Das Lämmchen

Part 3

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Die Frau von Waldheim veranstaltete nun in dem Schlosse eine kleine Freudenmahlzeit. Emilie deckte den Tisch mit dem feinsten blendend weißen Tafeltuche und zwei helle Wachskerzen auf silbernen Leuchtern spiegelten sich in dem glänzend reinen Tischgeräthe. Karl mußte zwischen seiner Mutter und Schwester Platz nehmen, und Rosalie und Christine mußten auch mitspeisen. »Denn, sprach die Frau von Waldheim, ohne Euch und Euer Lämmchen hätte ich ja meinen lieben Sohn Karl nicht gefunden!« Karl, der von der Reise hungrig geworden, ließ sich das Abendessen sehr wohl schmecken. Seine Mutter und Schwester aber konnten vor Freude fast nicht essen, und sahen ihn nur immer an. Sie fragten ihn bald dieses, bald jenes. Allein erst nach Tische bathen sie ihn, seine Geschichte im Zusammenhange zu erzählen, was er denn auch sehr gerne that.

»Mein Kindheit und meine Jugendjahre, sprach er, brachte ich, von dem Abende an, da ich aus dem Flusse gezogen wurde, beständig bey einem sehr ehrwürdigen Pfarrer, Namens Engelhard, jenseits des Rheins zu. Ich würde von den Schicksalen meiner ersten Kindheit und von meinen lieben Aeltern wohl kaum mehr etwas wissen, wenn er das Wenige, was ich damals -- in einem Alter von vier Jahren ihm sagen konnte -- mir nicht öfters wiederholt hätte. Selbst unsers Schiffbruches erinnere ich mich jetzt nur mehr dunkel. Allein der gute Pfarrer, der nicht weit von jener Unglücksstätte wohnt und sich nach allem, was mich betraf, genau erkundigt hatte, beschrieb mir jenen fürchterlichen Abend und die darauf folgende Schreckensnacht sehr oft. Der Krieg hatte mit allem, was er Schreckliches haben kann, sich gleich einem verheerenden Gewitter, ganz in jene Gegend gezogen. Zwey Dörfer standen im Brande, und die hoch auflodernden Feuerflammen erhellten mit ihrem rothen Glanze weit umher die Gegend, rötheten die Wolken des Himmels, und strahlten schauerlich aus dem Flusse wieder. Die geschlagene Armee rettete sich über den Fluß. Die Sieger drangen ihr auf dem Fuße nach. Man glaubte ein furchtbares Hochgewitter zu hören, so laut donnerten die Kanonen, und man vernahm bereits das kleine Gewehrfeuer sehr deutlich. Ganze Familien, Väter, Mütter und Kinder, hatten theils zu Fuß, theils zu Wagen sich hieher geflüchtet, und wußten nun nicht mehr weiter. Das Gedränge und die Verwirrung war unbeschreiblich. Auch der gute Pfarrer hatte das Haus voll Geflüchteter, und war unermüdet beschäftiget, sie zu trösten und zu bewirthen -- da wurde auf einmal sehr stark an die Hausthüre geklopft. Er öffnete sie -- und ein Soldat mit einem kleinen weinenden Knäblein auf dem Arme stand vor der Thür. Dieses Knäblein war ich!«

»Um Gottes willen, Herr Pfarrer, rief der edle Krieger, erbarmen Sie sich dieses armen Kindes, und nehmen Sie es zu sich. Ich riß es dort aus dem Fluß. Ich weiß es nirgends unterzubringen. Dieses nasse Päcklein hier enthält die Kleider des Kindes und einiges andere. Nehmen Sie -- ich muß augenblicklich weiter.« Der gutherzige Pfarrer nahm mich liebreich in seine Arme -- und der Soldat stürzte fort, indem er noch rief: »Gott wird es Ihnen vergelten! Leben Sie wohl!«

Der würdige Geistliche brachte nun wohl so viel aus mir heraus, mein Vater, ein Offizier, sey im Kriege umgekommen, und meine Mutter sey mit mir und meinem kleinen Schwesterchen auf ihrer Fahrt über den Rhein verunglückt. Er unterließ nicht, nachzuforschen, ob meine Mutter und Schwester dem schauerlichen Tode des Ertrinkens nicht etwa noch entgangen seyen. Er begab sich, so bald es möglich war, in die benachbarten Orte, und fragte überall nach ihr. Er traf auch einige Menschen, die auf eben dem Schiffe gewesen, und gerettet worden. Sie sprachen mit Achtung und Mitleid von der tiefbetrübten Offizierswittwe; allein sie sagten einmüthig, sie sey mit ihrem kleinen Kinde sicher ertrunken. Die Gewalt des Stromes habe blos einige wenige Menschen, die sich auf dem untergegangenen Schiffe befunden hatten, an das Ufer, von dem sie hergekommen, zurück geworfen; Es sey gar nicht wahrscheinlich, daß irgend eine Seele das andere Ufer erreicht habe. Der edle Pfarrer hielt es indeß doch für möglich. Allein er konnte sobald keine Erkundigungen einziehen. Die Verbindung zwischen den beyden Rheinufern war des Krieges wegen lange Zeit aufgehoben. Und nachher, als man wieder Nachrichten von dem andern Ufer des Flusses erhalten konnte, stimmten alle darin überein, nirgends habe man eine solche Frau gesehen, wie die beschriebene Offizierswittwe, und sie sey also ganz gewiß todt.

Der menschenfreundliche Pfarrer behielt mich nun bey sich, um mich zu erziehen. Er war ein sehr liebvoller, schon etwas betagter Mann, und ein wahrer Kinderfreund. Die Tage meiner Kindheit hätten wohl nicht glücklicher seyn können. Er war immer heiter und freundlich, und wußte mich mit einem Wink zu leiten. Denn sein ganzes Betragen war, bey aller Freundlichkeit, immer so ernst und würdig, daß ich eine große Ehrfurcht gegen ihn fühlte, und um alles in der Welt es nicht gewagt hätte, mich gegen ihn im geringsten widerspenstig zu zeigen.

Seine erste Angelegenheit war es, mich in der Religion zu unterrichten; was er sagte, war alles so klar und herzlich, daß ich Gott und meinen Erlöser von Herzen lieb gewann. Er lehrte mich lesen und schreiben, und da er besondere Fähigkeiten an mir zu entdecken glaubte, so gab er mir Unterricht in der lateinischen Sprache. Er las mit mir lateinische Bücher, und wußte immer die schönsten Stellen auszuwählen, die meinem Alter angemessen waren. Was ich gelesen hatte, mußte ich dann schriftlich ins Deutsche übertragen. Ich bekam so mehrere Bücher, von meiner Hand rein und deutlich geschrieben, zusammen, die er alle sehr schön binden ließ. Ich hatte dabey ungemeine Freude, und erwarb mir eine Fertigkeit, jedes lateinische Buch zu verstehen, wenn nur sonst der Inhalt meine Fassungskraft nicht überstieg. In der Folge gab er mir auch Unterricht im Griechischen.

Sein kleines freundliches Pfarrhaus war von einem schönen Gemüsgarten und einem großen Baumgarten umgeben. Wenn wir nun eine Stunde gelesen hatten, arbeiteten wir allemal eine Zeit im Garten. Denn er baute ihn selbst und ich mußte ihm dabey helfen. Diese Arbeit war Erholung vom Studieren. Im Winter oder an Regentagen brachte er seine Nebenstunden mit Zeichnen zu, worin er es sehr weit gebracht hatte. Er verstand seine Zeichnungen mit Tuschfarben so schön und lieblich auszumahlen, daß Kenner sie den vollendetsten Kunstwerken der Art an die Seite setzten. Auch ich hatte große Lust am Zeichnen und Mahlen. Er gestattete es mir aber allemal nur als eine Belohnung meines besondern Fleißes im Studieren, und unter seiner vortrefflichen Anleitung machte ich auch in dieser Kunst gute Fortschritte. So verfloß mir jeder Tag unter nützlichen und angenehmen Beschäftigungen; ich war immer so fröhlich und vergnügt, als je ein Kind in dem väterlichen Hause es sein kann.

Der gute Pfarrer hatte indeß auch Manches zu leiden. Er mußte die Trübsalen des Krieges hart empfinden. Einquartierungen und Lieferungen kosteten ihm sehr viel, und zwey bis dreymal ward sein Pfarrhaus ganz ausgeplündert. Er würde dieses wenig geachtet haben, wenn es ihm nicht um mich gewesen wäre. Er hatte mich öfters versichert, er werde mich studieren lassen. Obwohl die Erträgnisse seiner Pfarrey nicht sehr bedeutend waren, so hatte er bey seiner mäßigen Lebensart doch so viel zurück gelegt, daß er die Kosten des Studierens hätte bestreiten können. Allein nun war es ihm unmöglich; er selbst war durch den Krieg in dürftige Umstände gerathen.

Er hatte indessen in Wien einen Jugendfreund, der in großem Ansehen stand, und unter dem Adel und den Gelehrten viele Freunde hatte. An diesen schrieb er, ob er einem armen Jünglinge, der eine entschiedene Anlage und Neigung zum Studieren habe, nicht Gelegenheit dazu verschaffen könnte? Es kam sogleich die erfreuliche Antwort, er wolle mich mit offnen Armen in sein Haus aufnehmen, und dann weiter für mich sorgen. Ich möchte mich aber, schrieb er, sogleich auf die Reise machen, indem ich eine vorläufige Prüfung zu bestehen hätte, um unter die Zahl der Studierenden aufgenommen zu werden.

Ein Kaufmann, der meinen Pflegvater öfter besuchte, hatte eben eine Reise in die hießige Gegend vor, und erboth sich, mich unentgeldlich mit zu nehmen. Da ich auf diese Art beynahe die Hälfte des Weges in einem bequemen Reisewagen zurücklegen konnte, so wurde dieses Anerbiethen mit Freude angenommen.

Der Morgen, an dem ich von meinem guten Pflegevater Abschied nahm, wird mir ewig unvergeßlich seyn. Der gute Mann mit seinem frommen blassen Gesichte und seinen ehrwürdigen grauen Haaren, schloß mich in seine Arme und benetzte mein Angesicht mit Thränen. »Liebster Karl, sprach er, der Augenblick ist jetzt da, wo du hinaus mußt in die Welt. In unserm stillen abgelegenen Dorfe und in meinem Hause hier hast du, wills Gott, nichts als Gutes gesehen und gehört. In der großen Stadt, in die du jetzt kommst, wird es anders seyn. Du kommst zwar in das Haus eines guten Mannes und wirst auch in der Stadt viele gute Menschen kennen lernen; allein du wirst auch der bösen Beyspiele genug sehen und mancherley Böses hören. O Karl, vergiß meiner guten Ermahnungen nicht -- laß dich nicht verführen -- bleibe ein edler Jüngling.«

»Vor allem bleibe dir unsre heilige Religion stets theuer. Sie ist der kostbarste Schatz, den wir hier auf Erden haben, und ein wahres Himmelbrod für unsern unsterblichen Geist. Wohne nicht nur dem öffentlichen Gottesdienste andächtig und ehrerbietig bey, sondern weihe auch deine stille Kammer zum Tempel der Andacht. Vergiß es nie, daß Gottes Auge dich überall sieht, und thue alles wie vor seinem Angesichte. Ihm klage deine Noth und vertrau auf Ihn. Verlaß Ihn nicht, und Er wird dich ewig nicht verlassen.«

»Du wirst mancherley leichtsinnige Reden über Religion hören. Solche Reden verabscheue. Wer die Lehren der christlichen Religion befolgt, der erfährt es an seinem Herzen, daß sie von Gott sey. An diesem Prüfsteine, den ihr Stifter selbst angab, bewährt sie sich als lauteres Gold. Das hat sich mir durch eine Erfahrung von fast siebenzig Jahren bestätiget. Das ist ihr schönster Triumpf über alle Zweifel ihrer Freunde, die noch nicht ganz zur hellen Erkenntniß gekommen sind, und über alle Einwendungen ihrer verblendeten Feinde.«

»Thu nie etwas Böses und handle nie gegen die Stimme deines Gewissens. Geselle dich nicht zu solchen Menschen, die über Unschuld und Schamhaftigkeit spotten und aus dem Laster einen Scherz machen; fliehe sie als wären sie vom gelben Fieber angesteckt. Eine solche leichtfertige Denkart verleitete schon manchen schönen blühenden Jüngling, die kurze Lust der Sünde zu genießen, machte ihn zum lebendigen Gerippe und stürzte ihn in ein frühes Grab. Bewahre dein Herz rein und unbefleckt, und du wirst die schöne Farbe deiner Wangen, das Feuer deiner Augen, die Ruhe deines Gewissens und die Heiterkeit des Geistes bewahren, und mein erster Blick, wenn ich dich, je wiedersehe, wird mir sagen, ob du noch gut und unverdorben seyest.«

»Sey unermüdet in den Arbeiten deines Berufes. Der Beruf eines Studierenden ist ein schöner, edler Beruf. Es sey nun, daß du Rechtsgelehrter, Arzt oder Gottesgelehrter werden wollest -- allemal wird das zeitliche oder ewige Wohl deiner Mitmenschen dir anvertraut werden. Es wäre ja wohl schrecklich, wenn du es dir nicht Ernst seyn ließest, deiner Wissenschaft Meister zu werden, und wenn du einst, anstatt zum Glücke der Menschen beyzutragen, aus Unfähigkeit und Unwissenheit nur Unheil stiften würdest. Die Studierjahre sind die Zeit der Saat; benütze diese köstliche Zeit, ehe sie entflieht -- sonst ist an keine erfreuliche Aernte zu gedenken. Du hast es in unserm Dorfe gesehen, wie die Landleute sich plagen müssen, wie sie vor Tag aufstehen, Frost und Hitze dulden, und alle Kräfte aufbiethen -- nicht nur um sich zu ernähren, sondern um auch die Abgaben zu bestreiten, die zur Unterhaltung der gelehrten Stände nöthig sind. Arbeite also auch unermüdet, um für sie, die so vieles für uns thun, dereinst auch etwas thun zu können, und ihnen nicht zur unnützen Last, sondern zum Segen zu werden.«

»Erlaube dir aber auch zu rechter Zeit eine unschuldige Erholung. Nur laß den sinnlichen Vergnügungen keine Herrschaft über dein Herz. Wer sich von der Sinnlichkeit -- von Spiel, Trunk, Tanz und dergleichen -- hinreißen läßt, der ist, wenn er auch eben nichts offenbar Böses thut, dennoch ein Sklave seiner Lust -- und also ein schlechter Mensch. Der ungeordnete Hang zu sinnlichen Vergnügungen zerstört in unserm Herzen das Gefühl für alles wahrhaft Große, Schöne und Gute, und macht uns unfähig, edlere Vergnügungen zu genießen.«

»O mein liebster Sohn! Vielleicht ist es das letzte Mal, daß du mein Angesicht siehest. Ich bin bald siebenzig Jahre alt und nicht mehr fern vom Grabe. Erfahrung, Welt- und Menschen-Kenntniß wirst du mir nicht absprechen wollen. Und dann -- was für einen Gewinn könnte ich davon haben, dir eine Unwahrheit zu sagen? Glaube mir also -- und bleibe gut. Denn sieh -- wenn du gut bist, so bist du _dir_ gut, und du wirst den Segen davon haben. Könntest du aber je böse werden, so wärest du _dir_ böse, und _dein_ wäre der Schaden, und _dich_ träfe das Verderben. Liebster Karl -- bleibe, bleibe gut!«

Der gute, liebvolle Greis nahm nun die letzten zwey Goldstücke, die er noch hatte, aus seinem Pulte hervor. Ach er hatte schon all seine Baarschaft darauf verwendet, mich wohlanständig zu kleiden, und mich mit dem nöthigen Reisegeld zu versehen. Er gab mir diese Goldstücke, die Sie hier sehen und sagte: »Nimm dieses Wenige noch, liebster Sohn, als einen Nothpfenning -- und dann hier noch etwas, das mehr werth ist, als alles Gold -- das neue Testament! Mehr kann ich dir jetzt, nicht geben. Allein lebe nur so, wie dieses göttliche Buch es uns lehrt, bleibe gottesfürchtig, edel und gut -- dann bist du reich genug.«

Hierauf segnete er mich noch mit zitternden Händen und weinenden Augen, schloß mich noch einmal in seine Arme, sagte mir Lebewohl -- und ich ging schluchzend und tief gerührt zur Thüre hinaus.

Karl weinte, indem er dieses sagte, aufs neue; auch seiner Mutter und Schwester und den Uebrigen flossen die hellen Zähren über die Wangen. »Dieser Pfarrer, sprach die Mutter, ist wahrhaftig ein sehr -- sehr edler Mann. Es ist etwas Großes, sich eines fremden armen Kindes so herzlich und thätig anzunehmen, so viele Jahre hindurch so viele Zeit, Mühe und Kosten aufzuwenden, und so zu sagen noch den letzten Heller hinzugeben, um es zu einem guten und glücklichen Menschen zu erziehen. Doch -- nur die christliche Religion kann das menschliche Herz so uneigennützig und wohlwollend machen, alle Menschen auf Erden wie seine nächsten Blutsverwandten mit Liebe zu umfassen.«

Siebentes Kapitel. Wie Karl hiehergekommen.

Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thränen; dann erzählte er weiter. »Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen eingeräumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht fröhlicher Gesellschafter. Er wußte immer etwas zu sagen, und that alles, mich den traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzählte er ein artiges Geschichtchen, bald gab er mir Räthsel auf, bald sang oder pfiff er ein munteres Liedchen. Jedes Dorf wußte er mit Namen zu nennen, und in den Städten zeigte er mir die Merkwürdigkeiten, wenn es darin deren einige gab. Etwa drey Meilen von hier mußte ich mich aber von ihm trennen; denn er mußte einen andern Weg einschlagen. Er wünschte mir nun Glück und Gottes Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleiße und zum Vertrauen auf Gott, sorgte noch dafür, daß mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte, durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein Goldstück, drückte mir zum Abschied kräftig die Hand und fuhr in seiner Kutsche weiter.

Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen bekannten Menschen getrennt! Ich setzte indeß meine Reise zu Fuße fort. Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schloß umgiebt. Ich war von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin, sehr ermüdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schloß, das von der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewährte hier einen unvergleichlich schönen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schloß abzuzeichnen.

Allein ich mußte die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der Untergang der Sonne -- die Stille des einsamen Waldes -- und die herannahende Nacht erregten sehr wehmüthige Empfindungen in mir! Ein Gefühl von Verlassenheit wandelte mich an. »Ach, dachte ich, die Nacht bricht herein, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll! Auf viele Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich sein ehrwürdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten Augen denken.«

Bey diesem Gedanken drangen auch mir die Thränen in die Augen. Ich zog den goldenen Ring heraus, den mir der gute Pfarrer gegeben hatte. »Mein Gott, seufzte ich, dieser Ring rührt noch von meinen Aeltern her, und er ist das einzige Erbtheil, das ich armer Waise von ihnen habe! Die drey kleinen Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben, von dem theuren Namen meines Vaters oder meiner Mutter, und ich weiß nicht einmal, wie diese Namen heißen! Diesen Ring trug entweder mein Vater, dessen Hand längst im Grabe modert, oder meine Mutter, die vielleicht doch noch am Leben ist! Ja vielleicht lebte sie einst -- vielleicht lebt sie noch in eben diesen Gegenden, die ich jetzt durchwandere.«

Mein Herz wurde von diesen Gedanken mächtig ergriffen! Ein Gefühl voll der schmerzlichsten Wehmuth und der seligsten Hoffnung bemächtigte sich meiner! Ich fiel auf die Knie nieder, ich rang die Hände, ich flehte mit Inbrunst zum Himmel: »O lieber Gott! Du allein weißt es, ob meine Mutter noch lebe! Du allein kannst, wenn sie noch lebt, mich sie wieder finden lassen! Ach vielleicht ließest Du diesen Ring nicht ohne weise Absicht in meine Hände kommen. Die Buchstaben darauf könnten mich unter deiner Leitung leicht zur Entdeckung meiner Mutter führen. O die liebe gute Mutter! Sie beweint -- wenn sie noch am Leben ist -- mich als todt; sie glaubt, ich sey als ein zartes Knäblein in den Fluthen des Rheines ertrunken; o welche Freude würde sie haben, mich jetzt als einen Jüngling in ihre Arme zu schließen! Welche Seligkeit wäre es für mich, ihr freundliches mütterliches Angesicht zu erblicken, ihr zu danken für das, was sie an mir gethan, als ich ihre Liebe noch nicht zu schätzen wußte und ihr noch nicht dafür danken konnte. Wie unbeschreiblich glücklich würde ich mich schätzen, ihr meinen Dank jetzt zu bezeigen, und die Stütze ihres herannahenden Alters zu werden! O du guter Gott, du Vater der Wittwen und Waisen -- wenn -- wenn sie je noch lebt -- o so führe -- führe Du mich in ihre Arme! Höre mein kindliches Flehen, und laß mich sie wieder finden!«

Als ich so gebethet hatte, und mit meinen Augen voll Thränen durch die Aeste der Buche noch immer zum blauen Himmel aufblickte, hörte ich in dem nahen Gesträuch ein leises Knistern. Ich sah hin, erblickte das Lamm -- und die goldenen Buchstaben auf dem purpurrothen Halsbande strahlten mir im Glanze der untergehenden Sonne hellschimmernd ins Auge. Eine wunderbare, unbeschreibliche Empfindung -- ein schauerliches Entzücken bemächtigte sich meiner. Es war mir, als umleuchtete mich ein Licht vom Himmel, als hätte ein Lichtstrahl von oben die Buchstaben erhellt; sie schienen mir wie verklärt. Ich glaubte die Nähe Gottes zu fühlen, und es dünkte mich, die Blätter aller Bäume rings umher zitterten aus Ehrfurcht vor Ihm. Mir war es, als spreche etwas in meinem Innersten: »Dein Gebeth ist erhört!« Und so war es auch. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Gleich einem Engel des Himmels kam in ihrem weißen Kleide und im Schimmer der Abendsonne meine Schwester auf mich zu, und nannte mir das erstemal den theuren Namen meiner Mutter. So, beste Mutter, hat Gott mich in Ihre Arme, und in deine Arme, liebste Schwester, wunderbar zurück geführt!«

»Ja, so ist es, meine liebsten Kinder, sagte die Mutter, indem sie ihre beyden Kinder in die Arme schloß. Er hat uns alle drey wieder zusammen gebracht. Er hat dich, liebster Karl, als einen zarten Knaben mir genommen und dich einem edlen Manne anvertraut, der dir aus der reinsten Menschenliebe eine Erziehung gab, die ich als Frau und als eine verlassene Wittwe dir unmöglich so gut geben konnte, und die dir keine Fürstin für Gold hätte besser verschaffen können. Er hat dich als einen blühenden Jüngling mir wieder zurück gegeben -- und mir die Thränen des Schmerzens, die ich über deinen Verlust weinte, in Freudenthränen verwandelt. Er hat alles wohl gemacht und alle seine Wege sind die lautere Weisheit und Liebe. O liebsten Kinder! laßt uns Ihm danken und seine heilige Vorsehung in Demuth und mit tiefer Ehrfurcht anbethen!« Alle drey schwiegen mit tief gerührtem Herzen lange still, und nur ihr Herz sprach mit Gott. Auch Rosalie und Christine saßen mit gefalteten Händen, mit thränenvollen Augen, und mit einem Herzen voll Rührung und Andacht stillschweigend da und athmeten kaum.

»Welche Freude, sagte Karl nach einiger Zeit, wird der edle Greis, mein zweyter Vater, empfinden, wenn er diese wunderbare Fügung vernimmt! Diese Nacht noch muß ich ihm diese Freudennachricht schreiben.« Es war bereits Mitternacht, bis Karl auf sein Zimmer kam. Allein es wäre ihm unmöglich gewesen, zu Bette zu gehen. Er setzte sich an den Schreibtisch, der in dem Zimmer stand, und schrieb an seinen theuren Pflegvater, den ehrwürdigen Pfarrer, so ausführlich, so begeistert, daß er noch bey der brennenden Wachskerze saß und schrieb, als die goldene Morgenröthe bereits zum Fenster herein strahlte und das Kerzenlicht überflüssig machte.

Achtes Kapitel. Karls Pflegevater.

Karl lebte auf seinem väterlichen Schlosse so vergnügt, als wäre er in den Himmel versetzt. Je mehr er seine Mutter kennen lernte, desto mehr mußte er die vortreffliche Frau verehren. Eben so mußte er seine Schwester, die unermüdet fleißig, und dabey immer fröhlich und freundlich war, mit jedem Tage mehr schätzen. Seine Ankunft in Waldheim hatte indeß noch eine andere glückliche Folge für ihn. Das Schloß, das vorhin das Eigenthum seiner Väter gewesen, war gegenwärtig nur mehr der Wittwensitz seiner Mutter; allein jetzt konnte er dieses Schloß wieder als sein väterliches Erbtheil zurück fordern, und die Bewohner unten in dem Dorfe und einigen benachbarten Weilern als seine künftigen Unterthanen ansehen. Seine Mutter führte ihn daher voll Freude überall im Schlosse herum, zeigte ihm die Umgebungen des Schlosses nebst den Gütern, die dazu gehörten, und redete mit ihm sehr vieles über seine künftige schöne Bestimmung, zum Glücke der Bewohner dieses kleinen Thales so vieles beytragen zu können.

Unter solchen Gesprächen saßen Frau von Waldheim, Karl und Emilie einmal am Nachmittage auf der eichenen Bank, die, nebst einem ähnlichen ländlichen Tische, auf einem schönen, mit Kies beschütteten Platze vor dem äußern Thore des Schloßhofes stand, und von zwey dichten Kastanienbäumen beschattet war. Da sahen sie einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißen Haaren und schwarzer Kleidung auf sich zukommen, der einen ziemlich langen Reisestab in der Hand führte und einen dreyfach aufgeschlagenen Hut unter dem Arme hielt. »Gott im Himmel! mein Pflegevater! rief Karl, indem er aufsprang und mit weit offenen Armen auf ihn zu eilte. Ists möglich, Sie sind es, liebster, bester Herr Pfarrer! Wie kommen Sie hieher?«