Part 2
Die Frau von Waldheim hörte sehr aufmerksam zu, und die hellen Thränen glänzten ihr in den Augen. »Ach, sagte sie, mein Schicksal gleicht sehr dem Eurigen, nur ist es noch trauriger! Ich habe nicht nur, wie Ihr, Aeltern und Ehegemahl verloren, sondern überdieß noch meinen einzigen Sohn. Mein Gemahl war Major eines Husarenregiments. Sogleich in einer der ersten Schlachten, in der er sich sehr auszeichnete, die aber unglücklich ausfiel, ward er gefährlich verwundet. Ich eilte auf die Schreckensnachricht mit meinen zwey Kindern unverzüglich zu ihm. Allein mir ward nur mehr der traurige Trost, ihn noch einmal zu sehen. Er starb in meinen Armen. Wie mir zu Muthe war, könnet Ihr Euch denken, beschreiben kann ich es unmöglich. -- Auf die unglückliche Schlacht folgte eine übereilte Flucht. Alle Strassen waren mit Flüchtlingen bedeckt. Ich ward unter dem Gewühle von Menschen mit fortgerissen, fast ohne zu wissen wohin. Meine zwey Kinder -- ein lieblicher Knabe von kaum vier Jahren, und diese Tochter hier, die damals noch kein Jahr alt war, vermehrten noch meinen Jammer. Als ich mit ihnen an den Rhein kam und über die Brücke wollte, war das Gedränge von Kriegswagen, Kanonen, Pulverkarren, Wagen voll verwundeter Krieger, die alle hinüber wollten, so groß, daß ich mich der Brücke gar nicht nähern konnte. Indeß war die Sonne untergegangen. In einiger Entfernung wurde noch gefochten, um den Uebergang über den Fluß zu decken. Allein der Donner der Kanonen rückte immer näher. Ach es war der schrecklichste Abend meines Lebens! Einige der Flüchtlinge bemächtigten sich weiter hinab an dem Flusse eines Schiffes, um das andere Ufer zu erreichen. Aus Mitleid nahmen sie mich und meine Kinder in das Schiff auf. Allein das Schiff war so mit Menschen überladen, und sie waren des Fahrens so unkundig, daß er umschlug.
Ein Offizier am andern Ufer hatte unsre Gefahr bemerkt und uns zwey Soldaten mit einem kleinen Schifflein, dem einzigen, das eben vorhanden war, zu Hülfe geschickt. Es kam eben an, als das unsrige gesunken war. Ich und meine Tochter, die ich fest in den Armen hielt, wurden mit genauer Noth aus den Fluthen gerettet und halb todt an das Land gebracht. Allein mein Sohn war untergegangen und von ihm ward nichts mehr gesehen.«
Frau von Waldheim konnte hier vor Weinen nicht mehr reden, und verbarg ihr Gesicht in ihr weißes Tuch. Ueber eine Weile sprach sie weiter: »Ich und meine Tochter wären vor Frost und Nässe wohl auch noch umgekommen, wenn nicht eine mitleidige Herrschaft, die eben vorbey kam und auch auf der Flucht war, uns in ihren Reisewagen aufgenommen hätte. Allein die Angst und der Schrecken beym Schiffbruche, die beständige Traurigkeit über den Tod meines Gemahls und Sohnes, und die Beschwerlichkeiten auf der Flucht, zogen mir eine Krankheit zu. Als ich wieder hergestellt war, dachte ich erst an eine andere nachtheilige Folge dieses zweyfachen Todfalles. Weil mein Gemahl ohne einen männlichen Erben gestorben war, so fielen unsre Güter dem Landesherrn anheim. Unser Schloß dahier wurde sogleich in Besitz genommen und zu einem Spitale für kranke und verwundete Krieger eingerichtet. Ich mußte, was ich jedoch nur den unruhigen Zeiten zuschreiben kann, lange ohne Pension leben; da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, mußte ich in der Stadt einen sehr hohen Hauszins bezahlen, und zuletzt wirklich Mangel leiden. Endlich ward mir ein anständiger Wittwengehalt ausgeworfen, der Betrag für die verflossenen Jahre baar ausbezahlt, und mir ein Theil des Schlosses dahier, das ehemals unser Eigenthum war, zum Aufenthalt angewiesen. Allein der Verlust meines Gemahls und meines Sohnes bleiben doch unersetzlich! So groß indeß auch dieser Verlust ist, so ist doch dieß ein schöner Gewinn dabey, daß meine Leiden mich Gott mehr kennen lehrten und mich gefühlvoller für die Leiden meiner Mitmenschen machten. Und dann -- was können wir uns auf Erden mehr wünschen, als unser ordentliches Auskommen und ein ruhiges Plätzchen, wo wir im Frieden leben, Gott dienen und unsern Mitmenschen Gutes thun können -- in der seligen Hoffnung, unsre verklärten Geliebten in einer bessern Welt wieder zu sehen.«
Indeß war es spät geworden. Die Frau von Waldheim sah an ihre Uhr, und stand auf. »Bedient Ihr Euch auch der Hülfe eines Arztes?« fragte sie noch. »Ach nein, sagte die Kranke. Einen ordentlichen Arzt vermag ich nicht, und mich eines Pfuschers zu bedienen, trage ich Bedenken.«»Ihr habt Recht! sagte die gnädige Frau. Besser gar keine Hülfe, als eine solche.« Sie versprach der Kranken ihren eigenen Arzt zu schicken, und tröstete sie mit der Hoffnung, unter Gottes Beystande werde es dann bald besser werden. Hierauf befahl sie, Christine solle alle Tage in dem Schlosse für ihre Mutter das Essen holen, wünschte Beyden freundlich gute Nacht, und kehrte mit Emilien wieder zurück in das Schloß.
Viertes Kapitel. Unterhaltungen der beyden Töchter.
Nach vierzehn Tagen besuchten Frau von Waldheim und Emilie die kranke Rosalie wieder. Es hatte sich mit ihr indessen sehr gebessert. Die trefflichen Arzneyen und die angemessenen Speisen hatten ihr überaus gut angeschlagen. Sie war bereits auf, saß an der Tischecke auf der Bank und strickte. Sobald sie die gnädige Frau erblickte, stand sie auf, eilte ihr entgegen, und die Zähren liefen ihr über die blassen Wangen. Sie konnte keine Worte finden, ihren Dank auszudrücken. Die Frau von Waldheim setzte sich an die andere Ecke des Tisches. Sie hatte ihr Arbeitskörbchen mitgebracht und nahm ihr Gestrick hervor. Emilien erlaubte sie, mit Christinen indessen in den Baumgarten zu gehen, der sich von der Hütte bis an den Bach erstreckte, und den guten Bauersleuten gehörte, von denen Rosalie so liebreich aufgenommen worden.
Während nun die zwey Mütter sich über ihre Schicksale miteinander unterredeten, unterhielten sich die zwey Töchter in dem Garten. Christine führte Emilien ihr zahmes Lämmchen vor. Emilie hatte über das artige Thierchen eine ungemeine Freude. Da sie in einer großen Stadt erzogen worden, kannte sie die Schafe beynahe nur aus ihrem Bilderbuche. Noch nie hatte sie ein Lamm in der Nähe gesehen. Das Lamm ließ sich von Emilien streicheln, fraß die zarten, grünen Blättchen, die Emilie ihm vorhielt, ihr aus der Hand, und lief ihr sogleich nach, als wollte es noch mehr. Emilie war ganz entzückt. Auch ein solches Lämmchen zu haben, war ihr herzlichster Wunsch. Allein sie war zu bescheiden, es sich merken zu lassen. »Nein, dachte sie, um alles in der Welt möchte ich die arme Christine nicht um ihre einzige Freude bringen!«
Nachdem Frau von Waldheim und Emilie fort waren, erzählte Christine ihrer Mutter, welche große Freude das Fräulein an dem Lämmchen gehabt habe. Da sprach die Mutter: »Höre einmal, Christine! Emilie und ihre Mutter haben viele Güte für uns gehabt. Ohne sie läge ich vielleicht in dem Grabe, und du hättest keine Mutter mehr. Es ist billig, daß wir uns so dankbar bezeigen, als möglich. Du könntest Emilien nun wohl auch eine große Freude machen -- aber ich fürchte, es kommt dich zu schwer an. Allein an deiner Stelle wüßte ich wohl, was ich thun würde!«
»Ihr mein Lämmchen schenken!« fiel Christine ihrer Mutter schnell ins Wort. »Ja, das will ich! rief sie. Morgen in aller Frühe soll sie es haben. Emiliens Mutter hat mir das Liebste erhalten, was ich in der Welt habe -- dich liebste Mutter! Warum sollte ich Emilien nicht mit Freuden das schenken, was mir nach dir das Liebste ist -- mein Lämmchen!«
»Nun, das freut mich, sprach die Mutter, daß du ein dankbares Herz hast. Das ist mehr werth, als wenn man dir das Lamm mit Gold aufwägen würde.«
Die Mutter erinnerte sich, daß sie unter ihren Sachen noch ein kleines Streifchen rothen Atlaß und einige vergoldete Flittern habe. Sie suchte sie unverzüglich hervor, und saß sogleich hin, aus dem Atlasse für das Lämmchen ein Halsband zu machen, und mit den Flittern Emiliens Namen hineinzusticken. Emilie hatte Christinen ein feines, weißes Halstuch geschenkt. In der Ecke desselben waren die Anfangsbuchstaben von Emiliens Namen zierlich mit blauer Seide eingenäht. Diese Buchstaben dienten der Mutter zum Muster. Sie war gesonnen, so lange aufzubleiben, bis sie mit dieser Arbeit fertig wäre. Christine leistete ihr treulich Gesellschaft, fädelte ihr jedesmal die Nadel ein, und suchte die schönsten und tauglichsten Flittern heraus und both sie ihr hin. Endlich gegen Mitternacht war die Stickerey vollendet, und Christine war über das schön gelungene Werk so erfreut, daß sie vor Freude fast nicht schlafen konnte.
Sobald am andern Tage die Morgenröthe anbrach, eilte das gute Mädchen mit dem Lamme dem Bache zu, und wendete ihr letztes Stückchen Seife daran, das nette Thierchen so rein zu waschen, als möglich. Und sieh da -- es ward fast so weiß, wie neugefallener Schnee. Die Mutter legte nun dem Lämmchen das Halsbändchen an. Der hochrothe Atlas mit den goldenen Buchstaben und der goldenen Einfassung nahm sich zwischen dem reinen, weißen Gekräusel der Wolle ganz unvergleichlich schön aus. Christine und ihre Mutter betrachteten das Lämmchen mit Entzücken, und konnten kaum aufhören es zu loben.
Christine trug nun das Lämmchen in das Schloß. Sie ging zuerst in die Küche zur alten Köchin, die sich immer besonders liebreich gegen Christine bezeugt hatte, und redete mit ihr, wie sie ihr Geschenk am schicklichsten anbringen könne. Die Köchin hatte an dem schön geschmückten Lamme ein großes Wohlgefallen und lobte Christinens Einfall sehr. Sie nahm das Lämmchen, ging, und öffnete leise die Zimmerthüre der Herrschaft. Die gnädige Frau saß am offenen Fenster und strickte. Emilie las ihr aus einem Buche vor. Beyde waren so emsig, daß sie nicht aufblickten. Da schob die Köchin das Lämmchen geschwind zur Thüre hinein, machte die Thüre eben so leise wieder zu, und eilte zurück in die Küche.
Frau von Waldheim und Emilie hatten von allem nichts gemerkt. Das Lämmchen blieb an der Thüre stehen, schaute eine Weile umher, und fing dann laut an zu blöcken. Emilie blickte auf, und rief: »Je das Lämmchen!« Sie nahm von dem Seitentischchen ein wenig Brod, das von dem Frühstücke über geblieben war, und hielt es dem Lämmchen hin, und das arme Thierchen, das den Morgen noch kein Futter bekommen hatte, lief sogleich auf sie zu, und fraß es ihr aus der Hand. Emilie hatte eine unbeschreibliche Freude. Das Lämmchen kam ihr ohne Vergleich schöner vor als gestern, und als sie erst die goldenen Anfangsbuchstaben ihres Namens bemerkte, und daraus ersah, das Lämmchen sey zum Geschenk für sie bestimmt, da war ihre Freude noch größer.
»O wie gut ist doch Christine, sagte sie, daß sie mir ihr Liebstes giebt! Ich getraue mir kaum es anzunehmen. Was meynen Sie, liebste Mutter, daß ich thun soll?«
»Du mußt es annehmen, sagte die Mutter, sonst würdest du das gute Kind betrüben. Ich werde Christinen auf eine andere Art entschädigen.«
Emilie eilte nun in die Küche, ihr gutes Erdbeermädchen zu rufen. Christine hatte sogleich fort gewollt; allein die Köchin hatte sie aufgehalten. Es kostete Emilien viele Mühe, das bescheidene Mädchen herein zu nöthigen in das Zimmer.
Die Frau von Waldheim hatte indessen aus ihrem Schreibkasten ein Goldstück hervor gesucht, auf dem ein Lamm abgebildet war. »Du hast ein sehr dankbares Herz, mein liebes Kind! sagte sie, als das erröthende Mädchen an Emiliens Hand in das Zimmer trat. Du hast meiner Tochter ein Geschenk gemacht, das ihr wohl nicht für Gold feil wäre. Nimm hier als eine kleine Gegenerkenntlichkeit dieses goldene Lämmchen.«
Die gute Christine war von dieser feinen Art zu geben so gerührt, daß es ihr sehr schwer ankam, das Geschenk zurück zu weisen. Allein noch mehr würde es sie geschmerzt und gekränkt haben, sich ihr dankbares Gemüth bezahlen zu lassen. Sie kam in große Verlegenheit und die Thränen traten ihr in die Augen. »O nein, nein, gnädige Frau, sagte sie; ich kann das Gold wahrhaftig nicht nehmen. Es würde mir meine ganze Freude verderben. Nichts, als die reinste, herzlichste Dankbarkeit bewog mich, Fräulein Emilien mein Lämmchen als ein armes, geringes Geschenk darzubringen, und es ist mir unmöglich, mich dafür so überreichlich belohnen zu lassen.« Sie blieb ungeachtet alles Zuredens darauf, nichts zu nehmen.
Diese Uneigennützigkeit an einem so armen Mädchen gefiel der Frau von Waldheim noch mehr, als das überbrachte ländliche Geschenk. »Nun, sagte sie, so will ich dich auf eine andere Art zu belohnen suchen, die deiner Denkart angemessener ist. Wegen deines edlen Herzens sollst du von nun an die Gespielin meiner Emilie seyn. In deiner Gesellschaft läuft sie keine Gefahr, niedrige Gesinnungen anzunehmen. Komm fürs erste nur allzeit nach Tische hieher -- da will ich euch mit einander Arbeit geben, und dann wollen wir schon sehen, was noch weiter zu thun ist.«
Als Christine nach Hause kam und erzählte, wie es gegangen, war ihre Mutter mit ihrem Betragen sehr zufrieden. »Siehst du nun, sprach sie, es ist so, wie ich dir schon öfter gesagt habe. Das ärmste Kind -- wenn es sich nur bestrebt, von Herzen gut zu seyn, findet am Ende doch Menschen, die es um seiner Güte willen mehr schätzen, als wäre es mit Gold und Perlen behängt. Das reichste und schönste Mädchen hingegen -- wenn es sonst nichts weiter ist -- wird der gerechten Verachtung am Ende doch nie entgehen, und das Glück, von guten Menschen aufrichtig geliebt und geehrt zu seyn, wird ihm nie zu Theil werden. Gutseyn, Gutseyn ist das Einzige, was uns wahrhaft froh, reich und geehrt macht.«
Fünftes Kapitel. Ein Fremder tritt auf.
An dem goldgestickten Halsbändchen, mit dem das Lämmchen geschmückt war, hatte die Frau von Waldheim entdeckt, daß Rosalie eine sehr geschickte Stickerin sey. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in dem Dorfe nicht geschätzt wurden, lange nicht mehr geübt, und sich blos auf das Stricken und Nähen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu verdienen, und verschaffte ihr auch anderwärts her Bestellungen. Die arme Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern überdieß noch öfteren Zutritt in das Schloß.
Frau von Waldheim hatte Anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen; allein so wie sie dieselbe näher kennen lernte, verwandelte sich dieses Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer mehr Vergnügen. Man wunderte sich, daß eine adeliche Dame, die Gemahlin eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwittwe Freundschaft machen möge. Allein Frau von Waldheim sagte lächelnd: »Nun, Ihr werdet doch nicht behaupten, mein seeliger Mann, der tapfre Major, sey kein Soldat gewesen? Doch im Ernste! Eben dieses, daß auch ihr Mann zum Militär gehörte, und wie der Meinige den Tod für das Vaterland starb, diente ihr bey mir zur Empfehlung. Die Aehnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu ihr. Sie ist Wittwe, wie ich, mußte vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur eine einzige Tochter. Unsre Töchter sind von gleichem Alter, und lieben einander herzlich -- und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so will ich es gerne zufrieden seyn. Die äusserlichen Verhältnisse weisen dem Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Werth des Menschen aus. Diese arme Soldatenwittwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so durch Leiden bewährt, so von Herzen fromm, und dabey so verständig und gebildet, daß ich dadurch mich geehrt fühle, sie meine Freundin zu nennen.«
Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorüber, ohne wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die täglich in das Schloß kam, öfter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald mußten beyde alle Tage nach Tische in das Schloß kommen. Die gnädige Frau und das Fräulein, Rosalie und Christine saßen dann zusammen an Einem Arbeitstische, und beschäftigten sich einige Stunden sehr emsig mit allerley schönen Arbeiten. Rosalie mußte hierauf mit der gnädigen Frau Thee trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrod essen. Auf den Abend machten sie gewöhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang.
Einmal an einem schönen Sommerabend gingen sie nun mit einander in den Eichwald, der sich am Abhange des Schloßberges herumzog. Mehrere schattichte Gänge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, führten durch den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der Tag war sehr heiß gewesen und noch war es ziemlich schwühl. Die Frau von Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen beschattet war. Das Plätzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man hier genoß, ihr Lieblingsplätzchen.
Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein niedliches Körbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und Emilie hätte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflückt. Christine führte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beynahe ganz mit Himbeersträuchen bedeckt war. Beyde Mädchen pflückten nun sehr geschäftig und ließen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese, bald jene, hier gebe es noch schönere. Die allerschönsten thaten sie aber in ihre Körbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lämmchen, das sie mitgenommen hatten, lief indeß auf dem offenen Platze herum, graste hier ein wenig, nagte dort an den Blättern der Gesträuche, und hatte sich nach und nach ziemlich weit von ihnen entfernt.
Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jüngling, der das Lämmchen streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie und Christine eilten sogleich hin, denn sie fürchteten, er wolle das Halsband oder gar das Lämmchen mit sich fort nehmen. Der Jüngling blickte, als er sie kommen hörte, auf. Er war sehr schön und blühend von Angesicht und hatte ein dunkelgrünes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf. Er schien bis zu Thränen gerührt, und blickte Emilien mit einer Art von Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er -- was Emilien äußerst seltsam vorkam -- einen goldenen Ring.
»Verzeihen Sie, mein Fräulein, sagte er, da er Emiliens Aengstlichkeit bemerkte, ich wollte dem Lämmchen, das, wie ich sehe, Ihnen gehört, nichts zu leid thun. Es fielen mir nur die Buchstaben auf, die hier auf das Halsband gestickt sind. Sind das vielleicht die Anfangsbuchstaben ihres Namens?«
»Ja, sagte Emilie befremdet, das sind sie. Die drey goldenen Buchstaben auf dem rothen Atlasse hier heißen E. v. W. Ich aber heiße Emilie von Waldheim.«
»Emilie! Emilie!« rief der Jüngling erstaunt.
Emilie erschrak über seine Heftigkeit. Sie glaubte, er sey nicht recht bey Sinnen und es, ward ihr unheimlich. »Komm, da ist nicht gut seyn!« sagte sie zu Christine, nahm sie bey der Hand, und wollte mit ihr davon laufen. Der fremde Jüngling aber faßte sich wieder, und sagte ganz ruhig: »Ich bitte Sie, bleiben Sie nur noch einen Augenblick! Ich habe da einen goldenen Ring, auf dem die drey nämlichen Buchstaben eingegraben sind. Sehen Sie da E. v. W.! Deßhalb betrachtete ich die Buchgaben da auf dem Halsbändchen so aufmerksam und verwundert. Es liegt mir äusserst viel daran, inne zu werden, woher dieser Ring sey. Allein, fügte er traurig bey, Ihnen gehört der Ring zuverläßig nicht. Es stehet da, den Buchstaben, gegenüber, noch die Jahrzahl 1786. Dieses vereitelt meine Hoffnung. Ach, damals waren sie noch nicht geboren!«
Emilie sagte: »Meine Mutter hat eben den Namen wie ich; auch sie heißt Emilie von Waldheim.«
»Wie! rief der Jüngling aufs neue erschüttert. Wäre es möglich! Ach vielleicht gehört der Ring ihrer Mutter. Könnten Sie mich nicht zu ihr führen?«
»Mit Vergnügen, sagte Emilie. Sie ist kaum ein Paar hundert Schritte von hier. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.« Sie gingen. Der Jüngling ließ Emilien die rechte Seite, und Christine mit dem Lämmchen begleitete sie.
Als sie zur Felsenbank kamen, blieb der Jüngling in einiger Entfernung schüchtern stehen, und betrachtete die Frau von Waldheim einige Augenblicke stillschweigend. Sein Angesicht war wie von Schrecken bleich und die Hand, in der er den Ring hielt, zitterte. Indeß ermannte er sich, trat näher, verbeugte sich mit Anstand, erzählte kurz den sonderbaren Zufall mit dem Zusammentreffen der Buchstaben -- und überreichte ihr den Ring.
Die Frau von Waldheim nahm den Ring -- erblickte die drey Buchstaben -- that einen lauten Schrey -- und wäre umgesunken, wenn Rosalie sie nicht gehalten hätte.
»Gott im Himmel, was ist das? rief sie, als sie sich von dem Schrecken ein wenig erholt hatte. Das ist der Ehering meines seligen Gemahls. Sehen Sie, der Ring hier an meinem Finger, den mein Gemahl mir als Bräutigam gab und den ich noch immer zu seinem Andenken trage, ist genau auf die nämliche Art gearbeitet, nur etwas kleiner. O reden Sie, reden Sie doch, wie kamen Sie zu dem Ringe? Wer sind Sie? Wer sind Ihre Aeltern?«
Der Jüngling ward noch bleicher und zitterte an allen Gliedern. »Mein Vater, sprach er, ward im Kriege erschossen. Meine Mutter war eine schöne Frau, trug ein schwarzes Kleid, und weinte immer sehr viel. Ich hatte noch ein kleines Schwesterchen, die Emilie hieß. Die Mutter fuhr mit uns zwey Kindern über den Rhein. Das Schiff ging unter. Ich ward, als ein Kind von etwa vier Jahren, aus dem Wasser gezogen. Von Mutter und Schwester hörte ich seit dieser Zeit nichts mehr. Den Ring fand man, nebst einigen andern Kleinigkeiten, in einem Päckchen, das Kleidungsstücke von mir enthielt und also für mein Eigenthum erklärt wurde. Sonst weiß ich von meinen Aeltern und meinem Vaterlande nichts zu sagen. Mein Name ist Karl.« -- --
»O Karl, rief jetzt Frau von Waldheim aus und fiel dem Jünglinge um den Hals, du bist mein Sohn! Wahrhaftig; du bist es! Du bist das Ebenbild deines Vaters!« -- -- »O Gott, o Gott! wie wunderbar bist Du in deinen Fügungen!« rief sie dann wieder, indem sie mit aufgehobenen Armen weinend zum Himmel blickte. Und dann umfaßte sie wieder ihren Sohn und benetzte sein Angesicht mit Thränen. Der Jüngling war so außer sich, daß er keine anderen Worte hervorbringen konnte, als: »Mutter! Mutter! Gott! Gott! O du guter Gott!«
Emilie stand an Christinen gelehnt -- und zitterte und weinte. »Emilie! rief endlich die Mutter, Emilie, o sieh da deinen Bruder! Karl, Karl, sieh da deine Schwester! O grüßt euch doch auch!«
Karl schloß seine Schwester weinend in seine Arme, und rief: »O meine liebe, liebe Schwester! O Gott, welche Freude machst du mir -- so unerwartet Mutter und Schwester zu finden!« Und auch Emilie konnte vor Weinen kein Wort vorbringen, als: »Lieber, lieber Bruder!«
Alle Drey aber waren so selig und hatten sich so viel zu fragen und zu sagen, daß sie die ganze Welt um sich her vergaßen. Die Sonne war untergegangen und es wurde bereits dunkel, ohne, daß sie es merkten. Rosalie erinnerte sie endlich, es sey Zeit, sich nach Hause zu begeben. Frau von Waldheim ging nun, an jedem Arm eines ihren Kinder, auf das Schloß zu, und Rosalie und Christine folgten ihnen.
Sechstes Kapitel. Karls Jugendgeschichte.