Part 11
„Die Tatsache, daß ich Dich verlassen habe...” Er verließ sie nicht. -- Armer Brief! Es scheint, daß es Tolstoi genügte, ihn zu schreiben, um seinen Entschluß schon als ausgeführt zu betrachten... Nachdem er ihn geschrieben hatte, war schon seine ganze Entschlußkraft erschöpft. -- „Wenn ich ganz offen weggegangen wäre, hätte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich wäre weich geworden...” Es brauchte keine „Bitten”, keine „Auseinandersetzungen”, es genügte ihm, einen Augenblick später diejenigen zu sehen, die er verlassen wollte, und er fühlte, daß er sie mit dem besten Willen nicht verlassen konnte; den Brief, den er in seiner Tasche hatte, vergrub er unter seine Papiere mit der Aufschrift:
„Meiner Frau, Sofie Andrejewna, nach meinem Tode zu übergeben.”
Und damit war sein Fluchtplan erledigt. War das seine Stärke? War er nicht imstande, seine Liebe seinem Gott zum Opfer zu bringen? Sicherlich fehlt es in den christlichen Chroniken nicht an Heiligen mit stärkerem Herzen, die niemals zögerten, ihre und der anderen Liebe unerschrocken mit Füßen zu treten... Nun, er war jedenfalls nicht von dieser Art. Er war schwach. Er war Mensch. Und eben darum lieben wir ihn.
Schon mehr als fünfzehn Jahre vorher legte er sich die schmerzvoll verzweifelte Frage vor:
„Sag an, Leo Tolstoi, lebst du nach den Grundsätzen, die du predigst?”
Und demütig antwortete er:
„Ich sterbe vor Scham, ich bin schuldig, ich verdiene Verachtung... Und trotzdem, vergleicht mein ehemaliges Leben mit meinem jetzigen! Dann werdet ihr sehen, daß ich nach dem göttlichen Gesetz zu leben trachte. Ich habe nicht den tausendsten Teil von dem getan, was not tut, und ich schäme mich dessen, aber ich habe es nicht unterlassen, weil ich es nicht gewollt, sondern weil ich es nicht gekonnt habe... Klagt mich an, aber klagt den Weg nicht an, dem ich folge. Wenn ich die Straße kenne, die mich nach Hause führt, und wenn ich ihr taumelnd wie ein Trunkener folge, ist damit gesagt, daß die Straße schlecht ist? Oder zeigt mir eine andere, oder stützt mich auf der richtigen Straße, so wie ich willens bin, euch zu stützen. Aber stoßt mich nicht von euch, ergötzt euch nicht an meiner Verzweiflung, ruft nicht voller Begeisterung aus: ‚Seht! Er sagt, daß er nach Hause geht, und er fällt in den Morast!’ Nein, ergötzt euch nicht, sondern helft mir, stützt mich! ... Helft mir! Mein Herz blutet aus Verzweiflung darüber, daß wir uns alle verirrt haben; und wenn ich mich aus allen Kräften bemühe, um mich herauszufinden, deutet ihr, statt Mitleid mit mir zu haben, mit dem Finger auf mich und ruft: ‚Seht, er fällt mit uns in den Morast!’.”[256]
Dann, als er dem Tode näher war, wiederholte er:
„Ich bin kein Heiliger, ich habe mich nie für einen ausgegeben. Ich bin ein Mensch, der sich mitreißen läßt und der manchmal nicht alles sagt, was er denkt und fühlt; nicht, weil er es nicht will, sondern weil er es nicht kann, weil ihm oft Übertreibungen und Irrtümer unterlaufen. Mit meinem Tun ist es noch schlimmer. Ich bin ein durchaus schwacher Mensch mit lasterhaften Gewohnheiten, der Gott in Wahrheit dienen will, der aber immer wieder strauchelt. Wenn man mich für einen Menschen hält, der sich nicht irren kann, dann muß jedes meiner Vergehen als Lüge oder Heuchelei erscheinen. Aber wenn man mich für einen schwachen Menschen hält, dann erscheine ich als das, was ich in Wirklichkeit bin: ein bemitleidenswertes aber ehrliches Wesen, das immer und von ganzem Herzen gewünscht hat und weiter wünscht, ein guter Mensch, ein guter Diener Gottes zu werden.”
So blieb er, von Gewissensbissen verfolgt, gequält durch die stummen Vorwürfe von Anhängern, die energischer und weniger menschlich waren als er[257], gepeinigt durch seine Schwäche und seine Unschlüssigkeit, hin- und hergezerrt zwischen der Liebe zu den Seinen und der Liebe zu Gott, -- bis zu dem Tage, wo ihn die Verzweiflung und vielleicht auch der heiße Fieberhauch, der beim Nahen des Todes spürbar wird, aus dem Hause auf die Landstraße trieben. Er floh und irrte umher, klopfte an Klostertüren, zog seines Weges weiter und blieb schließlich in einem unbekannten kleinen Ort liegen, um nicht mehr aufzustehen[258]. Und auf seinem Totenbette weinte er nicht über sich, sondern über die Unglücklichen. Und unter Schluchzen sagte er:
„Es gibt auf Erden Millionen Menschen, die leiden; warum befaßt ihr alle euch gerade mit mir allein?”
Und dann kam er -- es war Sonntag, den 20. November 1910, kurz nach 6 Uhr morgens --, „der Erlöser”, wie er ihn nannte, „der Tod, der gesegnete Tod...”
Der Kampf war zu Ende, der zweiundachtzigjährige Kampf, dessen Schauplatz dieses Leben gewesen war. Ein Leben, gemischt aus Tragik und Ruhm, an dem alle Daseinskräfte, alle Laster und alle Tugenden, Anteil hatten. -- Alle Laster, ausgenommen ein einziges, die Lüge; denn sie verfolgte er unaufhaltsam und spürte sie in ihren verborgensten Schlupfwinkeln auf.
Zuerst der Freiheitsrausch, die aufeinanderprallenden Leidenschaften in der stürmischen Nacht, die nur hier und da blendende Blitze erhellen, Liebe und Verzückung, Offenbarungen des Ewigen. Jahre im Kaukasus, vor Sewastopol, Jahre gährender und unruhiger Jugend... Dann die wohltätige Besänftigung der ersten Ehejahre. Das Glücklichsein in der Liebe, der Kunst und der Natur, -- „Krieg und Frieden.” Höhepunkt des Genies, das den ganzen menschlichen Gesichtskreis und das Schauspiel dieser Kämpfe, die seelisch schon der Vergangenheit angehörten, meistert. Er ist ihr Herr; und schon genügen sie ihm nicht mehr. Wie Fürst Andrej hebt er seine Augen zu dem grenzenlosen Himmel, der über Austerlitz leuchtet. Dieser Himmel zieht ihn an:
„Es gibt Menschen mit mächtigen Schwingen, die die Begierde zwingt, inmitten der Menge zu landen, wo ihre Schwingen zerbrechen: solch einer bin ich. Dann schlägt man mit seinem gebrochenen Flügel, schwingt sich mit Macht wieder auf und fällt von neuem herab. Aber die Flügel heilen wieder. Ich werde sehr hoch fliegen. Gott stehe mir bei!”[259]
Diese Worte sind im schrecklichsten Aufruhr geschrieben, dessen Niederschlag und Echo die „Beichte” ist. Tolstoi wurde mehr als einmal mit zerbrochenen Schwingen zu Boden geschleudert. Und immer wieder läßt er nicht nach und steigt wieder auf. Nun schwebt er dahin in dem „unermeßlichen, unergründlichen Himmel” mit seinen beiden großen Schwingen, dem Glauben und der Vernunft. Aber die ersehnte Ruhe findet er darin nicht. Der Himmel ist nicht außerhalb unser, der Himmel ist in uns. Tolstoi läßt auch hier seinen stürmischen Leidenschaften freien Lauf. Hierin unterscheidet er sich von den entsagenden Aposteln; er ging mit derselben Inbrunst ans Entsagen, mit der er ans Leben heranging. Und immer ist es das Leben, das er mit dem Ungestüm eines Liebhabers umfängt. Er ist „lebenstoll”. Er ist „lebenstrunken”. Er kann nicht leben ohne diesen Rausch[260]. Berauscht von Glück und Unglück zu gleicher Zeit. Berauscht vom Tod und von der Unsterblichkeit[261]. Sein Verzicht auf das irdische Dasein ist nur ein wild leidenschaftlicher Schrei nach dem ewigen Leben. Nein, der Friede, den er erlangt, der Seelenfriede, den er herbeiwünscht, ist nicht der Friede des Todes. Es ist der Friede jener brennenden Welten, die in den unendlichen Räumen kreisen. Sein Zorn ist ruhig, und seine Ruhe ist Leidenschaft[262]. Der Glaube hat ihm neue Waffen geliefert, um unversöhnlich den Kampf wieder aufzunehmen, den er seit seinen ersten Werken ohne Unterlaß gegen die Lügen der zeitgenössischen Gesellschaft führte. Er begnügt sich nicht mehr mit ein paar typischen Romanfiguren, er zieht zu Felde gegen alle die großen Götzen: die Heucheleien der Religion, des Staates, der Wissenschaft, der Kunst, des Liberalismus, des Sozialismus, der Volksbildung, der Wohltätigkeit, des Pazifismus...[263] Er geißelt sie, er verfolgt sie aufs eifrigste.
Die Welt sieht von Zeit zu Zeit die Erscheinung solch erregter Geister, die, wie Johannes der Täufer, einen Bannfluch gegen die Sittenverderbnis schleudern. Die letzte dieser Erscheinungen ist Rousseau gewesen. Durch seine Liebe zur Natur[264], seinen Haß auf die moderne Gesellschaft, seine äußerste Bedürfnislosigkeit, seine inbrünstige Verehrung des Evangeliums und der christlichen Moral ist Rousseau ein Vorbote Tolstois, der sich auch auf ihn berief: „Manche seiner Worte gehen mir zu Herzen,” sagte er, „ich könnte glauben, sie selbst geschrieben zu haben”[265].
Aber was für ein Unterschied zwischen diesen beiden Seelen, und um wieviel ist die Tolstois von reinerem Christentum! Welcher Mangel an Demut, welche pharisäische Anmaßung verrät der vermessene Ausruf in den „Bekenntnissen” des Genfers:
„Du Ewiger! Einer soll dir zu sagen wagen: Ich war besser als dieser Mann!”
Oder in jenem Fehdebrief an die Welt:
„Ich erkläre es laut und furchtlos: wer immer mich für einen unredlichen Menschen hält, verdient selbst erdrosselt zu werden.”
Tolstoi weinte blutige Tränen über die „Verbrechen” seines vergangenen Lebens:
„Ich leide Höllenqualen. Ich erinnere mich aller meiner begangenen Niederträchtigkeiten, und diese Erinnerungen verlassen mich nicht, sie vergiften mein Leben. Gewöhnlich bedauert man, daß man sich nicht über den Tod hinaus an Vergangenes erinnert. Welch ein Glück, daß es so ist! Wie schrecklich wäre es, wenn ich mich in dem anderen Leben all des Bösen erinnern müßte, das ich hienieden beging!...”[266]
Er hat nicht, wie Rousseau, seine „Bekenntnisse” geschrieben, weil er, wie dieser sagte, „im Bewußtsein, daß das Gute das Schlechte überwiege, guten Grund hatte, alles zu sagen”. Tolstoi verzichtet nach einem vergeblichen Versuch darauf, seine Erinnerungen zu schreiben. Die Feder entsinkt seiner Hand. Er will nicht Gegenstand des Ärgernisses sein für die, die es lesen werden:
„Die Leute würden sagen: ‚Das ist also der Mann, den viele so hoch stellen! Und was für ein Feigling war er! Demnach befiehlt Gott selbst uns einfachen Sterblichen, feige zu sein’.”[267]
Niemals hat Rousseau aus dem christlichen Glauben heraus diese schöne schamhafte Demut gekannt, die dem alten Tolstoi eine solch unsagbare Güte verleiht. Hinter Rousseau, als Umrahmung seines Denkmals auf der Schwaneninsel, sieht man Genf, das Rom Calvins. In Tolstoi findet man die Pilger, die „Einfältigen” wieder, deren naive Bekenntnisse und Tränen seine Kinderjahre bewegt hatten.
Aber weit mehr noch als der Kampf gegen die Welt, der ihm mit Rousseau gemeinsam ist, erfüllte ein anderer Kampf die letzten dreißig Jahre von Tolstois Leben. Ein herrlicher Kampf zwischen den beiden hehrsten Mächten in seiner Seele: der Wahrheit und der Liebe.
Die Wahrheit, -- „dieser Blick, der bis ins Herz geht”, -- das durchdringende Licht dieser grauen Augen, die einen durchbohren... sie war sein ältester Glaube, die Beherrscherin seiner Kunst.
„Die Heldin meiner Schriften, sie, die ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, sie, die immer schön war, ist und sein wird, sie ist die Wahrheit.”[268]
Die Wahrheit war das einzige Strandgut, das er nach dem Tode seines Bruders aus dem Schiffbruch rettete[269], der Angelpunkt seines Lebens, der Fels im Meere.
Aber bald hatte ihm „die schreckliche Wahrheit”[270] nicht mehr genügt. Die Liebe hatte sie verdrängt. Sie war der lebendige Quell seiner Kinderjahre, „der natürliche Zustand seiner Seele”[271]. Als im Jahre 1880 der moralische Umschwung kam, sagte er sich nicht von der Wahrheit los, sondern er suchte sie mit der Liebe zu verschmelzen[272].
Die Liebe ist „die Grundlage der Willenskraft”[273]. Die Liebe ist „der Zweck des Lebens”, der einzige neben der Schönheit[274]. Die Liebe ist das Wesen des vom Leben gereiften Tolstoi, des Verfassers von „Krieg und Frieden” und des Briefes an den Heiligen Synod[275].
Diese Durchdringung der Wahrheit mit der Liebe macht den einzigartigen Wert der Hauptwerke aus, die er in seines Lebens Mitte -- nel mezzo del cammin -- schrieb, und unterscheidet seinen Realismus von dem Realismus eines Flaubert. Dieser setzt seinen Ehrgeiz darein, seine Gestalten nicht zu lieben. So groß er auf diese Weise auch sein mag, ihm fehlt das „Fiat lux!” Das Licht der Sonne genügt nicht, das Licht des Herzens tut not. Tolstois Realismus verkörpert sich in jeder seiner Gestalten, und indem er sie mit ihren Augen sieht, findet er in der geringsten von ihnen Gründe, sie zu lieben und uns die Bande empfinden zu lassen, die uns mit allen brüderlich vereinen[276]. Durch die Liebe dringt er bis zu den Wurzeln des Lebens.
Aber es ist schwierig, diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Es gibt Stunden, in denen das Spiel des Lebens und seine Leiden so bitter sind, daß sie der Liebe gleichsam den Kampf ansagen, und daß man, um sie zu retten, um seinen Glauben zu retten, sie so hoch über alles Menschliche erheben muß, daß sie Gefahr läuft, jede Verbindung mit der Welt zu verlieren. Und was soll der tun, dem vom Schicksal die wunderbare und unselige Gabe zuteil wurde, die Wahrheit zu sehen, sie sehen zu müssen? Wer kann sagen, wie sehr Tolstoi in seinen letzten Lebensjahren gelitten hat unter dem unaufhörlichen Widerstreit zwischen seinen unerbittlichen Augen, die den Schrecken der Wirklichkeit sahen, und seinem empfindsamen Herzen, das unentwegt die Liebe bejahte und ihrer harrte!
Wir alle haben diese tragischen Konflikte kennengelernt. Wie oft waren wir vor die Entscheidung gestellt, nicht zu sehen oder zu hassen! Und wie oft mag einen Künstler, -- einen Künstler, würdig dieser Bezeichnung, einen Schriftsteller, der die herrliche und furchtbare Macht des geschriebenen Wortes kennt, -- wie oft mag ihn Bangigkeit beschlichen haben im Augenblick, da er diese oder jene Wahrheit niederschrieb[277]! Diese gesunde und männliche Wahrheit, die inmitten der modernen Lügen, der Lügen der Zivilisation, so notwendig ist, diese Wahrheit, die zum Leben so unentbehrlich zu sein scheint, wie die Luft, die man einatmet... Und dann merkt man, daß so viele Lungen diese Luft nicht vertragen können, so viele durch die Zivilisation geschwächte oder einfach durch die Güte ihres Herzens schwach gewordene Menschen. Soll man keine Rücksicht darauf nehmen und ihnen diese tödliche Wahrheit unbedenklich ins Gesicht schleudern? Gibt es nicht eine höhere Wahrheit, die, wie Tolstoi sagt, „zur Liebe bereit ist”? -- Aber kann man wohl darein willigen, die Menschen mit tröstlichen Lügen einzulullen, wie Peer Gynt seine sterbende alte Mutter mit seinen Märchen einschläfert?... Die Gesellschaft steht immer vor dem Dilemma: Wahrheit oder Liebe. Gewöhnlich entscheidet sie sich dahin, Wahrheit und Liebe zugleich zu opfern.
Nie hat Tolstoi einen seiner beiden Glauben verraten. In den Werken aus seiner Reifezeit weist die Liebe der Wahrheit den Weg. In den Werken der letzten Jahre senkt sich ein Licht von oben, ein Strahl der Gnade auf das Leben, ohne sich aber damit zu vermischen. Man hat es in der „Auferstehung” gesehen, wo der Glaube die Wirklichkeit beherrscht, sie aber nicht durchdringt. Dieselben Menschen, die Tolstoi jedesmal, wenn er sie einzeln sieht, als sehr schwach und mittelmäßig schildert, erhalten für ihn, wenn er an sie als ein Ganzes denkt, einen Zug von göttlicher Heiligkeit[278]. -- In seinem täglichen Leben trat derselbe Widerspruch zutage wie in seiner Kunst, nur noch schroffer. Wenn er auch noch so gut wußte, was die Liebe von ihm forderte, so handelte er doch anders; er lebte nicht, wie es Gott gefiel, er lebte, wie es der Welt gefiel. Wo sollte er die Liebe fassen? Wie sollte er zwischen ihren verschiedenen Gesichtern und ihren widerspruchsvollen Forderungen unterscheiden? Galt es die Liebe zu seiner Familie, oder die Liebe zu allen Menschen?... Bis zum letzten Tag schlug er sich mit diesen Zweifeln herum.
Wo ist die Lösung? -- Er hat sie nicht gefunden. Überlassen wir das Recht, deshalb mit Verachtung über ihn zu urteilen, den hochfahrenden Intellektuellen. Sie haben gewiß die Lösung gefunden, sie haben die Wahrheit, und sie stützen sich mit Sicherheit auf sie. Für sie war Tolstoi ein empfindsamer Schwächling, der ihnen nicht als Vorbild dienen kann. Zweifellos ist er kein Vorbild, dem sie nacheifern können; dazu sind sie nicht lebendig genug. Tolstoi gehört nicht zu jenen eitlen Auserwählten, er gehört keiner Kirche an, -- weder der der Schriftgelehrten, wie er sie nannte, noch der der Pharisäer vom einen oder vom anderen Glauben. Er ist der vollkommenste Typus des freien Christen, der sein Leben lang einem Ideal zustrebt, ohne ihm je näher zu kommen[279].
Tolstoi redet nicht zu der geistigen Auslese, er redet zu den gewöhnlichen Menschen -- hominibus bonae voluntatis. -- Er ist unser Gewissen. Er spricht aus, was wir Durchschnittsmenschen alle denken, und was wir nur nicht in uns zu lesen wagen. Und er ist uns kein hochmütiger Lehrmeister, keiner jener hoheitsvollen Geisteshelden, die in ihrer Kunst und ihrer Weisheit über der Menschheit thronen. Er ist -- wie er sich selbst gern in seinen Briefen mit diesem schönsten und innigsten Namen bezeichnete -- „unser Bruder”.
$Ende$
Anmerkungen
[1] (S. 6): Abgesehen von einigen Unterbrechungen, -- vornehmlich einer ziemlich langen zwischen 1865 und 1878.
[2] (S. 6): Es ist die wichtigste Sammlung von Dokumenten über das Leben und das Werk Tolstois. Ich habe sehr ausgiebig daraus geschöpft.
[3] (S. 7): Er nahm auch an den Napoleonischen Feldzügen teil und war in Frankreich während der Jahre 1814-1815 in Gefangenschaft.
[4] (S. 8): „Kindheit”, Kapitel II.
[5] (S. 8): „Kindheit”, Kapitel XXVII.
[6] (S. 8): Jasnaja Poljana, dessen Name etwa mit „Helle Lichtung” wiedergegeben werden kann, ist ein kleines Dorf im Süden von Moskau, einige Meilen von Tula entfernt, „in einer der urrussischsten Provinzen. Die beiden größten Gebiete Rußlands,” sagt A. Leroy-Beaulieu, „das Waldgebiet und das Getreidegebiet berühren sich hier und gehen ineinander über. In diesen Gegenden trifft man weder Finnen noch Tartaren, weder Polen noch Juden oder Kleinrussen. Das Gebiet von Tula liegt im tiefsten Herzen Rußlands.” (A. Leroy-Beaulieu: Leo Tolstoi; Revue des deux Mondes, 15. Dezember 1910.)
[7] (S. 9): Tolstoi hat ihn in „Anna Karenina” geschildert mit den Zügen von Lewins Bruder.
[8] (S. 9): Er schrieb „Das Tagebuch eines Jägers”.
[9] (S. 9): In Wirklichkeit war sie eine entfernte Verwandte. Sie hatte Tolstois Vater geliebt und war von ihm wiedergeliebt worden; aber wie Sonja in „Krieg und Frieden” hatte sie sich nicht zu behaupten gewußt.
[10] (S. 10): „Kindheit”, Kapitel XII.
[11] (S. 11): Hat Tolstoi doch in autobiographischen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1878 behauptet, daß er sich der Empfindungen erinnere, die er als Kind beim Wickeln und Baden gehabt habe. (Siehe „Erste Erinnerungen”.)
[12] (S. 11): „Erste Erinnerungen.”
[13] (S. 13): Von 1842-1847.
[14] (S. 13): Nikolaus, der um 5 Jahre älter als Leo war, hatte sein Studium schon im Jahre 1844 vollendet.
[15] (S. 13): Er liebte die metaphysischen Unterhaltungen „um so mehr”, wie er sagt, „als sie viel abstrakter waren und bis zu einem solchen Grad von Unklarheit führten, daß man, im Glauben, man sage, was man denke, alles andere sagen konnte”. („Knabenjahre”, Kapitel XXVII.)
[16] (S. 13): „Knabenjahre”, Kapitel XIX.
[17] (S. 13): Hauptsächlich in seinen ersten Werken, in den Berichten aus Sewastopol.
[18] (S. 14): Das war zu der Zeit, als er mit Vergnügen Voltaire las. („Beichte”, Kapitel I.)
[19] (S. 14): „Beichte”, Kapitel I.
[20] (S. 14): „Jugend”, Kapitel III.
[21] (S. 14): In den Monaten März und April 1847.
[22] (S. 14): „Alles was der Mensch tut, tut er aus Eigenliebe”, sagt Nekludow in „Knabenjahre”. -- Im Jahre 1853 bemerkt Tolstoi in seinem Tagebuch: „Mein großer Fehler: der Hochmut. Eine grenzenlose, durch nichts gerechtfertigte Eigenliebe... Ich bin so ehrgeizig, daß ich, wenn ich zwischen dem Ruhm und der Tugend (die ich liebe) zu wählen hätte, wohl glaube, ich würde ersteren wählen.”
[23] (S. 15): „Ich wollte, alle sollten mich kennen und mich lieben. Ich wollte, daß schon allein beim Hören meines Namens alle von Bewunderung für mich erfüllt und mir zu Dank verpflichtet wären.”
[24] (S. 15): Nach einem Bildnis aus dem Jahre 1844, als er 20 Jahre alt war.
[25] (S. 15): „Ich bildete mir ein, daß es für einen Menschen, der eine so breite Nase, so aufgeworfene Lippen und so kleine Augen wie ich hatte, kein Glück auf Erden gäbe.” („Kindheit”, Kapitel XVII.) An anderer Stelle spricht er mit Verzweiflung von „diesem Gesicht ohne Ausdruck, diesen schlaffen, weichen, unentschiedenen Zügen ohne Adel, die an die einfachen Muschiks erinnern, von diesen zu großen Händen und Füßen”. („Jugend”, Kapitel I.)
[26] (S. 15): „Ich teilte die Menschheit in drei Klassen ein: die erstklassigen Menschen, die allein achtungswürdigen; die zweitklassigen Menschen, würdig der Verachtung und des Hasses; und die Plebs, die für mich überhaupt nicht existierte.” („Jugend”, Kapitel XXXI.)
[27] (S. 15): Hauptsächlich während eines Aufenthaltes in St. Petersburg in den Jahren 1847-1848.
[28] (S. 15): „Knabenjahre”, Kapitel XXVII.
[29] (S. 16): Unterhaltungen mit Paul Boyer (Le Temps), 28. August 1901.
[30] (S. 17): Nekludow kommt auch vor in „Knabenjahre” und „Jugend” (1854), in „Begegnung im Felde” (1856), in „Aufzeichnungen eines Marqueurs” (1856), in „Luzern” (1857) und in „Auferstehung” (1899). Es ist zu bemerken, daß dieser Name für ganz verschiedene Personen Verwendung findet. Tolstoi hat gar nicht versucht, ihm immer dieselbe äußere Erscheinung zu geben, und am Schluß der „Aufzeichnungen eines Marqueurs” tötet sich Nekludow sogar. Es sind lediglich verschiedene Inkarnationen Tolstois in seinen besten und schlimmsten Eigenschaften.
[31] (S. 18): „Der Morgen des Gutsherrn.”
[32] (S. 18): Sie fällt zeitlich mit den Berichten aus der „Kindheit” zusammen.
[33] (S. 19): 11. Juni 1851 im befestigten Lager von Stari-Jurt im Kaukasus.
[34] (S. 20): Tagebuch.
[35] (S. 20): Tagebuch, 2. Juli 1851.
[36] (S. 20): Brief an seine Tante Tatjana, Januar 1852.
[37] (S. 21): Ein Bildnis von 1851 zeigt schon die Veränderung, die sich in seiner Seele vollzieht. Das Haupt ist erhoben, die Gesichtszüge haben sich etwas aufgehellt, die Augenhöhlen sind weniger dunkel, die Augen bewahren noch ihre strenge Starrheit, und der halbgeöffnete Mund, den ein keimender Schnurrbart umschattet, wirkt vergrämt; das Gesicht zeigt noch immer etwas Hochmütiges und Mißtrauisches, aber doch weit mehr Jugendlichkeit.
[38] (S. 22): Die Briefe, die er damals an seine Tante Tatjana schrieb, sind angefüllt mit Herzensergüssen und Tränen. Er ist, wie er sagt, „Liova-riova”, Leo der Greiner (6. Januar 1852).
[39] (S. 22): „Der Morgen des Gutsherrn” ist das Bruchstück eines geplanten Werkes „Roman eines russischen Gutsbesitzers”. „Die Kosaken” sind der 1. Teil eines großen Kaukasusromans. Das gewaltige Werk war nach der Absicht des Verfassers nur eine Art Einleitung zu einem zeitgenössischen Epos, dessen Mittelstück die „Dekabristen” sein sollten.
[40] (S. 23): Der Pilger Krischa oder der Tod der Mutter.
[41] (S. 24): In einem Brief an Birukow.
[42] (S. 24): „Der Morgen des Gutsherrn” wurde erst 1850-1856 beendet.
[43] (S. 25): „Die beiden Alten” (1885).
[44] (S. 26): „Der Überfall.”
[45] (S. 27): Obwohl sie erst viel später, im Jahre 1860 in Hyères beendet wurden (erschienen sind sie erst 1863), so stammt doch der größere Teil des Werks aus dieser Zeit.
[46] (S. 27): „Die Kosaken.”
[47] (S. 29): „Vielleicht”, sagt der in die junge Kosakin verliebte Olenin, „liebe ich in ihr die Natur... Indem ich sie liebe, fühle ich, wie ganz ich an der Natur teilnehme.” -- Oft vergleicht er die Frau, die er liebt, mit der Natur. „Sie ist wie die Natur gleichmäßig, still und schweigsam.” An anderer Stelle bringt er den Anblick der fernen Berge und „dieser majestätischen Frau” in Verbindung miteinander.
[48] (S. 30): Ebenso in dem Briefe Olenins an seine russischen Freunde.
[49] (S. 31): Tagebuch.