Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 39
»Ich habe noch Schreibarbeit. Ich bitte mich zu entschuldigen. Willst du dafür sorgen, daß ich warme Mehlsäckchen zum Umschlag vorfinde, -- mein Knie ist wieder sehr schlecht.«
Er nickte Gute Nacht und ging hinaus. -- -- --
Der rasende Ablauf der Tage vor einem großen Aufbruch ist bekannt. Es sind Geschäfte zu erledigen, unabsehbare Geschäfte, deren Wichtigkeit uns fast erdrückt und von denen wir nie zugeben würden, wir wüßten, daß wir sie überschätzten. Sich mit ihnen abzugeben, scheint Aufschub zu bedeuten, nicht wahr? Einer, der bisher gelebt hat wie der Mönch in seiner Zelle, auf seine Pergamente gebückt, die Füße dem Löwen des Geschicks fest auf den Nacken gestellt und nicht duldend, daß er sich erhebe, -- er rast auf einmal, da die Uhr ihm zu Häupten zum Schlage schon ausholt, hinaus vor die Welt, reißt sich das Gewand vor der Brust auseinander und schreit: Hier bin ich, nehmt mich hin! während das befreite Ungeheuer hinter ihm sich erhebt und ihm die Pranken auf die Schultern legt. --
Beiseite also mit dem stillen Handwerkszeug der Wissenschaft! Und Waffen zur Hand, bisher noch nicht geübt, deren Schärfe unerprobt, deren Tragkraft unberechnet war. Erfahrungen, die bis dahin ungenutzt geruht, hervorgeholt und formuliert, bis sie zum Wurfgeschoß brauchbar schienen; eine Zeitung gegründet, Artikel ohne Zahl geschrieben, Reden ausgearbeitet und frei vom Blatt vorgetragen! Der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Menschlichkeit Hymnen gesungen, der Tyrannei das Urteil gesprochen, alle noch in der Nacht der Despotie schmachtenden Völker weidlich bedauert und einmal offen deklariert, daß der Rheinstrom die gegebene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland sei! Sich dem erhabenen Beruf des Menschenlehrers inbrünstig hingegeben und die unglücklichen verblendeten Bürger und Bauern nach Kräften über ihren Zustand der Ausgesogenheit und Zertretenheit aufgeklärt, da sie denn dermaßen durch jahrhundertelangen Mißbrauch abgestumpft waren, daß sie nur blöde in die Sonne der Freiheit starrten und gar die alte Nacht zurückverlangten. Die Emissarien des Kurfürsten schlichen im Dunkeln umher und köderten das törichte Volk mit unverantwortlichen Versprechungen, da war kein Zweifel. Aber die Wahrheit war auf dem Marsche und man sollte nur erst die Wahlen kommen, sollte den freien Mann sich frei zu seiner Gesinnung bekennen sehen!
George, in den Wirbel einer fremden Tätigkeit hineingerissen, vor die Aufgabe gestellt, sich in Gebiete einzuleben, die er bisher kaum vom Hörensagen kannte, in Fragen der städtischen und ländlichen Verwaltung, von früh bis spät von Klubgenossen, Offizieren, Bürgern und Landbewohnern überlaufen, durch seine Anstellung in der am 19. November errichteten Administration zum Leitstern für alle verzagten Seelen seines Kreises geworden, -- George verlor völlig die Besinnung auf sein eigenes Leben und wußte es nicht mehr, daß er hier auf der Bühne des Weltgeschehens agierte, die Faust zum Himmel schüttelte, Arme ausbreitete und zum Besten des Mainzer Volkes weinte, lachte und deklamierte, daß er dies alles tat, um sich des Menschen nicht bewußt zu werden, jenes Menschen, der mit seinem Schicksal bekleidet wie mit seiner Haut jetzt schreiend und keuchend durch die innersten kreiselnden Gänge des Labyrinthes jagte ...
Von Huber kamen aufgeregte Briefe. Nun, Huber durfte nicht nach Mainz kommen und nächstens würde er nach Dresden zurückmüssen. Warum sollte Huber nicht ein letztes Wiedersehen gewährt bekommen, warum ihm den Wunsch nach einer Zusammenkunft in Höchst abschlagen, nach der er, -- und auch Therese, und auch Brand, und schließlich auch er selbst, ja, auch George! -- verlangten?
Es war gar nicht nötig, daß Brand ihm dermaßen zuredete und seine Berline zum Zweck dieser kleinen Reise zur Verfügung stellte. Er würde gewiß selbst auf den Gedanken dieses Ausfluges gekommen sein, hätte er nur mehr Zeit gehabt. Als Vizepräsident der Administration hatte er selbstverständlich einen ^Passepartout^ durch alle Vorposten hindurch und nun war es nach all den Tagen der Unrast und der ununterbrochenen Arbeit fast eine Erholung, auf der kriegerisch belebten Landstraße mainaufwärts zu rollen, die stille Heiterkeit einer milden Sonne nach dem frostigen Nebel der Frühe zu spüren, nicht reden, nicht denken zu müssen. Da war Therese an seiner Seite und Brands festes rosiges Knabengesicht ihm gegenüber, das mit einem seltsamen Gemisch von Verachtung und Neugier auf die marschierenden Nationalgarden sah, die die Straße immer wieder sperrten, Lieder sangen und ihre gutlaunigen Scherzworte zu den Reisenden hinüberriefen. »Sie halten uns für Mainzer, die >kränkelnder Umstände halber< für eine Weile verreisen«, wiederholte Therese erheitert die Wendung aus der Privilegierten Zeitung, mit der jetzt dort täglich Personen ihrer bevorstehenden Abreise den Anschein einer Flucht zu nehmen suchten. Dies waren, setzte sie ihre Betrachtungen fort, zumeist Frauen mit ihren Kindern, die von ihren Ehemännern aus der gefährdeten Stadt geschickt wurden. Billigte übrigens George ein solches Vorgehen von Ehemännern? Ein nervöses kleines Gelächter folgte dieser Frage. Da George schwieg oder über dem Geräusch der Räder gar nicht verstanden hatte, fühlte sich der höfliche Brand bewogen, zu bemerken, es sei die Pflicht jedes Gentlemans, seiner Lady den Anblick der Szenen des Krieges zu ersparen, geschweige denn, sie vor Schlimmerem zu beschützen! George, wie aus einem Schlaf erwachend, fragte: »Ja, befürchten Sie denn noch Kriegsszenen in unserm guten Mainz?« Und als der Engländer stumm mit den Augen auf einen Trupp Soldaten wies, der in dem Dorf, das soeben passiert wurde, am Brunnen mit einer alten Bäuerin um ein paar Gänse handelte, und zwar in einer Weise, die auch dem flüchtigen Beobachter keinen Zweifel über Form und Ausgang dieses Handels ließ, zuckte er die Achseln und rief: »Das Volk hat es selbst in der Hand, ob diese Soldaten mit der Pike oder mit dem Palmenzweige in den Händen zu ihm kommen. Es gibt eben Religionen, die müssen mit Feuer und Schwert gesät werden!« Indem rasselte der Wagen schon durch die Gassen von Höchst und unter der Tür des >Roten Ochsen< auf dem Marktplatz stand Huber und trat nun, einen Ausdruck leidender Spannung auf dem blassen Gesicht, heran, um die Freunde zu begrüßen. Das gemeinsame Mahl verlief ziemlich schweigsam. Therese erzählte von Haushalt und Kindern; hatte Huber noch die neuen roten Winterkleidchen an den Mädchen gesehen? Sie sahen so allerliebst darin aus, besonders das Clairchen. Und Röschen sei in die Mansardenstube gegangen, habe sich dort auf einen Schemel gesetzt und gesagt: »Ich will an den Onkel Ferdi denken.« Im Wagen übrigens sei ein Paket mit Hemden und Strümpfen von ihm, die noch aus der Wäsche gekommen seien, sie seien auch schon geflickt, -- »ja, lieber Brand, das müssen Sie nun schon in Kauf nehmen, daß eine deutsche Hausfrau selbst bei Tisch von Hemden und Strümpfen spricht!« -- und da sei außerdem ein Pack aus Jena mit Druckschriften, zum Rezensieren wahrscheinlich. Die Einquartierung im Hause würde immer lästiger. Sie hätten nun bald eine halbe Kompagnie Soldaten in den Räumen im Erdgeschoß, die allerlei Unfug trieben und neulich versucht hätten, ihre Suppe auf dem Kaminfeuer zu kochen, ein Balken hinter dem Kamin sei in Brand geraten, man hätte Maurer ins Haus holen und mit Müh und Not löschen müssen. Die Offiziere seien chevalereske Leute, aber recht anspruchsvoll, -- ja, die wohnten nun in der Mansardenstube ... Ihr Geplauder versiegte allmählich unter dem drückenden Schweigen der Männer. Das Essen war abgetragen. In dem engen, schlecht gereinigten Zimmer, das der Wirt ihnen auf ihren Wunsch, allein sein zu können, eingeräumt hatte, dunstete das Kohlenbecken, ohne Wärme zu verbreiten; von dem hochaufgetürmten Bett und den bekritzelten Wänden ging die Vorstellung schlafloser Nächte aus, der unbehaglichen Nächte Durchreisender und Heimatloser. Auf einmal preßte Huber die Stirn in beide Hände, stöhnte unwillig, sah dann auf und sagte entschlossen: »Ich war in so entsetzlicher Sorge um Euch, mein bester Freund, und dies ist's, warum ich Euch hergerufen habe ...«
George machte »Ach!« und: »Hätten Sie sich doch in Ihren Briefen deutlicher ausgesprochen! Ich wäre geflogen, Sie aus Ihrer Unruhe zu reißen!«
Indessen wußte er wohl, Worte bedeuteten jetzt keinen Aufschub mehr. Da Huber verstummte und grübelnd vor sich hinstarrte, nahm er den unsichtbaren Ball auf und warf ihn zurück: »Ihre Sorge um uns kann kaum größer gewesen sein, als die unsere um Sie. Oder sprechen wir von Mann zu Mann und aufrichtig: es schmerzt mich, daß Sie nicht imstande sind, mit den politischen Überzeugungen Ihres Kopfes und Herzens Ernst zu machen. Wenn wir unsern Freund in einer unklaren Stellung sehen, wenn er, -- vergeben Sie mir das Wort, -- Ideale äußeren Verhältnissen opfert, so weinen wir mit seinem Genius um ihn.« Er stemmte die Knöchel der rechten Hand auf den Tisch und blickte Huber sanft strafend an. Der wandte sich gequält ab. Therese, die ihren Hut gar nicht abgebunden hatte, zog nun auch den weiten Mantel wieder fröstelnd um ihre Schultern zusammen und sah tief erblaßt von einem zum anderen.
»Es handelt sich hier augenblicklich nicht um Politik«, sagte Huber endlich leise und nach Worten suchend. »Ich bin als Jüngling in eine politische Laufbahn eingetreten, ohne zu wissen, was ich tat. Dieser äußere Beruf wird in kurzer Zeit von mir abfallen wie die Hülle, wenn die reifende Frucht sie sprengt. Da ich kein ^enragé^ bin ...«
»Welcher Vernünftige wäre es?«
»Da ich kein ^enragé^ bin, so mache ich aus der Tatsache meiner inneren Entwicklung nicht den Auftakt zu einer Tragödie ...«
»Wer -- tut -- denn das?«
Huber starrte düster vor sich hin. Dann raffte er sich auf:
»Als ich Ihnen neulich zuredete, sich frei zu Ihrer Überzeugung zu bekennen ...«
»Oh, es bedurfte keines Zuredens! Wahrlich!«
»Um so besser! Oder um so schlimmer! Kurzum: nie war es meine Meinung, Sie sollten sich in eine Rolle begeben, wie Ihre heutige in Mainz es ist, sich dermaßen bloßstellen, sich vor ganz Deutschland kompromittieren. Wozu denn diese Reden auch noch drucken lassen? Wozu denn nach Frankfurt hinüberdrohen? Wissen Sie, wie man in Frankfurt über Sie spricht? Und daß wir die Preußen vor unsern Toren haben?«
»Welche Sprache! Aber ich halte es Ihrer Erregung zugute!«
»Oh, ich bin außer mir! Ich sehe mein Teuerstes in Gefahr ...« Er besann sich, atmete tief und verbesserte:
»Meine teuersten Freunde am Rande eines Abgrundes. Oh Gott, mein Freund! Noch können Sie zurück!«
Er streckte beschwörend beide Hände aus und blickte George flehend an. George sagte mit einem Gefühl, als rauchte der Eishauch seines jählings erstarrten Herzens aus seinem Munde: »Wohin bin ich geraten? Dies ist eine Verschwörung! _Was wollt ihr denn von mir?_«
Er hatte sich erhoben und einen Schritt vom Tisch zurückweichend starrte er mit erbitterter Befremdung in diese drei ihm zugewandten Gesichter.
»George!« bat Therese schmerzlich, »du darfst ihn nicht so mißverstehen!«
»Ihr seid alle drei im Bunde gegen mich!«
»^Nonsense, Sir! It's your own best we intend!^« murmelte Brand unbehaglich vor sich hin. Er drehte sich samt seinem Stuhl zum Fenster um. Der frühe Abend begann den Westen trübe blutig zu färben. Dämmerung schlich in die Kammer.
»Wir wollten Sie, teuerster und edelster Mann, nicht bestürmen, von Ihrer Überzeugung zu lassen«, sprach Huber nun sanft und nahezu demütig, indem er auf George zutrat und ihn umfaßte. »Wie dürften wir das unternehmen, die von Ihnen geleitet, den Weg dieser Überzeugung selbst betreten haben und gewillt sind, ihn niemals wieder zu verlassen!«
»Aber Georgie! Als ob wir nicht alle eines Sinnes wären!«
»Was ich Sie nur bitten möchte, -- wozu mich mein Gewissen drängt ... Oh, Forster, war es denn nötig, gleich diesen vorgeschobenen Posten zu wählen ...«
»Nicht ich wählte. Die Wahl fiel auf mich.«
»Gleichviel. Oder ihn anzunehmen? Sehen Sie, auch ich, -- auch ich ... Ich werde mein Amt niederlegen, sobald gewisse einmal angefangene Geschäfte abgewickelt sind, sobald der schickliche Augenblick sich findet. Ich werde dann als Privatmann leben, mich als freier ^homme de lettres^ durchschlagen.«
»Sie haben nicht für eine Familie zu sorgen, -- in der Tat!«
»Oh, Forster! Als ob mein Wohl und Wehe noch jemals von eurem zu trennen wäre! Wenn wir uns einen Platz in der Welt gesucht hätten, wo wir zusammen hätten weiter leben können wie in Mainz ...«
George war ans Fenster getreten. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte in den traurigen Abendhimmel, als sei er allein.
»Zusammen weiter leben wie in Mainz ...« wiederholte er langsam und nickte vor sich hin. Dann wandte er sich ins Zimmer zurück. »Und warum sollte das jetzt unmöglich sein?«
»Weil, -- ums Himmels willen, Freund, sind Sie denn mit Blindheit geschlagen? -- weil Frankfurt morgen oder übermorgen oder meinetwegen in drei Tagen in preußischen Händen sein wird und dann ist Mainz doch auch in wenigen Tagen wieder frei!«
»Frei! Hahaha! Lieber Huber, Sie haben das Wesen der Freiheit begriffen! Sie haben es begriffen!«
»Daß Sie doch bei der Sache bleiben wollten! Man wird Ihnen mit hundert andern den Prozeß machen, Sie einkerkern, füsilieren, was weiß ich. Sie meinen, Sie werden dann mit der französischen Armee ins Innere von Frankreich fliehen, -- gut ...«
»Sie gehen ja von ganz falschen Voraussetzungen aus. Welche Meinung haben Sie denn von Custine und diesen herrlichen Truppen! Frankfurt wird nicht preußisch werden und Mainz erst recht nicht. Wir haben Kastel befestigt. Wir halten eine zweijährige Belagerung aus.«
Huber ging auf ihn zu, als wollte er ihn bei der Gurgel packen. Nahe vor ihm blieb er mit geballten Fäusten stehn, blickte von unten heraus böse in sein Gesicht, was er zuwege brachte, obgleich er größer war als George, und schrie:
»Und dem allen wollen Sie Ihre Frau aussetzen?«
Gleich darauf faßte er sich, kehrte sich ab und fügte mit schwacher Stimme hinzu: »Und Ihre Kinder ...«
George sagte dumpf und blickte niemand an:
»Therese kann ja fliehen.«
»Oh, was beschließt ihr über mich!«
George murmelte: »Wer hat denn schon beschlossen?«
Aber nun erhob sich Brand. Seine große, etwas ungeschlachte Gestalt verdunkelte das eine Fenster völlig, niemand konnte mehr die Gesichter der andern erkennen. Brand redete mit vielen Handbewegungen, redete in seinem ungeschickten Deutsch voll gutmütiger Heftigkeit. Er wollte Mr. Forster in seine Berline packen und nach Italien entführen, kurz und gut. Er habe es auch satt, in Mainz der ^gentilhomme anglois^ zu sein, der Spionage verdächtig und unter steter geheimer Überwachung. Er würde aber nicht nach Göttingen gehen wie sein Oheim es wünschte, sondern auf eigene Faust nach Italien, über Mailand und Florenz nach Rom, wenn nur Mr. Forster Vernunft annehmen und mit ihm gehen und die Franzosen ^to their own damned affairs^ überlassen wollte! Ehe noch George ein Wort sagen konnte, rief Huber emphatisch: »Dies ist ein Wink der Götter!«
»Und Therese -- und meine Kinder?« murmelte George, die Hand an der Stirn.
»Oh, lassen Sie Ihre Freunde sorgen! Vertrauen Sie ihnen doch! Bis Sie ungefährdet zurückkehren können, tragen andre Ihre Pflichten!«
»Nur die Pflichten?« sagte George tonlos und niemand vernahm ihn.
»Und außerdem ist dir der Vorschuß von Voß doch sicher«, hörte er Therese seltsam gelassen sagen. »Als Brands Bedienter kämest du ohne Gefahr aus Mainz heraus bis Basel.«
»Als Brands Bedienter, sagst du.«
Es war dunkel geworden. Huber ging an die Tür und rief nach Licht. Niemand sprach ein Wort. Als der Aufwärter mit der dürftig scheinenden Unschlittkerze eintrat, hob George ihm das Gesicht entgegen, ein graubleiches verfallenes Gesicht, und befahl, er möge anspannen lassen. Dann, sich Haltung gebend, in gefaßtem Plauderton, mit einem Lächeln zu Therese hinüber und dann, als er Theresens Augen ratlos ins Leere gerichtet fand, Huber fest und freundlich ansehend, sagte er: »Vielleicht werden die nächsten Tage unsere Entschlüsse reifen. Glauben Sie nicht, lieber Freund, daß ich von irgend jemand auf der Welt das Opfer fordern werde, mit mir zu leben -- und zu sterben.«
Therese schluchzte auf.
»Oh, George! Welche großen Worte wieder!«
»Mein gutes Kind! Ich glaube, -- jetzt hab ich ein Recht auf sie.« -- -- --
* * * * *
Der Pfeil war auf die Sehne gelegt. Der Schütze in den Sternen zielte.
Der Adventsreiter von Frankfurt war unterwegs. Sein grüner Dolman fegte hinter ihm drein, unter den Hufen seines Rappen stob der neue Schnee. Kam er durch die Dörfer, so ritt er langsamer und stieß in die Trompete: »^Trahisson! Massacre! Vengeance!^ Die Preußen haben Frankfurt genommen! Ver--rat!«
In den sonnigen Nachmittagsstunden des 2. Dezember, eines Montags, stand George mit Therese und Brand auf den Schanzen von Kastel. Diese kleine Promenade hatte ihm gut tun, hatte die entsetzliche Unrast in ihm ein wenig dämpfen sollen. Der bei ihnen einquartierte Artillerieoffizier an seiner Seite machte aufs artigste den Führer durch die Verschanzungen und erklärte die Arbeiten, mit denen Bauern aus der Umgegend und Soldaten Schulter an Schulter beschäftigt waren. Hier herrschte brüderliche Tätigkeit, ach, es war ein Bild, dessen sich das bebende Herz getrösten konnte. George hörte Therese plaudern, hörte sie ernsthafte kleine Fragen tun; er fühlte ihre Hand seinen Arm umspannen, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie in Eifer geriet, -- da lächelte er und drückte diese kleine Hand an seine Brust. Brand kletterte mit Röschen auf den überfrorenen Lehmhaufen herum, das Kind jauchzte und rief den grabenden Soldaten sein winziges: »^Bon jour, citoyen!^« immer wieder zu, vergnügt über die Heiterkeit, die ihm antwortete. Schneegewölk quoll rings um den Horizont auf und erstickte die ohnehin schon tief stehende Sonne. Ihre letzten Strahlen lagen mit seltsam aufregendem Licht auf den hohen Türmen der Stadt dort drüben, während hier der kalte graue Schatten schon stand und der Strom matt und bleiern durch wallenden Nebel glänzte.
In schwermütigem Gedankenspiel sagte sich George, daß sein Haus jenseits des Stromes im Land der untergehenden Sonne läge, und daß er nicht über die Brücke zurück, sondern ostwärts gehen sollte, dem Lichte entgegen. Er sagte sich dies, und in einem mechanischen Zwang die Allegorie weiter führend, redete er sich ein, daß der sinkenden Sonne folgen auch heißen könne, _wieder_ mit ihr aufzugehen, -- als er mit einem Male durch das grelle Schmettern einer Trompete und eine durch die Kolonnen der Arbeitenden zur Straße hinwogende Bewegung zum jähen Aufblicken vermocht, den grünen Reiter, den Adventsreiter von Frankfurt erblickte, wie er soeben nach kurzem Anhalten inmitten einer Gruppe von Offizieren und Mannschaften weiterjagte, der Rheinbrücke zu, deren Bohlen alsbald unter den Hufen dröhnten, während die Worte: »^Francfort! Trahisson! Les Prussiens! Massacre!^« durch die Reihen liefen wie fressendes Feuer, Flüche laut wurden, Fäuste sich ballten und Bruchstücke einer blutigen Geschichte, Raben eines fürchterlichen Gerüchtes durch die Luft flatterten, schreiend und Rache heischend. Und plötzlich fand sich George allein unter den fremden, wild redenden und gestikulierenden Soldaten, sah Therese hinüberlaufen zu Brand, der ihr entgegeneilte, sah sie die Hände auf seinen Arm legen und hörte sie rufen: »Oh, Brand, da sehen Sie, -- da sehen Sie! Er hatte recht! Er hatte wirklich recht!« -- -- --
* * * * *
In der folgenden Nacht, -- einer furchtbaren, endlosen Nacht, -- machte George es sich klar, daß es nun nur noch ein Vorwärts für ihn gäbe, und daß er, traumwandelnd wie er zu seinem öffentlichen Bekenntnis zur Sache der Freiheit gekommen war, nunmehr erwacht für sie einstehen müsse. Und da die Freiheit keines Volkes Sache zu sein schien, als die Sache Frankreichs, so mußte er eben für Frankreich eintreten, war sein Blut und seinen Geist keiner irdischen Macht mehr schuldig, außer der Souveränität des freien Frankenvolkes und seinen Mitbürgern, insoweit sie Frankreichs Sache zu der ihren gemacht hatten. Den letzten Funken und den letzten Tropfen für Mainz, wenn es feurig und heldenhaft für die Menschenrechte zu streiten und zu sterben begehrte! Den Staub dieser Stadt von seinen Schuhen, wenn sie, gleichen Geistes wie Frankfurt, in dem friedlichen Eroberer nichts sehen wollte als den alten Erbfeind im Schafskleid, und die erste Gelegenheit wahrnahm, um die arglosen Freiheitssöhne zu überrumpeln, dem deutschen Heer die Tore zu öffnen und sich mit Freudengewinsel unter den Fuß der heimkehrenden Despotie zu ducken! Und darum wohl von vornherein: den Staub von seinen Füßen! Denn daß dieser Geist in Mainz umging, wer wollte daran zweifeln? Darüber würde auch der tobende Klub nicht hinwegtäuschen, der in seiner Zusammensetzung immer mehr an ein Narrenhaus erinnerte und eine Zufluchtsstätte für alle geworden war, die bis dahin im Leben zu kurz gekommen waren und ihre unausgelebten Begierden nun zum Himmel schrien, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nein, nein, der deutsche Bürger war nicht reif für die Freiheit der Selbstbestimmung! Fünfzig, ja hundert Jahre der Entwicklung fehlten ihm noch! Welche Gnadenfrist für Deutschlands Fürsten, dachte George von längst begrabenen Wünschen noch einmal spukhaft berührt. Einem jener Fürsten, denen Ludwigs Schicksal jetzt wie der böse Traum einer bangen Nacht scheinen mochte, der Joseph sein dürfen, der diesen Traum ausdeutete, der seine Warnungen in klaren Lettern an die Wand schrieb ... Da denn sein Leben doch unaufhaltsam der öffentlichen, der politischen Rolle zugetrieben war, dem heißen Drang nach weiter Wirksamkeit folgend, diesem uneingestandenen Drang nach sichtbarer, nach hörbarer, nach _ruhmvoller_ Wirkung, -- oh, warum dann nicht jenen Weg, der doch vielleicht auch offen gestanden hätte, den Weg der aufgehenden Sonne entgegen? Indessen, sagte er sich in seinen heißen Kissen verzweifelnd und immer wieder auf das Marschieren draußen lauschend, denn die von Frankfurt zurückgenommenen Truppen durchzogen nächtlich die Stadt, alle diese Betrachtungen waren Versuchungen des Dämons der Wankelmütigkeit und es galt nichts mehr als das »^Allons, enfants de la patrie^« und den Rhythmus des ^Ça ira^ in seiner wahnsinnigen Unbekümmertheit. In einer bangen Rührung hatte er längst wahrgenommen, daß auch Therese nicht schlief. Ihr Herz hält sie wach, dachte er, nun ganz an sich selber hingegeben und fühlend, daß all das unermüdliche Raisonnement seines Verstandes nichts war, als eine Übung, um dieser innersten schrecklichsten Sorge zu entgehen. Ihr Herz hält sie wach, sagte er sich, ihr verzagtes Herz, das Herz eines Weibes und das einer Mutter! Schreckensvoll abgewandt von der fratzenhaften Einbildung, die ihm anderes einflüstern wollte, die da wußte, Therese will gehen und -- Therese hat nun einen Anlaß gefunden, -- die Hand über die Augen legend, als könnte er sich so dem Aufflammen entsetzlicher Einsicht verschließen, sprach er sich die Grundsätze vor, denen jetzt zu folgen war, nämlich, daß er handeln müsse als sei er der einzige unbedingt verläßliche Mensch auf der Welt, der Opfernde, der für sich kein Opfer forderte. Und da kam der Schlummer über ihn, der Schlummer mit der kühlen Schale des Vergessens.
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