Part 3
Timm Tietgens verfolgte wie die Mehrzahl der älteren Kollegen diese Entwicklung mit tiefer Besorgnis. Er für seine Person hatte sich abgefunden. Man war als eines von zehn Kindern in einer Proletariermietskaserne der menschenwimmelnden Vorstädte oder in einem der uralten Ziegelhäuser der Altstadt-Twieten zur Welt gekommen, hatte in der Volksschule das Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und war mit vierzehn Jahren auf die Werft oder in die Fabrik gekommen -- tjä, da hatte man wenig Aussicht, in einem Villenpalast am Harvestehuder Weg zu sterben ... Immerhin, auch das war schon vorgekommen ... Aber dann mußte man einen Kopf haben etwa wie jener Bob Timmermanns ... der hatte sich aus einem Werkmeisterhäuschen bis an die Spitze der vielverzweigten Konstruktionsabteilung der Werft emporgekämpft ... Und dessen Bruder Armin, der Stadtsekretär vom Rathaus, hatte es ja wohl gar im Kriege bis zum Leutnant gebracht ... damals, als man für den Offiziernachwuchs auf die Subalternbeamten als auf ein wertvolles Material von guter Schule und zuverlässiger Gesinnung zurückgegriffen hatte ... Timm Tietgens persönlicher Ehrgeiz kannte nur noch eine letzte Staffel des Aufstiegs: er hätte Werkmeister werden mögen, einer ganzen Unterabteilung des Riesenbetriebes als Arbeitsaufseher vorgesetzt -- und eine Dienstwohnung in einem der schmucken Gebäude beziehen, welche die Werft für ihre sichersten Vertrauensleute unter den Angestellten im Bannkreis des Werkgeländes errichtet hatte ... Dann würde man sich fünf Minuten nach Arbeitsschluß zu Mutters Kaffeetisch heimfinden. Statt dessen mußte man Jahr für Jahr und Tag für Tag die Heimfahrt über den Elbstrom tun -- in der vollgepramsten Dampffähre -- und dann die halbe Stunde tippeln bis zum Neuen Steinweg. Dort versteckte sich in einem Seitenhofe das winklige, barackenmäßige Häuschen, in dessen oberem Stock der Kranführer Timm Tietgens mit seiner frühergrauten Lebensgefährtin eine Wohnung von immerhin drei Kämmerchen innehatte. Sie war einmal recht enge gewesen, diese Behausung -- damals, als in ihr drei stramme Buben und ein hageres Mädelchen heranwuchsen. Zwei von jenen lagen in Frankreich verscharrt -- einer arbeitete in den kaukasischen Bergwerken. Und das Töchterlein teilte auch nicht mehr die Wohnung der Eltern. Dennoch strahlte Timm Tietgens, wenn er seiner Antje gedachte. Sie hielt treulich zu den Eltern, obwohl sie eine Feine geworden war, eine »Bürgerliche« sozusagen ... Sie war auf die Handelsschule gegangen, hatte Stenographie gelernt und auf einem der zahllosen Bureaus der Werft ihre Lehrjahre verbracht. Dann war sie von der befreundeten Hansa-Transatlantik-Linie am Alsterdamm übernommen worden und hatte es dort so hoch gebracht, wie sie es in ihrem Beruf überhaupt bringen konnte. Sie war persönliche Sekretärin des allmächtigen Generaldirektors geworden, des großen Georg Freimann. Da schickte es sich denn nicht mehr, daß sie im Seitenhof des Neuen Steinwegs hauste. Sie wohnte in einer Pension im vierten Stock des Wolkenkratzers am Binnenhafen, wo sie bis zum Kriege Gelegenheit gehabt hatte, ihre Sprachkenntnisse im Englischen, Französischen, ja im Spanischen zu vervollkommnen. Aber jeden Sonntag, ja manchen Wochenabend verbrachte sie bei Vadder und Mudder -- und hatte immer ein paar Mark übrig, um den Eltern eine unerwartete Freude zu machen.
Ja, Antje --! Ihr Lebensgang bewies, gleich dem der Werkmeisterjungen Bob und Armin Timmermanns: der Aufstieg in die beneidete und gehaßte Sphäre der Bürgerlichkeit war den Söhnen und Töchtern des arbeitenden Volkes nicht so unbedingt verschlossen, wie die Hetzer der Volksversammlungen es den Genossen vorschwindelten ... Und der stramme Tedje, der nun wohl endlich einmal den Heimweg aus dem Kaukasus gefunden haben müßte --? Ja, wenn der nur ein bißchen von dem zähen Ehrgeiz, dem sauberen Pflichteifer seiner Schwester Antje gehabt hätte ... Aber dem waren der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen als die Fortbildungsschule. Der würde ja wohl hoch droben in der Schwindelhöhe der Laufstege ewig seine Niete setzen, bis Alter und Gicht ihn zu einer noch anspruchsloseren Hantierung in der Schiffsbauhalle zwingen würden ... Der würde ewig ein unzufriedener, hetzerisch gestimmter Lohnsklave bleiben -- und es nicht einmal zum Kranführer bringen -- oder gar in die Werkmeisterswohnung aufsteigen, wie Vater Timm es für sich und seine Mine auf ihre alten Tage erstrebte ...
So übersann Timm Tietgens sein Schicksal und das seiner zwei von sieben Geburten übriggebliebenen Sprößlinge. Das tat er täglich, wenn er, dem Gewimmel der Dampffähre entronnen, seinen Weg durch die Wallanlagen der »Neustadt« zulenkte, deren Name längst ein Hohn auf die winklige, altersgeschwärzte Verkommenheit des größten Teiles ihres Innern geworden war. Und immer mündete solches Grübeln in einem stillen, glückseligen Lächeln:
Ja, meine Antje --!
Als er die klapprige Holzstiege zu seiner Behausung emporklomm, vernahm er droben den polternden Klang einer Männerstimme, die ihm eine Sekunde lang fremd vorkam. Und dann stand ihm das Vaterherz einen Schlag lang still: Das war -- Tedje --!
Er sprang die letzten Stufen hinan -- riß die Tür auf und -- hal mi de Düwel -- dei Jung --!
Da saß er neben Mutter ... die streichelte, mit blinkenden Tränen auf den welken Wangen, des Heimgekehrten muskelgeschwellten Arm ...
Vater und Sohn schüttelten einander die kräftigen Tatzen, daß sie knackten.
»Junge, wo sühst du ut -- as 'n Russ' -- mit 'n groten Bort ...«
»Bün ick ok!« grinste Tedje. »Ja, Vadder -- ick bring dei grote Heilslehre ut'n Osten mit -- Moskau heißt die Parole! Nu späln wi ok Bolschewismus!« Und mit rauher, offenbar schnapsbefeuchteter Stimme sang er den Trutzgesang des Radikalismus:
»Jetzt bringen wir der Welt die rote Seligkeit!«
Vater Timm mochte sich die Freudenstimmung über des Sohnes Heimkehr nicht durch einen politischen Disput verkümmern lassen. Er langte zur Kaffeekanne, um seinem Letzten, seinem Einzigen, einzuschenken. Da klang aus der guten Stube ein ungewohnter Ton: Klavierspiel ...
»Na nu? Wat's dit --?!«
Mutter Mining hatte dereinst um wenige Zwanzigmarkstücke ein altersschwaches Pianino eingehandelt, damit ihr Liebling auch Musik machen lernte ... Seit Antje die elterliche Wohnung verlassen hatte, war es verstummt. Nun klang es auf einmal wieder, und zwar anders als unter Antjes stümpernden Kinderhänden. Seltsame Weisen, den Schlichten kaum verständlich, doch geheimnisvoll erhebend und tröstend zugleich ... Eine Andacht schwebte heran, vor der selbst Tedjes trunkener Sinn sich neigen mußte ...
»Dat's mien Kam'rod, Vadder, mien Fründ ut'n Kaukasus -- Clos Mönkebüll heit hei ... un Schippbuer is hei as ick ok op uns' Werft -- öber freuher hebbt wi uns nich kennt ...«
Clas sei Nieter wie er, erklärte er flüsternd den Eltern. Er stamme aus Holstein und habe die ersten beiden Kriegsjahre als Reklamierter auf der Hammonia-Werft gearbeitet. Dann aber sei er »ausgekämmt« und in Rußland gefangen genommen worden. Sie beide hätten im Bergwerk gute Kameradschaft gehalten und beschlossen, sich auch in Zukunft nicht zu trennen. Sie würden ja beide ihre Arbeitsplätze auf der Werft wiederfinden und dort als Nieter zusammenarbeiten in jener zwillingshaften Gemeinschaft, die immer zwei Nieter beim Schaffen -- und in der Regel auch im Leben zusammenhält.
Inzwischen entquollen dem verstimmten Pianino immer neue Weisen, fremd und seltsam, und dennoch bezwingend für die kunstfernen Hörer ... Sie weckten wunderlich wechselnd Wehmut und Seligkeit, Gram und Verzückung, Lebensangst und Vernichtungsschauer ... Immer stiller saßen die drei Tietgens, Eltern und Sohn, und allen ward die Brust zu eng im Lauschen ... das ungelenke Spiel des Genossen da drinnen rührte mit unbegriffener Magie an die unerweckten Seelen.
Und keiner von ihnen hörte es, daß sich hinter ihnen leise die Tür geöffnet hatte. Ein Mädchen schob sich in die Stube, auch sie sofort zur Andacht entrückt. Ihr Wesen, ihre Kleidung wirkten in dieser Umgebung geradezu vornehm ... Antje sah den Bruder sitzen -- ihr schlug das Herz in zärtlicher Liebe und doch in jähem Erschrecken zugleich. Er war immer ein rauher Gesell gewesen, und niemand, der die Geschwister beisammen gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, sie für Vögel aus dem gleichen Neste zu halten. Aber nun -- war es möglich, dieser struppige, abgerissene Steppensohn, das war ihr Bruder?! Doch die Töne, die von drinnen quollen, von den Tasten, die sie selber einst mit kindlichen Fingern mißhandelt hatte -- war's nicht noch ein viel größeres Wunder als des Bruders unheimliche Verwandlung? Aber ein beglückendes, ein tröstlich zaubervolles ...? Antje versäumte kein Konzert in der Musikhalle, sie kannte, erkannte sofort die schmerzlich-süße Weise: den ersten Satz der Mondscheinsonate. Es entging ihr nicht, wie verstimmt das Instrument war, wie holprig, übungsentwöhnt und hart das Spiel -- es strömte dennoch von da drinnen eine Weihe aus, der auch sie, die an edelste Kunstübung gewöhnt, sich nicht entziehen konnte.
In dunkelster Schwermut verklang das Spiel. Noch eine Sekunde lang waren die Lauscher im Bann -- dann schloß Antje dem Bruder von hinten mit ihren schlanken, sorgsam gepflegten Händen die Augen.
Der Bursch machte sich frei, fuhr auf, stutzte sekundenlang vor der damenmäßigen Erscheinung der Schwester -- dann glühte in seinem Blick etwas mühsam Verhohlenes auf, etwas tierisch Wildes:
»Gottverdammi -- Antje -- Deern, wo hest du di rutmokt ...« Sie fühlte seine glühenden Finger an ihren Armen, es fröstelte sie -- aufatmend machte sie sich frei, umfing den Heimgekehrten und küßte ihn rasch und scheu.
»Willkamen, Tedje -- endlich! Scheun, Mudder, scheun, dat wi em wedder hebben!«
Aber da staunte ja noch ein anderes Augenpaar sie an -- doch ehrfürchtig wie eines Kindes Blick, das in die Weihnachtslichter starrt. Clas Mönkebüll, in zerlumptem Feldgrau, bartumzottelt wie sein Kamerad -- aber in seinem Blick flatterten nicht wilde Dränge -- eine kaum bewußte Sehnsucht leuchtete drinnen -- und die Rechte, die er schüchtern in die dargebotene Hand der Schwester des Kameraden legte, diese derbe Werkmanns- und Soldatenfaust, die dennoch zu Beethovens Höhe zu langen trachtete, sie zitterte leise, als berühre sie ein Heiligtum.
4
Der Landungssteg der »Alten Liebe« bei Cuxhaven schwankte wie ein Schiff auf hohem Meer unterm Anprall der Wellen, welche von der offenen Nordsee her in die Mündung der Norderelbe hereinbrandeten. Der Märzsturm zerrte an den Mänteln der beiden Männer, die auf dem Deiche standen, wirbelte den Schleier des Mädchens in die Lüfte, das an des älteren Arm hing. Und aller Blicke starrten wie gebannt den breiten Strom hinauf. Dort tauchte soeben aus den Abenddünsten, noch entfernt, ein mächtiger Schiffskörper, überragt von den schlanken Strichen der Lademasten, den klotzigen, dampfspeienden Schächten der drei Schornsteine. Und wie der Riese nun näher sich heranschob, da erkannten die Augen der drei Wartenden am Flaggenmaste die schwarz-weiß-rote Fahne, das heilige Symbol ihres Landes ...
Aufschluchzend schmiegte sich Ilse Carstensen an ihres Vaters Schulter. Der alte Schiffsbauer stand wie ein Steinbild, unerschüttert, äußerlich unbewegt -- nur seine fest zusammengekniffenen Lippen, von tausend Fältchen umspielt, bebten unmerklich fast.
Georg Freimann schwankte wie ein Trunkener, als risse der Sturmwind ihn hin und her. Die Auflösung seines Innern hatte dem schlanken, ehemals von Muskeln und Nerven völlig beherrschten Körper des Willensgewaltigen die letzten Stützen weggeschwemmt. Auch in seine Augen kam kein feuchter Schimmer. Wie ein gefangener Wiking, dem der Feind vor seinen Augen die Schiffe verbrennt, so stierte er zu dem majestätischen Schiffsleib hinüber, der eben jetzt, auf der Höhe der »Alten Liebe« angelangt, das Zeitmaß seines stolz gelassenen Hingleitens mäßigte.
Und nun geschah's:
Die schwarz-weiß-rote Fahne sank -- und an ihrer Statt stiegen die Hoheitszeichen der Entente empor: Englands meerbeherrschendes blaues Banner mit dem roten Diagonalkreuz, Frankreichs Trikolore, gebläht von Siegestrunkenheit -- Amerikas Sterne und Streifen, in behäbiger Selbstgefälligkeit sich spreizend -- und im Schutze der drei Gewaltigen das Grün-Weiß-Rot des abtrünnigen Italien, das Schwarz-Gelb-Rot des nackensteifen Belgien -- sie alle fünf die Vorkämpfer und Beauftragten von drei Vierteilen des Erdballs im vierjährigen Ringen gegen dies eine, dies unrettbar verlorene Volk, das ihnen getrotzt hatte bis über den Abfall der paar Bundesgenossen hinaus, bis zum unvermeidlichen inneren Zusammenbruch ... Ihre Banner flatterten im Nordseehauch -- die Farben des Reiches waren erloschen.
Der »Altreichskanzler« war verloren -- das letzte Schiff der deutschen Handelsflotte -- das stolzeste Zeugnis deutschen Schaffensdranges und Wagemutes.
Das bedeutete das Ende der Hansa-Transatlantik-Linie -- der weiland ersten Großreederei der Welt ... konnte es anders sein?
Georg Freimann, ihr Schöpfer, wagte nicht mehr zu hoffen. Sein Lebenswerk war zerbrochen -- und mit ihm sein Leben.
Ein einziges Mal schluchzte er auf -- kurz und trocken. Da löste sich das Mädchen, das seines Sohnes heimliche Verlobte war, von ihrem Vater, dem nicht minder tief gebeugten, und legte ihre Arme um des Schwiegervaters zuckenden Nacken.
»Mut, Papa -- Mut -- wir bauen alles neu. Jetzt hast du Hilfe -- Heinz ist da ...«
Wie tief und fest er geschlummert hatte, als die scheue Braut sich an Mutter Johannas Arm in des Verlobten Zimmer geschlichen hatte, um sich von ihm zu dem schweren Gange zu verabschieden ... Mochte er weiterschlummern -- der Genesung, der Zukunft entgegen.
Eine Dampfbarkasse, im Kielwasser des Riesen schwimmend, hatte sich bei dessen Abstoppen an seine Flanke herangeschoben. Die Treppe sank nieder, und eine Schar von Herren tappte sich die steile Fallreep hinab: die Kommissionen der Werft und der Linie. Kein Zweifel: die Übernahme war vollzogen.
Und schon quirlte am Hintersteven des »Altreichskanzlers« der weiße Schaumstreifen auf. Das herrliche Schiff nahm Fahrt, glitt vor den umflorten Blicken seines Erbauers und des Vertreters seiner Eignerin dahin, rauschte der freien Nordsee entgegen, die es einst so oft durchfurcht, von der es vier Jahre lang ausgesperrt gewesen war -- kehrte dem Heimathafen den Rücken, gewiß um ihm niemals wieder zuzustreben -- und schwebte von dannen -- immer ferner, ferner -- ins Reich der Fabel, des Märchens, des nie Gewesenen ... wie der deutsche Traum von Größe und Weltgeltung.
Die beiden Männer, der Alternde und der Greis, standen stumm und bewegungslos. Zwischen ihnen, ihrer beider Arme umfassend, stand die Jugend. Des Mädchens Tränen waren versiegt. Eine Glut leuchtete auf ihrem weißen Gesicht, in ihren blauen Nordlandsaugen. Immer höher wuchs ihre feine Gestalt, immer verklärter flammte ihr Blick. Er haftete nicht mehr am fern verschwimmenden Schattenriß des entschwebenden Schiffes -- er maß die breite Fläche des schaumübersprühten Meeres, in dessen Tiefe nun, aus fliehenden Wolken purpurgolden plötzlich auftauchend, die Abendsonne niederstieg.
Die Männer wandten mit einem Male die Blicke dem jählings glutüberronnenen Gesichte des Mädchens in ihrer Mitte zu. Und beiden schwoll das Herz. Sie schauten die Hoffnung -- die Gewißheit der Wiedergeburt.
Und noch ein dritter Mann starrte wie gebannt zu dem abendgoldüberflammten Antlitz des jungen Weibes empor. Die Barkasse, welche die Kommission nach Hamburg zurückführen sollte, hatte an der »Alten Liebe« angelegt. Ihr war Robert Timmermanns entstiegen. Mit raschem, grimmdröhnendem Schritt war er auf die Gruppe am Deiche zugestampft. Nun hemmte er seinen Gang -- am Fuße der Treppe stehend schaute er wie angewurzelt zu dem glaubensstolzen Mädchen empor -- das ihm längst schon mehr bedeutete, viel mehr als nur die Tochter seines Chefs.
Ilse Carstensen war eine junge Dame der großen Welt ihrer Vaterstadt wie andere mehr gewesen. Ihre schnippische Dünkelhaftigkeit war nur selten im rauhen Betriebe der väterlichen Schaffensstätte aufgetaucht. Dann hatte sie die »Angestellten« wie eine Schar Kulis kaum eben mit einem flüchtigen Blick gestreift. Als aber der Krieg den Bureaus der Werft einen tüchtigen Mitarbeiter nach dem andern entzogen hatte, da hatte sie den Tennisschläger und das Paddelruder mit dem Kohinoor und der Schreibmaschine vertauscht. In vier Jahren strenger Arbeit war sie als erste Gehilfin ihres Vaters in den Betrieb der Werft hineingewachsen ... Und als Bob Timmermanns, vor wenigen Monaten nur um eines Haares Breite der Wut der meuternden Matrosen Kiels entronnen, seinen Dienst an Bord des »Friedrich der Große« wieder mit seinem Platz im Direktionsbureau der Werft vertauscht hatte, da hatte er den blonden Backfisch von einst als pflichtbewußte, kenntnisreiche und arbeitsfreudige Mitarbeiterin seines Chefs wiedergefunden, um ihr täglich nun zu begegnen, täglich mit ihr dienstliche Verhandlungen zu pflegen.
Der Sohn des Werkmeisters hätte es als Vermessenheit empfunden, seinen Blick mit ernsten Träumen zur Tochter des Werkeigners zu erheben. Zudem ahnte er seit Monaten, wußte seit heute morgen, daß das Leben der jungen Dame mit dem eines Mannes aus ihren Kreisen bereits verflochten war ...
Nun sah er sie im Abendgold, im Strahle schmerzentstiegener Hoffnung. Er stand wie geblendet in dumpfseligem Schauen.
Aber da war noch ein fünfter herangekommen, bedächtigen Schrittes, voll gemessener Zurückhaltung -- und doch auch er gebannt von diesem herzergreifenden Bilde deutschen Leides. Nun schritt der Fremde an dem regungslos staunenden Recken vorüber, stieg die drei Stufen zum Deiche hinan -- und seiner trockenen Stimme Ton zerriß den Zauber des Augenblicks.
»+Good evening+, Mister Freimann!« sagte Elias Patterson mit weltmännischem Lächeln, in das sich kaum ein ganz leiser Ton von Befangenheit mischte. »Entsinnen Sie sich noch Ihres alten Konkurrenten und Mitarbeiters vom Morgan-Trust?«
Die Bestrebungen des amerikanischen Bankiers Pierpont Morgan auf Schaffung eines alle transatlantischen Reedereien umfassenden internationalen Zusammenschlusses hatten, von Kaiser Wilhelm begünstigt, wenige Jahre vor dem Kriege zu einem vollen Einvernehmen der Hansa-Transatlantik-Linie und später auch der Bremer Konkurrenzgesellschaft mit den amerikanischen Interessentengruppen geführt. In jener Zeit hatten die Herren Freimann und Patterson auf mancher bedeutungsvollen Verhandlung in London, Neuyork, Hamburg einander kennen und schätzen gelernt. Der Krieg hatte diese verheißungsvollen Anfänge eines Interessenausgleichs der Weltwirtschaft zertrümmert.
Georg Freimann, der noch nicht wissen konnte, welch seltsames Zusammentreffen den einstigen Geschäftsfreund von drüben mit seinem heimkehrenden Sohne zusammengeführt, setzte der etwas stark aufgetragenen Jovialität des Mannes aus dem Siegervolke die eisige Ruhe seiner Verzweiflung entgegen.
»Herr Patterson -- Sie kommen aus dem Lande des Präsidenten Wilson.«
»Herr Freimann,« entgegnete der Amerikaner mit verzeihender Ruhe, »ich war heut morgen in der angenehmen Lage, Ihren Sohn zu treffen. Ich betrachte diese Begegnung als ein gutes Omen. Darf ich Sie morgen in Ihrem Bureau aufsuchen? Meine amtliche Mission ist beendet -- ich möchte noch über Privatgeschäfte mit Ihnen plaudern. Also wenn Sie erlauben -- auf Wiedersehen morgen früh!«
Und Elias Patterson kehrte zur Barkasse zurück, mischte sich mit seiner ganzen dickfelligen Harmlosigkeit unter die Mitglieder der deutschen Kommission, von denen er sich bereits bei seiner Ankunft auf dem »Altreichskanzler« hatte versprechen lassen, daß sie ihn nach Hamburg mit zurücknehmen würden, dieweil die Entente-Kommission an Bord blieb, um die Fahrt des erbeuteten Schiffes in den Bestimmungshafen zu leiten.
»Verdammter Dickhäuter!« knirschte Bob Timmermanns hinter dem Amerikaner drein. »Wenn man könnte, wie man wollte -- der söffe jetzt Elbwasser und Meerwasser halb und halb.« Und dann trat er auf seine Landsleute zu, schüttelte seinem Chef und dem Generaldirektor der H. T. L. in stummer Teilnahme die Hand. Auch Ilse streckte dem treuen Mitarbeiter vertraulich die Rechte entgegen -- er drückte sie, daß das Mädchen lachend ächzte.
»Fahren die Herrschaften mit der Barkasse zurück?«
»Danke, Timmermanns --« sagte der alte Carstensen. »Unser Auto wartet.«
»Herr Präsident,« wandte der Ingenieur sich an Freimann, »ich möchte gerade in dieser Stunde im Namen der Werft um Erlaubnis bitten, Ihnen die Zeichnungen und Anschläge zum ersten der neuen Passagierdampfer vorzulegen, welche die H. T. L., wie die Werft hofft, demnächst in Auftrag geben wird.«
Der Reeder sah den Techniker an, als zweifle er an seinem Verstande. »Passagierdampfer?!« fragte er mit einem seltsamen Beben in der Stimme. »Die H. T. L. ist bankrott. Mag sie liquidieren wer will -- ich passe.«
»Das Reich wird die Linie zu entschädigen haben. Sie hat in Erfüllung des Waffenstillstandsvertrages ihre gesamte Flotte +a conto+ Kriegsentschädigung und so weiter an den Feindbund ausgeliefert -- das Reich ist ihr Schuldner. Sie ist so wenig bankrott -- wie das Reich.«
»Aber das ist ja bankrott?«
»Solange es noch eine Notenpresse gibt« -- grinste Timmermanns -- »solange ihre Marknoten noch einen Bruchteil ihres einstigen Wertes gelten -- solange ist das Reich nicht bankrott.«
»Das Reich -- wer ist das Reich?«
»Die provisorische Regierung.«
»Die hat Wichtigeres zu tun, als Deutschlands Wirtschaft wieder aufzurichten. Die muß ihren Parteigängern die Futterkrippe sichern.«
»So wird man sich die Entschädigung für die Handelsmarine aus der Futterkrippe herausholen müssen.«
»Na, das wäre ja etwas für Sie, Timmermanns«, warf der alte Carstensen dazwischen.
»Wenn's sein muß, ich tu mit ...« knirschte der Riese. »Mich würde es laben, mit den roten Reichsverwüstern ein Wörtchen deutsch zu reden. Also noch einmal, Herr Präsident, wann haben Sie Zeit für mich und meinen Dampfer?«
Georg Freimann sah den Schiffsbauer voll Bewunderung an. »Sie sind ein Kerl, Timmermanns ... Also wenn Sie wollen -- heute abend ... Aber nicht im Bureau -- speisen Sie mit uns -- Sie, Freund Carstensen, und du, meine Ilse, ihr seid ja ohnehin heute abend unsere Gäste, um unseren Heimkehrer zu bewillkommnen ... Also bleiben Sie gleich bei uns -- im Wagen ist Platz.«
Aber Timmermanns entschuldigte sich. Er wolle mit der Barkasse heimfahren und seine Pläne holen. Zur befohlenen Stunde werde er sich in Villa Freimann melden.
Und schon stapfte er zum Landungssteg hinab. Aber etwas von ihm blieb zurück: die ungebrochene Kraft eines trotzigen Lebenswillens.
Und Georg Freimann dachte an seinen Sohn. Dieser Timmermanns -- so ein Kerl hätte sein Erbe sein müssen ... dann hätte man hoffen dürfen ... Dem alten Manne da neben ihm, der keinen leiblichen Sohn gezeugt hatte, dem war der Erbe seines Geistes erwachsen. Aber die Hansa-Transatlantik-Linie?
Ein vakanter Nachlaß ... Und morgen würde der Liquidator antreten: der Konkurrent von drüben ...
Neben dem Union-Jack war auf dem Weltenmeer nur noch für das Sternenbanner Platz.
Schwarz-weiß-rot war niedergeholt.
Wie sagte das alte Kennwort der Hansa? »Das Fähnlein ist leicht an die Stange gebunden, aber es kostet viel, es mit Ehren wieder niederzuholen.«
Es war niedergeholt -- aber ohne Ehre. Der Feind, der Sieger, hatte es eingerafft.
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