Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 40

Chapter 403,616 wordsPublic domain

Er hatte sie gefragt, -- und er hatte ein Lächeln dabei gehabt und eine Liebkosung, --: »Wie ist es denn nun, liebes Kind, wärest du bereit, abzureisen, wenn nun die Preußen ...« Er vollendete den Satz nicht, er lächelte wieder. Nach den neuesten Berichten schien es so ausgeschlossen, daß die Preußen kämen. Custine hatte Frankfurt aus den Händen gelassen, das war Strategie. Er hatte die Truppen auf Mainz zurückgezogen, Kastel war befestigt, die Stadt nach Eikmeyers Ansicht auf eine zweijährige Belagerung vorbereitet. Jedoch, so hatte wiederum Eikmeyer, das militärische Orakel des Klubs, geäußert, woher wollte der General Kalkreuth jetzt die Armee aufbringen, die Festung einzuschließen? Es lag mithin kein Grund vor, Mainz als gefährdeten Boden zu verlassen, und wenn der Vizepräsident der Administration seine Familie wegschickte, gab er damit nicht zu, daß er, ein Vertreter der Stadtverteidigung, anderer Ansicht war? Würde das nicht heißen, die Bürgerschaft beunruhigen, den Vorsätzen also, mit denen er sein neues Amt übernommen, untreu werden?

»Nun, -- _diese_ Bürgerschaft ...« Therese wand ihre Schultern.

»Sie ist keine Opfer wert in ihrer Lauigkeit, -- freilich, da hast du recht. Aber vielleicht verlangt meine Ehre es doch, daß ich öffentlich erkläre, daß ich ...«

»Daß du was erklärst, Georgie?«

»Nun, daß ich mich von ihnen lossage, _weil_ sie nicht _für_ die Freiheit sind und also wider sie, daß ich mich nur noch als fränkischer Beamter fühle und mithin handele, wie es mich gut dünkt, -- und nicht, wie die Rücksicht auf ein verstocktes Publikum es erfordert.«

Therese blickte nachdenklich von ihm zu Karoline.

»Und wenn dies, -- wenn diese Lossagung gerade den Erfolg hat, daß die Bürgerschaft sich besinnt, -- um dich nicht zu verlieren? Nun, -- nimm an, -- es wäre alles möglich« ...

George zögerte. Dann lächelte er und sagte auch seinerseits dem Anschein nach zu Karoline:

»Dann freilich wärest du wohl meiner Ehre das Opfer schuldig, noch ein wenig zu verweilen. Vielleicht würdest du dann auch erleben, daß die Preußen gar nicht ...«

Therese sagte hastig: »Sie kommen. Wir gehen greuelvollen Szenen entgegen. Was willst du? Brand ist bereit, mich nach Straßburg zu bringen. Er hat die Unbeirrtheit des Unbeteiligten, er sieht klarer als wir alle. Er dringt auf die Abreise!«

»Brand ist ein Knabe und glaubt alles, was Huber ihm vorspricht.« Karoline, die Schweigsame, war auf einmal so heftig. »Mainz jetzt zu verlassen, -- oh, meine Liebe, es fehlt mir an Ausdrücken ... Ich habe auch ein Kind ...«

Therese sah sie blaß und hochmütig an: »Und spielst ^va banque^ mit seinem Leben!«

Die beiden Frauen blickten sich in die Augen:

»Und du, -- womit spielst du, Therese?« -- --

* * * * *

Am Montag hatte er die Rede im Klub halten wollen, in der er dem Publikum seinen Standpunkt deklarierte. Es war am Samstag abend, daß Therese, als die Kinder schliefen, zu ihm kam und bebend sagte: »Laß mich doch morgen mit den Kindern fahren, George. Weil doch auch Brand nicht länger warten kann ...«

Allerdings hatte Brand fast täglich Mahnungen von dem aufgeregten Lord Dacre, die unterminierte Stadt schleunigst zu verlassen. George argwöhnte nicht ohne Grund, daß es nicht nur das vulkanische Mainz, sondern ebenso das verfehmte Haus des Jakobiners Forster war, das Sr. Lordschaft nicht mehr als Aufenthalt für den Neffen behagte. Er sagte langsam: »Weil Brand nicht länger warten kann, gewiß.«

»George, -- ach, warum lächelst du jetzt nur?«

»Weil ich dich so gut verstehe, Therese. Nun, -- sieh mich nicht so an, mein Liebling. Ist es nicht seltsam, Kind, daß unsere eigensten Verhältnisse so mit den großen Angelegenheiten der Zeit und der Menschheit zusammenfallen?«

»George, -- ich verstehe dich nicht. Du schickst uns mit Brand nach Straßburg ...«

George blickte still in sein Licht.

»Ich schicke euch nach Straßburg, -- nun gut, Therese, -- und ...«

»Oh, George, warum sprichst du jetzt so?«

Sie ging weinend hinaus. --

* * * * *

Der Tag war frostig, nebelgrau und feucht. George hatte das Klärchen auf dem Arm und das Röschen an der Hand. Sie standen auf den Stufen des Hauses und sahen zu, wie der große, eilig vollgepackte Koffer hinten auf die Berline aufgeschnallt wurde.

Brand hatte sich schon verabschiedet und war gegangen. Er fuhr mit der Postchaise nach Straßburg, es vertrug sich nicht mit seinen Anstandsbegriffen, im gleichen Wagen mit der Frau seines deutschen Freundes abzureisen. Oh, Mr. Forster hatte keinen Grund, ihm zu danken. Er erfüllte nur seine Pflicht als ^gentleman^. Da denn Mr. Forster seine Frau nicht selbst zu begleiten wünschte ...

Dies war Old England, das ihn da mit den Augen einer kühlen Selbstgerechtigkeit noch einmal musterte, wußte George. Er wußte es mit Gelassenheit, wenn er es überhaupt empfand. Er fühlte die warmen kleinen Hände seiner Kinder und sonst nichts. Im Hintergrunde hörte er Theresens Stimme, die der Magd Marianne Anweisungen gab, -- Lise fuhr mit nach Straßburg. Oh, beschwörende Anweisungen ohne Zahl. Und daß Marianne am Abend nur nie die warmen Umschläge für den Herrn vergessen möge, die warmen Mehlsäckchen für sein Knie! Die warmen Mehlsäckchen, -- jawohl, dachte George. Er hörte ihre Schritte hinter sich. Er ging die Stufen hinunter und gab das Klärchen der Magd zu halten.

»Warum weint Sie denn, Lise, warum denn?« murmelte er und beugte sich zu Röschen hinunter.

»Warum kommen Sie denn nicht mit, guter Papa?« Das Kind umklammerte seine Hand. In das ängstliche kleine Gesicht hinein sagte George lächelnd, daß er noch ein wenig hier bleiben wolle, bei den guten Soldaten, und daß er sich dann auch in eine Kutsche setzen und dem Röschen nachfahren würde, zum Christfest, freilich doch, zum Christfest schon! Einen Augenblick versucht, selbst zu glauben, was seine überredende Stimme da sagte, so jammerte doch gleichzeitig sein Herz zu Gott, daß er ihm doch auch einen Trost geben möge, ein Versprechen, -- ach, und wenn schon ein unmögliches Versprechen! Aber da stand Therese nun am Wagenschlag, in dem braunen Reisemantel mit den großen perlmutternen Knöpfen, -- dies war der Mantel der Abreise am Hochzeitsabend in Göttingen gewesen! Torheit der Erinnerung! -- den blauen Schleier fest um den hohen englischen Hut, um das weiße Gesicht geschlungen. Wie in einer wunderlichen Abwesenheit des Geistes tasteten ihre Hände am Gepäck, befahl ihre Stimme Lise, mit den Kindern einzusteigen, fragte nun tonlos: »George, -- du fährst doch noch mit uns bis zum Tor?« Und da er zauderte: »Nein, nein, -- du darfst auch nicht den Anschein erwecken, -- ich weiß!« Der Kutscher möge langsam durch die Stadt fahren und am neuen Tor auf sie warten, rief sie, »Dein Hut!« rief sie, »dein Stock!« eilte die Stufen hinauf, der verstörten Marianne beides abzunehmen, kehrte noch einmal um, lief ins Haus und kam mit dem wollenen Halstuch zurück. Er hörte indessen den Wagen anrücken, sah die kleinen Gesichter der Kinder, ratlos, wie ihn dünkte, auf sich, auf das Haus ihrer Heimat gerichtet, bis sie entschwanden, fühlte Theresens Hände, die ihm den Schal umknüpften, bebende, kleine Hände, gewiß, er kannte dies Beben, jawohl, und nun ging er, ging mit Therese am Arm die Tiermarktstraße hinauf. Der Hofrat Forster, der Vizepräsident der Administration, hier ging er durch Mainz, seine Gattin am Arm. Kein Grund sich aufzuregen für das Publikum, nicht wahr?

»Du hast so eisige Hände, Georgie, -- ich vergaß deine Handschuhe, -- ach verzeih!«

»Aber ich bitte dich, Liebe, -- das schadet doch nichts. Hast du auch deinen Muff im Wagen, -- die Kaninchenkatze, Therese?«

»Oh, Georgie, -- oh! Ich habe alles, auch Fußsäcke und den großen Pelz für die Kinder.«

»Das Klärchen hat den Schnupfen ...«

»Du hast so schrecklich gehustet vergangene Nacht, Georgie. Vergiß nie den Eibischtee abends. Marianne stellt ihn dir hin, aber du mußt ihn auch trinken. Heiß, Georgie, -- ganz heiß!«

»Liebe, du mußt dich nun gar nicht mehr sorgen um mich. Du wirst genug mit euch selbst ... Wirst du mit dem Gelde auch reichen?«

»Ach, George!«

»Warum weinst du denn, Liebling? Sei mein tapferes Herz. Alles wird gut. Wenn du dich je in bedrängter Lage siehst, wende dich an Schweighäuser, nicht an Zaukell. Zaukell ist ein guter Geschäftsmann, aber ein zu guter Geschäftsmann.«

»Ach George, -- warum an Fremde? Du bist so nah. Denk doch, zwei Tagreisen ...«

»Freilich doch, Therese. Ich bin ganz nah.«

»Und du schreibst mir täglich?«

»Ich schreibe dir täglich.«

Sie bogen in die stille Weißliliengasse ein und gingen unter der Zitadelle hin. Sie gingen ganz langsam. Die Domglocken läuteten und den Nebel schwellend zu ungeheurer Klage fielen allmählich alle Kirchen ein. Trommeln rasselten aus den Schanzen.

Sie blieben stehen.

»Oh, Georgie, -- du lächelst?«

»Warum soll ich -- nicht lächeln, Therese?«

»Oh, George, -- du hast das heiligste Herz auf der Welt.«

Er drückte sie still an die Brust. Nach einer Weile zog er sein Tuch und trocknete ihr sanft das Gesicht. »Komm nun, Therese. Die Pferde ...«

Sie schritten weiter. Therese sagte stockend:

»George, ach, sei nicht so allein, jetzt, bis du nachkommst.«

»Ach, Therese, -- bei so viel Geschäften -- und so viel guten Bekannten ...«

»Ich denke nur, -- Sömmerring ist fort ...«

»Ja, Sömmerring ist fort.«

»Und Müller ...«

»Ach, -- Müller -- Aber freilich, ihn hier zu wissen, wäre ganz gut.«

»Aber der gute Lux, George. Wedekind kann dir nichts sein, aber Lux ist so lauter gesinnt. Und George, Karoline, -- du sollst Karoline oft sehen.«

»Soll ich das, kleine Therese?«

»Ach, George, -- ist sie dir denn gar nichts?«

Er blickte in ihr Gesicht, in dem eine fordernde Frage stand. Brauchte sie auch diesen Trost? Er sagte mitleidig: »Karoline ist mir wohl sehr viel, du Kind.«

Da stand der Wagen unförmig im Nebel. George sagte:

»Therese ...«

»George?«

»Ich -- möchte dich noch einmal küssen, -- hier -- allein ...«

Ihr weißes kühles Gesicht. Ihre geschlossenen Augen. Ihr süßer, süßer, duldender Mund.

»Hab ich dich oft -- ach oft -- gequält, mein Herz?«

»Oh, George ...«

Der Kutscher über seinen sieben Kragen fluchte schon. Der englische Bereiter sprang vom Bock und riß den Schlag auf. Im Wagen war ein warmes zwitscherndes Nest voller Kissen, Decken und Pelze, die Kinder schmausten mitgenommenen Kuchen, die biedere Lise strickte. Da stieg Therese nun hinein. George wagte es nicht mehr, nach den Kindern zu greifen. Er stand. Er lächelte.

Therese drängte den Schlag, der zufallen wollte, noch einmal zurück, Therese sprang heraus, sie warf sich an Georges Brust.

»Vergib mir, -- o vergib!«

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an. Mr. Brands Berline setzte sich schwankend in Bewegung und schaukelte zum Neuen Tor hinaus, auf der Straße nach Speyer, die George vor zwei Jahren heimkehrend von Paris gekommen war. -- -- --

* * * * *

Wirbelnd hatte die Spindel getanzt; rasend rollte der Schicksalsfaden ab.

Der Deputierte des Mainzer Konvents im Nationalkonvent zu Paris, George Forster, wohnhaft in der ^Rue des Moulins, Maison des Patriots hollandais^, war ein Freund der einsamen Spaziergänge. Dieser gewesene Deputierte eines gewesenen Konvents, nach Paris gesandt vom Vertrauen seiner Mitbürger, die ihren aufgezwungenen Freiheitstaumel seit dem Juli in den Trümmern ihrer von den Preußen zusammengeschossenen Stadt büßten, George Forster, durchwanderte unablässig die Straßen von Paris und machte es mit sich aus, was es heißen wolle, ein Sansculotte des Herzens zu sein.

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Haus und Herd. Er hat sein Zelt, sein Arbeitsgerät, seine Waffe. Sein Lager und seine Feuerstelle sind da, wo der Abend den Wandernden findet. Er ist nicht Patriot, sondern Kosmopolit; er ist Weltbürger. Weiter:

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Freund und Gevatter, er vergißt, daß er Eltern und Geschwister besaß. Darum gleichviel, wer hinter ihm drein flucht, gleichviel, ob es Lippen sind, die seinen Namen einst in der Ergriffenheit von Zärtlichkeit und Zuneigung nannten! Er gehört zum heimlichen Orden der Brüder vom reinen Willen. Letztlich:

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Weib und Kind. Er fragt nur nach der Idee und dankt dem göttlichen Wesen, wenn es von irdischen Banden ihn löste. --

Er hatte sich mit zwei Gefährten, Lux und Patocki, Ende März nach Paris schicken lassen, um in Mainz nicht am Ekel vor dieser Pseudorevolution zu ersticken, sich nicht den Tod zu holen bei dieser Orgie geilgewordener Spießbürgertriebe. Er hatte sein entseeltes Haus verlassen, den Schauplatz der fürchterlichen Monate des Einsamseins, und Aug in Auge mit einer Wirklichkeit, der nun nicht mehr auszuweichen gewesen war, die nun endlich genommen werden wollte als das, was sie war.

Ach, es war durchaus keine Überraschung für ihn gewesen, dies, daß Therese, kaum eine Woche in Straßburg, in ihren Briefen von Feuillants und Rolandisten zu schwärmen begann, charmanten Leuten, deren Überzeugungen ihr wohl taten und ihrem weiblichen Herzen entsprachen; keine Überraschung, daß sie nach weiteren vier Wochen den Ratschlägen dieser neuen einsichtigen Freunde nachgebend, wie sie versicherte, -- den brieflichen Lamentationen des alten Heyne, den Beschwörungen des Freundes in Dresden folgend, wie George ohne alles Fragen wußte, -- mit den Kindern Straßburg verlassen und sich nach Neufchâtel, in die neutrale Schweiz begeben hatte, in ihrer weiblichen Verwirrung scheinbar ganz außer acht lassend, daß sie nun unerreichbar für einen französischen Staatsbeamten und Bürger geworden, dem das Überschreiten republikanischer Grenzen bei Todesstrafe verboten war! Es war keine Überraschung endlich, auch dies nicht, daß sie, -- nicht unerreichbar für einen deutschen Untertan und sächsischen ^chargé d'affaires^ außer Diensten, -- seit dem Mai unter Hubers Schutz in Neufchâtel lebte, -- oh, in allen Ehren und nicht unter einem Dach, aber immerhin, Huber war bei Therese in Neufchâtel, Huber sah sie täglich, Huber unterrichtete das Röschen, Huber sorgte für Theresens Unterhalt, denn wie hätte George bei seinen achtzehn Livres Diäten, die er einstweilen noch bezog, das jetzt vermocht?

Endlich, noch nicht genug, -- und seltsam, wie gewappnet sein Herz diese letzten Schläge erwartet hatte, -- keine Überraschung war es, daß sie ihn baten, nur noch Theresens Freund zu sein, -- und Hubers Bruder, ja, freilich! -- auch vor der Welt. Keine Überraschung die grausamen Enthüllungen über die letzten Jahre, die man nun aus der Ferne ihm zu machen den Mut endlich fand! Diese Kinder -- oh, sie waren ja tot! Auch der kleine Junge -- war tot. Konnten Tote denn zweimal sterben?

Keine Überraschung, nicht wahr, im letzten Grunde keine Überraschung, kein Schreck, keine Erschütterung! Er hatte dies alles gewußt. Er hatte wissend daran vorübergelebt, wehrlos, in inbrünstiger Hoffnung vertrauend, denn er war nicht geboren als ein Sansculotte des Herzens. Indessen, er hatte gelernt. Und was sich da jetzt noch an Widerstand in ihm regte, was sich das lange Jahr über, -- denn wieder war es Dezember, -- an unüberwindlicher Sehnsucht, an unerfüllbarer Hoffnung aufgebäumt und sich Luft gemacht hatte in endlosen Briefen voller Fürsorge und Zärtlichkeit, voller Projekte und Vorschläge für ein gemeinsames Leben, ein Leben zu dreien, -- schließlich voller Demut, voller Werbung, die an Bettelei grenzte, -- dies alles, er täuschte sich nicht, sein eigener Zuschauer, der er geworden war, dies alles waren die Todeszuckungen einer sehr teuren Gewohnheit. Er wußte: dies alles würde noch eine kleine Weile so fortgehen. Es würde noch eine kleine Weile dauern und dann würde das Unverletzliche in ihm triumphieren. Und dann würde nichts sein als der reine Kristall, der voll entfaltete Lotos: die Seele nicht des kämpfenden, aber des im Martyrium lächelnden Helden --

Die Todeszuckungen jedoch einer geliebten Selbsttäuschung sind gefährlich für den Organismus, in dem sie wüten. Sie hatten einen Sanften und Liebenswürdigen zeitweilig reizbar, ausfallend und bösartig gemacht. Sie hatten für Monate vielleicht einen politischen ^enragé^ gezeitigt, wo ein Friedensapostel gewesen war. George vermied es, sich seiner politischen Tätigkeit bei den Wahlen in Mainz zu erinnern, die in den Januar und Februar gefallen war. Dies war vorüber. Seine Züge waren nicht mehr verzerrt. Dieses letzte halbe Jahr über starrend in das enthüllte Antlitz des unbedingt Bösen, schwer atmend im Blutdunst der Guillotine, mühte sich George verzweifelt um sein Menschheitsideal, um die hundertmal verstoßene und hundertmal weinend wieder aufgesuchte Göttin.

Er war fortwährend krank gewesen; niemand pflegte ihn, und er schonte sich nicht. Im Zustande einer sonderbaren Gleichgültigkeit gegen seinen leidenden Körper, seine verschleimten, pfeifenden Lungen, sein versagendes Herz, seine geschwollenen, schmerzenden Glieder, seinen gebeugten Rücken, als gegen ein Kleidungsstück, das man bald abzulegen gedenkt, und so lohnt es sich nicht mehr, daran herumzuflicken, -- in dieser Gleichgültigkeit ging er auch heute am Abend vor Weihnachten durch die Stadt, nach einem Besuch bei dem Buchhändler Onfroi den Heimweg durch die nebeligen Straßen suchend, ohne Überrock und in jener leisen süßen Trunkenheit des Fiebers, die ihn nun seit einigen Wochen Abend für Abend befiel. Übrigens war ihm dabei durchaus nicht heiter zumute. Wenn er in diesen Stunden in seinem einsamen Zimmer war, pflegte er, von Hemmungen befreit, zu weinen. Wenn er in einer unerklärlichen Angst vor solchen Ausbrüchen einer sonst gebändigten Traurigkeit entfloh und durch die Gassen streifte, standen zuweilen Gestalten an seinem Wege und schlossen sich ihm an, die er kaum zu betrachten wagte, aus Furcht, sie möchten allzu schnell wieder in Nebel zerrinnen.

Es war zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Als George den Pont Neuf überschritt, stutzte er einen Augenblick, sah zur Seite, nickte vor sich hin, murmelte ein Wort und ging weiter. Der Fremdling aber, den er dort am Brückengeländer hatte lehnen sehen, ging mit und blieb ihm zur Seite.

Er trug weite pludrige Hosen aus englisch Leder, die unter den Knien zusammengebunden waren, seine bloßen Füße steckten in derben Schnallenschuhen. Der Wind griff ihm in den Nacken, blähte den weiten, rotgestreiften Kittel und machte, daß der Mann beständig nach seiner Mütze griff, einer runden, abgeschabten Pelzmütze, die er tief in die Stirn drückte. Übrigens war an diesem Abend kein Wind, der Nebel stand unbewegt. George aber war nicht imstande, sich darüber zu wundern, daß er seinen Begleiter ständig wie vom Wind getrieben sah. Dies war Larry. Kein Zweifel! Oh, er war es! Ein rosiges, gebräuntes Knabengesicht, wassergraue Augen, die seltsam blicklos schienen, als sei alles durchsichtig und dahinter unabsehbare Ferne, die kurze Tonpfeife im Mund und die Hände in den Hosentaschen, -- es war Larry, wie er gewesen war, ehe George ihn zum letztenmal sah, in der Hängematte liegend, gelb und ausgemergelt, zahnlos, mit verschwollenem Munde und mit vorquellenden, angstvollen Augen.

Larry, der den Tod im Skorbut gefunden hatte, Larry nun hier an seiner Seite im Nebel von Paris, getrieben oder getragen von seinem eigenen sanften Segelwind, Larry begleitet von dem alten kecken Rhythmus:

»^Beaning, belling, dancing, drinking,^ ^Creaking windows, damning, sinking,^ ^Ever raking, never thinking ...^«

Ein Lächeln trat auf Georges Lippen und er versuchte zu pfeifen, --

»^Live the rakes of Mallow!^«

Larry an seiner Seite tat ihm gut. Er würde ihn nicht anrufen, oh nein. Hinter seiner Stirn war das süße Gesumm vollständiger Gedankenauflösung, aber dies wußte er, daß es umsonst war, mit Boten von Larrys Art anzubinden. Er wußte wohl, daß Larry als ein Bote kam. Es war gut, ihn gesehen zu haben, -- aber er vergaß ihn auch wieder und vermißte ihn nicht, als er wieder verschwand. Er hatte Larry in den letzten Monaten manchmal gesehen, -- oder war es nur, daß er seiner gedacht hatte? George blickte über die gelbe Flut der Seine hinüber zur Notre Dame, die dort drüben in einer Gloriole trüben Abendgoldes, entheiligt, finster und trauervoll ragte, und ging weiter, den Stock hart auf das Pflaster setzend und in der dumpfen Erinnerung, daß er jetzt wohl etwas essen müsse, denn Therese hatte ja geschrieben, er solle sich gut pflegen, -- er ging, vor sich hinsehend mit dem Blick jenes Kummers, der von sich selbst nichts mehr weiß, von Menschen gestoßen, ohne daß er es bemerkte, -- ein Herr im tabakfarbenen Rock, der die linke Hand gegen die Brust preßte und dem der Hut sehr traurig über den Augen saß. Die Laternen wurden herabgelassen, angezündet und schaukelten nun droben im Nebel, trübe herabglühend, wie blutige Augen eines Himmels, der keine Sterne mehr hat. Willenlos emporblickend sah George jetzt einen Reigen um die schwankenden Feuertulpen, lautlos geschwenkt, wie einen Tanz riesenhafter Motten um das Licht: Leiber, so lang gerenkt, Wangen, bläulich gedunsen, Augen, vortretend, furchtbar, ins Nichts gerichtet. Dem einen quoll die Zunge dick aus dem Munde, dem andern klaffte die Stirn, -- alle aber waren hinschwindend, aus Dunst geboren, schattenhaft und von dem armen Licht vollgeflossen, durchsichtige Gebilde, die in der Finsternis zergehen würden. Georges Nacken sank mit einem Ruck vornüber, wie unter einer plötzlich aufgelegten Last, und doch wußte er: das da hatte über ihm gehangen Abend für Abend, wenn er hier gegangen war, dieser stumme, zuckende Tanz der Toten an den Laternen, -- er hatte ihn geahnt, gefühlt, und daß er ihn bis heute noch nicht mit Augen gesehen hatte, was machte das für einen Unterschied? Vielleicht sollte er sie heute alle sehen in dieser ersten Nacht der heiligen Zwölf, sie, von denen er wußte, daß sie in diesen Straßen umgingen, die Füße rot vom eigenen Blut, mit der gräßlichen Wunde im Nacken? Er hob den Kopf nicht wieder und dennoch, er _sah_ sie, schleppenden Schrittes, aneinandergelehnt oder einsam, Männer und Frauen, wie er ihren Gang zum Schaffot mitangesehen hatte, getrieben von einer unentrinnbaren peinlichen Begierde zu erleben, wie denn das sei, wenn Menschen von Menschenhand stürben ... Er hatte an Agamemnon denken müssen, wie er im Blute sich badete, -- sein Weib übrigens war es, das ihn verriet, mit ihrem Liebhaber, das Weib! -- an Polyphem, dem der glühende Pfahl im Auge zischte, an die Schlachtung der Freier, -- Antinous, dem der Pfeil in die gespannte Gurgel fuhr und der den trompetenden Todesschrei einer Schlachtgans hören ließ, -- er erinnerte sich, er erinnerte sich, er kannte sie, diese wahnsinnige, prickelnde, kitzelnde, jagende Angst, in die zu versinken uneingestandene Wollust war. Er kannte sie aus den Phantasien seiner frühesten Kindertage und war jetzt leibhaftig von ihr gepackt worden beim Anblick der Königin im zerfetzten weißen Mantel, angesichts des Leichenzugs von Marat, dessen bläulich fahle Brust mit der schwarzroten Wunde entblößt war, beim Vorüberfahren der Charlotte Corday und der unzähligen andern, die in seinem Gedächtnis namenlos geworden waren und nichts als Masken des Todes. Er sah sie alle, ob er aufblickte oder nicht, und erst als er nun schwindelnd nach der Mauer eines Hauses tastete und mit verödetem Blick in die Wirklichkeit zurückfindend, auf die vorüberdrängende Menge starrte, kam er wieder zu sich; mein Gott, waren sie das, die er als eine geifernde, heulende Meute gesehen hatte, diese hier, lachend, singend, schwatzend und pfeifend, -- gezähmt, gutartig, satt vom Blute für heute und begierig nach den unschuldigen Freuden des Daseins? Und gehörte er selbst zu ihnen, konnte auch er morden und weiterleben im Dampf des Blutes wie im Atem junger Frühlingswiesen?