Part 4
Der Tod... In dieser Zeit fängt er an, Tolstois Seele zu verfolgen. „Drei Tode” (1858-1859) bilden schon einen Auftakt zu der düsteren Schilderung von dem „Tod des Iwan Iljitsch”, der Einsamkeit des Sterbenden, seinem Haß gegen die Lebenden, seinem verzweifelten „Warum?” Das Triptychon der drei Toten -- die reiche Dame, der alte schwindsüchtige Postillon und die gefällte Eiche -- hat Größe; die Bilder sind gut gezeichnet, die Vergleiche ziemlich treffend, obschon das über Gebühr berühmte Werk von etwas zu lockerem Gewebe ist und es dem Tod der Eiche an unbedingter Gestaltungskraft fehlt, die den Wert der schönen Landschaftsschilderungen Tolstois ausmacht. Im ganzen weiß man noch nicht, was ihn hinreißt, ob die Kunst um ihrer selbst willen oder die moralische Absicht.
Tolstoi wußte es selbst nicht. Am 4. Februar 1859 hielt er in der „Moskauer Gesellschaft der Freunde russischer Literatur” seine Antrittsrede, worin er das Prinzip des „l'art pour l'art”[75] verteidigte; und der Präsident der Gesellschaft, Komiakow, übernahm, nachdem er in ihm den Vertreter der rein künstlerischen Literatur begrüßt hatte, gegen ihn die Verteidigung der sozialen und moralischen Kunst[76].
Ein Jahr später brachte ihn der Tod seines geliebten Bruders Nikolaus, der am 19. September 1860 in Hyères von der Schwindsucht dahingerafft wurde[77], derart außer Fassung, daß sein Glaube an das Gute vollständig erschüttert wurde und er sich von der Kunst abwandte:
„Die Kunst ist Lüge, und ich kann nicht länger die schöne Lüge lieben.”[78]
Aber schon nach kaum sechs Monaten kam er auf diese schöne Lüge zurück, mit „Polikuschka”[79], dem von sittlichen Absichten vielleicht freiesten seiner Werke, nimmt man den geheimen Fluch aus, der auf dem Geld und seiner unheilvollen Macht lastet; es ist ein Werk, das nur um der Kunst willen geschrieben ist, ein Meisterwerk übrigens, an dem nichts auszusetzen ist, es sei denn sein übergroßer Reichtum an Beobachtungen, ein Zuviel an Stoff, der zu einem großen Roman ausgereicht hätte, und der allzu schroffe, ein wenig grausame Gegensatz zwischen dem gräßlichen Ausgang und dem humorvollen Anfang[80].
In dieser Zeit des Übergangs, wo das Genie Tolstois im Finstern tappt, an sich selbst irre wird und, wie Nekludow in den „Aufzeichnungen eines Marqueurs”, ohne starke Leidenschaft, ohne zielsicheren Willen schwächlich zu werden scheint, entsteht das reinste Werk, das Tolstoi jemals schuf: „Eheglück” (1859). Es ist das Wunderwerk der Liebe.
Seit langen Jahren war er mit der Familie Bers befreundet. Er war der Reihe nach in die Mutter und die drei Töchter verliebt gewesen[81]. Schließlich verliebte er sich endgültig in die zweite. Aber er wagte nicht, es zu gestehen. Sofie Andrejewna Bers war noch ein Kind: sie war siebzehn Jahre alt; und er über dreißig. Er hielt sich für einen alten Mann, der nicht das Recht hatte, sein verbrauchtes, unreines Leben an das eines unschuldigen jungen Mädchens zu knüpfen. Drei Jahre lang sträubte er sich[82]. Später erzählte er in „Anna Karenina”, wie er Sofie Bers einen Antrag machte, und wie sie darauf antwortete --: sie zeichneten alle beide die Anfangsbuchstaben der Worte, die sie nicht zu sagen wagten, mit dem Finger auf den Tisch. Wie Lewin in „Anna Karenina” war er so grausam aufrichtig, sein Tagebuch seiner Braut einzuhändigen, damit sie ganz genau seine begangenen Schändlichkeiten kennen lerne; und wie Kitty in „Anna Karenina” empfand Sofie bitteren Schmerz beim Lesen. Am 23. September 1862 war ihre Hochzeit.
Aber schon seit drei Jahren war diese Ehe im Kopf des Dichters geschlossen, als er „Eheglück” schrieb[83]. Seit drei Jahren hatte er schon im voraus die unbeschreiblichen Tage der stillen Liebe durchlebt und die berauschenden Tage der Liebe, die sich offenbart, die Stunde, da die ersehnten göttlichen Worte geflüstert werden, die Tränen „über ein Glück, das für immer schwindet und nie mehr wiederkehrt”; die jubelnde Wirklichkeit der ersten Ehezeit, den Egoismus der Liebenden, „die unaufhörliche Freude ohne eigentlichen Grund”; dann die eintretende Ermüdung, die leise Unzufriedenheit, die Langeweile des einförmigen Lebens, in der sich die beiden vereinigten Herzen sanft lösen und voneinander entfernen, das gefährlich Berauschende der großen Welt für die junge Frau -- Koketterie, Eifersucht, tödliche Mißverständnisse --, die verdunkelte, die verlorene Liebe; endlich den milden traurigen Herbst des Herzens, wo das Antlitz der Liebe sich wieder zeigt, blaß und gealtert und durch seine Tränen und seine Runzeln noch ergreifender geworden, die Erinnerung an Liebesbeweise, das Bedauern über das Böse, das man sich zugefügt hat, und über die verlorenen Jahre, -- einen heiteren Lebensabend, die erhabene Wandlung von der Liebe zur Freundschaft und vom Roman der Leidenschaft zur Mütterlichkeit... Alles, was kommen sollte, alles hatte Tolstoi im voraus geträumt und durchkostet. Und um es besser erleben zu können, hatte er es in ihr, der Geliebten, erlebt. Das erstemal -- vielleicht das einzige Mal in Tolstois Werken -- spielt sich der Roman im Herzen einer Frau ab und wird von dieser Frau erzählt. Mit welch erlesener Zartheit! Eine schöne Seele hüllt sich in einen schamhaften Schleier... Diesmal hat Tolstoi bei der Analyse auf seine etwas grelle Belichtung verzichtet und sucht nicht mit fieberhafter Leidenschaft die Wahrheit bloßzulegen. Die Geheimnisse des Innenlebens lassen sich eher erraten, als daß sie sich preisgeben. Das Herz und die Kunst Tolstois sind milder geworden. In seiner harmonischen Übereinstimmung von Form und Inhalt erreicht das „Eheglück” die Vollkommenheit eines Racineschen Werkes.
Die Ehe, deren Glück und deren Wirrungen Tolstoi mit großer Klarheit schon vorher empfunden hatte, sollte ihm zum Heil werden. Er war müde und krank, seiner selbst und seiner Arbeit überdrüssig. Auf die glänzenden Erfolge, die seine ersten Werke errungen hatten, war vollständiges Verstummen der Kritik[84] und Gleichgültigkeit des Publikums eingetreten. Stolz tat er, als ob er sich darüber freue.
„Mein Ruf hat viel von jener Volkstümlichkeit, die mich traurig machte, verloren. Jetzt bin ich ruhig, da ich weiß, daß ich etwas zu sagen habe und die Fähigkeit besitze, es sehr laut zu sagen. Das Publikum mag denken, was es will.”[85]
Aber er rühmte sich nur: er war seiner Kunst selbst nicht sicher. Ohne Zweifel beherrschte er die Feder vollkommen; aber er wußte nicht, was damit anfangen. Wie er in „Polikuschka” sagt: „es war das Gerede über den erstbesten Stoff von einem Manne, der die Feder zu führen versteht”[86]. Seine sozialen Arbeiten scheiterten. Im Jahre 1862 legte er sein Amt als Schiedsrichter nieder. Im selben Jahre hielt die Polizei in Jasnaja Poljana Haussuchung, drehte das oberste zu unterst und schloß die Schule. Tolstoi war damals aus Gesundheitsrücksichten verreist; er fürchtete die Schwindsucht zu bekommen.
„Die Streitigkeiten, die ich zu schlichten hatte, waren mir so unerträglich geworden, die Arbeit in der Schule so unsicher, meine Besorgnisse, die aus dem Wunsch, die andern zu unterrichten und dabei meine Unkenntnis dessen, was ich unterrichten sollte, zu verbergen, herrührten, waren mir derart widerwärtig, daß ich krank wurde. Vielleicht wäre ich an den Rand der Verzweiflung geraten, der ich fünfzehn Jahre später erlag, wenn es nicht für mich eine unbekannte Seite des Lebens gegeben hätte, die mir Heil versprach: das Familienleben.”[87]
* * * * *
Er genoß es zuerst mit der Leidenschaft, die er auf alles verwandte[88]. Der persönliche Einfluß der Gräfin Tolstoi war wertvoll für seine Kunst. Literarisch sehr begabt[89], war sie, wie sie sagt, „eine echte Schriftstellersfrau”, so sehr lag ihr das Werk ihres Mannes am Herzen. Sie arbeitete mit ihm, schrieb nach seinem Diktat, übertrug seine Konzepte immer wieder ins Reine[90]. Sie trachtete, ihn gegen seinen religiösen Dämon, jenen fürchterlichen Geist, der schon damals für Augenblicke seiner Kunst gefährlich wurde, zu verteidigen. Sie ließ es sich angelegen sein, daß seine Tür sozialen Utopien verschlossen blieb[91]. Sie befeuerte sein schöpferisches Genie. Sie tat mehr: sie gab diesem Genius den neuen Reichtum ihrer Frauenseele. Abgesehen von einigen hübschen Schattenrissen in „Kindheit” und „Knabenalter” ist die Frau aus den ersten Werken Tolstois fast völlig ausgeschaltet, oder sie bleibt im Hintergrund. Zum erstenmal tritt sie im „Eheglück” auf, das unter dem Einfluß der Liebe zu Sofie Bers geschrieben ist. In den folgenden Werken sind Mädchen- und Frauengestalten reichlich vorhanden und von Leben beseelt, mehr noch selbst als die Männergestalten. Man glaubt gern, daß die Gräfin Tolstoi ihrem Mann nicht nur zur Natascha in „Krieg und Frieden”[92] und zur Kitty in „Anna Karenina” Modell gestanden hat, sondern daß sie ihm auch durch die Einblicke, die sie ihm in ihr zartes Seelenleben gewährte, eine wertvolle und feinfühlige Mitarbeiterin sein konnte. Gewisse Seiten in „Anna Karenina”[93] scheinen mir ganz besonders die Hand einer Frau zu verraten.
Dank den Segnungen dieser Vereinigung genoß Tolstoi zehn oder fünfzehn Jahre lang einen Frieden und eine Sicherheit, wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte[94]. So konnte er unter den Fittichen der Liebe in Muße die Meisterwerke seines Schaffens, die gewaltigen Denkmäler, die die ganze Romandichtung des 19. Jahrhunderts überragen, ersinnen und ausführen: „Krieg und Frieden” (1864-1869) und „Anna Karenina” (1873-1877).
„Krieg und Frieden” ist das großartigste Heldengedicht unserer Zeit, eine moderne Ilias. Eine Welt von Gestalten und Schicksalen lebt darin. Über diesem von zahllosen Wogen gepeitschten Meer menschlicher Leidenschaften schwebt eine allbeherrschende Seele, die die Stürme nach Gefallen entfacht und zügelt. Mehr als einmal habe ich, wenn ich mich in dieses Werk vertiefte, an Homer und Goethe gedacht, trotz der ungeheuren Verschiedenheit, sowohl des Geistes als auch der Zeit. Später habe ich gesehen, daß Tolstoi tatsächlich in jener Periode, als er daran arbeitete, in seinem Denken von Homer und Goethe[95] zehrte. Ja, er trägt sogar in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1865, wo er die verschiedenen literarischen Arten klassifiziert, das Werk „1805”, unter welchem Titel die beiden ersten Teile von „Krieg und Frieden” 1865-1866 erschienen, als zur selben Familie gehörig wie die „Odyssee” und „Ilias” ein. Die ihm eigene Beweglichkeit des Geistes führte ihn vom Roman der Einzelschicksale zum Roman der Heere und Völker, der großen menschlichen Gemeinschaften, in denen der Wille von Millionen Lebewesen aufgeht. Seine tragischen Erfahrungen bei der Belagerung von Sewastopol lehrten ihn die Seele des russischen Volkes und sein Leben während der letzten hundert Jahre verstehen. Das ungeheure Gemälde „Krieg und Frieden” war ursprünglich nur als Mittelfeld einer Reihe von epischen Fresken gedacht, auf denen sich die Geschichte Rußlands von Peter dem Großen bis zu den Dekabristen abspielen sollte[96].
Um das Mächtige des Werkes richtig zu empfinden, muß man sich über die Einheit klar sein, die darin verborgen liegt. Die meisten Leser sehen in ihrer Kurzsichtigkeit nur die tausend Einzelheiten, deren Fülle sie in höchste Verwunderung versetzt und verwirrt. Sie finden sich in diesem Walde nicht zurecht. Man muß sich darüber hinaus erheben und den weiten Horizont, den Kreis der Wälder und Felder mit dem Blick umfassen, dann wird man den homerischen Geist des Werkes gewahr, die Ruhe der ewigen Gesetze, den Atem des Schicksals in seinem gewaltigen Rhythmus, das Gefühl für das Ganze, dem alle Einzelheiten verbunden sind, und das Genie des Künstlers, der sein Werk, wie der Gott der Genesis, der über den Wassern schwebt, beherrscht.
Zuerst das regungslose Meer. Der Friede, die russische Gesellschaft am Vorabend des Krieges. Die ersten hundert Seiten spiegeln mit einer erbarmungslosen Treue und einer überlegenen Ironie die Hohlheit dieser Kinder der Welt. Erst ungefähr auf der hundertsten Seite erhebt sich der Schrei eines dieser lebenden Toten -- des schlimmsten unter ihnen, des Fürsten Basil:
„Wir sündigen, wir betrügen. Und wozu das alles? Ich habe die Sechzig hinter mir, mein Freund... Alles endigt mit dem Tod... Der Tod, welch ein Grausen!”
Von diesen schalen, lügnerischen Müßiggängern, die jeder Verirrung und jedes Verbrechens fähig sind, heben sich gewisse gesundere Naturen ab: die Aufrichtigen, teils aus Treuherzigkeit, wie Peter Besukow, teils dank ihrer völligen Unabhängigkeit oder aus russischem Empfinden heraus, wie Maria Dmitriewna, teils aus jugendlicher Frische, wie die kleinen Rostows; -- dann die Gütigen und Gottergebenen, wie die Prinzessin Marie; -- und schließlich jene, die nicht gut sondern stolz sind, und die dieses ungesunde Dasein quält, wie der Fürst Andrej.
Dann aber setzt die erste Wellenbewegung ein. Die Handlung. Das russische Heer in Österreich. Das Verhängnis herrscht nirgends unumschränkter als dort, wo die Urkräfte entfesselt sind: im Krieg. Die wirklichen Führer sind die, welche nicht zu lenken versuchen, sondern die wie Kutuzow oder Bagration versuchen glauben zu machen, „daß ihre persönlichen Absichten in voller Übereinstimmung mit dem sind, was in Wahrheit die einfache Wirkung der Macht der Verhältnisse, des Willens der Untergebenen und der Laune des Zufalls ist”. Welch eine Wohltat, sich ganz der Hand des Schicksals zu überlassen! Welch ein Glück liegt in dem normalen und gesunden Zustand, bloß handeln zu brauchen. Die bedrängten Gemüter finden ihr Gleichgewicht wieder. Fürst Andrej atmet auf, beginnt zu leben... Und während dort unten, weitab von dem belebenden Hauch dieser gesegneten Stürme, die beiden wertvollsten Menschen, Peter und die Prinzessin Marie, von der Pest ihrer Umgebung, der Liebeslüge, bedroht werden, erlebt Fürst Andrej bei Austerlitz plötzlich mitten im Taumel des Gefechts, der durch seine Verwundung schroff unterbrochen wird, die Offenbarung der beglückenden Unendlichkeit. Auf dem Rücken ausgestreckt, „sieht er nichts mehr als sehr hoch über sich einen grenzenlosen weiten Himmel, über den leichte graue Wölkchen sanft dahingleiten”.
„Welche Ruhe! Welcher Friede!” sagte er sich, „das war nicht so, als ich schreiend dahinrannte. Weshalb hatte ich diese uferlose Weite nicht früher bemerkt? Wie glücklich bin ich, daß ich sie endlich entdeckt habe! Ja, alles andere ist leer, alles andere ist Täuschung. Gott sei für diese Ruhe gepriesen!...”
Indessen nimmt ihn das Leben wieder auf, und die Woge ebbt zurück. Die mutlosen, unruhvollen Seelen irren, in der sittenverderbenden Atmosphäre der Stadt aufs neue sich selbst überlassen, ziellos durch die Nacht. Manchmal vermischen sich mit dem vergiftenden Hauch der Welt die berauschenden und betörenden Ausströmungen der Natur, der Frühling, die Liebe, die blindwaltenden Kräfte, die die reizende Natascha dem Fürsten Andrej nahebringen und die sie einen Augenblick später dem erstbesten Verführer in die Arme treiben. So viel Poesie, Zartheit und Herzensreinheit wird hier durch die Welt zerstört! Und immer „der weite Himmel, der sich hoch über der schmählichen Gemeinheit der Erde breitet”. Aber die Menschen sehen ihn nicht. Selbst Andrej hat die Erleuchtung von Austerlitz vergessen. Für ihn ist der Himmel nur noch „ein düsteres, schweres Gewölbe”, das das Nichts überdeckt.
Es ist Zeit, daß der Sturmwind des Krieges aufs neue über diese blutleeren Seelen dahinbraust. Das Vaterland wird vom Feinde besetzt. Borodino. Ein Tag von feierlicher Größe. Alle Feindseligkeit schwindet dahin. Dologow umarmt seinen Freund Peter. Andrej, der verwundet ist, weint aus Liebe und Mitgefühl über das Unglück Anatol Kuragins, des Menschen, den er am meisten haßte, und der jetzt auf dem Krankenwagen sein Nachbar ist. Die Herzen werden eins durch das dem Vaterland dargebrachte Opfer und die Unterwerfung unter die göttlichen Gesetze.
„Die schreckliche Notwendigkeit des Krieges ernst und gottergeben hinnehmen... Der Krieg ist für die Freiheit des Menschen die härteste Form der Unterwerfung unter die göttlichen Gesetze. Die Herzenseinfalt besteht in der Unterwerfung unter den Willen Gottes.”
Die russische Volksseele und ihre Unterwerfung unter das Schicksal verkörpert sich in dem Generalissimus Kutuzow:
„Dieser Alte, der, was Leidenschaften angeht, nur die Erfahrung, das Ergebnis der Leidenschaften, kennt, und bei dem die Intelligenz, die dazu bestimmt ist, die Tatsachen einzuordnen und Schlüsse aus ihnen zu ziehen, durch eine philosophische Betrachtungsweise der Ereignisse ersetzt wird, dieser Alte ersinnt nichts und unternimmt nichts, aber er hört und behält alles und wird es im geeigneten Augenblick anwenden, er wird nichts Nützliches verhindern und nichts Schädliches erlauben. Er erspäht auf den Gesichtern seiner Leute jene unbegreifliche Macht, die man den Willen zu siegen, den kommenden Sieg nennt. Er läßt etwas Mächtigeres gelten als seinen Willen: den unaufhaltsamen Lauf der Tatsachen, die sich vor seinen Augen abrollen; er sieht sie, er verfolgt sie und versteht es, von seiner Person zu abstrahieren.”
Kurzum, er hat das echt russische Herz. Dieser still-heldenmütige Fatalismus des russischen Volkes verkörpert sich auch in dem armen, einfachen, frommen und ergebenen Muschik Plato Karatajew, der noch in Leid und Tod gütig lächelt. Durch die Prüfungen, das Elend des Vaterlandes, die Schrecken des Todeskampfes hindurch, gelangen die beiden Helden des Buches, Peter und Andrej, zu moralischer Befreiung und schwärmerischer Freude durch die Liebe und den Glauben, die sie den lebendigen Gott erkennen lassen.
Hiermit schließt Tolstoi keineswegs. Der Epilog, der um 1820 spielt, bildet einen Übergang von einer Epoche zu einer anderen, vom napoleonischen Zeitalter zum Zeitalter der Dekabristen. Er gibt das Gefühl der ununterbrochenen Dauer und des Immerneuerstehens alles Lebens. Tolstoi beginnt weder, noch schließt er seine Erzählung an einem entscheidenden Zeitpunkt; er schließt, wie er begonnen hat, in dem Augenblick, da eine große Welle verebbt und die folgende Welle sich erst bildet. Schon gewahrt man die künftigen Helden, die Konflikte, die zwischen ihnen entstehen werden, und die Toten, die in den Lebenden auferstehen[97].
Ich habe versucht, den großen Linien des Romans nachzugehen; denn selten gibt man sich die Mühe, sie zu suchen. Aber was soll man von der ganz außergewöhnlichen Lebendigkeit dieser Hunderte von Helden sagen, die alle individuell und in unvergeßlicher Weise gezeichnet sind, dieser Soldaten, Bauern, Edelleute, Russen, Österreicher und Franzosen! Nichts verrät hier, daß sie erdichtet sind. Zu dieser Reihe von Bildnissen, die ihresgleichen in der ganzen europäischen Literatur suchen, hat Tolstoi zahllose Skizzen gemacht, wie er sagt, „Millionen von Entwürfen miteinander verbunden”, Bibliotheken durchstöbert, seine Familienarchive[98], seine früheren Notizen, seine persönlichen Erinnerungen benutzt. Diese bis ins kleinste gehende Vorbereitung bürgt für die Gründlichkeit der Arbeit, nimmt ihr dabei aber nichts von ihrer Ursprünglichkeit. Tolstoi arbeitete begeistert, mit einem Eifer und einer Freude, die sich auch dem Leser mitteilen. Was vor allem „Krieg und Frieden” den größten Reiz verleiht, ist seine Jugendlichkeit des Herzens. Kein anderes Werk von Tolstoi weist solchen Reichtum an Kinder- und Jünglingsseelen auf; und jede dieser Seelen ist Musik aus reinster Quelle und von einer Anmut, die ergreift und rührt, wie eine Mozartsche Melodie: der junge Nikolaus Rostow, Sonja, der arme kleine Petja.
Die köstlichste aber ist Natascha. Dieses liebe, seltsame, lachlustige kleine Mädchen mit dem reichen Herzen, das man neben sich aufwachsen sieht, und dem man durch das Leben folgt mit der keuschen Zärtlichkeit, die man für eine Schwester empfände, -- wer glaubt nicht, sie gekannt zu haben?... Welch wunderbare Frühlingsnacht, in der Natascha an ihrem mondbeschienenen Fenster tolle Dinge träumt und redet, gerade über dem Fenster des Fürsten Andrej, der ihr zuhört... Die Aufregungen des ersten Balles, die Liebe, die Liebeserwartung, das Aufblühen wirrer Wünsche und Träume, die nächtliche Schlittenfahrt durch den beschneiten Wald, wo Lichter gespensterhaft schimmern; die Natur, die unklare Sehnsucht erweckt; ein Abend in der Oper, die seltsame Welt der Kunst, die den Verstand umschleiert; die Tollheit des Herzens und die Tollheit des Leibes, der sich nach Liebe sehnt; ein Schmerz, der die Seele läutert; göttliches Mitleid, das beim sterbenden Geliebten wacht... Man kann diese Erinnerungen nicht heraufbeschwören, ohne dieselbe Rührung zu empfinden, als wenn man von der teuersten und geliebtesten Freundin spräche. Ach, wie läßt einen eine solche Schöpfung die Schwäche der weiblichen Gestalten in beinahe allen zeitgenössischen Romanen und Theaterstücken ermessen! Das Leben selbst wird erfaßt, und dabei so biegsam, so flüssig, daß man es von einer Zeile zur anderen wogen und wechseln zu sehen vermeint. -- Die häßliche Prinzessin Marie, die durch Güte schön wird, ist eine nicht minder vollkommene Schöpfung; aber wie würde sie, dieses schüchterne und linkische Mädchen erröten, wie werden die, welche ihr gleichen, erröten, wenn sie hier alle Geheimnisse eines Herzens enthüllt sehen, das sich ängstlich den Blicken entzieht!
Im allgemeinen übertreffen die Frauencharaktere, wie ich schon andeutete, die Männercharaktere bei weitem, besonders die der beiden Helden, die Tolstois eigene Idee verkörpern: die weiche und schwache Natur Peter Besukows, die lebhafte, aber trockene des Fürsten Andrej Wolkonski. Dies sind Seelen, denen es an einem festen Ruhepunkt mangelt; sie schwanken fortwährend, anstatt sich zu entwickeln; sie gehen von einem Pol zum andern, ohne je vom Fleck zu kommen. Man wird mir zweifellos entgegnen, daß sie darin echt russisch sind. Ich kann jedoch dazu bemerken, daß Russen dieselbe Kritik geübt haben. Aus dem gleichen Anlaß warf Turgenjew der Psychologie Tolstois vor, daß sie nie weiterkomme. „Keine wahrhafte Entwicklung. Ewige Unschlüssigkeit, Gefühlsschwankungen.”[99] Tolstoi gab selbst zu, daß er die einzelnen Charaktere hie und da ein wenig dem historischen Gemälde geopfert habe[100].
Und die Größe von „Krieg und Frieden” beruht tatsächlich in dem Wiederaufleben eines ganzen Zeitalters der Geschichte, jener Völkerwanderung, des Kampfes der Nationen. Seine eigentlichen Helden sind die Völker und, hinter ihnen, wie hinter den Helden Homers, die Götter, die sie leiten: die unsichtbaren Mächte, „jene unwägbaren Größen, die die Massen führen”, der Hauch des Unendlichen. Diese gigantischen Kämpfe, in denen ein verborgenes Geschick die blinden Völker aufeinanderstößt, sind von sagenhafter Größe. Auf dem Weg über die Ilias denkt man an die indischen Heldenlieder[101].
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„Anna Karenina” bezeichnet mit „Krieg und Frieden” den Höhepunkt dieser Zeit der Reife. Es ist ein vollkommeneres Werk, ein Werk, das von einem Geist erfüllt ist, der seiner künstlerischen Berufung noch sicherer und auch reicher an Erfahrung ist, und für den die Welt des Herzens keine Geheimnisse mehr hat. Aber ihm fehlen jene jugendliche Wärme, jene urwüchsige Begeisterung, -- die großen Schwingen von „Krieg und Frieden”. Tolstoi hat schon nicht mehr dieselbe Schaffensfreude. Die vorübergehende Beschaulichkeit der ersten Ehezeit ist dahin. In den Bannkreis der Liebe und der Kunst, den die Gräfin Tolstoi um ihn zu ziehen verstanden hatte, schleicht sich wieder langsam innere Unruhe.