Das Lämmchen

Part 5

Chapter 51,851 wordsPublic domain

Nachdem alle satt waren, ertönten auf einmal fröhliche Schallmeyen. Die Söhne des Schäfers zogen mit dieser ihrer ländlichen Musik in den Schloßhof; die reinliche, schön geschmückte Schafheerde folgte ihnen, und der alte Schäfer machte den Beschluß. Die Kinder hatten an den schönen Schafen große Freude, und bald rief dieses, bald jenes: »O wie schön! So schöne blüthenweiße Schafe, die mit so schönen rothen Bändern geziert sind, haben wir noch nie gesehen.« Aber wie groß war erst die Freude der Kinder, als sie hörten, die Schafe sollten unter sie vertheilt werden, und die Kinder jedes Hauses sollten zusammen ein Schaf bekommen. Die Frau von Waldheim wollte die Schafe durch das Loos vertheilen lassen, um die Vertheilung unterhaltender zu machen und jeden Schein von Partheilichkeit zu vermeiden. Jedes Schaf hatte ein Blatt mit einer Nummer anhängen. In einem großen irdenen Topfe befanden sich auf zusammen gerollten Blättchen eben die Nummern, wie an den Schafen. Nun mußte ein Kind nach dem andern eine Nummer ziehen, und sobald es gezogen hatte, erschallten die Schallmeyen und spielten so lange fort, bis das Schaf mit eben derselben Nummer aus der Heerde herausgefunden war. Die Begierde der Kinder bey dem Ziehen, die Erwartung, welches Schaf dem ziehenden Kinde zu Theil werden würde, die Freude des Kindes, wenn ihm das Schaf wirklich übergeben wurde, lassen sich gar nicht beschreiben. Der ganze Schloßhof war voll Jubel.

Nachdem die Schafe alle vertheilt waren, zogen die Kinder damit hinab in das Dorf. Die Schäferssöhne mit ihren helltönenden Schallmeyen gingen voran, die Schafe von den Kindern begleitet folgten, und der alte Schäfer beschloß den Zug. Gleichsam im Triumpfe zogen sie in dem Dorfe ein. Als die Leute die Schallmeyen und das Jubeln der Kinder hörten, und die schöngeschmückten Schafe erblickten, wunderten sie sich sehr, was doch dieses alles zu bedeuten habe. Allein da sie vernahmen, daß die gnädige Herrschaft die Kinder so gütig beschenkt habe -- da hätte ihre Freude kaum größer seyn können. Viele Aeltern vergossen über die mildthätigen Gesinnungen ihrer gnädigen Herrschaft Freudenthränen.

In jene Häuser, wo sich kein Schulkind befand, schickte Frau von Waldheim dennoch ein Schaf hin; den wackern Bauersleuten aber, die einst die arme Rosalie so liebreich in ihr Nebenhäuschen aufgenommen hatten, schenkte sie zehn Schafe. Auch den ehrlichen Bauern und die gute Bäuerin auf dem Eichhofe, die einst der kleinen Christine jenes Lamm geschenkt und sie so freundlich zum Nachtessen eingeladen hatten, vergaß sie nicht. Da diese Leute sehr reich waren, und noch immer Schafe genug hatten, so ließ sie auf den folgenden Sonntag beyde zum Mittagsessen einladen, und der Bauer versicherte öfter, diese Ehre schätze er viel höher, als wenn die gnädige Frau ihm hundert Schafe geschenkt hätte.

Am andern Morgen kamen alle Hausväter aus dem Dorfe in ihren Sonntagskleidern auf das Schloß, der gnädigen Herrschaft für die erzeigte Wohlthat zu danken. Nun nahm Karl das Wort und sagte: »Liebe Männer! Ihr wißt, als ein armer Jüngling, der beynahe nichts hatte, als seinen Stab, wanderte ich einst durch diese Gegend. Durch ein Lamm half mir Gott wieder zu meinem väterlichen Erbtheile, und machte mich so glücklich, der Gutsherr von Euch lieben Leuten zu werden. Meine Mutter, meine Schwester, und ich wünschten, daß die Wohlthat, die Gott uns durch ein Lamm erwies, auch noch für unsre und Eure Nachkommen unvergeßlich bleiben, und ihnen noch zum Segen werden möchte. Hört deßhalb, was wir beschlossen haben!«

»Das Recht in unserm Dorfe hier Schafe zu halten, gehörte bisher Ausschließungsweise der Herrschaft zu. Dieses Recht sollt ihr von dem heutigen Tage an nun alle genießen. Deßwegen gab meine Mutter Euren Kindern zu einem kleinen Anfange die Schafe. Gott wolle sie Euch segnen!«

»Ich hoffe, Euer Ackerbau soll durch die Schafzucht sehr verbessert werden, nach dem alten Sprichworte: Die Fußtritte der Schafe verwandeln sich in Gold. Aber auch den Aermern, die keinen Acker haben, wird wenigstens Wolle und Milch sehr gut kommen.«

»Ich werde die Anstalt treffen, daß die Wolle, die wir gewinnen, sogleich in unserm Dorfe verarbeitet werde, und ich hoffe, es soll noch der Tag kommen, daß die Kleider aller Bewohner meiner Herrschaft von selbst gewonnener Wolle verfertigt seyn werden. Gott gebe seinen Segen dazu!«

Karls Wunsch ging auch vollkommen in Erfüllung. Die arme Rosalie, nunmehr Frau Rentmeisterin, und ihre Tochter Christine gaben Unterricht im Wollspinnen und Stricken. Ein Tuchmacher, ein Hutmacher und ein Strumpfwirker zogen auf Karls Veranstaltung in das Dorf. Es wurden sehr schöne Tücher von allen Farben und auch sehr gute Hüte und Strümpfe verfertigt. Karl bemerkte oft mit Rührung, wie Groß und Klein im Dorfe vom Haupte bis zu den Füssen mit selbst gewonnener und verfertigter Kleidung versehen waren, und wie alle Getreidfelder des ganzen Thales in einen blühenderen Zustand kamen und reichlichere Früchte trugen.

Emilie verlegte sich noch besonders auf die Stickerey mit gefärbter Wolle. Sie hatte von ihrer kleinen Heerde einen Vorrath an Wolle gesammelt, die von sehr feiner Art war. Der Rentmeister West legte ganz unerwartet ein neues Talent an den Tag. Er hatte von seinem Färber gelernt, der Wolle alle Farben, und jeder Farbe alle mögliche Abstufungen zu geben, von dem hellsten Lichte bis zum dunkelsten Schatten. Emilie war daher in den Stand gesetzt, ganz vorzüglich schöne Stickereyen zu verfertigen. Karl machte dazu die Zeichnungen und Christine leistete ihr dabey trefliche Hülfe. Sie stickten bunte Blumenkränze und niedliche Körbchen voll Blumen von allen Farben, große Rosensträuche, die mit halb und ganz aufgeblühten Rosen und reichlichem grünem Laube prangten, ja ganze Landschaften, in denen Baumschläge, Felsen, Wasserfälle und dergleichen zu sehen waren, und die mit Gewinden von Reblaube und gelbgrünen und purpurblauen Trauben dazwischen oder mit andern schönen Verzierungen eingefaßt waren. Emilie richtete so nach und nach ein ganzes Zimmer im Schlosse sehr schön ein. Der Teppich auf dem Tische, die Ueberzüge der Sessel und des Kanapees und auch der Fußteppich waren auf diese Art gestickt, und wer hineintrat, erstaunte über die Pracht der lebhaften Farben, die Richtigkeit der Zeichnung, und die kunstreiche Schattirung.

Da alle die schön gefärbte Wolle, die dazu verwendet worden, ursprünglich von jenem einzigen Lamme herkam, so machte Karl, nunmehr, gnädiger Herr von Waldheim, eine sehr schöne, große Zeichnung, in der er den ihm unvergeßlichen Augenblick abbildete, in dem er Mutter und Schwester vermittelst des Lammes wieder gefunden. Ganz im Vordergrunde auf der Felsenbank unter den Eichen zeichnete er seine Mutter nebst ihrer Gesellschafterin Rosalie. Weiterhin in dem Walde erblickte man Emilie und Christine und ihn selbst, und in ihrer Mitte befand sich das Lamm. Er hielt in einer Hand den Ring und deutete mit dem Zeigefinger der andern Hand auf die goldenen Buchstaben, die auf dem rothen Halsbande des Lämmchens deutlich zu sehen waren. Emilie aber zeigte mit ausgestrecktem Arme nach der Gegend hin, wo ihre Mutter saß, als wollte sie sagen: »Dort ist sie!« Karl mahlte die Zeichnung mit sehr lebhaften Farben vortrefflich aus, und die sehr kenntlichen Personen auf dem Bilde, die nebst dem Lamme von der untergehenden Sonne kräftig beleuchtet waren, machten zwischen den dunkeln Schatten des Waldes eine unvergleichliche Wirkung. Er hängte das Gemälde, in einen goldenen Rahmen gefaßt, in dem Zimmer auf, nachdem er zuvor mit goldenen Buchstaben die drey Worte darunter geschrieben hatte:

»_Unter Gottes Leitung!_«

Bei _Philipp Krüll_ in _Landshut_ ist zu haben:

_Genovefa_. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums, neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und Kinder. 4te rechtmäßige Auflage, m. 1 Kupf. 8. 1825. 24 kr. oder 6 gr.

_Ostereyer_, die, eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder, von dem Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

_Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntniß Gottes kam; eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verbesserte Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

_Blüthen_, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verb. und vermehrte Ausgabe. 8. 1826. 24 kr. 6 gr.

_Erzählungen_ für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 1s Bändchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

-- -- desselben Werks 2s Bändchen. 12. 1825. der _Weihnachtsabend_, eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder, von dem Verfasser der Ostereyer. 12. 1825. 15 kr. 4 gr.

_Blumenkörbchen_, das, eine Erzählung dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer: mit 1 Titelkupfer. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap. 1 fl. 48 kr. Rthl. 1.

_Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, für Aeltern und Kinder. Erzählt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 Kupf. 8. 1823. 30 kr. 8 gr.

_Itha_, Gräfin von Toggenburg; eine sehr schöne und lehrreiche Geschichte aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzählt für alle guten Christen, besonders für unschuldig Leidende. Ein Seitenstück zur Genovefa; mit 1 Kupf. 7te Auflage. 8. 1825. 24 kr. 6 gr.

_Hirlanda_, Herzogin von Bretagne, oder der Sieg der Tugend und Unschuld; eine erbauliche und lehrreiche Geschichte des Alterthums, neu erzählt für Junge und Alte von dem Verfasser der Gräfin Itha von Toggenburg. 3te rechtmäßige Auflage. 8. 1822. 18 kr. 5 gr.

_Geschichten_, biblische, für Kinder. 3 Thle. (v. Christoph Schmidt). 8. 1822. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr.

-- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr.

_Engelbrecht_, A., Aufsätze pädagogischen Inhalts; ein Buch für Seelsorger und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden Unterhaltung; mit 1 Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1.

_Hausaufgaben_ für Schreib- und Rechnungsschüler in Volksschulen, oder Aufgaben zur Selbstbeschäftigung der Schüler. 2te verbesserte Auflage. 8. 1823. 15 kr. 4 gr.

_Diktirübungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst einem Diktir-Surrogat für Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch für Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 kr. 3 gr.

_Maurer_, K., Lesebuch für geübtere Leseschüler. 8. 1818. 15 kr. 4 gr.

-- -- kleine lehrreiche Erzählungen u. Lesesätze, nebst einigen Gleichnissen und Denksprüchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk für Kinder. 8. 1820. 8 kr. 2 gr.

-- -- Briefe für Kinder, nebst einigen Anreden bei öffentlichen Schulprüfungen. 3te Auflage, gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr.

-- -- Tabelle zur Kenntniß der Buchstaben. 8. 1817.; auf Pappendeckel gezogen 2 kr.

-- -- Lesebuch für Anfänger im Lesen. 3 Abtheil. 2te verb. Aufl. 12. 1824. 7 kr. 2 gr.

Alte, der, von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 2te verbesserte Auflage. 12. 1822. 9 kr. Z gr.

_Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der nöthigsten Sach- und Sprachgegenstände für Volksschulen. 8. 1822. 30 kr. 8 gr.

_Jais_, P. A., schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen, zur Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene. 2 Bändchen. 10 kr. 3 gr.

_Fabeln_ für unsere Zeiten und Sitten. 2 Bändchen. 8. 1821. 1 fl. 16 gr.

_Ackermann_, G., kurze Volkspredigten über sinnliche Lust und sinnliche Abtödtung; auf die Faßnachts- und Fastenzeit. 8. 1825. 36 kr. 8 gr.

_Schmid_, J. G., Versuch einer Sittenlehre in Denkreimen, gesammelt für Schulkinder auf dem Lande. 12. 1825. 2 kr.

_Sailer_, Bischof, J. M., das christliche Monat, oder Gebethe und Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, mit Kupf. 8. 1826. 1 fl. 24 kr.

_Nikolaus_ von Myra, eine eben so lehrreiche als wundervolle Geschichte aus dem 3 und 4ten christl. Jahrhundert, neu erzählt, und mit moral. Anwendung vorzüglich für Hausväter, Eltern u. Kinder begleitet. 8. 1821. 8 gr. 30 kr.

_Lebensgeschichte_, erbauliche, der Dienerin Gottes, Marie Clotilde von Frankreich, Königin von Sardinien; aus d. Franz. übers. 8. 1819. 6 gr. 24 kr.

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