Part 1
Erzählungen für Kinder und Kinderfreunde.
Von dem Verfasser der Ostereyer.
Drittes Bändchen.
Landshut, 1826. in der Krüll'schen Buchhandlung.
Inhalt.
Das Lämmchen.
Das Lämmchen.
Erstes Kapitel. Christine und ihre Mutter Rosalie.
Christine, ein armes Mädchen von etwa zehn Jahren, pflückte in dem Walde Erdbeeren. Es war ein heißer Nachmittag, und an den sonnichten Waldplätzen, wo kein kühlendes Lüftchen hinkam, war es fast zum verschmachten schwühl. Ihr leichtes Strohhütchen vermochte nicht mehr den brennenden Sonnenstrahlen zu wehren. Die hellen Schweißtropfen standen ihr beständig auf der Stirne, und ihre Wangen waren wie Glut. Dennoch pflückte sie, ohne aufzusehen, emsig fort. »Denn, sagte sie freudig, indem sie mit ihrem weißen Tuche den Schweiß abwischte, es ist ja für meine kranke Mutter. Das Geld, das ich aus den Beeren erlöse, verschafft ihr doch wieder eine kleine Erquickung!«
Gegen Abend ging sie, mit ihrem Körbchen voll Beeren am Arme, durch den Wald nach Hause. Es fing an zu regnen. Immer lauter rauschten die Regentropfen in den Blättern der Bäume, und aus der Ferne her donnerte es sehr stark. Als sie aus dem Walde heraus kam, erhob sich ein Sturmwind; ein heftiger Platzregen schlug ihr entgegen, und an dem glühendrothen Abendhimmel standen dunkle Gewitterwolken, wie Gebirge auf einander gethürmt. Sie suchte sich, fern von den hohen Bäumen, unter niedrigen Haselstauden ein sicheres Plätzchen, stand hier unter, und wartete, bis das Gewitter vorüber wäre.
Allein mit Einem Mahle hörte sie in dem nahen Erlengesträuche ein klägliches Geschrey -- fast wie das Geschrey eines kleinen Kindes. Das gute mitleidige Mädchen ließ sich von Sturm und Regen, Blitz und Donner nicht abhalten, nachzusehen, was es doch wohl seyn möge? Sie ging hin -- und sieh da! es war ein kleines, zartes Lämmchen, das vom Regen tröpfelte, zitterte und nicht wußte wohin. »Ach du armes, armes Thierchen! sagte Christine. Nein, du sollst nicht umkommen. Komm, ich nehme dich mit mir nach Hause.« Sie nahm das Lämmchen sorgfältig in die Arme, und eilte damit, sobald der Regen nachließ, ihrer kleinen, strohbedeckten Wohnung zu.
»O sieh doch, liebe Mutter, rief sie, so bald sie in das niedre, reinliche Stübchen trat -- sieh doch, was ich da gefunden habe! Sieh, ein wunderschönes Schäflein! O wie glücklich war ich! Wie will ich es pflegen! Es soll meine ganze Freude seyn!«
»Kind, sagte die kranke Mutter, indem sie sich in dem Bette aufrichtete und den Kopf auf die Hand stürzte, du vergissest in deiner Freude, daß dieses Lämmchen schon seinen Herrn haben muß. Es ist bloß verloren -- und da müssen wir es wieder zurückstellen. Gewiß gehört es dem reichen Bauern auf dem Eichhofe. Fremdes Gut sollen wir nicht einmal über Nacht im Hause behalten. Trag' es also heute noch hin.«
»Ihr seyd nicht gescheid, rief jetzt eine rauhe Stimme zum offnen Fenster herein; man muß nicht alles so genau nehmen!« Der Mann, der dieses sagte, war ein Maurer, der draußen an der Mauer des kleinen Hauses etwas ausbesserte und ihr Gespräch behorcht hatte. Mutter und Tochter blickten ihn erschrocken an. Er aber sprach weiter: »Macht keine so seltsamen Gesichter! Ich meyne es gut. Wir wollen das Thierchen metzgen, und es mit einander theilen. Das Fleisch giebt gerade ein Paar kleine Braten, und das Fellchen ist auch noch einige Kreuzer werth. Der reiche Bauer hat über hundert schöne, große Schafe; ob er das winzig kleine Ding da noch habe oder nicht, daran ist nichts gelegen. Ich will es also geschwind schlachten. Ihr dürft euch dabey nicht fürchten. Es siehts ja niemand. Und mir dürft ihr schon trauen. Ich kann schweigen -- sagte er und warf eine Kelle voll Mörtel an die Wand -- wie eine Mauer.«
Christine entsetzte sich über die Reden des Mannes. Der Gedanke, das Lämmchen zu behalten, kam ihr jetzt abscheulich vor. »Ihr habt Unrecht! sagte sie zu dem Maurer. Was kein Mensch sieht, sieht doch Gott! Du aber, liebe Mutter, hast Recht -- und mich wundert nur, daß mir das, was du sagtest, nicht von selbst einfiel. Ich hätte das Schäflein -- fuhr sie fort und Zähren traten in ihre blauen Augen -- freylich so gern, o so gern behalten! Allein dem lieben Gott müssen wir willig gehorchen.« Sie wickelte das Lämmchen in ihre Schürze, und wanderte damit dem Eichhofe zu, obwohl es noch nicht ganz aufhörte zu regnen und die Sonne bereits unterging.
Als Christine, auf dem Eichhofe ankam, stand die Bäuerin, mit ihrem kleinsten Kinde auf dem Arm, eben vor der Hausthüre, und die größeren Kinder standen um sie her. Sie betrachteten andächtig den schönen Regenbogen, der jetzt nach dem Gewitter in der ganzen Pracht seiner sieben Farben im schwarzgrauen Gewölke zu sehen war. »Seht den Regenbogen an, sprach die Mutter, indem sie mit ausgestrecktem Arme darauf hinzeigte, und preiset Denjenigen, der ihn gemacht hat. In dem flammenden Blitze und dem furchtbaren Donner zeigt uns Gott seine große Macht und Herrlichkeit; in den schönen Farben des Regenbogens aber seine Güte und Freundlichkeit.«
Christine ergötzte sich bald an den lieblichen Farben des Regenbogens, bald an den lächelnden Gesichtchen der Kinder, und schwieg, bis der Regenbogen verschwunden war. Nun nahm sie das Lämmchen aus ihrer Schürze hervor, stellte es auf die Füße, und erzählte, wie sie es gefunden habe.
»Das ist ja recht schön und brav, sagte die Bäuerin freundlich, daß du noch so spät am Abend und noch dazu im Regen da herausgehest! Du bist ein sehr gutes, grundehrliches Mädchen.«
»Ja wahrhaftig, das ist sie! sprach der Bauer, der jetzt auch zur Hausthüre herauskam. So ehrlich und rechtschaffen, wie dieses arme Mädchen, müßt ihr auch seyn und bleiben, meine Kinder! Besser ists, nicht einmal ein einziges Schäflein im Vermögen haben, und dabey ehrlich und redlich seyn, als hundert Schafe besitzen, und dabey ehrlos und unredlich seyn. Die Ehrlichkeit, mit der das arme Kind hier das Lamm zurück gab, ist ein Schatz im Herzen, der reicher macht, als eine ganze Schafheerde -- und diesen Schatz kann uns kein Wolf und kein Feind rauben.«
Franz, der Knabe des Bauers, lief jetzt zum Schafstalle hin, und führte das alte Schaf heraus. Wie da das Junge darauf zusprang und sich freute! Christine sah das so mit an und sagte: »Schon um dieser Freude willen, die das arme Thierchen jetzt hat, reuet es mich nicht, daß ich es zurückgab -- so lieb es mir auch war, und so gern ich es behalten hätte!«
»Weißt du was, sprach der Bauer, da du so ehrlich bist und an dem Thierchen eine so große Freude hast, so will ich es dir schenken. Jetzt würde es dir aber nichts helfen. Es kann noch nicht ohne Milch leben und würde elend umkommen. Allein in vierzehn Tagen wird es stark genug seyn, sich von Gras und Kräutern zu ernähren -- und dann soll mein Franz es dir bringen.«
»Gieb aber dann wohl darauf Acht! sagte die Bäuerin. Es kostet dich nicht viel es aufzuziehen. Während du Erdbeeren sammelst oder strickest, kannst du es leicht hüthen, und so viel Gras kannst du auch leicht sammeln, und zu Heu auftrocknen, als es für den Winter nöthig hat. Wenn es einst groß ist, wird die Milch dir und deiner Mutter in eurer kleinen Haushaltung wohl kommen, und die Wolle giebt euch jährlich einige Paar Strümpfe.«
»Und wenn ihr glücklich damit seyd, sprach der kleine Bauerknabe, so könnet ihr wohl noch gar eine ganze Schafheerde bekommen!«
Christine mußte nun noch mit Brod eingebrockte Milch und ein Butterbrod mit essen -- und die gute Bäuerin gab ihr überdies noch ein schönes Stück goldgelbe Butter, das sie in grüne Rebenblätter einmachte, und ein Dutzend Eyer mit nach Hause. »Bring das deiner Mutter, sagte sie, indem sie die Eyer vorsichtig in die Schürze that; ich lasse sie freundlich grüßen und Gott wolle sie bald gesund werden lassen.«
Christine eilte voll Freude durch das blumige Thälchen ihrer Hütte zu. Der Himmel hatte sich indeß aufgehellt, und der Abendstern und ein zartes Streifchen des Mondes, der heute das erste Mal wieder sichtbar war, glänzten freundlich in das Thal. Alle Blumen und Kräuter tröpfelten noch von Regen, und dufteten von Wohlgeruch. Es war Christinen unbeschreiblich wohl um das Herz. »Nach einem Gewitter, dachte sie, sind Himmel und Erde zwar immer schöner; allein so schön und freundlich, wie diesen Abend, sind sie mir noch nie vorgekommen.«
Sie erzählte dieses, als sie nach Hause kam, ihrer Mutter. »Siehst du, sprach die Mutter, das ists eben, was ich dir immer sage. Es ist die Freude des guten Gewissens. Wenn wir recht thun, so erfüllt süßer Friede unser Herz. Gott giebt uns durch das Gewissen zu erkennen, daß Er mit uns zufrieden sey. O Christine, gieb daher der Stimme deines Gewissens immer Gehör, und thu nie etwas anders, als was vor Gott recht und gut ist. Du weißt wohl, wir sind arm und haben wenig in der Welt. Aber laß uns nur ein gutes Gewissen bewahren, so sind wir reich genug, und es fehlt uns nie an Freude -- ja die edelste und süßeste aller Freuden ist dann unser.«
Christine zählte nun alle Tage, bis sie ihr Lämmchen bekommen würde. Sie hätte auch alle Tage in den Kalender gesehen, wenn sie einen im Hause gehabt hätte. Nun sah sie aber alle Abende nach dem Monde, und ging dann vergnügt zu Bette. »Denn, sagte sie, wenn er voll ist, bekomme ich mein Lämmchen.«
Endlich ward es Vollmond, und der Mond nahm wieder merklich ab -- allein das Lämmchen wollte nicht kommen. Christine wartete -- und wartete -- und hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. »Ich werde von meinem Schäflein wohl nichts mehr sehen!« sagte sie eines Abends, als sie eben traurig neben dem Bette ihrer Mutter saß. »Habe Geduld, sagte die Mutter; Geduld bringt Rosen.« Und sieh -- da ging auf einmal die Stubenthüre auf, und der muntere Bauernknabe trat mit dem Lamme und einem Korbe voll frischen, grünen Futters herein. Christine sprang vor Freude auf, kniete zu dem Lämmchen hin, streichelte es freundlich und sagte: »O wie groß und schön es indeß geworden ist! Ich kenne es ja fast nicht mehr! Und wie die Wolle so schön weiß und zart geringelt ist! O jetzt ist meine Freude erst vollkommen.«
»Ich wollte dir das Lämmlein schon vor einigen Tagen bringen, sagte der Knabe. Allein mein Vater sagte: Laß es noch eine Zeit da. Es gedeiht dann besser, und wird noch größer und stärker.«
»Du und deine Aeltern sind doch recht gut! sprach Christine. Wenn ich nur nicht so arm wäre, und dir auch etwas schenken könnte! Allein von der ersten Wolle, die ich von dem Schäflein bekomme, stricke ich dir ein schönes Paar Strümpfe. Du sollst gewiß sehen, daß ich die Wahrheit rede.«
Der Knabe ging, und Christine führte das Lamm in den kleinen Stall, der sich im Hause befand, und streute ihm Futter vor. Das Lamm gewöhnte sich bald an sie, und wurde so zahm, daß es das Brod aus ihrer Hand aß, aus ihrem Schälchen Milch trank, und ihr wie ein Hündchen nachlief. Christine durfte nur rufen, so kam das Lamm sogleich daher gesprungen. Wenn nun die Mutter es so mit ansah, was für eine große Freude Christine mit dem Lämmchen hatte, da sagte die Mutter öfter: »Nicht wahr, jetzt reuet es dich doch nicht, daß du mir gefolgt und das Lämmchen zurück gegeben hast?« »O Mutter! antwortete Christine, wie mein Lämmlein mir auf den Ruf folgt, so will ich dir immer folgen. Denn ich weiß es ja, du liebst mich doch noch unendlich mehr, als ich mein Lämmchen.«
Zweytes Kapitel. Frau von Waldheim und ihre Tochter Emilie.
Das Dörflein, in dem Christine lebte, lag unten an einem waldichten Berge. Oben aus den Eichen des Berges ragte ein altes Schloß mit einem großen Thurme hervor. Hier wohnte seit einigen Wochen die Frau von Waldheim. Das Schloß hatte ehemals ihr gehört; allein nach dem Tode ihres Gemahls war es ihr blos zu ihrem Wittwensitze angewiesen worden. Sie hatte sich hier, weil das Schloß etwas vergangen war, einige Zimmer neu eingerichtet, die eine sehr schöne Aussicht hatten, und lebte nun da in ländlicher Einsamkeit ganz der Erziehung ihrer einzigen Tochter Emilie, eines sehr liebenswürdigen Fräuleins von Christinens Alter.
Christine kam, so lange es Erdbeeren gab, beynahe täglich in das Schloß. Fräulein Emilie kaufte die Beeren von niemand lieber als von ihr, und nannte sie nur ihr artiges Erdbeermädchen. Denn die Beeren, die Christine pflückte, waren alle vollkommen reif und roth wie Scharlach; die Schale, in der sie die Beeren brachte, war, wiewohl nur von geringem Porzellane, weiß und rein wie Schnee; und die Reinlichkeit ihrer Hände und ihres ganzen Anzuges schickte sich genau zu dem reinlichen Geschirre.
Indessen war Christine acht Tage nicht mehr in das Schloß gekommen. Emilie, der die Erdbeeren lieber als alles Zuckerwerk waren, beklagte sich öfter, daß ihr Erdbeermädchen so lange ausbleibe. Eines Morgens kam endlich Christine wieder in das Schloß. Die Köchin ging in das Zimmer der Herrschaft, sie zu melden, und Christine blieb indessen draußen stehen. Emilie kam sogleich heraus und sagte: »Warum ließest du mich denn so lange ohne Erdbeeren? Das ist nicht schön! Du weißt ja, daß ich immer nur von dir kaufte. Wenn du so wenig Aufmerksamkeit für mich hast, so wirst du meine Kundschaft verlieren.«
Christinens blaue Augen füllten sich mit Thränen. »Ach, gnädiges Fräulein, sagte sie, meine Mutter ist schon den ganzen Frühling krank. Diese Woche aber war es so schlimm mit ihr, daß ich mir sie nicht eine Stunde zu verlassen getraute. Nur gestern Abends wurde sie ein wenig besser, und da eilte ich heute sogleich mit Anbruch des Tages in den Wald, um wieder einmal einige Kreuzer für sie zu verdienen.«
Emilie sprach: »Warum hast du mir aber nicht schon längst von der Krankheit deiner Mutter gesagt? Meine Mutter ist nicht hart gegen die Armen. Sie hätte es euch in dieser Noth gewiß nicht an Unterstützung fehlen lassen.«
»O gnädiges Fräulein, sagte Christine, ich weiß wohl, daß Sie und die gnädige Frau Mutter gegen die Armen sehr gütig sind. Allein meine Mutter sagt: So lange man sein Brod selbst erwerben kann, muß man Andern nicht zur Last fallen. Es giebt viele Arme, die gar nichts mehr erarbeiten können. Es wäre Sünde, diesen das Brod abzustehlen.«
Diese Worte gefielen Emilien sehr wohl. »Warte hier ein wenig!« sagte sie freundlich, und eilte in das Zimmer, mit ihrer Mutter zu reden. Ihre Mutter, die Frau von Waldheim, wollte Christinen sehen. Emilie führte sie herein -- und Christine erstaunte nicht wenig über das prächtige Zimmer, die lieblich-grünen mit bunten Blumenkränzen bemahlten Wände, den großen Spiegel mit goldenem Rahmen, die zierlichen Schränke und Tische von glänzend braunem Holze, das Kanapee und die Sessel mit grünseidenen Ueberzügen und den eingelegten, geglätteten Boden. In ihrem Leben hatte sie noch nichts dergleichen gesehen, und es wandelte sie bey dem Anblicke all dieser Pracht eine Art von Ehrfurcht an.
Die gnädige Frau aber, die eben an ihrer Stickrahme saß, ward innig gerührt, als sie das arme schüchterne Kind in seinem dürftigen, aber reinlichen Kleidchen von weiß und roth gestreifter Leinwand, mit seinem gelben Strohhütchen, auf dem ein Sträußchen von Erdbeerkraut voll weißer Blüthen und rother Beeren steckte, mit den hellen Thränen in den blauen Augen, und der reinlichen Schale voll Erdbeeren in der zitternden Hand so bey der Thüre stehen sah.
»Komm doch näher zu mir her, sagte sie freundlich. Du darfst dich nicht fürchten.« Indem Christine näher trat, erblickte sie ihr Bild im Spiegel. Sie hatte noch nie einen großen Spiegel gesehen; der ihrige zu Hause war nicht größer, als ein Taschenkalender. Sie glaubte im ersten Augenblicke noch ein anderes Erdbeermädchen, das ihr die Kundschaft streitig machen wolle, gehe auf sie zu. Sie blieb verwundert stehen. Am meisten aber erstaunte sie darüber, daß dieses Mädchen gerade so wie sie gekleidet sey, eben ein solches Strohhütchen mit einem Erdbeersträußchen aufhabe, und eben eine solche Schale mit Erdbeeren in der Hand halte. Indeß merkte sie bald, daß sie sich geirrt habe, und wurde über und über roth.
Frau von Waldheim lächelte über den unschuldigen Irrthum des armen Kindes und erkundigte sich auf das liebreichste nach den Umständen der kranken Mutter. Christine bekam wieder Muth und gab auf jede Frage eine verständige Antwort. Als sie aber von der Armuth und den vielen Leiden und Schmerzen ihrer lieben Mutter erzählte, konnte sie vor Betrübniß fast nicht mehr reden. Sie schluchzte und reichliche Thränen floßen über ihre Wangen.
»Weine nicht so, liebes Kind, sagte die gnädige Frau; ich werde für deine Mutter sorgen. Du mußt mir jetzt nur noch sagen, wo ihr wohnet?« »In der letzten Hütte des Dorfes, antwortete Christine. Sie können aus dem Fenster hier das Strohdach dort zwischen den Bäumen sehen.« »Nun wohl, sprach Frau von Waldheim, das kleine Haus mit den weißen Mauern und dem gelben Dache nimmt sich zwischen den dunkelgrünen Bäumen sehr artig aus. Da wohnt also deine Mutter. Und wie heißt sie denn?« »Sie heißt Rosalie West, sagte Christine; in dem Dorfe heißt man sie aber gewöhnlich nur die arme Rosalie.«
Die gnädige Frau bezahlte hierauf die Erdbeeren dreyfach, und befahl, die Porzellanschale, in der Christine die Beeren gebracht hatte, mit der besten Fleischsuppe für die kranke Mutter zu füllen.
»Das ist ja ein überaus liebes, gutes Kind! sagte die Frau von Waldheim zu Emilien, als Christine fort war. Ich will nicht einmal etwas davon sagen, daß sie bey all ihrer Armuth schon in ihrem Aeußerlichen ein Muster der Reinlichkeit und Ordnung ist. Allein ihre Liebe zu ihrer Mutter geht über alles. Ein solches Herz voll kindlicher Liebe ist mehr werth, als ein Diamantstern auf der Brust. O Emilie! wenn ich einmal -- was zu seiner Zeit auch eintreffen wird -- so krank und elend daläge, wie Christinens Mutter, würdest du wohl auch so zärtlich um mich besorgt seyn, meiner so liebreich pflegen, und so vieles für mich thun?«
Emilie, der bey Christinens Erzählung die Thränen schon immer in den Augen standen, fiel ihrer Mutter weinend um den Hals. »Das wolle Gott verhüthen, sprach sie schluchzend, daß Sie, liebste Mutter, krank und elend werden. Lieber wolle Er mir eine Krankheit zuschicken. Aber wenn es denn doch so seyn müßte, und Sie krank werden sollten -- o gewiß, gewiß, ich würde nicht weniger für Sie thun, als Christine für ihre Mutter thut.«
»Gott segne dich, liebes Kind, für diese deine kindliche Liebe, sprach die gerührte Mutter. O bleibe immer so gesinnt, und du wirst auf Erden noch viele frohe Tage erleben. Denn glaube mir, jedem Kinde, das seine Aeltern aufrichtig ehrt und liebt, läßt es Gott wohl gehen. Und so wird -- denke du an mich! -- auch die arme Christine noch bessere Tage sehen!«
Christine war indeß vergnügt und fröhlich nach Hause geeilt. Ihre Mutter ward über ihre Erzählung hoch erfreut, und die kräftige Fleischbrühe kam der armen Frau, die seit langer Zeit nichts als Wassersuppen gegessen hatte, sehr wohl. »O liebe Christine, sagte sie, indem sie mit aufgehobenen Händen andächtig zum Himmel blickte, so verläßt Gott die Seinen doch nie! Er hilft allemal noch zur rechten Zeit! -- Laß uns fernerhin auf Ihn vertrauen; allein dabey auch immer das Unsrige treu und redlich thun. Denn sieh, liebe Christine, wenn du, aus kindlicher Liebe zu mir, nicht so fleißig Erdbeeren gesammelt und meinen Ermahnungen zur Reinlichkeit und Ordnung nicht gefolgt hättest -- so hätten wir das Glück wohl nicht gehabt, daß die gnädige Frau und das liebe Fräulein sich unsrer Armuth so liebreich annehmen wollen. Sieh, nicht das geringste Gute bleibt ohne gute Folgen; Gott bedient sich desselben, edle Herzen zu rühren, und durch sie uns aus der Noth zu erretten.«
Drittes Kapitel. Die Schicksale der beyden Mütter.
Der folgende Tag war ein Sonntag. Christine saß des Abends, nachdem sie ihre kleinen Hausgeschäfte besorgt und ihr Lämmchen gefüttert hatte, neben dem Bette ihrer Mutter, und las ihr aus einem Buche mit sanfter, lieblicher Stimme deutlich und langsam vor. Der Abend war sehr schön und die untergehende Sonne schien durch die Rebenblätter am Fenster glutroth in das kleine Stüblein. Da trat auf einmal die Frau von Waldheim mit Emilien herein. »Je, rief Christine und sprang auf, die gnädige Frau und das Fräulein!« Die Kranke war von der Gnade dieses Besuches sehr gerührt.
Die Frau von Waldheim blickte vergnügt in dem engen Stübchen umher. Die Wände waren schneeweiß, die wenigen Schüsseln und Teller auf dem Rahmen an der Wand hell und glänzend! der Tisch, die Bank, das Paar Stühle und der Stubenboden rein gefegt. Auch die Bettüberzüge und die Kleidung der kranken Frau waren, so ärmlich sie aussahen, äußerst reinlich. Die Frau von Waldheim setzte sich auf den Stuhl, von dem Christine aufgestanden war. Mit Wohlgefallen vernahm sie, daß Christine alles so in Ordnung halte. Sie blätterte in dem Buche, lobte das Buch und Christinens gutes vernehmliches Lesen, das sie noch gehört hatte. Sie bemerkte auf dem Kasten an der Wand ein Paar Strickkörbchen, durchsuchte sie, und war mit den Arbeiten, der Mutter sowohl als der Tochter, sehr zufrieden.
»Ihr seyd sicher nicht aus dem Dorfe dahier, sagte die gnädige Frau. Denn Ihr habt das Stricken und Eure Tochter hat das Lesen nicht dahier gelernt. Ihr müßt wohl durch besondere Schicksale hieher gekommen seyn?«
»Ja wohl hatte ich besondere und sehr harte Schicksale!« sagte die Kranke und fing an zu erzählen. »Mein Mann, sprach sie, war Leibjäger in den Diensten einer Herrschaft jenseits des Rheins. Wir waren kaum ein Paar Jahre verheirathet und hatten diese Zeit ungemein glücklich und vergnügt gelebt -- da brach der Französische Krieg aus. Unsere Herrschaft flüchtete, und konnte uns nicht mitnehmen. Mein Mann trat auf ihr Anrathen bey einem Jägerchor in Dienste. Ich konnte ihm mit meiner Tochter, die damals noch so klein war, daß sie den Namen Vater noch nicht aussprechen konnte, natürlich nicht folgen. Unter tausend Thränen nahmen wir Abschied. Ach es war das letzte Mal, daß ich ihn sah! Er schrieb mir zwar von Zeit zu Zeit, daß er gesund sey. Allein plötzlich vernahm ich, er sey schwer verwundet, und bald darauf erhielt ich die Nachricht, er sey an seinen Wunden gestorben. Mein Jammer war unbeschreiblich! Ach, er war ein guter Mann, ehrlich und redlich! Ich weiß zwar sein Grab nicht; allein seine Gebeine ruhen gewiß in Frieden! -- Ich gerieth nun mit meiner Tochter bald in sehr großes Elend. Ich hatte mich nach Hause zu meinen Aeltern begeben. Allein auch diese Gegenden wurden nunmehr von dem Kriege schrecklich heimgesucht. Meine Aeltern verloren all das Ihrige, und starben bald darauf an einer ansteckenden Krankheit, die der Krieg verbreitet hatte. Ich war genöthiget, auszuwandern. Meine Habseligkeiten waren klein beysammen. Ich hatte fast nichts, als diese zwey Hände. Ich irrte weit umher. Endlich kam ich in dieses Dorf. Diese Hütte stand eben leer. Die wackern Bauersleute, deren Nebenhaus sie ist, gestatteten mir, hinein zu ziehen, unter der Bedingung, daß ich ihre zwey kleinen Mädchen im Nähen und Stricken unterrichte, was ich denn auch sehr gerne that! Ich habe allerdings viel gelitten -- allein Gott hat doch immer treulich für mich gesorgt und mir immer und überall durchgeholfen, bis auf diesen Augenblick, da Er Sie, edle Wohlthäterin, unter dieses Strohdach führte. Ihm sey Dank für alles -- für Leiden und Freuden!«