Das Leben Tolstois

Part 12

Chapter 123,464 wordsPublic domain

[50] (S. 32): Man findet diese Schreibweise auch im „Holzschlag”, der zum selben Zeitpunkt beendigt wurde. Zum Beispiel: „Es gibt drei Arten von Liebe: 1. die ästhetische Liebe; 2. die ergebene Liebe; 3. die werktätige Liebe, usw.” („Jugendjahre.”) -- Oder auch: „es gibt drei Arten von Soldaten: 1. die gehorsamen; 2. die befehlshaberischen; 3. die bramarbasierenden, -- die ihrerseits alle wieder in Unterabteilungen zerfallen”. („Holzschlag”)

[51] (S. 33): „Jugend”, Kapitel XXXII.

[52] (S. 34): Tolstoi hatte die Geschichte an die Zeitschrift „Sovremennik” geschickt, und sie wurde darin sofort veröffentlicht.

[53] (S. 35): Tolstoi ist viel später, in seinen Unterhaltungen mit seinem Freunde Teneromo, darauf zurückgekommen. Er hat ihm namentlich von einem Angstzustand erzählt, der ihn eines Nachts erfaßte, als er vollständig eingegraben in einer abgedunkelten Verschanzung lag. Man findet diese Episode aus dem Krieg von Sewastopol in dem Sammelband „Die Revolutionäre”.

[54] (S. 35): Drujinin warnt ihn später freundschaftlich vor dieser Gefahr: „Sie neigen zu einer ganz außerordentlichen Feinheit des Analysierens; sie kann sich in einen großen Fehler verwandeln. Mitunter könnten Sie sagen: bei dem und dem verriet die Wade den Wunsch, nach Indien zu reisen... Sie müssen diese Neigung zügeln, aber um nichts in der Welt sie ersticken.” (Brief aus dem Jahre 1856.)

[55] (S. 37): die die Zensur verstümmelt hat.

[56] (S. 37): 2. September 1855.

[57] (S. 38): „Seine Eigenliebe beherrschte ihn vollständig; es gab für ihn keine andere Wahl, als der erste zu sein oder sich selbst aus dem Leben zu löschen... Er wollte gern der erste unter den Männern sein, mit denen er sich zu vergleichen pflegte.”

[58] (S. 39): 1889 kam Tolstoi beim Schreiben einer Vorrede zu den „Erinnerungen an Sewastopol von einem Artillerieoffizier”, A. J. Erchow, auf diese Szenen zurück. Alles Heldenhafte war daraus geschwunden. Er erinnerte sich nur noch an die Angst, die sieben Monate gewährt hatte, -- die doppelte Angst: die vor dem Tod und die vor der Schande, eine entsetzliche moralische und seelische Qual. Alle „Heldentaten” bedeuteten bei der Belagerung für ihn nur noch das eine: Kanonenfutter gewesen zu sein.

[59] (S. 40): Suarès, „Tolstoi”, herausgegeben von der „Union pour l'Action morale”, 1899, (aufs neue veröffentlicht in den „Cahiers de la Quinzaine”, unter dem Titel: „Tolstoi vivant”).

[60] (S. 41): Turgenjew klagt in einer Unterhaltung über Tolstois törichten Adelsstolz, über seine junkerhafte Prahlerei.

[61] (S. 41): „Ein Charakterzug, ob er nun gut oder schlecht zu nennen sei, war mir immer eigen: ich wehrte mich stets instinktiv gegen alle epidemisch auftretenden äußeren Einflüsse... Ich hatte eine Abneigung gegen die allgemeine Strömung.” (Brief an P. Birukow.)

[62] (S. 41): Turgenjew.

[63] (S. 42): Grigorowitsch.

[64] (S. 42): Eugen Garchin, Erinnerungen an Turgenjew 1883.

[65] (S. 42): Der heftigste, der zum endgültigen Bruch zwischen ihnen führte, fand im Jahre 1861 statt. Turgenjew gab seinen philanthropischen Empfindungen Ausdruck und sprach von den wohltätigen Veranstaltungen, mit denen seine Tochter sich beschäftigte. Nichts erregte Tolstoi mehr als die Wohltätigkeit der großen Gesellschaft. „Ich finde,” sagte er, „daß ein gutgekleidetes junges Mädchen, das schmutziges und übelriechendes Bettelvolk auf seinen Knien hält, eine Theaterszene spielt, die der Aufrichtigkeit entbehrt.” -- Die Auseinandersetzung wurde immer heftiger, Turgenjew geriet außer sich und bedrohte Tolstoi mit Ohrfeigen. Tolstoi bestand auf sofortiger Genugtuung und forderte Turgenjew zum Zweikampf. Turgenjew, der seine Erregung gleich bedauert hatte, schickte einen Entschuldigungsbrief. Aber Tolstoi verzieh ihm nicht. Fast zwanzig Jahre später bat er -- wie man in der Folge sehen wird -- ihn um Entschuldigung, im Jahre 1878, als er sein ganzes früheres Leben abschwor und seinen Stolz vor Gott gründlich demütigte.

[66] (S. 42): „Beichte.”

[67] (S. 42): „Es gab”, sagte er, „keinen Unterschied zwischen uns und einem Tollhaus. Selbst in jener Zeit hatte ich diese unbestimmte Empfindung; aber wie alle Verrückten behandelte ich alle als Narren, außer mich selbst.” („Beichte”).

[68] (S. 43): „Beichte.”

[69] (S. 43): „Tagebuch des Fürsten D. Nekludow”, „Luzern”.

[70] (S. 44): „Tagebuch des Fürsten D. Nekludow.”

[71] (S. 44): Er lernte auf dieser Reise verschiedene Persönlichkeiten kennen: in Dresden Auerbach, der als erster ihn zur Volksbelehrung angeregt hatte, in Kissingen Fröbel, in London Herzen, in Brüssel Proudhon, der einen großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben scheint.

[72] (S. 45): Hauptsächlich in den Jahren 1861/62.

[73] (S. 45): „Erziehung und Kultur.”

[74] (S. 46): Tolstoi hat sich in der Zeitschrift „Jasnaja Poljana” im Jahre 1862 mit diesen Theorien auseinandergesetzt.

[75] (S. 48): Rede über die „Überlegenheit des künstlerischen Elements in der Literatur über alle ihre Zeitströmungen”.

[76] (S. 48): Er stellte ihm seine eigenen Beispiele entgegen, den alten Postillion aus „Drei Tode”.

[77] (S. 48): Im Jahre 1856 war schon ein anderer Bruder Tolstois, Dmitri, an der Schwindsucht gestorben. Tolstoi selbst glaubte sich zu verschiedenen Malen von der Schwindsucht befallen, in den Jahren 1856, 1862 und 1871. Er war, wie er am 28. Oktober 1852 schreibt, „von kräftiger Körperbeschaffenheit, aber von schwacher Gesundheit.” Dauernd litt er an Erkältungen, Halsweh, Augen- und Zahnschmerzen und Rheumatismus. Im Kaukasus, im Jahre 1852, mußte er „wenigstens zwei Tage in der Woche das Zimmer hüten”. Im Jahre 1854 hält ihn die Krankheit mehrere Monate auf dem Weg von Silistrien nach Sewastopol zurück. 1856 liegt er ernsthaft brustkrank in Jasnaja darnieder. Aus Angst vor der Schwindsucht macht er im Jahre 1862 eine Kefirkur in Samara, bei den Baschkiren, und vom Jahre 1870 an geht er fast jedes Jahr zu diesem Zweck wieder dorthin. In seinen Briefen an Fet spricht er dauernd von solchen Dingen. Dieser Gesundheitszustand macht es einigermaßen begreiflich, daß Tolstoi sich andauernd mit dem Gedanken an den Tod beschäftigte. Späterhin sprach er von der Krankheit als von seiner besten Freundin: „Wenn man krank ist, scheint es, als ob man ganz sanft eine leicht abschüssige Fläche hinunterglitte, die an einem bestimmten Punkt von einem Vorhang, einem leichten Vorhang aus leichtem Stoff abgeschlossen ist. Diesseits davon ist das Leben, jenseits davon ist der Tod. Um wieviel ist in bezug auf sittlichen Wert der Zustand der Krankheit dem Zustand der Gesundheit überlegen! Sprecht mir nicht von jenen Leuten, die niemals krank gewesen sind! Sie sind entsetzlich, besonders die Frauen. Eine kerngesunde Frau ist eine wahre Bestie!” (Unterhaltungen mit Paul Boyer, „Le Temps”, 27. August 1901.)

[78] (S. 48): 17. Oktober 1860, in einem Brief an Fet.

[79] (S. 48): 1861 in Brüssel geschrieben.

[80] (S. 49): Eine andere Novelle aus jener Zeit, ein einfacher Reisebericht, der persönliche Erinnerungen weckt, „Der Schneesturm”, ist von großer, eindrucksvollster dichterischer, sozusagen musikalischer Schönheit. Tolstoi hat einen Teil des äußeren Rahmens später noch einmal für „Der Herr und sein Knecht” (1895) verwendet.

[81] (S. 50): Als Kind hatte er in einer Eifersuchtsanwandlung seine damals neunjährige kleine Spielkameradin -- die spätere Frau Bers -- vom Balkon heruntergeworfen, so daß sie lange Zeit hinkte.

[82] (S. 50): Siehe „Eheglück”, die Erklärung Sergius': „Denken Sie sich einen Herrn A., einen alten Mann, der das Leben kennt, und eine Frau B., jung und glücklich, die weder die Menschen noch das Leben kennt. Infolge verschiedener Familienumstände liebte er sie wie eine Tochter, und dachte nicht daran, daß er sie anders lieben könnte..., usw.”

[83] (S. 51): Vielleicht verwandte er in seinem Werk auch die Erinnerungen an einen Liebesroman, der sich im Jahre 1856 in Moskau mit einem jungen Mädchen angesponnen hatte, das sehr verschieden von ihm war, sehr leichtfertig und oberflächlich, und das er schließlich im Stich ließ, obwohl sie beide aufrichtig ineinander verliebt waren.

[84] (S. 52): Von 1857 bis 1861.

[85] (S. 52): Tagebuch, Oktober 1857.

[86] (S. 53): Brief an Fet, 1863.

[87] (S. 53): „Beichte.”

[88] (S. 53): „Das Familienglück erfüllt mich vollständig.” (5. Januar 1863.) -- „Ich bin so glücklich! so glücklich! Ich liebe sie so sehr!” (8. Februar 1863.)

[89] (S. 54): Sie hatte einige Novellen geschrieben.

[90] (S. 54): „Krieg und Frieden” soll sie siebenmal abgeschrieben haben.

[91] (S. 54): Gleich nach seiner Heirat gab Tolstoi alle pädagogischen Arbeiten in den Schulen und an der Zeitschrift auf.

[92] (S. 54): Ebenso wie ihre kluge und künstlerisch veranlagte Schwester Tatjana, deren Geist und musikalische Begabung Tolstoi sehr liebte. -- Tolstoi sagte: „Ich habe Tanja (Tatjana) genommen, habe sie mit Sonja (Sofie Bers, spätere Gräfin Tolstoi) vermischt, und es ist Natascha herausgekommen.”

[93] (S. 54): Die Unterbringung Dollys in dem zerfallenen Landhaus; Dolly und die Kinder; -- viele Einzelheiten in bezug auf Frauenkleidung; ganz zu schweigen von gewissen Geheimnissen der Frauenseele, in die vielleicht selbst das Verständnis eines genialen Mannes nicht so tief hätte eindringen können, wenn eine Frau sie ihm nicht verraten hätte.

[94] (S. 55): Ein charakteristisches Zeichen dafür, daß das schöpferische Genie Tolstois Geist mit Beschlag belegt hat: sein Tagebuch bricht am 1. November 1865 auf dreizehn Jahre ab, zu dem Zeitpunkt, da er mitten in der Arbeit an „Krieg und Frieden” ist. Der Ehrgeiz des Dichters ließ den Monolog seines Gewissens verstummen. Diese Schaffensperiode ist zugleich eine Zeit des körperlichen Sichauslebens. Tolstoi ist versessen auf die Jagd. „Auf der Jagd vergesse ich alles...” (Brief aus dem Jahre 1864.) -- Auf einem zu Pferde unternommenen Jagdausflug brach er sich den Arm (September 1864), und während seiner Genesung diktierte er die ersten Teile von „Krieg und Frieden.” -- „Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, sagte ich mir: ‚Ich bin ein Künstler’. Ich bin es auch, aber ein einsamer Künstler.” (Brief an Fet, 23. Januar 1865.) Alle Briefe aus jener Zeit, die er an Fet schrieb, atmen Schöpferfreude. „Alles, was ich bis zu jenem Tage veröffentlicht habe, kommt mir wie ein Versuch vor.”

[95] (S. 55): Unter den Werken, die einen Einfluß auf ihn ausübten, gibt Tolstoi schon zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr folgende an:

„Goethe: Hermann und Dorothea... sehr großer Einfluß.”

„Homer: Ilias und Odyssee (in russisch)... sehr großer Einfluß.”

Im Juni 1863 schreibt er in sein Tagebuch: „Ich lese Goethe, und mancherlei Gedanken formen sich in mir.”

Im Frühjahr 1865 liest er aufs neue Goethe, und er nennt „Faust” die Dichtung des Gedankens, die Dichtung, die ausdrückt, was keine andere Kunst zum Ausdruck bringen kann. Später opferte er Goethe wie auch Shakespeare seinem Gotte auf. Aber seiner Bewunderung für Homer blieb er treu. Im August 1857 las er mit gleicher Ergriffenheit die Ilias und das Evangelium. Und in einem seiner letzten Bücher, der Schrift gegen Shakespeare (1903), stellt er Homer als Beispiel der Aufrichtigkeit, des Ebenmaßes und der wahren Kunst Shakespeare gegenüber.

[96] (S. 56): Tolstoi begann das Werk im Jahre 1863 mit den „Dekabristen”, wovon er drei Bruchstücke schrieb. Aber er kam zu der Überzeugung, daß das Fundament seines Gebäudes nicht fest genug begründet war, und indem er weiter zurückschürfte, gelangte er zur Epoche der Napoleonischen Kriege und schrieb „Krieg und Frieden”. Die Veröffentlichung nahm ihren Anfang im Januar 1865 im „Russki Viestnik”; der sechste Band wurde im Herbst 1869 beendet. Dann ging Tolstoi weiter in der Geschichte und entwarf den Plan zu einem epischen Roman über Peter den Großen und dann zu einem anderen, „Mirowitsch”, über die Herrschaft der Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts und ihrer Günstlinge. Er arbeitete von 1870-1873 daran, vergrub sich in Dokumente und entwarf mehrere Szenen; aber bei der ihm eigenen Genauigkeit des Realisten hatte er das Gefühl, daß es ihm niemals gelingen würde, den Geist jener vergangenen Zeiten genügend wahrhaft getreu wiederaufleben zu lassen, und er verzichtete daher auf die Ausführung seines Planes. -- Später, im Januar 1876, bewegte ihn der Gedanke an einen neuen Roman aus der Zeit Nikolaus I.; dann machte er sich wieder mit Leidenschaft im Jahre 1877 an die „Dekabristen”, sammelte Zeugnisse von den wenigen Überlebenden aus jener Zeit und suchte die in Betracht kommenden Orte auf. 1878 schrieb er an seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi: „Dieses Werk ist für mich so wichtig! Sie können sich nicht denken, wie wichtig es für mich ist; so wichtig, wie es für Sie Ihr Glaube ist. Ich möchte sagen: noch wichtiger.” -- Aber er entfernte sich davon in dem Maße, als er sich in den Gegenstand vertiefte: sein Denken gehörte ihm nicht mehr. Bereits am 17. April 1879 schrieb er an Fet: „Die Dekabristen? Gott weiß, wo sie sind!... Ich wiege mich in der Hoffnung, daß, wenn ich daran dachte, wenn ich schrieb, der Hauch meines Geistes allein schon denen unerträglich sein würde, die zum Wohl der Menschheit auf die Menschen schießen.” -- Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens hatte die religiöse Krisis eingesetzt: er ging daran, alle seine alten Götzen zu verbrennen.

[97] (S. 61): Peter Besukow, der Natascha geheiratet hat, wird ein Dekabrist sein. Er hat eine geheime Gesellschaft gegründet, um über das allgemeine Wohl zu wachen, eine Art Tugendbund. Natascha schließt sich schwärmerisch seinen Plänen an. Denissow will nichts von einer friedlichen Revolution wissen, sondern ist zu einem bewaffneten Aufstand bereit. Nikolaus Rostow hat sich seinen blinden Soldatengehorsam bewahrt. Er, der nach Austerlitz sagte: „Wir haben nur etwas zu tun: unsere Pflicht zu erfüllen, uns zu schlagen und niemals zu denken”, er ereifert sich gegen Peter und sagt: „Mein Eid vor allem! Wenn man mir beföhle, mit meiner Schwadron gegen dich zu marschieren, würde ich marschieren und losschlagen.” Seine Frau, Prinzessin Marie, billigt es. Der Sohn des Fürsten Andrej, der kleine Nikolaus Wolkonski, zart bis zur Krankhaftigkeit, aber reizend, mit großen Augen und goldenen Haaren, hört mit seinen fünfzehn Jahren fieberhaft dem Streit zu; seine ganze Liebe gehört Peter und Natascha; Nikolaus und Marie liebt er kaum; er hegt für seinen Vater, den er nie gesehen hat, eine wahre Verehrung; er träumt davon, ihm zu gleichen, groß zu sein und etwas Großes zu vollbringen, was? -- das weiß er nicht... „Was Sie auch sagen, ich werde es tun... Ja ich werde es tun. Er selbst würde es gebilligt haben.” -- Und das Werk endet mit dem Traum eines Kindes, das sich als einen plutarchischen Helden fühlt, zusammen mit seinem Onkel Peter, vom Ruhm umwittert und von einem Heer begleitet. -- Wenn die „Dekabristen” damals geschrieben worden wären, dann hätte der kleine Wolkonski zweifellos darin die Rolle eines Helden gespielt.

[98] (S. 62): Ich habe gesagt, daß die beiden Familien Rostow und Wolkonski in „Krieg und Frieden” in vielen Zügen an Tolstois Familie väterlicherseits und mütterlicherseits erinnern. Auch in den Berichten aus dem Kaukasus und aus Sewastopol finden sich mehrere Figuren von Soldaten und Offizieren aus „Krieg und Frieden”.

[99] (S. 64): Brief vom 2. Februar 1868, den Birukow anführt.

[100] (S. 64): Vornehmlich, so sagte er, den Fürsten Andrej im ersten Teil.

[101] (S. 64): Es ist bedauerlich, daß die Schönheit der dichterischen Schöpfung manchmal durch philosophisches Gerede, mit dem Tolstoi sein Werk überlädt, beeinträchtigt wird, vor allem in den letzten Teilen. Er sucht seine Theorie vom Fatum der Geschichte zu entwickeln, und das Unglück ist, daß er endlos darauf zurückkommt und sich unentwegt wiederholt. Flaubert, der beim Lesen der beiden ersten Bände, welche er „göttlich” und „voll von Stellen im Shakespeareschen Geiste” nannte, „Bewunderungsrufe ausstieß”, warf den dritten Band gelangweilt in die Ecke: „Er fällt schrecklich ab. Er wiederholt sich, und er philosophiert. Man sieht den Herrn Grafen, den Verfasser und den Russen, während man bisher nur die Natur und die Menschheit gesehen hatte”. (Brief an Turgenjew, Januar 1880.)

[102] (S. 66): Brief an seine Frau (aus den Archiven der Gräfin Tolstoi), von Birukow angeführt.

[103] (S. 66): Während er im Sommer 1869 „Krieg und Frieden” beendet, entdeckt er Schopenhauer und begeistert sich daran: „Ich bin überzeugt, daß Schopenhauer der genialste der Menschen ist. Das ganze Weltall strahlt mit einer außergewöhnlichen Klarheit und Schönheit aus ihm.” (Brief an Fet, 30. August 1869.)

[104] (S. 67): „Homer und seine Übersetzer”, sagt er an anderer Stelle, „unterscheiden sich voneinander wie gekochtes und destilliertes Wasser von Quellwasser, das Felsen sprengt und selbst durch Sand seinen Lauf nimmt, dadurch aber nur immer reiner und frischer wird”. (Brief an Fet, Dezember 1879.)

[105] (S. 67): Unveröffentlichte Korrespondenz.

[106] (S. 67): Aus den Archiven der Gräfin Tolstoi.

[107] (S. 67): Der Roman wurde 1877 beendet. Er erschien -- bis auf das Nachwort -- im „Russki Viestniki”.

[108] (S. 67): Durch den Tod von dreien seiner Kinder (18. November 1873, Februar 1875, Ende November 1875), der Tante Tatjana, seiner Adoptivmutter, (20. Juni 1874) und der Tante Pelagie (22. Dezember 1875).

[109] (S. 68): Brief an Fet, 1. März 1876.

[110] (S. 68): „Die Frau bildet den Stein des Anstoßes in der Laufbahn eines Mannes. Es ist schwer, eine Frau zu lieben und etwas Gescheites zu tun; und das einzige Mittel, um nicht durch die Liebe zur Untätigkeit verurteilt zu sein, ist sich zu verheiraten.”

[111] (S. 70): Motto des Buches.

[112] (S. 71): Vergleiche auch im Nachwort den dem Krieg und dem Nationalismus, dem Panslawismus, ausgesprochen feindlichen Geist.

[113] (S. 73): Das Böse ist, was für die Welt vernünftig ist. Das Opfer, die Liebe, gilt als Unvernunft.

[114] (S. 75): „Jetzt treibe ich mich aufs neue an die langweilige und platte ‚Anna Karenina’ mit dem einzigen Wunsch, sie so rasch wie möglich loszuwerden...” (Briefe an Fet, 26. August 1875.) -- „Ich muß den Roman, der mich langweilt, zu Ende bringen.” (Briefe an Fet, 1. März 1876.)

[115] (S. 75): „Beichte” (1879).

[116] (S. 75): Ich fasse hier mehrere Seiten aus der „Beichte” zusammen und behalte Tolstois Ausdrücke bei.

[117] (S. 76): Vgl. „Anna Karenina”: „Und Lewin, geliebt, glücklich, Familienvater, schaffte alle Waffen außer Greifweite, als fürchtete er, er könnte der Versuchung erliegen, seiner Qual ein Ende zu machen.” -- Dieser Geisteszustand war Tolstoi und seinen Helden nicht allein eigentümlich. Es fiel Tolstoi auf, wie sehr die Zahl der Selbstmorde in den besseren Kreisen Europas und besonders in Rußland im Wachsen begriffen war. Er nimmt häufig in seinen Werken aus jener Zeit darauf Bezug. Man könnte behaupten, daß eine große Woge von Neurasthenie über das Europa von 1880 hingegangen sei, die Tausende von Menschen verschlungen habe. Die damals jung waren, bewahren sich die Erinnerung daran, und für sie hat Tolstois Stellungnahme zu jener menschlichen Krisis historischen Wert. Er hat die heimliche Tragödie einer Generation geschrieben.

[118] (S. 77): „Beichte.”

[119] (S. 77): Tolstois Bildnisse aus jener Zeit verraten diesen volkstümlichen Charakter. Ein Bild von Kramskoi (1873) -- s. Titelbild dieses Buches -- stellt ihn in der Muschikbluse dar, mit vorgeneigtem Kopf und dem Aussehen eines deutschen Christus. Das Haar beginnt sich an den Schläfen zu lichten, ein Bart umrahmt die hohlen Wangen. -- Auf einem anderen Bild aus dem Jahre 1881 hat er das Aussehen eines Werkführers im Sonntagsstaat: die Haare kurz geschnitten, mit vollem Backenbart; der untere Teil des Gesichts erscheint viel breiter als der obere; gerunzelte Augenbrauen, ein mürrischer Augenausdruck, eine breite Hundenase und ungeheure Ohren.

[120] (S. 79): „Beichte.”

[121] (S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”, Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst, wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt: „Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, -- aber ich vergaß dich nie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich mich verirrte.” -- Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin, daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte, den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine „Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.

[122] (S. 79): Der Untertitel der „Beichte” lautet „Einführung in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prüfung der christlichen Doktrin”.

[123] (S. 80): „Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle, war betroffen von der Tatsache, daß die Religion selbst zerstörte, was sie aufbauen wollte.” („Beichte”)

[124] (S. 80): „Und ich habe mich davon überzeugt, daß die Lehre der Kirche theoretisch eine arglistige und schädliche Lüge und praktisch eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberkünsten ist, worunter der Sinn der christlichen Lehre gänzlich verschwunden ist.” (Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) -- Siehe auch „Kirche und Staat” (1883). -- Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi der Kirche vorwirft, ist ihre „gottlose Allianz” mit der weltlichen Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit der Gewalt bestätigt. Es sei ein Bündnis von Räubern und Lügnern.