Das Land unserer Liebe

Part 16

Chapter 163,447 wordsPublic domain

Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob auch unsereins einmal so frei sein darf ...«

»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst ... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun -- und was wurde weiter? Was sagtest du, tatest du?«

»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ... es war ein Leutnant Timmermanns -- der Bruder unseres Generaldirektors ...«

»Ah -- deines stillen Verehrers!«

»Ach -- der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die ›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«

»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger. »Nun -- und wie ging's aus?«

»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung -- da ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche Abschiedsblick -- mir gruselt noch, wenn ich daran denke ... ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten -- unwillkürlich zog sie den Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz -- und du mit solchen Kerlen seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen -- wie du das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege -- du ahnst nicht, wie oft ich's tu um deinetwillen -- mich ängstigen entsetzliche Bilder ... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche Unternehmung ihren Zweck erreicht?«

»Das hat sie längst getan, Ilse -- und ich denke, es ist nun genug. Ich warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab -- dann werde ich wieder Heinz Freimann -- und Anders Niemann wird Episode gewesen sein ...«

»Heinz -- ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«

»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten. Das ist ein langes Kapitel ...«

»Erzähl' mir, Heinz -- erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin -- noch in einem ganz anderen Sinne als jetzt bei Vater ...«

»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich gelernt hab'? Ich kenne nun -- oder bilde mir's wenigstens ein -- ich kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«

»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft -- von Seele habe ich wenig gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen -- da hast du die Arbeiterseele!«

»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte Heinz.

»Ach nein -- die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter. »Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan! Bedenk doch nur -- unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«

»-- die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat -- sollte das nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen, unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes -- Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums -- -- Und was das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge nur seinem leiblichen Wohl gilt -- nur bestimmt ist, seinen Wert als Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen -- Lebensinhalt zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem Volkstum entfremdeten -- es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«

»Und das -- das willst du --?!«

»Ich will's -- solange kein anderer es tut -- kein anderer als vielleicht der Feind -- durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur, unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«

»Also was willst du tun?«

»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten, die irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß: Hier ist eine ungeheure Not -- Millionen der Menschen, die unsere Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja jetzt auf einmal alles -- ich begreife, warum wir den Krieg verloren haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die große Prüfung über uns kam.«

»Und euer berühmter Geist von 1914?«

»Ein schöner Traum -- eine Vorahnung nur von -- etwas, das einmal kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres Heeres -- nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen -- langsam, unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte -- die außerhalb der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht ausgleichen lassen -- man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So -- ist's gekommen.«

»Und -- was soll werden?« fragte Ilse.

»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein Deutscher ist. Daß wir zusammengehören -- über den Klüften der Bildung, des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt -- das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen -- dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen, nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe, nicht mit der Diktatur des Proletariats -- aber auch nicht mit Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«

»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft -- ist das nicht auch nur ein Wort, eine Theorie -- eine Phrase?!«

»Es ist ein Wort -- eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem Ernst. »Es ist -- ~das~ Wort.«

»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«

»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf kommt es auch gar nicht an -- dazu bedarf es aller Kräfte der Nation. Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird. Ich habe sie erkannt -- und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner. Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt, stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans Köpfchen und sagt: +My flag+! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«

»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber -- wer wird die Kraft haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja -- und welche Flagge sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei -- an der einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen -- und die andere -- die wird uns aufgezwungen ...«

»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen: Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun. Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt, scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden. Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«

2

An den St. Pauli Landungsbrücken -- ein Bild fast wie aus der Friedenszeit ...

Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter, erregter, fast fieberhaft. -- -- Was einst alltäglich war, nun ist's ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.

Ein Riese des Ozeans wird erwartet -- ach, es ist kein deutsches Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's -- noch nicht wieder ... Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen »Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens, dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen Reiches -- -- morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.

Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg anlaufen -- dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft -- nach der allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...

Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne mit den Buchstaben »U. T. L.« -- dem Symbol erster Wiederbesinnung der wahnzerrissenen Menschheit.

Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie und der Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen -- und dem feierlichen Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte, daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.

Hatte sie das wirklich?!

Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von Linie und Werft es kannten -- wer wußte, was sie wußten -- der mußte es billig bezweifeln.

Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg -- wie es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.

Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im Streik -- und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...

Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen -- -- er war gefunden.

Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte, er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution? Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts -- was würde er dem Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam -- würde sie nicht das Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges -- ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!

Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann, gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren Mitarbeitern tauschten.

Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau Johanna -- und Bessie.

Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:

Heinz ist gefunden!

Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz hinunter. Aber einst -- doch gewiß bald -- da würde er wiederkehren -- um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt -- und vielleicht den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat -- die aus allen Deutschen Brüder machen sollte -- aus den sechzig Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren -- ein Reich -- ein Volk.

So träumte Mutter Johanna ...

»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut hätte ...«

Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie -- du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse -- willst es nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...

»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«

Nein -- sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf -- ganz frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.

Ach -- es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage, da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte, Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt, und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene Jäckchen in Fetzen gerissen ...

Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.

»Mama -- Bessie -- ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim ... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten -- dann, meint er, sei's genug -- dann macht er Schluß mit Anders Niemann -- und will wieder unser sein ...«

Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die Braut umarmt ... Aber nein -- Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu beherrschen, wenn andere zuschauen.

»Und dann? Und dann, Ilse?«

»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich -- es will mir kaum über die Lippen -- unter Anerkennung der Republik -- er, des Kaisers Offizier ...«

Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam -- alles andere würde sich finden -- diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus sei ihm nicht Heimat mehr ...

»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ... +Daddy+ und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse -- wenn du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«

»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«

»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung ... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses bieten -- sonst verlören sie das Vertrauen -- und die Vereinigung der beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts zu tun habe, könne sie keine Löhne zahlen ... Das hatte Heinz ihm alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch geblieben ist ...«

Erregung schwoll auf -- alle Hälse reckten sich ... Dort hinten, wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das Lotsendampferchen -- als führe die Hand eines Kindes einen tappenden Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.

Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen -- ausgesperrt vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen -- dem Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten Kaiserreichs ...

»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser --« herrischer Fürstenmund, der einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung verstummt ...

Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's möglich -- täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!

Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.

War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief an die Lebensgefährtin der Browning lag --?

Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes Antlitz.

Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände -- drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der wiedererwachten Menschlichkeit.

3

Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer näher und näher. Unabwendbar.

Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur ein Vorspiel.

Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph des Kapitalismus -- das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor -- der Sendling des Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht vom Stapel laufen -- --

Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit, das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...

Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft -- im Bunde mit seinen Freunden, seinen Stubengenossen!

Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob Timmermanns -- der Werkmeisterssohn -- hatte es ersonnen. Er, der ihn einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen Hund ...

Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen -- für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch ... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.

Und dann -- dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen -- und nach Amerika fahren -- und schwer Geld verdienen -- für die H. T. L. Für die Feinde -- die Kapitalisten.

Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?

Nicht zu früh triumphieren -- ihr da oben im Licht!!

Die »Deutschland« läuft morgen ~nicht~ vom Stapel! Die »Deutschland« geht heut nacht in die Luft!

Und dann -- wenn alles drunter und drüber geht -- dann holt Tedje Tietgens sich seine Feine -- seine »Zarentochter« --!!

* * * * *