einer anderen rohen, aber allmächtigen Macht, die ihr Leben gegen ihren Willen beherrscht und ihnen keinen Frieden gönnen wird”. Und sie wissen im voraus, daß sie machtlos sein werden in diesem Kampf, in dem „sie das Böse, das die Welt für notwendig hält, werden tun müssen”[113].
Wenn sich Lewin, im Nachwort des Buches, wie Tolstoi, den er verkörpert, auch seinerseits läutert, so geschieht das, weil der Tod auch ihn berührt hat. Bis dahin „war er unfähig zu glauben, aber ebenso unfähig, vollständig zu zweifeln”. Seitdem er seinen Bruder sterben gesehen, packt ihn der Schrecken über seine Unwissenheit. Seine Heirat erstickt eine Zeitlang diese Ängste. Aber mit der Geburt seines ersten Kindes erscheinen sie wieder. Er macht abwechselnd Zeiten der Frömmigkeit und Zeiten der Gottesleugnung durch. Vergebens liest er die Philosophen. In seiner Verirrung kommt er so weit, daß er die Lockung des Selbstmordes fürchtet. Die körperliche Arbeit verschafft ihm Erleichterung: da gibt es keine Zweifel, alles ist klar. Lewin unterhält sich mit den Bauern, und einer von ihnen spricht ihm von den Menschen, „die nicht um ihretwillen, sondern um Gottes willen leben”. Das ist ihm eine Erleuchtung. Er sieht den Widerstreit zwischen der Vernunft und dem Herzen. Die Vernunft lehrt den wilden Kampf ums Dasein; aber die Nächstenliebe hat nichts mit der Vernunft zu tun: „Die Vernunft hat mich nichts gelehrt; alles was ich weiß, hat mir das Herz gegeben, hat mir das Herz offenbart”.
Von da ab kehrt Ruhe in ihn zurück. Das Wort des demutsvollen Muschiks, dem das Herz der einzige Führer ist, hat ihn zu Gott zurückgeführt... Zu welchem Gott? Er will es gar nicht wissen. In diesem Augenblick ist Lewin, wie Tolstoi es noch lange bleiben sollte, der Kirche ergeben und empört sich durchaus nicht gegen ihre Dogmen.
„Es gibt eine Wahrheit, selbst im Trugbild des Himmelsgewölbes und in der scheinbaren Bewegung der Gestirne.”
Solche Angstzustände, solche Selbstmordgedanken, wie Lewin sie vor Kitty verbarg, verbarg Tolstoi zu jener Zeit vor seiner Frau. Aber er hatte noch nicht die Ruhe errungen, die er seinem Helden verlieh. Diese Ruhe ist in der Tat kaum zu erlangen. Man spürt, daß sie mehr ersehnt als erreicht ist, und daß Lewin sogleich wieder in seine Zweifel zurückfallen wird. Tolstoi täuschte sich darüber nicht. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, sein Werk zu Ende zu führen. „Anna Karenina” langweilte ihn, ehe er es beendet hatte[114]. Er konnte nicht mehr arbeiten. Er blieb untätig und willenlos als Beute des Abscheus und des Entsetzens vor sich selbst. Da erhob sich in der Leere seines Lebens ein starker Sturm aus der Tiefe, der Schwindel des Todes. Tolstoi hat später, als er gerade dem Abgrund entronnen war, von diesen schrecklichen Jahren erzählt[115].
„Ich war keine 50 Jahre alt”, sagt er[116], „ich liebte, ich wurde geliebt, ich hatte gute Kinder, ein großes Gut, Ruhm, Gesundheit, sittliche und körperliche Kraft; ich konnte mähen wie ein Bauer; ich arbeitete ununterbrochen zehn Stunden, ohne zu ermüden. Plötzlich stockte mein Leben. Ich konnte atmen, essen, trinken, schlafen. Aber das war nicht leben. Ich hatte keine Wünsche mehr. Ich wußte, daß es nichts zu wünschen gab. Ich konnte sogar nicht einmal wünschen, die Wahrheit kennen zu lernen. Die Wahrheit war, daß das Leben eine Tollheit ist. Ich war am Abgrund angelangt, und ich sah klar, daß es vor mir nichts als den Tod gab. Ich gesunder und glücklicher Mensch fühlte, daß ich nicht mehr leben konnte. Eine unüberwindliche Macht trieb mich dazu, mich des Lebens zu entledigen... Ich will nicht sagen, daß ich mich töten wollte. Die Kraft, die mich zum Leben hinausstieß, war mächtiger als ich. Es war ein Sehnen, ähnlich meinem früheren Sehnen nach dem Leben, nur im entgegengesetzten Sinn. Ich mußte mir selbst gegenüber Listen ersinnen, um ihm nicht zu schnell nachzugeben. Und so versteckte ich glücklicher Mensch vor mir selbst den Strick, um mich nicht am Balken zwischen den Schränken meines Zimmers aufzuhängen, wo ich jeden Abend beim Auskleiden allein war. Ich ging nicht mehr mit meinem Gewehr auf die Jagd, um nicht in Versuchung zu geraten[117]. Mir kam es vor, als ob mein Leben eine blöde Posse sei, die mir von irgend jemand vorgespielt wurde. Vierzig Jahre der Arbeit, der Mühe, des Fortschritts, um schließlich zu sehen, daß alles umsonst war! Umsonst! Von mir wird nichts übrig bleiben, als Verwesung und Würmer... Man kann nur leben, wenn man vom Leben berauscht ist; aber sobald der Rausch vorüber ist, sieht man, daß alles nur Betrug ist, blöder Betrug... Die Familie und die Kunst konnten mir nicht mehr genügen. Die Familie, das waren Unglückliche wie ich. Die Kunst ist ein Spiegel des Lebens. Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat, kann das Spiel des Spiegels nicht mehr erheitern. Und das Schlimmste war, ich konnte nicht zu mir selbst finden. Ich glich einem Menschen, der sich im Wald verirrt hat, und der von Entsetzen ergriffen wird, weil er sich verirrt hat, und nach allen Seiten rennt und nicht still stehen kann, obwohl er weiß, daß er sich bei jedem Schritt noch mehr verirrt...”
Das Heil kam vom Volk. Tolstoi hatte ihm immer „eine seltsame, geradezu körperliche Zuneigung”[118] entgegengebracht, die von den wiederholt erlebten Enttäuschungen nicht erschüttert werden konnte. In den letzten Jahren war er, wie Lewin, vielfach mit ihm in Berührung gekommen[119]. Er fing an, dieser Milliarden von Wesen zu gedenken, außerhalb des engen Kreises der Gelehrten, der Reichen und der Müßiggänger, die sich töteten, sich betäubten oder feige, wie er, ein hoffnungsloses Leben weiterführten. Er fragte sich, wie es möglich sei, daß diese Milliarden von Wesen jener Verzweiflung nicht anheimfielen und sich nicht töteten. Und er erkannte bald, daß sie nicht mit Hilfe der Vernunft lebten, sondern ohne sich um diese zu kümmern -- durch den Glauben. Was war das für ein Glaube, der die Vernunft nicht kannte?
„Der Glaube ist die Kraft des Lebens. Man kann ohne den Glauben nicht leben. Die religiösen Ideen sind in entschwundenen Zeiten vom menschlichen Geist verarbeitet worden. Die Antworten, die der Sphinx des Lebens vom Glauben gegeben werden, enthalten die tiefste Weisheit der Menschheit.”
Genügt es also, diese Weisheitssätze, die das Buch der Religionen aufgezeichnet hat, zu kennen? -- Nein, der Glaube ist keine Wissenschaft, der Glaube ist eine Tat; er hat nur Sinn, wenn er gelebt wird. Der Widerwille, den Tolstoi der Anblick der Reichen und „religiösen” Leute, für die der Glaube nur eine Art „epikureischer Lebenstrost” war, einflößte, verwies ihn endgültig unter die einfachen Menschen, weil nur sie allem ihr Leben mit ihrem Glauben in Einklang brachten.
„Und er begriff, daß das Leben des werktätigen Volkes das Leben an sich war, und daß der diesem Leben innewohnende Sinn die Wahrheit war.”
Aber wie soll man es anfangen, zum Volk zu gehören und seinen Glauben zu teilen? Wenn man auch wissen mag, daß die anderen recht haben, so hängt es doch nicht von uns ab, wie sie zu sein. Vergebens beten wir zu Gott; vergebens breiten wir unsere leeren Arme nach ihm aus. Gott entflieht. Wo soll man ihn fassen?
Aber eines Tages kam die Gnade.
„An einem Vorfrühlingstag war ich allein im Wald und lauschte seinem Rauschen. Ich dachte an meine Unruhe während der letzten drei Jahre, an mein Suchen nach Gott, an mein dauerndes Schwanken zwischen Freude und Verzweiflung... Und plötzlich sah ich, daß ich nur lebte, wenn ich an Gott glaubte. Wenn ich nur an ihn dachte, erhoben sich in mir die frohen Wogen des Lebens. Alles ringsum belebte sich, alles bekam einen Sinn. Aber sobald ich nicht mehr an ihn glaubte, stockte plötzlich das Leben. -- ‚Was suche ich also noch?’ rief eine Stimme in mir. ‚Er ist es doch, ohne den man nicht leben kann! Gott kennen und leben ist eins. Gott ist das Leben...’
Seitdem hat mich diese Leuchte nie mehr verlassen.”[120]
Er war gerettet. Gott war ihm erschienen[121].
Aber da er kein indischer Mystiker war, dem die Ekstase genügt, da sich in ihm der Hang zur Vernunft und der Tätigkeitsdrang des Abendländers den Träumen des Asiaten beimischte, so mußte er die ihm gewordene Offenbarung in praktischen Glauben umsetzen und aus diesem göttlichen Erleben Regeln für das tägliche Leben ableiten. Ohne jede Parteinahme, mit dem aufrichtigen Wunsch, den Glauben der Seinen zu teilen, fing er an, die Lehre der orthodoxen Kirche, der er angehörte, zu studieren[122]. Um ihr näherzukommen, unterwarf er sich drei Jahre lang all ihren Zeremonien, beichtete, nahm das Abendmahl, wagte nicht über das, was ihn befremdete, zu Gericht zu sitzen, ersann Erklärungen für das, was er dunkel oder unverständlich fand, vereinte sich im selben Glauben mit allen Lebenden und Toten, die er liebte, und gab die Hoffnung nicht auf, daß in einem gewissen Augenblick „die Liebe ihm die Pforten der Wahrheit erschlösse”. -- Aber er konnte machen, was er wollte: sein Verstand und sein Herz lehnten sich dagegen auf. Handlungen wie die Taufe und das Abendmahl erschienen ihm unerhört. Wenn man ihn zwang nachzusprechen, daß die Hostie der wirkliche Leib und das wirkliche Blut Christi sei, „war es ihm, als ob man ihm ein Messer ins Herz stieße”. Aber trotzdem waren es nicht die Dogmen, die zwischen ihm und der Kirche eine unübersteigbare Mauer errichteten, sondern die praktischen Fragen, -- insbesondere zwei: die haßerfüllte gegenseitige Unduldsamkeit der Kirchen[123] und die ausdrückliche oder stillschweigende Sanktionierung des Mordes: -- der Krieg und die Todesstrafe.
Nun brach Tolstoi völlig mit der Kirche, und sein Bruch war um so schroffer, als er die letzten drei Jahre seinem Denken ihr gegenüber Gewalt angetan hatte. Er schonte nichts mehr. Voll Zorn trat er die Religion, auf deren Ausübung er tags zuvor noch hartnäckig bestanden hatte, mit Füßen. In seiner „Kritik der dogmatischen Theologie” (1879-1881) behandelte er sie nicht nur als „Tollheit, sondern als bewußte, eigennützige Lüge”[124]. Er stellte ihr in seiner „Konkordanz und Übersetzung der vier Evangelien” (1881-1883) das Evangelium gegenüber. Auf dem Evangelium baute er schließlich seinen Glauben auf. „Mein Glaube” (1883).
Er faßt ihn in folgende Worte:
„Ich glaube an die Lehre Christi. Ich glaube, daß das Glück auf Erden nur möglich ist, wenn alle Menschen tun werden, was diese Lehre vorschreibt.”
Der Eckstein des Glaubens ist für Tolstoi die Bergpredigt, deren Hauptlehre er in fünf Gebote zusammenfaßt:
I. Du sollst nicht in Zorn geraten.
II. Du sollst nicht ehebrechen.
III. Du sollst nicht schwören.
IV. Du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten.
V. Du sollst niemandes Feind sein.
Das ist der negative Teil der Lehre, deren positiver Teil sich in dem einen Gebot zusammenfassen läßt:
Liebe Gott und deinen Nächsten, wie dich selbst.
„Christus hat gesagt, wer das geringste dieser Gebote übertritt, wird den geringsten Platz im Himmelreich bekommen.”
Und Tolstoi fügt naiv hinzu:
„So seltsam es klingt, so habe ich doch nach achtzehn Jahrhunderten diese Regeln als etwas Neues entdecken müssen.”
Glaubt nun Tolstoi etwa an die Göttlichkeit Christi? -- Keineswegs. Weshalb beruft er sich dann auf ihn? Als auf den Größten aus dem Geschlecht der Weisen, -- der Brahmanen, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Zarathustra, Jesaja, -- die den Menschen das wahre Glück, das sie erstreben, gezeigt haben und den Weg, den sie beschreiten müssen[125]. Tolstoi ist der Schüler dieser großen Religionsschöpfer, dieser Halbgötter, dieser indischen, chinesischen und jüdischen Propheten. Er verteidigt sie -- was er unter verteidigen versteht: indem er angreift -- gegen die, die er „Pharisäer” und „Schriftgelehrte” nennt: gegen die bestehenden Kirchen und gegen die Vertreter der stolzen Wissenschaft, oder besser „der wissenschaftlichen Scheinphilosophie”[126]. Nicht als ob er die Offenbarung gegen die Vernunft anriefe. Seitdem er die Zeiten der Bedrängnis, über die er in der „Beichte” berichtet, überwunden hat, ist und bleibt er im wesentlichen ein Vernunftgläubiger, man könnte sagen ein Vernunftmystiker.
„Im Anfang war das Wort”, wiederholt er mit dem Evangelisten Johannes, „das Wort, logos, d. i. die Vernunft.”[127]
Sein Buch „Das Leben” (1887) trägt als Motto die berühmten Worte Pascals[128]:
„Der Mensch ist nur ein Rohr, das schwächste der Natur, aber ein denkendes Rohr... Unser ganzes Ansehen beruht auf dem Denken... Bemühen wir uns also, gut zu denken: das ist das Prinzip der Sittlichkeit.”
Und das ganze Buch ist ein einziger Hymnus auf die Vernunft.
Es ist wahr, daß seine Vernunft nicht die wissenschaftliche, die beschränkte Vernunft ist, „die den Teil für das Ganze hält und das tierische Leben für das ganze Leben”, sondern sie ist das höchste Gesetz, das das Menschenleben lenkt, „das Gesetz, nach dem notwendigerweise die vernünftigen Wesen, d. h. die Menschen, leben müssen.”
„Es ist ein Gesetz, ähnlich denen, die die Ernährung und Fortpflanzung des Tieres, das Wachsen und Blühen von Gras und Baum, die Bewegung von Erde und Sternen lenken. Erst in der Erfüllung dieses Gesetzes, in der Unterwerfung unserer Tiernatur unter das Vernunftgesetz, mit der Absicht, das Gute zu erobern, beruht unser Leben... Die Vernunft kann nicht definiert werden, und man braucht sie nicht zu definieren; denn wir alle kennen sie nicht nur, sondern wir kennen nur sie... Alles was der Mensch weiß, weiß er mittels der Vernunft und nicht des Glaubens[129]... Das wirkliche Leben beginnt erst in dem Augenblick, da sich die Vernunft offenbart. Das einzig wahre Leben ist das auf der Vernunft aufgebaute Leben.”