Das Leben Tolstois

Part 1

Chapter 13,403 wordsPublic domain

+------------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Kursiver Text ist als _kursiv_ markiert, gesperrter Text als | | $gesperrt$. | | | | Eine Liste der Änderungen befindet sich an Ende des Texts. | +------------------------------------------------------------------+

Romain Rolland

Das Leben Tolstois

Mit sechzehn Abbildungen

Der Einband ist von Walter Tiemann

Neuerscheinung

Rütten & Loening Frankfurt a. Main

Zur Einführung

_Tolstois heldenhafter Lebenskampf spielt sich wie der Michelangelos in entsetzlicher Einsamkeit ab; denn auch er ist „einer der Gewaltigen der Menschheit, zu denen die Nachwelt in Ehrfurcht aufblickt, einer von denen, die Tröster fremder Einsamkeit waren, Sieger der Welt und arme Besiegte zugleich”. Tolstoi schafft sich sein Verhängnis selbst aus freiem, bewußtem Willen. Sein Peiniger ist das Gewissen, sein Dämon der unerbittliche Drang nach Wahrheit. Für alle schaffend, ist er mit sich allein, und leidend für seinen Glauben, leidet er für die ganze Menschheit. So zeichnet Rolland das Lebensbild Tolstois und gibt uns mit diesem erhebenden Buche aufs neue Trost und Stärkung in den schlimmen Nöten unserer Zeit._

RÜTTEN & LOENING FRANKFURT A. MAIN

ROMAIN ROLLAND

DAS LEBEN TOLSTOIS

HERAUSGEGEBEN VON WILHELM HERZOG

1922

$LITERARISCHE ANSTALT$ $RÜTTEN & LOENING$ FRANKFURT AM MAIN

Die Übersetzung ist von O. R. Sylvester

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

250 Exemplare wurden auf holzfreies Papier gedruckt und in Halbleder gebunden.

VORWORT

I.

Romain Rolland hat es vor zehn Jahren -- unmittelbar nach Tolstois Tode -- unternommen, Leben und Werk eines der drei großen Männer darzustellen, die in Europa den Geist am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts tief beeinflußt haben. Dieses Dreigestirn leuchtet und glänzt noch heute unvermindert. Und die junge Generation blickt -- obwohl drängendere aus dem Weltkampf geborene soziale Probleme gebieterisch Lösung fordern -- zu den drei großen Fanatikern des Erkennens und Fühlens empor. Neben Nietzsche, dem dionysischen Kritiker, und Strindberg, dem durch alle Höllen dieser Welt Gejagten, steht Tolstoi, der Bekenner, Ankläger und Apostel. Ihre Stellung zu Christus kennzeichnet vielleicht am deutlichsten einen wesentlichen Teil ihres Ichs. Alle drei rangen mit ihm. Nietzsche wurde sein gefährlichster Feind (stolz nannte er sich den Antichristen); Strindberg haderte zeit seines Lebens mit ihm, unterwarf sich, beugte die Knie, um als Rebell wieder aufzustehen; nur Tolstoi fühlte sich eins, so eins mit ihm, daß er, ein russischer Junker des 19. Jahrhunderts, der Urchrist selbst zu sein sich vermaß.

Wer war er in Wirklichkeit? -- Ein Mensch mit seinem Widerspruch. Kein ausgeklügelt Buch. Sohn eines zaristischen Offiziers und Rousseaujünger; Ketzer und Büßer; Bauer und Weltmann; schwächlich und zäh; ausschweifend und asketisch; eitel und demütig; hemmungslos und selbstkritisch; klarer Erkenner und ewiger Illusionist; anarchistisch und konservativ; Pionier und Reaktionär; Feind der Intellektuellen und selbst ein Geistiger; wild und zart; draufgängerisch und furchtsam; weise und kindlich. Lebenskräftig wie ein gesunder Bauer und von Selbstmordgedanken und Todessehnsucht gequält wie ein morbider Ästhet. Ein Phantast und der helläugigste Realist der modernen Literatur. Immer: ein Fanatiker, ein Besessener. Kurz: ein toller Kerl.

II.

Wie hat ihn Rolland gesehen? -- Er schreibt als einundzwanzigjähriger Pariser Student -- in der Not seines Herzens -- einen Brief an Tolstoi, den Sechzigjährigen, dessen Pamphlet gegen die Kunst und die Künstler gerade alle jungen, vor der Verlogenheit der Zeit und der Gesellschaft sich ekelnden Geister in Europa aufgerüttelt hatte. Tolstois Aufklärungsbroschüre „Was sollen wir denn tun?” hatte den jungen Rolland nicht genügend aufgeklärt. Er wollte mehr.

Das Ziel war schon damals: Einheit zwischen Leben und Denken. Aber wie? Der Wahrheitsrigorist, zu dem die jungen Sucher und Stürmer unter den ernsten Künstlern als zu ihrem Führer emporschauten, klagte die Kunst an, verachtete und schmähte die reinsten und mächtigsten Bildner, Beethoven und Shakespeare? Unüberbrückbarer Gegensatz. Wo war seine Lösung?

Tolstoi empfängt den Brief des aus seiner Gewissensqual um Hilfe flehenden jungen Rolland anders als der sechzigjährige Goethe das rührende Schreiben des Dichters der „Penthesilea”. Er antwortet ihm in einem achtunddreißig Seiten langen Schreiben, das mit den Worten beginnt: Lieber Bruder, ich habe Ihren ersten Brief empfangen. Er hat mich im Herzen berührt. Mit Tränen in den Augen habe ich ihn gelesen...” Die Mehrzahl seiner Fragen, erwidert Tolstoi, hätten ihre Wurzeln in einem Mißverständnis. Und er versucht noch einmal die von ihm gegen die Überschätzung der Kunst gerichtete Kritik dem jugendlichen Wahrheitsforscher auseinanderzusetzen. Schon in seiner Abhandlung hatte er sich gegen die fragwürdigen Verteidiger der Kunst mit den Worten gewandt: „Sagt mir nicht etwa, daß ich Kunst und Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern in ihrem Namen will ich die Tempelschänder verjagen.” Wissenschaft und Kunst seien so notwendig wie Brot und Wasser, sogar noch notwendiger. Aber daß sie ein Lügenleben führen wollen, daß sie den Dualismus zwischen Leben und Handeln fördern, daß sie sich zu „Mitverschworenen des ganzen bestehenden Systems gesellschaftlicher Ungleichheit und heuchlerischer Gewalttätigkeit” erniedrigen, daß sie als Forscher, Dichter, Künstler sich stets zu Stützen der gerade herrschenden Klasse degradieren, das ist es, was die Verachtung des Wahrheitsfanatikers hervorrief. „Die Betätigung von Wissenschaft und Kunst ist nur fruchtbringend, wenn sie sich kein Recht herausnimmt und nur Pflichten kennt... Die Menschen, die berufen sind, den anderen durch Geistesarbeit zu dienen, leiden immer in der Ausübung dieser Arbeit; denn die geistige Welt gebiert nur in Schmerzen und Qualen.” Das war es, was die jungen Künstler mit Tolstoi verband: sein Ernst, sein Leidenkönnen, seine Kompromißfeindschaft, seine Unbestechlichkeit, sein absoluter Wahrheitsrigorismus. Das war es, was den jungen Rolland zu Tolstoi hinzog, kurz nachdem er dessen aufwühlende Schrift 1887 gelesen hatte. Das war es, was ihn fast fünfundzwanzig Jahre später dazu drängte, das tragische Leben dieses im Grunde Einsamen zu malen.

III.

Rolland ist kein Schönfärber. Er schminkt das Porträt seines Helden nicht an, um ihn liebenswerter oder heldischer wirken zu lassen. Er zeichnet und malt ihn mit all seinen Flecken, Runzeln, Häßlichkeiten, mit seinen Schwächen, Irrtümern und Lastern. Er macht keinen Popanz von Tugenden aus ihm. Sondern: er gibt diesen immer von Leidenschaften geschüttelten Menschen mit seinen erstaunlichen Gaben, Fähigkeiten, Vorzügen, mit seinem Reichtum an Ideen, Mut, Willenskraft, mit seiner Intensität zu denken, zu fühlen, zu arbeiten, und er gibt den Schwächling, den Schwankenden, den Verzweifelnden, der sich selbst verachtet, den leichtfertig Urteilenden, der irrt und übertreibt, den Ungerechten, der sich einbildet, immer gerecht zu sein. Kurz: den Menschen Tolstoi in seinen Höhen und seinen Niederungen.

Was Tolstoi für die junge Generation Frankreichs und Deutschlands um 1890 geworden war, das wurde nicht wenigen unter uns Romain Rolland während der Jahre 1914-1918: der erste Bekenner, der Aufrüttler, der Feind dieser wahnwitzigen „Ordnung”, die Stimme des Gewissens in Europa. Und wie er zu Tolstoi in seiner Not pilgerte, so wallfahrteten zu ihm Hunderte und Tausende, die sich in dieser Welt nicht mehr zurechtfanden. Er enttäuschte sie nicht. Er antwortete ihnen, wie einst Tolstoi ihm geantwortet hatte. Unbeirrbar blieb sein Kampf.

Tolstoi und Rolland. Zwei Verwandte im Geiste, und zwei durch Rasse, Generationen und Welten Getrennte. Der 1828 im Gouvernement Tula geborene Graf und der 1866 als Sohn eines Notars im burgundischen Departement Nièvre auf diese Welt gekommene Rolland sind als Künstler, Moralisten, Geistesmenschen so verschieden voneinander wie die russische Steppe vom Acker Frankreichs. Und dennoch durchströmt beide ein und derselbe menschliche Geist, die Liebe zur Vernunft und der Wille zur Güte. Es ist der Geist der Befreiung des Menschen aus jahrtausendelanger Knechtschaft unter der Tyrannei der Lüge und der Heuchelei, der Geist der Welterneuerung. Sie gehören zu seinen edelsten und mächtigsten Kündern.

Und dennoch... Rolland hat recht, wenn er am Ende seines „Tolstoi” die melancholische Frage aufwirft, woran es lag, daß der unerbittliche Apostel der Menschenliebe sein eigenes Leben nicht vollständig mit seinen Grundsätzen in Einklang bringen konnte. Hier berühren wir die empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre, stellt Rolland fest. Wir dürfen heute um so weniger daran vorübergehen: nach dem Ungeheuerlichen der letzten Jahre. Worin wurzelte dieser Dualismus dieses unerbittlichen Geistes, der wie kein zweiter die Identität von Geist und Tat forderte?

Er hat es selbst einmal angedeutet. Erst als Vierundfünfzigjähriger -- im Jahre 1882 -- bei einer Volkszählung, an der er mitwirkte, sah er das soziale Elend, in dem die Massen der großen Städte leben müssen, in nächster Nähe. Rolland schreibt: „Der Eindruck, den es auf ihn machte, war erschreckend. Am Abend des Tages, an dem er zum erstenmal mit dieser verborgenen Wunde der Zivilisation in Berührung gekommen war und einem Freunde erzählte, was er gesehen hatte, hub er an, zu klagen, zu weinen und die Faust zu ballen.”

Er blieb zwar bei diesen Gefühlsausbrüchen gegen das Unrecht nicht stehen. Im Gegenteil: er erkannte bereits, daß die Elenden die Opfer jener Zivilisation waren, an deren Vorrechten er teilhatte, „jenes Molochs, dem eine auserwählte Kaste Millionen von Menschen opferte”. „Und Glied um Glied entrollt sich ihm” -- schreibt Rolland -- „die fürchterliche Kette der Verantwortlichkeit. Zunächst die Reichen und das Gift ihres verfluchten Luxus, der lockt und verdirbt”. Das fürchterlichste und unaufschiebbare Problem unserer Tage hat Tolstoi also gesehen, aber nicht zu Ende durchgedacht, sondern nur schmerzhaft gefühlt. Mit der Leidenschaft seines Herzens sah er die Verbrechen und Lügen der Zivilisation. Er suchte ihnen durch Anklage und schonungslose Kritik beizukommen. Ja, in einem von Rolland zitierten Briefe aus dem Jahre 1887 glaubt er urplötzlich den Kern des Problems mit der genialen Intuition, die ihm eigen war, zu entdecken: „Das ganze Übel von heute kommt daher, daß die sogenannten zivilisierten Leute, denen die Gelehrten und Künstler zur Seite stehen, eine privilegierte Klasse sind, wie die Priester. Und diese Kaste hat alle Fehler einer jeden Kaste.”

Tolstoi hat aus dieser Erkenntnis keine Folgerungen gezogen. Er blieb ein anarchistischer Individualist (mit stark kommunistischen Zügen). Einer, der gegen die cyklopischen Mauern dieser wahnwitzigen Gesellschaft immer wieder anrennend sich verschwendete und der sich schließlich aufrieb... Ein furchtloser Unterminierer der verlogenen und verbrecherischen „Kultur”.

Er aber, der Seher einer neuen Kunst für eine Menschheitsgemeinschaft, einer Kunst also, die nicht mehr Eigentum einer einzelnen Klasse sein wird, blieb mit sich allem, verlassen von seinen Nächsten, unzufrieden mit sich selbst... Er ging in die Wüste...

WILHELM HERZOG

Das Licht, das mit Tolstoi erlosch, war für unsere Generation das klarste, das unsere Jugend erhellte. In der schwerumschatteten Dämmerung zu Ende des 19. Jahrhunderts war er der trostbringende Stern, dessen Anblick unsere Seelen anzog und ihnen Frieden gab. Aus dem Kreis derer, für die Tolstoi weit mehr war als ein verehrter Dichter, für die er der beste -- und für viele der einzige wirkliche -- Freund in der ganzen europäischen Kunstwelt war, möchte ich diesem geheiligten Andenken meinen Zoll der Dankbarkeit und Liebe entrichten.

Die Tage, da ich seine Werke kennenlernte, werden nie aus meinem Gedächtnis schwinden. Es war 1886. Nach einigen Jahren stillen Keimens brachen die wunderbaren Blüten russischer Kunst aus dem Boden Frankreichs hervor. Die Übersetzungen Tolstois und Dostojewskis erschienen mit fieberhafter Hast gleichzeitig in allen Verlagshäusern. Von 1885-1887 wurden in Paris „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”, „Kindheit und Knabenalter”, „Polikuschka”, „Der Tod des Iwan Iljitsch”, „Geschichten aus dem Kaukasus” und die „Volkserzählungen” veröffentlicht. Innerhalb einiger Monate, einiger Wochen, breitete sich vor unseren Augen das Werk eines ganzen großen Lebens aus, in dem sich ein Volk, eine neue Welt spiegelte.

Ich war damals gerade in die „Ecole Normale” eingetreten. Wir Kameraden waren sehr verschieden voneinander. In unserer kleinen Gruppe, die realistische und ironische Geister wie den Philosophen George Dumas, Dichter, die in Liebe zur italienischen Renaissance glühten, wie Suarès, Anhänger der klassischen Tradition, Stendhalianer und Wagnerianer, Atheisten und Mystiker umfaßte, in dieser Gruppe gab es häufig Wortgefechte, kamen häufig Mißstimmungen auf; aber während einiger Monate einte uns die Liebe zu Tolstoi fast alle. Jeder liebte ihn zweifellos aus einem anderen Grunde; denn jeder fand sich selbst in ihm wieder, und für alle war er die Pforte, die ins unermeßliche All führte, die Offenbarung des Lebens. Um uns her, in unseren Familien, unseren Provinzen erweckte die gewaltige Stimme, die von den äußersten Grenzen Europas her ertönte, zuweilen ganz unerwartet, dieselben Sympathien. Ich entsinne mich, daß ich einmal zu meinem größten Erstaunen Leute aus meiner Niverner Heimat, die sich keineswegs für Kunst interessierten und fast nichts lasen, mit verhaltener Rührung über den „Tod des Iwan Iljitsch” reden hörte.

Ich habe bei hervorragenden Kritikern die Behauptung gelesen, Tolstoi verdanke seine besten Eingebungen unseren romantischen Schriftstellern: George Sand und Victor Hugo. Ohne darüber zu streiten, daß man wohl kaum von einem Einfluß der George Sand auf Tolstoi sprechen kann -- zumal da er sie nicht ausstehen konnte --, und ohne den viel tatsächlicheren Einfluß, den Rousseau und Stendhal auf ihn ausübten, zu leugnen, wäre es doch falsch, die Größe Tolstois und seine Macht, uns zu fesseln, seinen Ideen zuschreiben zu wollen. Der Ideenkreis, in dem sich seine Kunst bewegt, ist eng begrenzt. Tolstois Stärke beruht nicht in den Ideen, sondern im Ausdruck, den er ihnen gibt, in dem persönlichen Ton, der Prägung des Künstlers, der Atmosphäre, in der er lebt.

Ob die Ideen Tolstois entlehnt waren oder nicht -- wir werden später noch darauf zurückkommen --, es ist noch niemals in Europa eine Stimme erklungen, die seiner gleich gekommen wäre. Wie anders sollte man den Schauer der Erregung erklären, der uns damals befiel, als wir diese Seelenmusik hörten, auf die wir so lange gewartet hatten und die uns so sehr not tat. Die Mode sprach bei unserem Gefühl nicht mit. Die meisten von uns, auch ich, lernten das Buch von Eugen Melchior de Vogüé über den russischen Roman erst kennen, nachdem sie Tolstoi gelesen hatten; und seine Bewunderung erschien uns matt im Vergleich zu unserer. De Vogüé urteilte hauptsächlich als großer Literaturkenner. Aber für uns genügte es nicht, das Werk zu bewundern, wir lebten es, es war unser. Unser durch seinen brennenden Lebenshunger, durch sein jugendliches Fühlen. Unser durch seine Ironie, die uns die Binde von den Augen nahm, durch seinen schonungslosen Scharfblick, sein Wissen um den Tod. Unser durch seine Träume von brüderlicher Liebe und Frieden unter den Menschen. Unser durch seine furchtbare Anklage gegen die Lügen der Zivilisation. Durch seinen Realismus und seinen Mystizismus. Durch seinen Erdgeruch, seinen Sinn für die unsichtbaren Mächte und sein Erschauern vor dem Unendlichen.

Diese Bücher sind vielen von uns das gewesen, was der „Werther” seiner Generation war: der wundervolle Spiegel unserer Liebeskräfte und unserer Schwächen, unserer Hoffnungen, unserer Schrecken und unserer Entmutigungen. Es machte uns weder Sorge, alle diese Widersprüche in Einklang miteinander zu bringen, noch diese vielgestaltige Seele, in der das Weltall widerhallte, in enge religiöse oder politische Kategorien zu zwängen, wie es die meisten tun, die in letzter Zeit über Tolstoi gesprochen haben, weil sie sich nicht von dem Streit der Parteien freimachen konnten und ihn nach der Stärke ihrer eigenen Leidenschaften, nach dem Maßstab ihrer sozialistischen oder klerikalen Kreise beurteilten. Als ob unsere Kreise den Gradmesser für ein Genie abgeben könnten!... Was gilt es mir, ob Tolstoi meiner Partei angehört oder nicht! Kümmert es mich, zu welcher Partei Dante und Shakespeare gehörten, wenn ich einen Hauch ihres Geistes spüre und ihr Licht in mich aufnehme?

Wir sagten uns keineswegs wie diese Kritiker von heute: „Es gibt zwei Tolstoi, den vor dem Wendepunkt und den nach dem Wendepunkt; der eine ist der gute, und der andere ist es nicht.” Für uns gab es nur $einen$, und wir liebten ihn restlos. Denn wir fühlten instinktiv, daß in solchen Herzen alles übereinstimmt, alles in Verbindung miteinander steht.

* * * * *

Was wir mit dem Instinkt fühlten, ohne es uns erklären zu können, das soll unser Verstand heute beweisen. Heute können wir es, nachdem dieses lange Leben sein Ende erreicht hat und sich den Augen aller unverschleiert mit beispielloser Offenheit und Aufrichtigkeit darbietet. Was uns sofort auffällt, ist, wie sehr sein Leben sich von Anfang bis zu Ende gleich blieb, trotz der Schranken, die man von Strecke zu Strecke hat aufrichten wollen, -- trotz Tolstoi selbst, der, wenn er liebte, wenn er glaubte, wie alle leidenschaftlichen Menschen geneigt war zu meinen, daß er zum erstenmal liebe, zum erstenmal glaube, und jedesmal von da ab den Anfang seines Lebens datierte. Den Anfang und immer wieder den Anfang. Wie oft hat sich dieselbe Umwälzung, derselbe Kampf in ihm abgespielt! Man kann nicht von der Einheit seines Denkens sprechen es gab nie eine solche --, wohl aber von dem Vorhandensein der verschiedenen Elemente in ihm, die bald miteinander verbündet, bald einander feindlich, öfter aber einander feindlich waren. Die Einheit beruht weder im Geist noch im Herzen eines Tolstoi, sie beruht im Kampf der Leidenschaften in ihm, in der Tragödie seiner Kunst und seines Lebens.

Kunst und Leben sind vereinigt. Nie waren Werk und Leben inniger vermählt; das Werk hat beinahe durchgängig autobiographischen Charakter; von seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr an läßt es uns Tolstoi Schritt für Schritt in den widerspruchsvollen Erfahrungen seiner abenteuerlichen Laufbahn verfolgen. Sein Tagebuch, das er vor seinem zwanzigsten Jahre begann und bis zu seinem Tode[1] fortgeführt hat, die Angaben, die er Birukow[2] zu dessen bedeutender Tolstoibiographie machte, vervollständigen diese Kenntnis und geben uns nicht nur Gelegenheit, beinahe Tag für Tag in Tolstois Innerem zu lesen, sie lassen uns auch die Welt, in der sein Genie wurzelte, und die Seelen, von denen seine Seele zehrte, wiedererstehen.

Ein reiches Erbe. Von beiden Seiten ein sehr vornehmes und sehr altes Geschlecht -- die Tolstoi und die Wolkonski --, die sich rühmten, bis auf Rurik zurückzureichen, und ihren Stammbaum auf Waffenbrüder Peters des Großen, auf Generäle aus dem Siebenjährigen Krieg, Helden aus den napoleonischen Kämpfen, Dekabristen und politische Verbannte zurückführten. Familienerinnerungen, denen Tolstoi einige seiner eigenartigsten Gestalten in „Krieg und Frieden” verdankt: der alte Fürst Wolkonski, sein Großvater mütterlicherseits, ein später Repräsentant jener von Voltaireschem Geist durchsetzten, selbstherrlichen Aristokratie zur Zeit Katharinas II.; Fürst Nikolaus Gregorewitsch Wolkonski, ein Vetter seiner Mutter, der bei Austerlitz verwundet und vor den Augen Napoleons vom Schlachtfeld aufgelesen wurde wie der Fürst Andrej; sein Vater, der einige Züge von Nikolaus Rostow[3] hatte; seine Mutter, die Prinzessin Marie, die sanfte Häßliche mit den schönen Augen, deren Güte „Krieg und Frieden” durchleuchtet.

Er kannte seine Eltern kaum. Die reizenden Schilderungen in „Kindheit und Knabenalter” enthalten, wie man weiß, wenig Tatsächliches. Seine Mutter starb, als er noch nicht zwei Jahre alt war. Er konnte sich demnach nicht des geliebten Angesichts erinnern, das sich der kleine Nikolaus Irtenjew durch einen Schleier von Tränen hindurch heraufbeschwört, jenes Angesichts mit dem strahlenden Lächeln, das Freude um sich verbreitete...

„Ach, wenn ich dieses Lächeln in schweren Augenblicken sehen könnte, dann wüßte ich nicht, was Kummer ist...”[4].

Aber sie vererbte ihm zweifellos ihren vollkommenen Freimut, ihre Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung und, wie man uns versichert, ihre wundervolle Begabung, selbsterfundene Geschichten zu erzählen.

An seinen Vater hatte er immerhin einige Erinnerungen. Er war ein liebenswürdiger Spötter mit traurigen Augen, der in unabhängiger Stellung und bar jeden Ehrgeizes auf seinen Gütern lebte. Tolstoi war neun Jahre alt, als er ihn verlor. Dieser Todesfall „brachte ihm zum erstenmal die rauhe Wirklichkeit zum Bewußtsein und erfüllte sein Herz mit Verzweiflung”[5]. Es war das erste Zusammentreffen des Kindes mit dem Schreckgespenst, dessen Bekämpfung ein Teil seines Lebens und dessen Verklärung und Verherrlichung der andere gewidmet sein sollte... Spuren dieser Angst kommen in einigen unvergeßlichen Zügen der letzten Kapitel der „Kindheit” zum Ausdruck, wo die Erinnerungen auf die Erzählung vom Tode und vom Begräbnis der Mutter übertragen sind.

In dem alten Hause in Jasnaja Poljana[6] blieben fünf Kinder zurück, in dem Hause, in dem Leo Nikolajewitsch am 28. August 1828 geboren wurde, und das er, nur um zu sterben, erst zweiundachtzig Jahre später verlassen sollte. Das jüngste, ein Mädchen, namens Marie, die später Nonne wurde (bei ihr suchte der sterbende Tolstoi ein Obdach, als er seinem Hause und den Seinen entfloh). -- Vier Söhne: Sergius, ein liebenswürdiger Egoist, „aufrichtig bis zu einem Grade, wie ich es niemals gesehen habe”. Dmitri, ein verschlossener Mensch voller Leidenschaft, der sich später als Student mit Ungestüm religiösen Übungen hingab, unbekümmert um die öffentliche Meinung, der fastete, den Armen half, den Siechen Zuflucht gewährte, sich aber plötzlich mit derselben Heftigkeit der Ausschweifung in die Arme warf, dann, von Reue zernagt, ein junges Mädchen, das er aus einem öffentlichen Hause kannte, loskaufte und bei sich aufnahm, und der mit neunundzwanzig Jahren an der Schwindsucht starb[7]. -- Nikolaus, der Älteste, der Lieblingsbruder, der von der Mutter die Begabung, Geschichten zu erzählen, geerbt hatte[8], ironisch, schüchtern und feinfühlig veranlagt, später Offizier im Kaukasus, wo er sich das Trinken angewöhnte. Auch er war voll christlicher Nächstenliebe, lebte in den bescheidensten Verhältnissen und teilte mit den Armen alles, was er hatte. Turgenjew sagte von ihm, daß er „jene Demut dem Leben gegenüber in die Praxis übertrug, die sein Bruder Leo in der Theorie zu entwickeln sich begnügte”.

Im Hause dieser Waisen waren zwei großherzige Frauen. Die eine war die Tante Tatjana[9], die, wie Tolstoi sagt, „zwei Tugenden besaß: Ruhe des Gemüts und Liebe”. Ihr ganzes Leben war nichts als Liebe. Sie opferte sich unaufhörlich...

„Durch sie habe ich die sittliche Befriedigung, die Liebe gibt, kennengelernt.”