Part 15
„Gar nicht. Nur ich stelle es mir vor, und dann muß ich so sehr in das hineindenken, was du erzählst, so daß ich mich sehne nach deinen Pappeln – und nach dem süßen, sanften Frühling.“
„Und wir haben doch gerade Frühling.“
„Nein,“ sagte Yvonne, „der ist nicht sanft, der nicht.“
„Aber im Garten ist er. In deinem Garten ist er schön, Yvonne. Wo die Weide ganz dünne, hellgrüne Büschel herunterhängt.“
Yvonne sagte: „O, sprich nicht davon.“
Yvonne schloß die Augen. So lag sie lange. Renée saß neben ihr und sah sie an. Sah, wie dies fremde, schmerzliche Zittern in ihr Gesicht kam. Sah, wie das Gesicht wieder still wurde und unbewegt.
Sie streichelte Yvonnes Hände.
„Geh, Renée, laß mich eine kleine Zeit allein.“
„Yvonne!“
Yvonne lächelte: „O, geh doch.“
Draußen war Geldern. Er ging leise an die Tür, als Renée herauskam, und öffnete. Dann kam er wieder. „Sie will allein sein,“ sagte er.
Renée frug ihn, wollte wissen, wollte Antwort.
Er sagte: „Lassen Sie, es ist nicht Yvonnes Wunsch.“
Die Nächte waren still und sanft und hatten süße Gerüche. O, die Nächte waren schön – die Nächte.
Yvonne lächelte doch, wenn sie den Himmel sah, den besternten Himmel. Sie sagte: „Gut tut die Dunkelheit. Man kann ausruhen. Alle Dinge geschehen, die geschehen müssen. Aber man weiß es nicht.“
Dann lachte sie: „Renée, ich möchte tanzen mit dir. Ich möchte einmal tanzen. Das müßte ganz wild gehn nach einer tollen Melodie.“
Renée sagte: „So, daß wir gar nicht wieder aufhören könnten. Das ist das Schönste.“
„Tanzt du gern?“ frug Yvonne.
„Ja, früher schon,“ sagte Renée, „ganz gern.“
„In den Garten wollen wir viele Rosen hineintun, Renée, fast nur Rosen. Dann schneidest du manchmal große Sträuße von Rosen. Die sollst du neben mich stellen.“
„Du sollst mit mir schneiden, du sollst gar nicht so faulenzen,“ sagte Renée.
„Ich darf faulenzen.“
„Gar nicht faulenzen darfst du. Sonst bekommst du keine Rosen.“
„Du gibst sie mir noch, Renée.“
Yvonne sprach nicht. Sie sagte nicht mehr: Erzähl mir, Renée. Sie sprach nicht mehr von all den süßen Dingen, die Wind heißen oder Frühling oder Rosen. Renée saß bei ihr. Am Tage schien die Sonne hinein und es war warm draußen. Die Sonne machte es grell im Zimmer. Da war nichts von dem sanften Grau, das die Schatten der Gegenstände bekommen bei der Dämmerung. Hart und unvermittelt standen sie da vor der Wand. Die Wand war grell weiß.
Dann saß Renée den ganzen Tag und sah Yvonne an. Aber ihr Herz war leer und ihre Seele war leer. Sie konnte nichts fassen von allem, was vor ihr geschah. Sie konnte es nicht fassen, daß Yvonne fortgehn würde.
Sie suchte auszudenken, was der Tod war. Sie suchte diese Erkenntnis ihrem Herzen aufzuzwingen. Aber das wehrte sich – wehrte sich.
Es kam ein Brief von Elisabeth. Renée mußte sich richtig besinnen, wer es war, und was man von ihr wollte. Eine ganze Weile las sie daran, daß Papa empört sei, weil Renée die kranke Sarah so im Stich gelassen und sich zu dieser fremden Dame begeben habe, um sie zu pflegen. Außerdem fürchte Papa die Ansteckung für Renée, denn wie sie durch Sarah erfahren hätten –
So lange las Renée, ohne daß es an sie herankam. Und dann einen kurzen Augenblick fühlte sie ein kleines Stechen im Herzen. Das ging vorbei.
Am Schluß standen ein paar Phrasen, wie Elisabeth sich sorgte um Renée.
Nein, das konnte nicht an sie heran. Das war aus einer fernen, fremden Welt, in die weder Schmerz noch Glück sie zurückbringen konnten.
„Renée, hast du nicht Sehnsucht nach zu Haus?“ sagte Yvonne.
„Nein, gar nicht.“
„Sagen sie nicht, du sollst kommen und sind dir böse darum?“
„Nein,“ sagte Renée. „Sie brauchen mich nicht. Ich ginge auch nicht.“
„Aber du solltest gehn, Renée.“
Renée erschrak, sah sie an. Warum sagte Yvonne das? Warum sprach sie mit dieser traurigen, stillen Stimme – ja, Renée erschrak. –
„Gingest du doch, Renée. Soll ich wissen, daß ich dich – o, dich so sehr beschwert habe.“
Renée sagte: „Nicht doch – wie redest du. Ohne dich zu sein ist schwer und mit dir ist es leicht.“
Yvonne sah sie an. Ihre Augen waren eine lange Zeit groß und fragend auf Renée gerichtet.
Renée lächelte. Renée fühlte einen zitternden, kleinen Schmerz. Sie hielt ganz fest die Lippen zusammen, damit es keinen Laut gäbe – und lächelte.
Yvonne streichelte ihre Hände.
„Es ist nicht leicht für dich,“ sagte Yvonne. Dann zog sie Renée an sich.
Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.
Danach war es gut. So gut. Renée war nicht mehr allein mit diesem entsetzlichen Wissen. Nein, nicht mehr. Sie brauchte nicht mehr Scherze zu machen und kleine, leichtsinnige Reden.
Sie brauchte nicht mehr zu lächeln, wenn sie so sehr traurig war. –
Ein Tag kam, der wieder warm war und Sonne hatte. Durch das Fenster kam der Erdgeruch herein, den der Regen gebracht hatte, und alle Blumen rochen so gut. Aber am süßesten war der Geruch des Flieders.
Yvonne sagte: „Ich will in den Garten. Ich muß in den Garten.“
Renée wollte sie nicht lassen. Sie sagte: „Du wirst kalt haben, weil es schon Abend ist. Und dann hat Geldern es doch verboten. Tu es nicht, Yvonne.“
Yvonne schüttelte den Kopf. Sie nahm Renée an der Hand. „Geh du in den Garten.“
Renée sagte: „Nein, er mag mich nicht ohne dich, und ich mag ihn nicht ohne dich.“
„Tragt mich hinaus, Renée.“
Renée wollte nicht. Renée wehrte sich den ganzen Tag.
„Renée.“ – „Ja.“ – „Blüht auch der weiße Flieder?“
„Ja, der auch,“ sagte Renée.
„Blühen die Kastanien?“ – „Ja.“
„Ach, die sind schön dies Jahr,“ sagte Yvonne. „Sind sie nicht wie große Weihnachtsbäume? Sind da Kastanien an dem See, von dem du erzählst?“
„Ich denke. Und Linden sind da,“ sagte Renée, „und sieben Pappeln oder fünf, ich weiß nicht.“
„Muß man die zählen? Und sag, ist Flieder da?“
Renée nickte.
„Renée, glaubst du, daß es Menschen gibt, die niemanden lieb haben?“
„Nein, wie sollte es das geben?“
„Glaubst du nicht?“
„Nein,“ sagte Renée. „Sie würden gar nicht leben mögen vor lauter Sinnlosigkeit.“
Yvonne sah so sehnsüchtig hinaus in den Garten. „Mach doch die Fenster weiter auf. Es ist zu heiß, Renée.“
Renée ging zu den Fenstern. Die Luft kam schwer und warm mit dem süßen Geruch der Blumen. Zum See hinunter war es dunkel, und der See war stahlgrau. „Es wird Gewitter kommen,“ sagte Renée.
Gegen Nacht war es da.
Erst fuhr der Wind ruckweise surrend durch die Zweige und Blätter – dann lag er breit über den Blumen, schwenkte sie herum und riß die Blüten ab.
Dann jagte er auf den Wegen mit Blüten und Blättern. Es wurde Sturm. Man konnte die Schaumkämme auf dem See sehen, wenn Blitze waren, und der See wurde eins mit den Wolken – wie groß und unheimlich waren die Wolken.
Renée richtete sich auf im Bett und sah hinaus. Der Baum neben ihrem Fenster fuhr hin und her und schlug klatschend seine Zweige an die Mauer.
Renée spürte den Wind in ihrem Gesicht. Ihr Gesicht war feucht und sie hatte doch geschlafen.
Sie dachte: Ich weiß es, wenn ich schlafe; aber wenn ich wache, kann ich von Leben und Zukunft sprechen.
Sie dachte – an den Tod, der das Ende war.
Wie ist das, wenn ich tot bin, während das Leben weiter geht. Irgend jemand tut einen in den Sarg, und man wird begraben, so wie es Sitte ist, wie auch Hannsbabo begraben wurde.
Grauen kam, kam an ihr Herz. Sie fühlte die Kälte des Windes, als wäre es in ihr und machte ihr Herz vereisen – langsam so kalt werden, daß es nichts mehr fühlte.
Der Baum schleuderte fortwährend seine Zweige gegen die Mauer. Renée fuhr auf. Immer noch spürte sie den Wind im Gesicht, und sie fühlte eine fremde Last auf ihrem Herzen. Das machte sie schwer und mühsam atmen.
Es war, als käme keine Luft. Dann fühlte sie ihr Herz klopfen, und einen Augenblick fühlte sie es nicht mehr. Sie begann zu laufen, schnell die Treppe hinunter durch den Gartensaal. – „Yvonne!“
Yvonne war am Fenster. Sie saß und sah hinaus und dann lächelte sie Renée zu. –
Am andern Tag sah Renée Doktor von Geldern, als er aus Yvonnes Zimmer kam. Und sie sah, daß er weinte, oder hörte es nur vielleicht. Renée ging leise hinein.
Yvonne – sah Yvonne sie nicht? Renée ging ganz leise auf den Fußspitzen, und dann saß sie am Bett, dann faßte sie Yvonnes Hand und hielt sie fest.
Renée horchte auf die Tropfen des Regens, die vor dem Fenster auf das Steinpflaster fielen. Horchte und atmete ganz leise, so als dürfte man nicht das Geräusch der Tropfen stören.
Wußte sie es nun, war es nun ganz in ihr Herz eingedrungen? – Ihr Herz war still. Warum weinte sie nicht. Warum sollte sie weinen? –
Renée dachte: Worauf habe ich doch so lange gewartet, habe ich nicht auf dich gewartet, weil ich meines Lebens Ziel suchte?
Bist das nun du?
Ist es meines Lebens Ziel, daß ich mit dir gehe, wohin du gehen wirst?
So dachte Renée.
Leicht war ihr Herz.
Sie dachte: Müßte ich dich zurücklassen, dann würde ich weinen.
Es ist süß, mit dir gehn. –
Der Abend machte es still im Garten. Renée hörte nicht mehr den Regen.
Renée hielt Yvonnes Hand, und immer sah sie in das weiße Gesicht. Das schien zu lächeln unter den Schmerzen.
Und Renée fühlte in dem zitternden Schauer, der ihren Körper durchlief und bei ihrem Herzen zurückblieb – fühlte sich dem äußersten Erleiden so nahe, als müßte sie selber fort mit diesem so geliebten Leben.
Wußte sie nun alles? – O, es gab nichts Größeres als diesen Menschen. Und Yvonne – sie litt nicht, wie andere Menschen leiden.
Nichts rührte sie an von jenen grauenvollen Häßlichkeiten, als ginge sie still geworden in die Sonne hinein, in die Sonne, die ihres Herzens große Wärme aufnehmen würde.
Die sanfte Hand berührte Renée. Die so geliebte Stimme sprach: „Bist du nun doch bei mir bis in das Letzte hinein, Renée? Nehme ich denn nicht deine liebe Jugend mit fort, wenn du alles dieses ansiehst?“
Renée legte den Kopf an ihr Herz und weinte.
Renée umfaßte sie mit dem Gefühl von Nie-lassen-wollen.
„Laß – ich bleibe bei dir, Renée. Du nimmst mich überall hin auf der Erde, wenn ich auch gestorben bin.“
Renée sah die Qual in ihren Augen, und sie fühlte, wie ihr eigner Körper schlaff wurde und zuckte, und ihre Kniee ließen nach, so daß sie niedersank neben dem Bett.
„Nein – nein, du gehst ganz fort! Nichts bleibt bei mir. Du kamest, damit ich dich verlieren sollte. Nichts wird sein als diese jämmerliche Erde, wo du nicht bist.“
Die sanfte Hand berührte Renée.
„Nein – nein. Ich will nicht! Soll ich leben, um jeden Tag zu fürchten, der kommt und mich wissen macht, daß du nicht lebst. Soll ich das Leben, auf das ich mich so freute, soll ich es gehn lassen mit dir?“
Yvonnes Hand tastete nach Renée. Und dann kamen Laute wie die eines gehetzten Tieres und ein Aufwärtswollen.
Es kam das Grauen.
Aber es gab doch den Tod. Es gab, was ein Ende macht. Es stand neben dem Bett, ganz nah. Wenn man es trank –
Yvonne streckte ein wenig die Hand aus. Renée schob das Glas beiseite, nach dem sie die Hand ausstreckte.
„Aber ich lasse dich nicht! Du mußt noch bleiben.“
Renée fühlte eine Starrheit des Willens über ihre Seele gleiten.
Es war, als fühlte sie nur noch diesen Willen. – „Ich will dich behalten,“ sagte sie.
Groß öffnete Yvonne die Augen. Sie lächelte, und mit einer fremden, stillen Stimme sagte sie: „Renée, ich will es leiden um dich!“ –
Also kam das Leben zurück.
Es würde aufstehn über dem Tod – der große Wille hatte den Tod beiseite geschoben. –
O, das Leben war noch da. Man konnte die Sonne draußen sehn, die hinglitt über die Blumen im Garten und über den Rasen. – Das Leben war noch da. Das, von dem man nicht lassen kann, weil es so schön ist und noch so unbekannt.
Wer hatte den Tod rufen wollen – o Torheit.
Renée zog Yvonne an sich und küßte ihr Gesicht. Yvonne lächelte, lächelte mit zitternden Lippen. Sie sagte: „Ich will warten, bis du mir den Tod schenkst – – laß es bald sein.“ –
Renée fühlte den Willen nicht mehr, fühlte nur Zärtlichkeit in ihrer Seele –
Sie küßte Yvonne die Augen,
Und ließ sie trinken. –
Dann trank auch sie.
O, wie süß ist es, so einzuschlafen – – –
Die Verse auf Seite 95 sind einem Gedicht von _Toni Schwabe_ entnommen.
Buchdruckerei Roitzsch Albert Schulze, Roitzsch
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 149]: ... ungern allein.“ – „Aber ich konnte doch mitkommen.“ ... ... ungern allein.“ – „Aber ich könnte doch mitkommen.“ ...
[S. 203]: ... was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinsky. ... ... was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinski. ...