Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 5
Übrigens staunte er manchmal, wenn er späterhin den Vater von dieser Reise erzählen hörte; Herr Forster wurde dann ganz dithyrambisch und gab Schilderungen von der Wucht der Gewässer, von dem Einfluten der Oka und der Kama, -- die Rivalinnen der Wolga nannte er diese beiden, -- und der übrigen gewaltigen Nebenströme, von dem Gewander der Barken und Flöße, dem Gesumm der wachsenden Städte, dem Überfluß an Holz in den krachenden Urwäldern und dem geheimnisvollen, unheimlichen und unerschöpflichen Leben der wilden Tiere und Menschen, von denen beide Ufer überquollen. Gewissenhaft suchte er dann in seiner Erinnerung und bemerkte, daß er von alledem nichts wußte. Er erinnerte sich an Akim und an die Fischer und daß er gerne Störrogen gegessen hatte, obgleich er sich ein wenig davor ekelte. Er erinnerte sich an die Frau des reichen Tataren, den sie in Kasan besucht hatten, wie sie auf dem Divan gesessen hatte, von Goldstickerei, von Ketten und Ringen starrend und durch den Dampf ihrer muschelzarten chinesischen Tasse mit den geschwärzten Zähnen zu ihm hinüberlächelnd. Der Vater hatte ihn aus irgendeinem Grunde hier zurückgelassen und war fortgegangen, er hockte klein und bescheiden auf einem Polster neben dem Ofen, in dem ein Feuer brannte, obgleich draußen warmer Spätsommer war. Auch er bekam eine bläuliche Eierschale voll Tee und ein Häufchen klebriger Süßigkeiten auf einem schönen Tischchen vor sich hingestellt, das mit Perlmutter ausgelegt war, aber er schämte sich zu essen unter dem Lächeln dieser Frau, die ihre edelsteinbeladenen feisten Hände nur bewegte, um die Tasse zum Munde zu führen und sie dann leer der Dienerin zu reichen, die ebenfalls beständig lächelte, aber doch mehr wie ein wirklicher Mensch. Er wollte vermeiden sie anzusehen, und ließ seine Augen verzweifelt umherwandern, -- da war ein wunderlicher bunter Holzkoffer, mit blankem Zierat beschlagen, kupferne Waschbecken, ein Spiegel, ganz wie zu Hause, und auch Nelken und Geranium am Fenster. Dann aber wieder ein Lackschränkchen mit goldenen Blumen und Vögeln und der Samowar summend und fauchend. Er fühlte, wie ihm warm wurde, übermäßig warm, seine Hände wurden ganz feucht und er hätte sich gern einmal das Gesicht abgewischt, wenn nur die Tatarin ... Nun hatte er doch hinübergesehen und war tödlich erschrocken: das Gesicht seiner Wirtin löste sich auf, es rieselte ihr von der Stirn, zog Bahnen durch ihre kohlschwarzen Brauen und rosigen Wangen, ja selbst ihr lackroter Mund ward wie verschmiert, wie eine klaffende blutige Wunde. Mein Gott, was war nur geschehen? Sie schwitzte, die Gute, sie schwitzte; sie hatte diesen wohltuenden Ausbruch, der der Zweck ihres Teetrinkens war, aber in diesem Augenblick saß sie völlig hilflos da, bis die Dienerin mit dem Tuche zur Hand war, einem Tuche, das schon mehrere Wochen zu diesem Zweck gedient zu haben schien. Alsbald war der Samowar zur Seite geschoben, die Tatarin schnaufte zufrieden und genoß ihren Zustand, immer aufs neue von der lächelnden Zofe abgetupft, bis die Ergiebigkeit ihrer Poren erschöpft war. Sodann trat ein Kästchen aus Zinkblech in Erscheinung, das in seinen Fächern vielfarbig leuchtete. Die Tatarin hielt ihr Mondgesicht mit breit verzogenem Munde hin, und nun ward gemalt, gestrichelt und gewischt, immer von dem flinken, behutsamen Mädchen, während das entstehende Kunstwerk regungslos saß und nur manchmal aus schmalen Augenschlitzen zu George hinüberblinzelte. Nun vollendet, verharrte es unbeweglich, die rotgefärbten Fingerspitzen über dem stattlichen Leibe aneinander gelegt und ins Leere lächelnd in dem Bewußtsein übergroßer Schönheit. George geriet so unter den Bann des Eindrucks, dort drüben befinde sich ein Edelsteinschrein, ein Schnitzwerk vielleicht, ein Bild, nur eben kein Mensch, daß er es wagte, die Beine zu bewegen und sich an der Nase zu kratzen, -- da sah er, wie die Tatarin die Augen herumwälzte, und gleich saß er wieder versteinert. Nun sagte sie auch etwas zu ihm, sagte dreimal den nämlichen Satz, wobei er sie verzweifelt anstarrte, denn er verstand sie doch nicht, bis sie endlich unzufrieden mit dem Kopf wackelte und verstummte. Dann sagte sie plötzlich mit ganz heller Stimme auf Russisch: »Tschaj? Tee?« und nickte mit schief geneigtem Haupte. Da er diesmal begriff, bejahte er begeistert, um sie zu erfreuen und jedenfalls nicht zu erzürnen, und sogleich richtete sie einen Strom hastiger Rede gegen die Dienerin, die hinausglitt und mit einem frischen brausenden Samowar wiederkehrte, der alsbald Wasser hervorsprudelte und Dampf spie, während ein frühlingszarter Duft sich im Augenblick des Aufbrühens aus der Kanne erhob, den das Götzenbild befriedigt schnuppernd einsog. Und indem das Mädchen mit leisem Klingeln seiner Armreife und Ohrringe hin und her eilte, um die Tassen zu füllen, -- sie trug ein lichtblaues Jäckchen mit Silberstickerei und unter dem engen roten Obergewand weite Pluderhosen, die über den Knöcheln zusammengebunden waren, -- indem die Tatarin der heißen Tasse die Zähne zeigte, indem George verzweifelt pustete und die Augen nicht von seinem Gegenüber ließ, kam es mit der Gleichmäßigkeit eines bösen, stets sich wiederholenden Traumes zu demselben Auftritt wie vorhin, einmal, und noch einmal: Teetrinken, Schwitzen und Schminken und dann erst kam endlich der Vater mit dem Tataren zurück, -- ja, der Vater hatte gut lachen! --
Überhaupt hatte er sich auf dieser Reise oft gefürchtet, daran erinnerte er sich später besonders gut und daß er sich gewöhnt hatte, mit der kleinen Pfote über den Augen einzuschlafen, wenn er nicht den Kopf ganz im gebogenen Arm vergrub, das stammte von diesen Nächten im Schilf her, in denen immer ein Mann mit geladenem Gewehr wachen mußte, denn die Räuber entstammten nicht nur Akims Phantasie, sondern die Berge waren voll von ihnen, und die Matrosen bekreuzten sich dankbar, wenn wieder ein Wolok, -- eine jener angeschwemmten mit Weidengebüsch bestandenen Landzungen vor den Einmündungen der Flüsse, -- umschifft war, _ohne_ daß dort Geheul und Flintenknattern aus dem Hinterhalt aufgebrochen war. Auch an die deutschen Ansiedlungen, deren Besuch der eigentliche Zweck des ganzen Unternehmens war, erinnerte er sich nur in verschwimmenden Umrissen, und eigentlich nur an jene Frau, die ihm die Füße gewaschen und ihn zu Bett gebracht hatte wie einen müden kleinen Jungen, gar nicht wie einen »hoffnungsvollen jungen Gelehrten«. Auch daran, daß er da, nach Monaten zum erstenmal wieder in einem richtigen weißen Bett ruhend, trotz aller Erschöpfung noch lange wachgelegen hatte, von einem jähen nagenden Heimweh befallen. Alle diese Erinnerungen aber verblaßten vor jenem letzten schrecklichen Erlebnis mit dem Janusch.
Sie hatten in der Nähe des Kaspi einen Ausflug landeinwärts gemacht, die Sonne prallte blendend von der grauweißen Salzrinde der Wüste ab, die Luft war flimmernd heiß und schwer zu atmen wie von Salzlösung gesättigt, der Janusch war mürrisch und George tieftraurig. Beide stapften sie in finsterem Schweigen hinter dem Vater her, der im Sande grub und Versteinerungen suchte. Akim hatte sie begleitet und nahm die Beute in einen seiner Weidenkörbe auf, die beiden Erwachsenen der Unternehmung waren somit beschäftigt und in bester tätiger Laune, besonders Herr Forster, der fortwährend vor sich hinpfiff und Akim durch neckische Fragen zum Kichern brachte. Ein langgestreckter Hügelrücken erhob sich unter der Menge der Flugsanddünen wie ein ruhender Löwe in einer Herde geduckter Schäfchen, er hatte felsige Flanken und ein von interessanten Tonschichtungen rotstreifiges Fell, also ging Herr Forster auf ihn los wie ein witternder Jäger und sah sich in keiner Weise nach George um, der hinter einem Flugsandhügel zurückblieb, und zwar weil Janusch sich mit einem Laut verzweifelten Unmutes zu Boden geworfen hatte. »Hunger hat er sich, Durst hat er sich, will er sich nachhause, Janusch, armes Hund!« schluchzte er schnaubend und krallte seine mageren Finger in die spröde bröckelnde Salzkruste. »Is sich furchtbares Land, Wasser, viel zu viel, kein Stall, kein Schwein, kein Garnichts!« »Wir geben dir doch immer zu essen, Janusch«, sagte George ratlos und nestelte gebückt an dem Frühstückskorb, den der Heulende auf dem Rücken trug, -- man mußte ihn stärken, -- o Gott! -- dies war gewiß ein Kollaps der Kräfte, -- Herr Forster befürchtete für sich selbst dauernd Kollapse der Kräfte und erörterte eingehend diese Möglichkeit, -- eine Kollation, nicht wahr, über dem Spazieren ward man müde, mußte anbeißen: »Janusch!«
Aber der Janusch hatte sich hingesetzt und wehrte angeekelt ab, -- »nicht so!« Sein Gesicht war rot gescheuert von salzigem Sand, sein krauses schwarzes Haar bestäubt, wie das einst so stolze grüne Kamisol, er zog die Knie an, umschlang sie mit den Händen und starrte aus seinen grellen Augen trostlos gradeaus in die leere Wüste. »Hat sich Hunger schweinernes von Mutter, hu hu!« fügte er dann hinzu, steckte den Kopf zwischen die Knie und gab sich weiter haltlos seinen Gefühlen hin, die ihm in diesem Augenblick des Zusammenbruches die polnische Sumpfheide mit Mutters Hütte als Paradies erscheinen ließen. Da waren sie alle zerlumpt und zottelig und um den rauchenden Herd war kein Fleckchen ohne irgendwelchen lieben persönlichen Dreck, der sich jahrelang hielt und wärmte. Da roch es scharf und beißend nach ranzigem Speck und Fusel, die so gut schmeckten, hintereinander genossen, versteht sich! Ach, für eine Weile mochte es gut sein, gekleidet zu gehn wie ein Starost, mit Georgie-Panje Gemeinschaft zu haben, sich allen Schimpfens und aller Stallgewohnheiten zu enthalten und dem großen Pan Forster demütig zu dienen wie einem lieben Gott in Stulpenstiefel. Aber seinesgleichen waren sie nicht, diese Menschen, die nach gar nichts rochen außer etwa so zahm und süß wie der Pan Forster nach Lavendel oder etwas anderem, was nicht zu essen war, -- und übrigens roch er nicht einmal selbst so, sondern nur seine Hemden und Röcke. Ach, Hemd und Rock, das hatte mit dem Menschen verwachsen zu sein wie sein eigenes Fell und mußte ganz durchtränkt von der Persönlichkeit werden! All diese Gedanken fanden sich nicht etwa in kristallisierter Klarheit in den Hirngängen des Janusch vor, aber sie quollen doch wie Lava rebellisch in seinem ganzen Körper auf und nieder und drängten zum Ausbruch, -- denn der Janusch dachte, fühlte und litt mit seinem Bäuchlein und mit seiner Zunge ebensogut als mit dem Herzen und dem Kopf, es ging bei ihm alles einheitlich und verschmolzen vor sich und manchmal hatte er abends geweint, weil er nicht mehr so viel Läuse hatte wie früher und das Kratzen vor dem Einschlafen doch so angenehm gewesen war. Nicht, daß er sich dessen bewußt geworden wäre, aber eben: ihm fehlte etwas!
George war aufs tiefste peinlich berührt und empfand es auf einmal deutlich, daß er den Janusch nicht liebte, ja mehr noch, daß der Janusch trotz des sauberen Kamisols nicht aufgehört hatte, ihm widerlich zu sein, wie daheim, seit seinen ersten Lebensjahren. Aber gerade deshalb fühlte er einen dumpfen Zwang, dem anderen dienen zu müssen, und mit schmerzlicher Überwindung beugte er sich nieder, um die zuckenden Schultern des Janusch zu berühren, -- mein Gott, was sollte er nur sagen, und geschah dem Janusch nicht eigentlich ganz recht? Wer hatte immer mit Pferdeäpfeln geschmissen und nicht nur geschmissen, sondern auch getroffen! und das war es doch eigentlich. Und gab es das wohl überhaupt, Heimweh nach einem Stall, in dem Hühner, Katzen, Schweine und Menschen zusammen hausten? Gleichviel, der Janusch heulte, er sprudelte Flüssigkeit von sich in wütendem Schluchzen, er ließ sich gehen, war menschlich, war arm ... Was tat man mit ihm? Wenn nur der Vater ...
In diesem Augenblick erzitterte von fernher die Erde, sie wußten beide zunächst nicht, woher die glühende Lautlosigkeit der Wüste diesen dumpfen Trommelwirbel nahm, der Luft und Boden erschütterte. Janusch war aufgefahren und starrte George an, der seinerseits mit beiden Händen in die Höhe gezuckt war und mit offenem Munde dastand. Er hatte aber keine Zeit weder aufzuschreien noch davonzulaufen, er machte einen mühseligen Versuch, die nächste Düne zu erklettern, blieb jedoch auf halber Höhe liegen, Ärmel und Schuhe voll Sand. Und da lag er denn und sah. Auf zottigen kleinen Pferden kam ein Reitertrupp herangebraust, von Waffen starrend, die Ringelpanzer in der Sonne glänzend, Haarschöpfe hoch auf dem runden Schädel scharf abgebunden, im Winde flatternd. Unmöglich, einen einzelnen ins Auge zu fassen, wie die hundertmal wiederholte Erscheinung eines höllischen Grinsens rasten sie vorüber auf die Pferdeköpfe geduckt und schnatternde Schreie ausstoßend wie ein Zug wilder Gänse. Flimmernder Staub umwölkte sie, Sand spritzte unter den Hufen. Der letzte ritt in einigem Abstand und um einen Bruchteil langsamer, er war der einzige, der die Knaben bemerkt zu haben schien, denn mit wahnsinniger Geschicklichkeit drehte er sich ohne anzuhalten auf dem Pferderücken herum, -- er ritt ohne Sattel und Bügel --, indem er die eine Hand rückwärts aufstemmte und die lederumwickelten Beine durch die Luft schwang. Er war unbewaffnet, -- war er der Hanswurst oder der Koch des kriegerischen Zuges? --, er vollführte ein paar greuliche Faxen mit aufgerissenem Rachen und wildfuchtelnden Armen, um die Knaben zu erschrecken, zu unterhalten ... George war wie betäubt, wie geblendet, er sah ohne zu sehen, aber der Janusch, um Himmels willen, was kam dem Janusch bei? Mit ausgebreiteten Armen machte er ein paar Schritte, lief er, ja wahrhaftig, da lief er dem Kerl nach und der, mit derselben teuflischen Geschwindigkeit sich wieder im Sitz herumschwingend, machte kehrt und kam zurückgeflogen, wie das schlagende Wetter. Ein Niederbeugen im Fluge, ein gellender Raubvogelschrei, und da saß der Janusch vor dem Kalmücken, die Arme um den Pferdehals geworfen und noch einen Blick zu George sendend, in dem Gott weiß was lag, Angst jedenfalls, aber auch Triumph ohne Grenzen, und George fragte sich später immer wieder, ob es wohl möglich sei, daß der Janusch in jenem Augenblick, als sein Schicksalsfaden wie rasend abrollte, imstande gewesen war, ihm die Zunge herauszustrecken, -- oder ob das eine Augentäuschung seinerseits war, hervorgerufen durch die Gewöhnung an gewisse Eindrücke, ausgehend vom Mienenspiel des lieben Janusch?
Hierzu ist nur zu bemerken, daß es nicht gelang, dieses Bedienten ohnegleichen wieder habhaft zu werden, und daß, wie schon gesagt, dieses Erlebnis das letzte deutlich umrissene in Georges Erinnerung an die Wolgareise blieb. --
* * * * *
Der andere Knabe war in die Uniform irgendeiner militärischen Erziehungsanstalt gekleidet, einen knapp sitzenden blauen Frack mit spärlichen Silberknöpfen; er hatte den schwarzen Dreispitz unter dem rechten Arm und die linke Hand am Knauf des Degens, der fast wagrecht von seiner Hüfte abstand. Er trug zwischen den mit Eiweißkleister haltbar gemachten und dick überpuderten Haarrollen an den Schläfen ein ungeheuer gelangweiltes Gesicht zur Schau, veränderte es aber aufs liebenswürdigste, sobald der Blick einer Dame ihn traf, etwa gar das hurtig wandernde Auge seiner gnädigen Tante, der Fürstin Daschkow, der geistvollen jungen Staatsdame Katharinas, die ihn, den bedauernswerten Michail Grigorjewitsch, zu dieser nichts weniger als glänzenden Soiree bei Hofe mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, Hofgesellschaft anzutreffen, -- nun, etwa den »engeren Kreis«, -- und Stoff zur Unterhaltung der Kameraden zu sammeln wie eine Honigbiene. Und nun war hier, in den Sälen der Eremitage, fast die gesamte Akademie versammelt, lauter greise Männerchen mit gebückten Schultern und die Hände auf dem Rücken, wie er entrüstet in Bausch und Bogen feststellen zu müssen glaubte, obgleich eigentlich nur der ^D.^ Pallas, der dort drüben mit dem riesigen Deutschen plauderte, diese Haltung innehielt, und -- freilich, dies war lächerlich, -- neben ihm das Wunderkind, der Sohn des Deutschen, in einem Ableger von seines Vaters mausegrauen Rock gekleidet und mit Strümpfen, die über den Knöcheln Falten schlugen, das stand auch so da und guckte von unten schief zu dem großen Pallas hinauf, der es körperlich übrigens kaum überragte. Die Kaiserin war nicht mehr anwesend. Sie hatte der Versammlung ihre Gegenwart nicht viel länger als eine Viertelstunde gegönnt, und hatte den Eindruck hinterlassen, daß man sie gelangweilt habe, weshalb eine Art von Schuldbewußtsein die Stimmung der Gesellschaft drückte. --
George sah indessen nicht so sehr auf die farblosen Lippen des Kollegienrates, als daß er mit einem Ausdruck verlegener Sehnsucht zu dem anderen Knaben hinüberschielte, dessen Blick er spürte, den er aber um nichts in der Welt anzureden gewagt hätte. Er hatte ihn entdeckt, sobald er den Saal betreten hatte, und war sofort von der Hoffnung befallen worden, der Vater möchte sich mit ihm still und bescheiden an die Wand stellen, -- eben neben jenen Knaben, -- denn die Gesellschaft dünkte ihn glänzend, großartig und furchteinflößend, so sehr verwechselte er den Eindruck des durch hunderte von Kerzen erleuchteten sechseckigen Spiegelsaales mit dem der sich darin bewegenden Menschen. Einzig Simon Kotelnikow, der Oberbibliothekar, trug einen ponceauroten Schoßrock und eine reichgelockte Staatsperücke und nahm sich zwischen seinen Kollegen aus gleich einem Paradiesvogel unter einem Krähenvolk, wie er so umherwippte und überall gastfrei den Deckel seiner goldenen Dose aufspringen ließ, der Katharinas Bildnis ^en miniature^ zeigte. Böse Zungen behaupteten, er sei einzig deshalb so freigebig, um das Gespräch auf diese Dose, ein Geschenk der Kaiserin, zu bringen. In Wirklichkeit war Kotelnikow dem Schnupftabak dermaßen ergeben, daß er in der Stunde nicht weniger als sechs Prisen brauchte, -- »um den Olymp zu entwölken« meinte er, auf seine gewölbte, von feinen Falten liniierte Stirn weisend, -- deswegen hielt er in Gesellschaft seine Dose für jedermann offen und bediente sich selbst wie aus Zerstreutheit zu gleicher Zeit. Er besaß außer dem Ehrgeiz, Voltaire zu ähneln, keine Eitelkeit, und sein häßlich-slavisches braunes Gesicht mit der eingedrückten Nase und den funkelnden braunen Äuglein gab ihm ein gewisses Anrecht darauf. Aber eine ganz hoffnungslose Güte, die unausrottbar in seinem Herzen wurzelte, zerstörte immer von neuem seine Versuche, dem großen Vorbild an spielender Bosheit ähnlich zu werden, so sehr er auch dagegen anwütete und sich selbst den Bösen vormimte.
»Der zwölfjährige Jesus im Tempel«, sagte er eben mit dem verzweifelten Versuch zu einer Blasphemie, die ihm selbst so widerstrebte, daß sich sein ledernes Gesicht völlig verzerrte und es ihm in der Hand zuckte, sich zu bekreuzen, welche Regung er, maßlos über sich selbst erschrocken, noch rechtzeitig unterdrückte, indem er dem jungen Forster die Hand auf die Schulter legte.
»Welcher Stolz mag das Herz eines Vaters im Besitz eines solchen Sohnes schwellen!« fuhr er fort und hielt die geöffnete Dose ins Leere. »In der Tat, Monsieur Forster,« sagte er mit fieberhafter Eindringlichkeit zu Georges Vater aufblickend wie eine alte verliebte Frau, »Ihr Sohn hat uns mit seinem Bericht über das Biberdorf in der Woloschka bei Fedorowka alle beschämt, uns Veteranen der Wissenschaft, ist es nicht so -- he, Pallas?« fragte er, mit der Dose den Kollegen bedrohend, der gelangweilt eine halbe Schwenkung von ihm weg machte und sein Gespräch mit Forster über die Völker längs der Wolga fortsetzte. »Sie werden mich besuchen, Väterchen!« brach es nun unbezwinglich aus Kotelnikow hervor und er umarmte George fast, »ich bin nur ein alter Mann, aber ich besitze doch einiges, was Ihr Herz erheitern möchte. Wie, sollten Sie nicht meinen Sekretär mit Musik zu sehen wünschen oder meinen zahmen Papagoyen? Er stammt aus Surinam und ist ein Geschenk von Madame Merian, meiner gelehrten und berühmten Freundin. Sie studiert speziell die Insekten und malt und zeichnet sie samt den Blättern und Pflanzen, die sie zum Aufenthalt bevorzugen, Sie werden diese kleinen Meisterwerke im Museum der Akademie vorfinden. -- Ich, mein Freund,« setzte er hinzu, faßte George vertraulich unter den Arm und zog ihn mit sich fort, »ich finde unter uns gesagt mehr Geschmack an den schönen Künsten als an der unverarbeiteten Natur. Aber lassen Sie das hier nicht laut werden, alles, was Sie hier an Kapazitäten vereinigt sehen, huldigt den Naturwissenschaften und der Mathematik, wie ich ja selbst zur Mathematikklasse gehöre, -- aber ^passons çi-devant!^ Sehen Sie, dort drüben, der Wohlbeleibte im blauen Frack ist mein Kollege Äpinus, -- er hat den Annenorden, Pallas und Euler sind Ritter des Wlodomirordens. ^À propos^, hören Sie ein Epigramm von mir, es ist allerliebst, ich muß es sagen (es ist deutsch, des großen Lessing würdig):
Zerbrach auch längst die Marmorsäule, Drauf Pallas stand mit ihrer Eule: Hier ist sie wieder aufgebaut, Wo Pallas seinem Euler traut.«
Er kicherte hastig, geriet ins Hüsteln und klopfte dem verlegenen George auf den Handrücken. »Die beiden können sich nämlich gegenseitig nicht ausstehen!« röchelte er ihm noch ins Ohr und verließ ihn, plötzlich auf den Spieltisch zutänzelnd, an dem die Fürstin Daschkow mit dem Astronomen Rumowski und dem Franzosen St. Pierre Platz genommen hatte. George sah sich auf einmal völlig allein dem Glanz der Spiegel, der kristallbehängten Kronleuchter und des eisblanken Parketts ausgesetzt, etwas wie Platzangst lähmte ihn und er wagte keinen Schritt zu tun. Außerdem kam er sich durch Kotelnikows Vertraulichkeiten ebenso wie durch dessen plötzliches Vonihmablassen vor dem anderen Knaben bloßgestellt vor und blickte unglücklich hinüber, ob dieser ihn wohl beachtet habe. Er sah ihn noch immer in der gleichen Stellung vor dem überlebensgroßen Bilde eines Generals mit der Allongeperücke, der auf einem hochgebäumten Pferde saß, stehen, als sei er dort zur Ehrenwache bestellt, die Linke am Degenknauf, die Nase keck und gelangweilt zugleich in die Luft gestreckt. Aber obgleich er George nicht zu beachten schien, ging mit einem Mal ein Ruck durch seine Glieder, er kam mit etwas steifen abgemessenen Schritten auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.
»Mein Herr,« sagte er auf Französisch, »Sie kommen aus Deutschland: haben Sie den König von Preußen gesehen?«
George fühlte all sein Blut zum Herzen schießen und seine Knie wankten.
»Nein, mein Herr!« stammelte er und hatte hierauf noch eine Sekunde das Glück, die blaßblauen Augen Michail Grigorjewitschs aus nächster Nähe mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung auf sich gerichtet zu sehen. Hierauf wandte sich dieser junge Mann schweigend ab und schritt zu seinem Standort zurück, während von der anderen Seite glücklicherweise der Vater nahte, um George nach einigen Abschiedszeremonien mit sich fortzunehmen.
In den Tagen nach dieser Soiree in der Eremitage war der Vater auffallend schlechter Laune, was sich, wie immer, darin äußerte, daß er nicht mehr als das Notwendigste sprach und sehr majestätisch und vorwurfsvoll aussah. Ohne weitere Erklärungen abzugeben, entließ er den Lohnlakaien und fand den Mietskutscher ab, welche beiden er sich seit der Rückkehr nach St. Petersburg als unentbehrlich für die Gewohnheiten eleganter Reisender gehalten hatte, ebenso wechselte er den teuren Friseur vom Newski-Prospekt mit einem Biedermann, der in Gostinnoi dwor, dem großen Bazar, eine Badestube für jedermann hielt. Schließlich, was das Einschneidendste war, er befahl George die Koffer zu packen, und im Umsehen vollzog sich eine Übersiedlung aus dem Demuth'schen Gasthof in der Nähe des Winterpalastes zu der Witwe Olga Nikolajewna Demidow, die im Wiborgschen Stadtteil ein hölzernes Häuschen besaß und den ganzen Tag über billige Tränen darüber vergoß, daß Fremde in den Federbetten des seligen Fedor Wassiliewitsch lagen, -- aber was tat sie nicht dem Kollegienrat Stephan Rumowski zuliebe, ihrem Freunde, der sie überredet hatte, diese Deutschen ins Haus zu nehmen?