Das Leben Tolstois

Part 10

Chapter 103,683 wordsPublic domain

„Das russische Volk hat in bezug auf die Gewalt immer eine ganz andere Stellung eingenommen als die anderen europäischen Völker. Nie hat es einen Kampf gegen die Gewalt eröffnet; es hat sogar nie an einem Kampf gegen sie teilgenommen, und infolgedessen hat es nie durch ihn besudelt werden können. Es hat die Gewalt als ein Übel betrachtet, dem man ausweichen muß. Die Mehrzahl der Russen hat immer lieber Gewalttätigkeiten erduldet, als daß sie ihnen Widerstand geleistet oder an ihnen teilgenommen hätte. Sie hat sich also immer unterworfen...”

Es war eine freiwillige Unterwerfung, die mit knechtischem Gehorsam nichts zu tun hat[221].

„Der wahre Christ kann sich unterwerfen, es ist ihm sogar unmöglich, sich nicht kampflos jeder Gewalt zu unterwerfen, aber gehorchen kann er ihr nicht, das heißt, er kann nicht ihre Gesetzmäßigkeit anerkennen.”[222]

In dem Augenblick, als Tolstoi diese Zeilen schrieb, stand er unter dem Eindruck eines der tragischsten Beispiele dieses heroischen Duldens eines Volkes, -- der blutigen Manifestation vom 20. Januar 1905 in Petersburg, wo eine waffenlose Menge, vom Popen Gapon angeführt, sich niederschießen ließ, ohne einen Schrei des Hasses, ohne einen Finger zur Verteidigung zu rühren.

Seit langem verweigerten in Rußland die Altgläubigen, die man die Sektierer nannte, trotz allen Verfolgungen dem Staate den Gehorsam und lehnten es ab, die Gesetzmäßigkeit der Staatsgewalt anzuerkennen.[223] Bei der Unsinnigkeit des russisch-japanischen Krieges konnte sich diese Geistesrichtung mühelos unter der Landbevölkerung Bahn brechen. Die Verweigerung des Militärdienstes nahm immer zu, und je grausamer man sie unterdrückte, um so stärker wuchs die Erbitterung. -- Im übrigen hatten Provinzen, ganze Stämme, ohne Tolstoi zu kennen, das Beispiel unbedingter Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Staat gegeben: die Duchoborzen des Kaukasus seit 1898 und die Georgier aus Gurien um 1905. Tolstoi wirkte weit geringer auf diese Bewegungen als sie auf ihn; und das Beste an seinen Schriften ist gerade, daß er, entgegen den Behauptungen der Schriftsteller von der Revolutionspartei, wie Gorki[224], die Stimme des altrussischen Volkes war.

Sein Verhalten den Menschen gegenüber, die die Grundsätze, zu denen er sich bekannte, mit Lebensgefahr in die Tat umsetzten[225], war sehr bescheiden und sehr würdig. Weder den Duchoborzen und den Guriern, noch den widerspenstigen Soldaten gegenüber spielt er sich als Lehrmeister auf.

„Wer keine Prüfung erduldet, kann den nichts lehren, der Prüfungen erduldet.”[226]

Er fleht alle die um Vergebung an, „die seine Worte und seine Schriften etwa in Leid gestürzt haben.”[227] Niemals fordert er jemand auf, den Militärdienst zu verweigern. Jeder soll sich selbst entscheiden. Wenn er mit einem zu tun hat, der unschlüssig ist, „rät er ihm stets, in den Heeresdienst einzutreten und den Gehorsam nicht zu verweigern, soweit es ihm nicht moralisch unmöglich ist”. Denn wenn man unschlüssig ist, dann ist man noch nicht reif; und „es ist besser, es gibt einen Soldaten mehr als einen Heuchler oder einen Abtrünnigen, was bei denen der Fall ist, die sich Taten zumuten, die über ihre Kräfte gehen.”[228] Er mißtraut der Entschließung des widerspenstigen Gontscharenko. Er fürchtet, „daß dieser junge Mensch nur von Eigenliebe und Ruhmsucht getrieben sei und nicht von Gottesliebe”.[229] Den Duchoborzen schreibt er, sie sollten nicht aus Stolz und Selbstbewußtsein in ihrer Gehorsamsverweigerung verharren, sondern, „wenn sie dessen fähig seien, ihre schwachen Frauen und ihre Kinder von dem Leiden befreien. Niemand werde sie darum verdammen.” Sie dürften sich nur dann widersetzen, „wenn der Geist Christi in ihnen verankert sei, weil sie dann glücklich sein würden über ihre Leiden.”[230] In jedem Falle bittet er die, die verfolgt werden, „um keinen Preis aufzuhören, ihre Verfolger wahrhaft zu lieben”.[231]

Man muß, wie er in einem schönen Brief an einen Freund sagt, Herodes lieben:

„Sie sagen: ‚Man kann Herodes nicht lieben.’ -- Ich weiß es nicht, aber ich fühle -- und auch Sie fühlen, daß man ihn lieben muß. Ich weiß -- und auch Sie wissen es, daß ich leide, wenn ich ihn nicht liebe.”[232]

Es ist eine göttliche Reinheit, eine nie verlöschende Glut in dieser Liebe, die sich schließlich nicht einmal genug sein läßt an der Forderung des Evangeliums: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”, weil sie darin noch einen Beigeschmack von Egoismus findet[233]!

Nach der Ansicht mancher ist es eine allzu umfassende Liebe und so sehr von jedem menschlichen Egoismus befreit, daß sie sich in der Leere verliert! -- Und trotzdem -- wer hegt ein größeres Mißtrauen gegen die „abstrakte Liebe” als Tolstoi?

„Die größte Sünde von heute ist die abstrakte Liebe der Menschen, die unpersönliche Liebe zu denen, die irgendwo im Weiten sind... Es ist so leicht, die Menschen zu lieben, die man nicht kennt, denen man nie begegnet! Man hat nicht nötig, irgendein Opfer zu bringen. Und dabei ist man so zufrieden mit sich! So prellt man das Gewissen. -- Nein, den Nächsten soll man lieben, den, mit dem man zusammen lebt und der einem lästig ist.”[234]

Ich lese in den meisten Arbeiten über Tolstoi, daß seine Philosophie und sein Glaube nicht originell seien. Es ist wahr: die Schönheit dieser Gedanken ist zu ewig, als daß sie jemals als Modeneuheit erscheinen könnte... Andere heben ihren utopistischen Charakter hervor. Auch das ist wahr: sie sind utopistisch wie das Evangelium. Ein Prophet ist ein Utopist; er lebt schon hienieden das ewige Leben. Und daß diese Erscheinung uns vergönnt war, daß wir in unserer Mitte den letzten der Propheten sehen durften, daß der größte unserer Dichter von diesem Glorienschein umgeben ist, -- das ist, wie mir scheint, eine originellere Tatsache und von größerer Bedeutung für die Welt als eine Religion mehr oder eine neue Philosophie. Blind sind die, die das Wunder dieser großen Seele nicht sehen, dieser Verkörperung der Bruderliebe in einem haßerfüllten Volk und Jahrhundert.

Tolstois Antlitz hatte die Züge bekommen, die als endgültige im Gedächtnis der Menschen haften werden: die breite Stirn, von zwei Falten durchfurcht, die buschigen weißen Augenbrauen, den Patriarchenbart, der eine Erinnerung an den Moses von Dijon weckt. Das alte Gesicht ist milder, weicher geworden; in seiner innigen Güte trägt es die Spuren von Krankheit und Kummer. Wie hat es sich verändert gegen die fast tierische Brutalität des Zwanzigjährigen und die steifleinene Miene von Sewastopol! Aber die lichten Augen haben noch immer ihre tiefe und ruhige Klarheit, jene Geradheit des Blicks, der nichts verbirgt und dem nichts verborgen bleibt.

Neun Jahre vor seinem Tod sagte Tolstoi in der Antwort an den Heiligen Synod (17. April 1901):

„Ich bin es meinem Glauben schuldig, in Frieden und Freude zu leben und auch in Frieden und Freude dem Tode entgegenzugehen.”

Wenn ich das höre, denke ich an das alte Wort, „daß man niemand vor seinem Ende glücklich preisen soll”. Sind ihm dieser Friede und diese Freude, deren er sich damals rühmte, treu geblieben?

Die Hoffnungen, die man auf die „große Revolution” von 1905 gesetzt hatte, waren verflogen. Am düsteren Gewitterhimmel hatte sich das ersehnte Licht nicht gezeigt. Den Zuckungen der Revolution folgte die Erschöpfung. An der alten Ungerechtigkeit hatte sich nichts geändert, es sei denn, daß das Elend noch größer geworden war. Schon im Jahre 1906 hat Tolstoi ein wenig sein Vertrauen in die Berufung des slawischen Volkes von Rußland verloren; und sein unumstößlicher Glaube sucht in der Ferne andere Völker, die er mit dieser Mission betrauen könnte. Er denkt an „das große und weise Chinesenvolk”. Er glaubt, „daß die Völker des Ostens berufen sind, jene Freiheit wiederzufinden, die die Völker des Westens fast unwiederbringlich verloren haben”, und daß China an der Spitze der Asiaten die Wandlung der Menschheit im Sinne des Tao, des ewigen Gesetzes, durchführen wird[235].

Die Hoffnung wurde schnell getäuscht: das China des Lao Tse und des Konfuzius verleugnet seine einstige Weisheit -- wie es vor ihm schon Japan getan hatte --, und ahmt die Europäer nach[236]. Die schwer verfolgten Duchoborzen sind nach Kanada ausgewandert und setzen dort sogleich, zu Tolstois Entrüstung, das Eigentum wieder in seine Rechte ein[237]. Die Gurier, kaum vom Joch des Staates befreit, begeben sich daran, die zu töten, die anders denken als sie selber, und die herbeigerufenen russischen Truppen müssen wieder Ordnung schaffen. Selbst die Juden, „deren Vaterland bis jetzt das schönste war, das ein Mensch sich wünschen kann, -- die Bibel”[238], selbst diese verfallen der Krankheit des Zionismus, dieser sich national gebärdenden Bewegung, „die Fleisch vom Fleische des zeitgenössischen Europäertums ist, sein rachitisches Kind”[239].

Tolstoi ist betrübt, aber nicht entmutigt. Er vertraut auf Gott, er glaubt an die Zukunft:

„Das wäre herrlich, wenn man im Handumdrehen einen Wald wachsen lassen könnte. Leider ist das unmöglich; man muß warten, bis der Samen keimt, daß er Triebe, dann Blätter, dann den Stengel hervorbringt, der sich schließlich zum Baume entwickelt.”[240]

Aber erst viele Bäume machen einen Wald; und Tolstoi steht allein. Ruhmreich, aber allein. Man schreibt aus der ganzen Welt an ihn: aus den mohammedanischen Ländern, aus China, aus Japan, wo man die „Auferstehung” übersetzt, und wo sich seine Ideen über die „Zurückerstattung des Bodens an das Volk” ausbreiten. Die amerikanische Presse interviewt ihn; Franzosen befragen ihn über Kunstangelegenheiten oder über die Trennung von Staat und Kirche[241]. Aber er hat noch keine dreihundert Schüler, und er leugnet es gar nicht. Im übrigen hat er sich nie darum bemüht, Schüler zu bekommen. Er verurteilt die Versuche seiner Freunde, Tolstoianer zu werden:

„Wir sollen nicht einer zum anderen streben, sondern alle zu Gott... Ihr sagt: ‚Zusammen ist es leichter...’ -- Was? -- Ackern, mähen, ja. Aber Gott kann man sich nur allein nähern... Ich stelle mir die Welt als einen Riesentempel vor, in dem das Licht von oben und gerade in die Mitte fällt. Um sich zu vereinigen, müssen alle zum Lichte drängen. Dort werden wir alle, die wir von verschiedenen Seiten kommen, uns mit Menschen zusammenfinden, die wir nicht erwarteten: und darin liegt die Freude.”[242]

Wie viele mögen sich unter diesem Lichtstreif zusammengefunden haben? -- Gleichviel! Es genügt, daß einer sich dort mit Gott zusammenfindet.

„Ebenso wie nur ein Stoff, der selbst brennt, das Feuer anderen Stoffen mitteilen kann, ebenso können nur der wahrhafte Glaube und das wahrhafte Leben eines Menschen sich anderen Menschen mitteilen und die Wahrheit verbreiten.”[243]

Vielleicht; aber bis zu welchem Grad hat dieser einsame Glaube Tolstoi das Glück sichern können? -- Wie weit entfernt ist er in seinen letzten Lebenstagen von der heiteren Ruhe eines Goethe! Man möchte fast sagen, er flieht sie, sie ist ihm unsympathisch.

„Man muß Gott dafür danken, wenn man unzufrieden mit sich ist. Könnte man es nur immer sein! Der Mißklang, den das Leben, wie es ist, mit dem Leben, wie es sein sollte, hervorbringt, ist gerade das Wahrzeichen des Lebens, die Bewegung, die vom Kleinsten zum Größten, vom Schlimmsten zum Besten hinaufführt. Und dieser Mißklang ist die Bedingung für das Gute. Es ist vom Übel, wenn der Mensch ruhig und mit sich selbst zufrieden ist.”[244]

Und er ersinnt jenen Romanstoff, der in erstaunlicher Weise zeigt, daß die ewige Unruhe eines Lewin oder eines Peter Besukow in ihm nicht erstorben war.

„Ich stelle mir oft einen in den revolutionären Kreisen erzogenen Menschen vor, der erst Revolutionär, dann Sozialist, Orthodoxer, Mönch auf dem Berge Athos, nachher Atheist, guter Familienvater und schließlich Duchoborze ist. Er fängt alles an und gibt alles immer wieder auf. Die Menschen machen sich über ihn lustig, er hat nichts vollbracht und stirbt vergessen in einem Asyl. Noch im Sterben denkt er, daß er sein Leben verpfuscht hat. Und doch ist er ein Heiliger.”[245]

Hegte er also immer noch Zweifel, er, der so voll seines Glaubens war? -- Wer weiß es? Bei einem Mann, der bis ins höchste Alter kräftig an Körper und Geist geblieben war, konnte das Leben nicht plötzlich bei irgendeinem Gedankengang haltmachen. Es mußte weiter voran.

„Bewegung ist Leben.”[246]

Gar viel mußte sich im Laufe der letzten Jahre in ihm geändert haben. War er nicht auch in der Beurteilung der Revolutionäre milder geworden? Wer kann sagen, ob nicht sogar sein Glaube an das Nichtwiderstreben gegen das Böse ein wenig erschüttert worden war? Schon in der „Auferstehung” ändern Nekludows Beziehungen zu den wegen politischer Verbrechen Verurteilten seine Ansichten über die russische Revolutionspartei vollständig.

„Bis dahin hegte er Abscheu gegen ihre Grausamkeit, ihre verbrecherische Verstellungskunst, ihre Mordanschläge, ihre Anmaßung, ihre Selbstzufriedenheit, ihre unerträgliche Eitelkeit. Aber nun, da er sie aus der Nähe sieht, da er sieht, wie sie von den Machthabern behandelt werden, begreift er, daß sie nicht anders sein können.”

Und er bewundert ihre hohe Auffassung von der Pflicht, die das ganze Opfer fordert.

Aber seit 1900 hatte sich die revolutionäre Woge ausgebreitet; ausgegangen von den Intellektuellen, hatte sie nun auch das Volk ergriffen und brachte Tausende von Unglücklichen in blinden Aufruhr. Die Vorhut ihres dräuenden Heeres zog in Jasnaja Poljana unter Tolstois Fenstern vorbei. Drei Geschichten, die der „Mercure de France”[247] veröffentlichte und die zu den letzten Seiten zählen, die Tolstoi schrieb, lassen den Schmerz und Kummer ahnen, den dieses Schauspiel ihm bereitete. Wo war die Zeit hin, da fromme Pilger einfältigen Geistes die Gegend von Tula durchzogen? Jetzt war es eine Überschwemmung von umhergetriebenen Hungerleidern. Jeden Tag kommen welche. Tolstoi spricht mit ihnen und ist betroffen von dem Haß, der sie bewegt; sie sehen nicht, wie einst, in den Reichen „Leute, die, um ihr Seelenheil zu retten, Almosen austeilen, sondern Räuber, Schurken, die dem arbeitenden Volk das Blut aussaugen.” Viele von ihnen sind heruntergekommene gebildete Leute am Rande der Verzweiflung, die den Menschen zu allem fähig macht.

„Nicht in den Wüsten und den Wäldern, sondern in den Winkeln der Städte und auf den breiten Heerstraßen werden die Barbaren großgezogen, die aus der modernen Zivilisation das machen werden, was die Hunnen und Vandalen aus der alten gemacht haben.”

So sprach Henry George. Und Tolstoi fügt hinzu:

„Die Vandalen sind schon bereit in Rußland, und sie werden besonders schrecklich sein für unser tiefreligiöses Volk, weil wir nicht die Hemmungen kennen, die bei den europäischen Völkern so stark ausgebildet sind: die Konvention und die öffentliche Meinung.”

Tolstoi bekam von diesen Revolutionären häufig Briefe, in denen sie gegen seine Lehren vom Nichtwiderstreben Einspruch erhoben und sagten, daß man auf all das Böse, das die Regierenden und die Reichen dem Volk antäten, nur antworten könne: „Rache! Rache! Rache!” -- Verdammt Tolstoi sie noch? Man weiß es nicht. Aber als er einige Tage später sieht, wie in seinem Dorf den jammernden Armen ihr Samowar und ihre Schafe vor den Augen der gleichgültigen Behörden abgenommen werden, kann auch er nicht anders, und er ruft Rache den Henkern, „diesen Ministern und ihren Helfershelfern, die mit Branntwein handeln, die Menschen das Morden lehren, zu Verbannung, Gefängnis, Zuchthaus oder zum Strick verurteilen, -- diesen Leuten, die vollständig überzeugt sind, daß der Erlös aus den Samowaren, den Schafen, den Kälbern und der Leinwand, die man den Beklagenswerten wegnimmt, am besten verwandt wird zum Brennen von Branntwein, der das Volk vergiftet, zur Fabrikation von Mordwaffen, zum Bau von Gefängnissen, Zuchthäusern und besonders zu Gehaltszahlungen an ihre Gehilfen und an sie selbst.”

Es ist traurig, wenn man sein ganzes Leben der Erwartung und Verkündigung des Reiches der Liebe gewidmet hat, seine Augen inmitten solch bedrohlicher Erscheinungen schließen zu müssen und davon verdüstert zu werden. -- Es ist um so trauriger, wenn man das unbestechliche Gewissen eines Tolstoi hat, sich sagen zu müssen, daß man sein Leben nicht vollständig mit seinen Grundsätzen in Einklang gebracht hat.

* * * * *

Hier berühren wir die empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre -- soll man sagen, seiner letzten dreißig Jahre? --, und wir dürfen nur mit ehrfürchtiger und scheuer Hand darüber hinstreichen; denn dieser Schmerz, den Tolstoi geheimzuhalten trachtete, betrifft nicht nur ihn, der bereits tot ist, sondern auch andere, die noch leben, die er liebte, und die ihn lieben.

Es war ihm nicht gelungen, seinen Glauben denen mitzuteilen, die ihm die Teuersten waren: seiner Frau und seinen Kindern. Man hat gesehen, wie seine treue Gefährtin, die mutig sein Leben und seine künstlerischen Arbeiten mit ihm teilte, darunter litt, daß er seinen Glauben an die Kunst abgeschworen hatte, um eines anderen moralischen Glaubens willen, den sie nicht begriff. Tolstoi litt nicht weniger darunter, sich von seiner besten Freundin unverstanden zu fühlen.

„Ich fühle mit meinem ganzen Sein,” schrieb er an Teneromo, „die Wahrheit der Worte, daß Mann und Frau nicht zwei getrennte Wesen, sondern nur eines sind. Mein glühendster Wunsch ist, auf meine Frau nur etwas von jenem religiösen Bewußtsein übertragen zu können, das mich befähigt, mich zu Zeiten über das Weh des Lebens hinauszuheben. Ich hoffe, daß es auf sie übertragen wird, wenn auch zweifellos nicht durch mich, so durch Gott, obgleich jenes Bewußtsein für Frauen kaum zu erlangen sein dürfte.”[248]

Es scheint nicht, als ob dieser Wunsch Erhörung gefunden hätte. Die Gräfin Tolstoi bewunderte und liebte die Herzensreinheit, das stille Heldentum, die Güte dieser großen Seele, die mit ihr nur ein Wesen bildete; sie sah, daß er „vor der Menge einherzog und den Weg wies, den die Menschen gehen sollten”[249]. Als der Heilige Synod ihn exkommunizierte, übernahm sie tapfer seine Verteidigung und beanspruchte ihr Teil an der Gefahr, die ihn bedrohte. Aber sie konnte nicht so tun, als ob sie etwas glaube, was sie tatsächlich nicht glaubte; und Tolstoi war zu ehrlich, als daß er sie zum Heucheln gezwungen hätte, er, dem das Heucheln von Glaube und Liebe noch verhaßter war, als die Ablehnung von Glaube und Liebe[250]. Wie hätte er also sie, die nicht glaubte, zwingen können, ihre Lebensweise zu ändern und ihr und ihrer Kinder Vermögen zum Opfer zu bringen?

Die Unstimmigkeit mit seinen Kindern war noch größer. Leroy-Beaulieu, der Tolstoi in Jasnaja Poljana im Familienkreis sah, sagt, daß „bei Tische, wenn Tolstoi sprach, seine Söhne nur schlecht verbargen, wie sehr des Vaters Worte sie langweilten, und daß sie Zweifel in ihre Wahrheit setzten”[251]. Sein Glaube hatte nur auf zwei oder drei seiner Töchter, von denen die eine, Marie, gestorben war, einen flüchtigen Eindruck gemacht. Er stand allein unter den Seinen. „Außer seiner jüngsten Tochter und seinem Arzt” verstand ihn kaum jemand[252].

Er litt unter dieser inneren Entfremdung, er litt unter den gesellschaftlichen Beziehungen, die man ihm aufzwang, unter diesen langweiligen Gästen, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen, unter den Besuchen von Amerikanern und Snobs, die ihm lästig waren; er litt unter dem „Luxus”, in dem zu leben ihn seine Familie zwang. Es war ein recht bescheidener Luxus, wenn man denen glauben darf, die ihn in seinem einfachen Haus mit der fast puritanischen Einrichtung gesehen haben, in seinem kleinen Zimmer mit einem eisernen Bett, armseligen Stühlen und nackten Wänden! Aber dieser „Komfort” bedrückte ihn: es war ihm ein immerwährender Vorwurf. In dem zweiten der Berichte, die er im „Mercure de France” veröffentlichte, stellt er voll Bitterkeit den Anblick des Elends in seiner Umgebung dem des Luxus in seinem eigenen Hause gegenüber.

„So nutzbringend meine Tätigkeit manchen Menschen auch erscheinen mag,” schrieb er schon 1903, „so verliert sie doch den größten Teil ihrer Bedeutung, weil mein Leben nicht vollständig mit meinen Lehren in Übereinstimmung gebracht ist”[253].

Warum hat er dann diese Übereinstimmung nicht herbeigeführt? Wenn er die Seinen nicht zwingen konnte, sich von der großen Welt loszusagen, warum hat er sich nicht von ihnen und ihrer Lebensweise losgesagt, -- um so dem Spott und dem Vorwurf der Heuchelei zu entgehen, die ihm seine Feinde entgegenschleuderten, die sich nur allzu gern auf sein eigenes Beispiel beriefen, wenn sie seine Lehre verwarfen?

Er hatte daran gedacht. Seit langem war sein Entschluß gefaßt. Unter seinen hinterlassenen Papieren hat sich ein wundervoller Brief gefunden[254], den er am 8. Juni 1897 an seine Frau geschrieben hat. Man muß ihn fast vollständig wiedergeben; denn nichts offenbart besser das Geheimnis dieser liebevollen, schmerzerfüllten Seele:

„Seit langem, liebe Sofie, leide ich unter dem Mißverhältnis zwischen meinem Leben und meinem Glauben. Ich kann Euch nicht zwingen, Eure Lebensweise und Eure Gewohnheiten zu ändern. Genau so wenig gelang es mir bis heute, Euch zu verlassen; denn ich wagte nicht, die Kinder bei ihrer großen Jugend des kleinen Einflusses zu berauben, den ich auf sie haben könnte, und Euch allen großen Kummer zu bereiten. Aber ich kann nicht so weiterleben, wie ich während der letzten sechzehn Jahre gelebt habe[255], bald im Widerstreit mit Euch und Euch dauernd aufreizend, bald den Einflüssen, an die ich gewöhnt bin, und den Versuchungen, die mich umlauern, erliegend. Ich habe beschlossen, jetzt das zu tun, was ich seit langem tun wollte: wegzugehen... Wie die Inder sich allein in den Wald zurückziehen, wenn sie die Sechzig erreicht haben, wie jeder betagte fromme Mann die letzten Jahre seines Lebens Gott zu widmen und sie nicht an Scherz, Geschwätz und Spiel zu vergeuden wünscht, so ersehne ich, der ich das siebzigste Lebensjahr erreicht habe, mit aller Kraft meiner Seele Ruhe und Einsamkeit und wenn auch keine vollständige Übereinstimmung, so doch zum wenigsten nicht diesen schreienden Mißklang zwischen meinem Leben und meinem Gewissen. Wenn ich ganz offen weggegangen wäre, hätte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich wäre weich geworden und hätte vielleicht meinen Entschluß nicht zur Ausführung gebracht, während er doch ausgeführt werden muß. Ich bitte Euch deshalb, mir zu verzeihen, wenn mein Tun Euch Kummer bereitet. Und besonders Du, Sofie, laß mich gehen, suche mich nicht, sei mir nicht gram und tadle mich nicht. Die Tatsache, daß ich Dich verlassen habe, bedeutet nicht, daß ich einen Vorwurf gegen Dich erhebe ... Ich weiß, daß Du nicht anders konntest. Du konntest nicht sehen und nicht denken wie ich; deshalb vermochtest Du auch nicht, Dein Leben zu ändern und es einer Sache aufzuopfern, die Du nicht anerkennst. Darum tadle ich Dich auch nicht; ich gedenke vielmehr in Liebe und Dankbarkeit der fünfunddreißig langen Jahre unseres gemeinsamen Lebens und besonders der ersten Hälfte dieser Zeit, da Du mit dem Mut und der Hingebung Deiner mütterlichen Natur tapfer ertrugst, was Du als Deine Mission ansahst. Du hast mir und der Welt gegeben, was Du geben konntest. Du hast viel mütterliche Liebe gegeben und große Opfer gebracht... Aber in den letzten fünfzehn Jahren unseres Lebens haben sich unsere Wege getrennt. Ich kann mir nicht denken, daß ich schuld daran bin; ich weiß, wenn ich mich geändert habe, so war es nicht um Deinetwillen und nicht um der Welt willen, sondern weil ich nicht anders konnte. Ich kann Dich nicht anklagen, daß Du mir nicht gefolgt bist, und ich danke Dir und werde mich stets mit Liebe dessen erinnern, was Du mir gegeben hast. -- Lebe wohl, meine liebe Sofie. Ich habe Dich lieb.”