Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 38
Es war ein Herbst, so herbstlich wie noch nie. Der Nebel kam durch die Haustüren hinein und wallte still über die Treppen; er quoll in die Fenster, wie der Odem einer ungeheuren kranken Brust. Es roch nicht nach Nebel allein, es war nicht nur jener fast süße feuchte Geruch nach frischen modrigen Blättern und überblühten Veilchen, den man an Novemberabenden zwischen den Heckenwegen spürt, -- dieser Herbst war Krankheit. Es lag Fäulnis und Verwesung in der Luft, die Ausdünstungen des Heeres, seiner Menschen und Tiere, -- es lag Lähmung, verzweifelte Unentschlossenheit über dem öffentlichen Leben, die den Bürger hinderten, die Stadt für den neuen Herrn im alten Stand der gepflegten Sauberkeit zu halten. Es war zu dem allen der sonderbar aufregende Duft nach Leder, nach Pferden, nach Schnaps, nach holländischem Tabak, nach parfümiertem Puder, waren die Dünste ungewöhnlicher Mahlzeiten, von denen die Atmosphäre durchwittert war. Es war das ständige Signalblasen der Hörner, das durch den Nebel drang, der Marschtritt auf den Gassen, die neuen Lieder und Tänze, die abends aus den Häusern schollen, der Wohlklang und Rhythmus der fremden aber geliebten Sprache an allen Ecken und Enden. Es war der Zustand des Krieges, den George als quälend herbstlich empfand, als spukhaft, als eine unerträgliche, laue, schlaffe Entspannung der Nerven, diesen Zustand, in dem die Aufhebung allen Rechtes zur Sünde herauszufordern scheint, denn jede Handlung, die der Mensch unternehmen könnte, um den fürchterlichen Stillstand des Lebens zu unterbrechen, hieß noch eben Sünde. Es war das lautlose Abbröckeln der Welt von gestern mit ihren Gesetzen, es war dies furchtbare stille Scheinen der gelben, tropfenden Lindenbäume draußen vor den Fenstern, das George fast rasend machte. --
Wünschte der General seine Dienste oder lag ihm nichts daran? Er hatte sich überreden lassen als Wortführer einer Deputation von Professoren dem Gewaltigen seine Aufwartung zu machen und hatte die Interessen der Universität erfolgreich vertreten. Custine jedenfalls erließ dem Institut alle Zwangsabgaben und ließ sich durch Böhmer, der sich mit einem Individuum Namens Daniel Stumme in die Sekretärsdienste im Schlosse teilte, die Rede des ^pp.^ Forster in der Niederschrift ausbitten. »Hier hätten Sie hinterhaken müssen, mein Teurer, hehe! Sie hatten den Fuß im Bügel und sind nicht aufgesessen. Der General hatte ein flüchtiges Interesse für Sie gefaßt, es hätte leicht ein ^faible^ werden können, -- aber Sie nahmen den Augenblick ja nicht wahr. Ich fürchte, der General ist verstimmt.« Böhmer, der George als Abschluß eines kurzem Pflichtbesuches diese Mitteilung machte, sah ihn mit widerlich offenstehendem Munde, hochgezogener Stirne und aufgerissenen Augen an, indem er wichtig mit dem Finger drohte. Da er einem Schweigen begegnete, sammelte er sein Gesicht, sagte: »Es ist noch nichts verloren, da ich Ihr aufrichtiger Freund bin«, und verabschiedete sich. Sein Besuch war einer unter den hunderten in diesen Tagen, die alle mehr oder weniger deutlich Georges Eintritt in den Klub forderten. Dies war geeignet, ihn nachdenklich und schwankend zu stimmen. Böhmer war ein Hanswurst, ganz ohne alle Frage, aber dem General beliebte es nun einmal, ihn zu seinem Sprachrohr zu machen, der General stellte die republikanische Regierung dar, und war er, George, einmal auf die Gunst dieser Regierung, deren Grundsätze er als seine eigensten, innersten fühlte, angewiesen, ging sein Herz in _einem_ Takt mit dem großen heiligen Herzen der Republik und dachte er nicht daran, dem im Eichsfeld händeringenden Kurfürsten eine sentimentale Treue zu halten, -- nun wohl, -- was hinderte ihn eigentlich, ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen? Übrigens war es von eigentümlichem Reiz zu fühlen, daß erschrockene Bürgeraugen auf einen sahen, als auf den Mann von Weltblick und Contenance; daß kleine Anregungen, die man unter der Hand gab, wohltätige Folgen zeitigten, so wie etwa auf seine ursprüngliche Veranlassung hin das Theater wieder zu spielen anfing, damit die französischen Offiziere sich amüsieren und das Publikum sich wieder humanisieren möge. Es war von eigentümlichem Reiz zu wissen, daß Menschen auf einem ungewissen Wege nicht weiter gehen wollten, ohne ihn, -- denn drinnen heulte der Minotauros. Es war fast unwiderstehlich, zu denken, daß eine Aufgabe wartete, die seines Kopfes erst in zweiter Linie, vor allem aber seines Herzens, seiner Menschlichkeit bedurfte. »Es ist nicht der Ruhm, den ich suche, sondern die Liebe meiner Brüder«, redete er inbrünstig in Brands große blaue Kinderaugen hinein, die gläubig auf ihn gerichtet, in diesen Tagen fortwährend politische Unterweisung von ihm forderten und mit Monologen privater Natur abgespeist wurden. »Zudem scheint Preußen endgültig auf mich zu verzichten ...«
Oh, Preußen taumelte mit sehenden Augen in sein Verderben. Der König ließ den Herrn von Bischoffswerder unentwegt weiter Geister zitieren, denen alle staatsmännischen Künste des Grafen Herzberg nicht gewachsen waren. Dem König fehlte, kurz und gut, ein Mann in seiner Umgebung, dessen Grundsätze, Charakter und Wandel bis ^dato^ für die Rechtschaffenheit seiner Absichten zeugten, dessen Laufbahn Gelegenheit zur Entwicklung eines großen Überblicks, einer gesunden Einschätzung der Zeichen der Zeit geboten hätte. Einen deutschen Fürsten von weitem Machtbereich jetzt leiten, einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes jetzt durch vernünftige Reformationen ohne blutige Revolution zu einer gesunden Staatsverfassung führen zu dürfen ...
»Freilich,« unterbrach Therese sein Schwärmen und bat durch einen Blick um Brands Teller, den sie mit Suppe füllte, »da indessen weder dein Freund Voß noch der Minister einen Weg zu finden scheinen, den König auf sein Glück aufmerksam zu machen, so hielte ich es für ratsam, sich an das Gegebene zu halten. Huber meinte noch mit dem Fuß auf dem Wagentritt du -- möchtest dir doch hier durch dein Zaudern keine Chancen entgehen lassen.«
Eine Estafette seiner Regierung mit einem kräftigen Verweis hatte den ^chargé d'affaires^ vor einigen Tagen wieder nach Frankfurt zu seinen Staatspapieren zurückbeordert.
»Meinte er das?« George nickte grüblerisch. »Ich gebe so viel auf sein Urteil in diesen Dingen. Er hat einen eminenten Scharfblick, trotz seiner Jugend. Er fehlt mir doch unendlich. Was meinst du, Therese, -- fehlt er uns nicht?« Er aß hastig und in sich gekehrt. Brand starrte vor sich hin. Er hatte verzweifelt viel Takt, obgleich er hier nur halb begriff. ^Why^, -- hatte Mrs. Forster Kummer? Wozu jetzt diese Tränen? Therese hatte ihr Gesicht einen Augenblick auf Clairchens Kopf gesenkt, die sie auf dem Schoß hielt und fütterte. Jetzt sagte sie mit etwas rauher Stimme: »Deine eigentlichen Gaben liegen auf dem Gebiet des Menschlichen, Lieber, im Umgang und in der Behandlung der verschiedenen Individuen.« Sie stockte und blickte vor sich hin, als dächte sie selbst erstaunt über ihre Worte nach. Dann fuhr sie tastend, aber mit wachsender Sicherheit fort und unterbrach sich kaum mit einem genickten Gruß, als Karoline während ihres Redens leise eintrat.
»Du hättest dies am Anfang deiner Laufbahn in Deutschland ins Auge fassen sollen, George,« sagte sie, das Kinn in die Hand gestützt und die Augen empor gerichtet, als läse sie eine nachträgliche Weissagung von der geblümten Tapete ab, -- »du hättest das diplomatische Fach ergreifen sollen und dein Glück wäre heute gemacht. Du hättest überall Freunde und Gönner, du hättest Konnexionen an allen Höfen Europas, -- du hast so charmante Umgangsformen, mein George!«
Sie sah ihn mit spielender Zärtlichkeit an, vermochte es, daß sein blasses Gesicht kindhaft strahlte, überließ ihm ihre Hand und phantasierte weiter:
»Du hättest die Naturwissenschaften immer als Liebhaberei nebenher betreiben können, -- so wie der Goethe es auch tut, -- nicht wahr? Der Landgraf in Cassel hatte eine Vorliebe für dich, -- ich weiß es. Konnte er dich nicht in seinem Kabinett anstellen, ebensogut wie an dem törichten Carolinum? Du hättest dich für die armen hessischen Landeskinder verwenden können, die er nach Amerika verkaufte, -- sieh, das wäre gleich ein verdienstlicher Anfang gewesen! Hernach wäre die Sache schon weiter gegangen und wer weiß, welchen Verlauf die europäische Politik genommen hätte, wenn ...«
»Nun? Wenn was, meine geliebte Sibylle?«
»Ja, -- wenn George Forster in Wien oder Paris am Steuer gesessen hätte. Nicht wahr? Nun -- und für Paris -- ist es ja noch nicht zu spät.«
»Ah bah, mein liebes Kind. Worauf willst du eigentlich hinaus? Was meint sie wohl, Karoline?«
»Daß -- du deine Chancen nicht wieder versäumen sollst, -- George.« --
Die Suppe war abgetragen worden, die Kinder hatten Gute Nacht gesagt. George ging unruhig auf und nieder, die Hand gegen die schmerzende Stirn gepreßt. Er murmelte: »Ich dachte dieser Krise als Privatmann beizuwohnen.« Therese, ohne vom ^Moniteur^ aufzublicken, in dem sie las, antwortete:
»Du mußt es selbst wissen, was du deinem Namen schuldig bist.«
»Mr. Forster wird mit mir fahren nach Italien als mein Mentor, wir werden studieren der Urpflanz und führen Mr. Goethe ^ad absurdum, -- is it not, Mr. Forster^?« erinnerte Brand, in eine Sofaecke gerekelt. »^He is not made for politics, Madam, not at all. Not hard enough, you know!^«
»So, -- und Huber, -- dieser sensible Mensch mit dem Herzen einer Mimose? Oh, wir gehen alle an unsern wahren Bestimmungen vorüber! Und _das_ ist die Erbsünde!«
»Was wäre denn Hubers Bestimmung gewesen? Oh, ich frage nur beiläufig ...« Karoline war damit beschäftigt, kleine Puppen aus Stoffresten in den französischen Farben zu machen.
Therese sah in ihren ^Moniteur^. »Huber ist ein Dichter«, sagte sie leise. --
»Ich habe gehört, daß Dora Stock schwer kränkeln soll«, erzählte Karoline nach einer Weile unbefangen und hielt ein Püppchen gegen das Licht. »Schiller und Körner sind sehr schlecht auf Huber zu sprechen.«
»Daß Dora schwer kränkeln soll, -- was heißt das?« wiederholte George.
»Er hat ihr einen Scheidebrief geschrieben, -- Huber.«
»Huber -- hat Dora einen Scheidebrief geschrieben? Therese?«
»Oh -- was sagst du das so fassungslos? Ja. Hat er es nicht erzählt? Dora würde auch nie einen Menschen an sich binden, der in Bezug auf sie ^désinteressé^ ist.«
»Was meint Scheidebrief?« fragte Brand lernbegierig. »^Does it mean separation?^«
»Freilich, Vortrefflicher,« lobte Karoline und fügte hinzu: »Es ist ein Ausdruck aus der deutschen Bibel.«
»^Indeed!^«
Er hatte Karoline durch die dampfende Nacht nach Hause begleitet und kam hustend in das Schlafzimmer. Er zog sich hastig und leise aus. Therese lag mit großen, wachen Augen, ohne sich zu rühren. Im Nachtanzug endlich kniete er an ihrem Bette nieder, ergriff ihre Hand und küßte sie inbrünstig. Er flüsterte: »Ach Gott, du bist so traurig, mein Herzenskind, -- ach, kannst du es mir nicht sagen?«
Sie flüsterte: »Du weißt es ja, George.«
Ihre Tränen stiegen, fielen, tropften lautlos über ihre Schläfen. Sie rührte sich nicht.
Der Schritt der Ronde klang auf der Straße. Der Ruf erscholl:
»^Qui vive?^«
Der Herbstregen klöpfelte rasend ans Fenster.
George weinte heftig, lautlos und gebrochen mit Therese. -- -- --
* * * * *
Der Geheime Staatsrat von Müller war während aller dieser Vorgänge abwesend von Mainz und auf einer Reise nach Wien gewesen. Anfang November kam er zurück, aber obgleich Custine sich angelegentlichst um ihn bemühte, gelang es ihm nicht, diesen wertvollen Mann seinerseits vom Wert der neuen Ära zu überzeugen, und nachdem Müller einige harmlose eigene Geschäfte in aller Öffentlichkeit und einige im Sinne der Franzosen vielleicht weniger harmlose in aller Stille erledigt hatte, reiste er wieder ab, nicht ohne dem Mainzer Publikum Mäßigung und eine kluge Fügung in die Absichten der Eroberer nahegelegt zu haben. Es war George nicht gelungen, ihn zu sprechen. Allein die Meinung Müllers, daß die Mainzer gut täten, nicht wider diesen Stachel zu löcken, und seine behutsamen Ratschläge an einige einflußreiche Bürger, dem Klub beizutreten, sich in die provisorische Administration wählen zu lassen, um dort den Leuten zu steuern, die beabsichtigten, im Trüben zu fischen und für den Schutz des privaten und öffentlichen Eigentums zu sorgen, -- diese diplomatischen Äußerungen zur Sachlage kamen George zu Ohren und erschienen ihm bald wie eine Rechtfertigung seiner langsam gereiften Absichten. Dennoch erschien es ihm nicht anders wie eine Überrumpelung seines Geschmacks und seiner Willensfreiheit, als Blau ihm am Abend des 10. November nach einer Klubsitzung im Akademiesaal des Schlosses, der er beigewohnt hatte, das in Blech gestanzte Abzeichen der »Freunde der Freiheit und Gleichheit« auf die Brust heftete, wozu der behäbige Riese einigermaßen schmunzelte.
»Als wir den Freiheitsbaum setzten,« erzählte er und hielt George am Rockaufschlag fest, »hab ich gehört, wie zwei Juden sich unterhielten. >Gott der Gerechte!< sagte der eine, -- es war der Bär Ingelheim aus der Judengasse, der andere war der Isaak Bär aus Weisenau, -- >Was heißt F. G.?<«
Blau stieß vergnügt mit dem Zeigefinger auf diese geschmackvolle Blechmarke mit den Initialen von Freiheit und Gleichheit. George, betroffen von der plötzlichen Erkenntnis, daß dies schicksalsvolle Abzeichen eine Umstellung seiner eigenen Anfangsbuchstaben enthielt, wandte sich unlustig zum Gehen, aber der andere nahm seinen Arm und kam mit.
»Sagt der Isaak Bär, dieser Patriot, hoho! Gott der Gerechte, du fragst? Heißt sich Frau Grausin ...«
»Maria und Josef! Und Sie verstehen den Witz am Ende gar nicht, Herr Hofrat!« fuhr er fort, nachdem er sich von einem ausgiebigen Heiterkeitsausbruch erholt hatte, -- »haben nie für ein Hundel eine Marke bei der Grausin, der Wasenmeisterin, um zehn Kreuzer geholt?«
»Und auch sonst nie Beziehungen zu ihr unterhalten?« sagte Dorsch an Georges anderer Seite und hüstelte.
Blau amüsierte sich unverhältnismäßig. »Der Jude ist eine witzige Kreatur!« Die Geschichte ging noch viel weiter. Am Schluß hatte Isaak Bär sich den Freiheitsbaum, der an Stelle des uralten Mainzer Wahrzeichens, des eisernen Steins, auf dem Markt gesetzt worden war, schief angesehen und seinen Eindruck von diesem mit der roten Jakobinermütze gekrönten, bekränzten und bewimpelten Mastbaum dahin zusammengefaßt, daß er sich hinter dem Ohr kratzte und sagte: »Ei weih! Ain Baum ohne Worzel, -- eine Kappe ohne Kopp!«
»Volksstimme!« sagte Dorsch jetzt scharf. »Ich bin auch überzeugt, meine Herren, daß die Sache hier keinen Boden fassen wird. Böhmer zieht uns den Abschaum der Stadt auf den Hals und macht uns mit seinen Listen und Deklamationen vor ganz Deutschland lächerlich.«
Böhmer begann den Schreckensmann ^en miniature^ zu spielen. Er hatte neuerdings im Klub das »rote Buch der Freiheit« und »das schwarze Buch der Sklaverei« ausgelegt und forderte die Bürgerschaft täglich unter geheimnisvollen Androhungen oder ekstatischen Hinweisen auf »unsern Heiland, den Bürger Custine« auf, ihren Standpunkt durch Eintragung in eins der Bücher darzutun. Er sprach die Absicht aus, »die Despotenknechte wie Staub vor sich herzujagen« und alsdann die Bürger mit Gewalt zur Annahme der fränkischen Wohltaten zu zwingen. George, von Widerwillen geschüttelt, sagte zu Dorsch: »Freund, -- jede große Sache hat ihre Affen und Narren. Sie lebt aber durch ihre Priester. Es steht jedem frei, seinen Standpunkt zu wählen.«
Er grüßte hochmütig und bog in die Tiermarktstraße ein. Seine Finger nestelten an dem gelben Medaillon und lösten es ab. Er gehörte nun zu ihnen, jawohl. Aber sie sollten ihn nicht hinunterziehen! Er, dem die Freiheit ins Herz geboren war, bedurfte keinerlei Ausweise für seine Gesinnung, weder der Kokarde noch dieser verfluchten Hundemarke. Er betrat sein Haus leise, er suchte sein Kabinett auf, er mußte allein sein, sich sammeln, seinen Weg in die Zukunft zu erkennen suchen. Und in der reinen Atmosphäre seiner Arbeitswelt, hier unter seinen Büchern, vor seinen Manuskripten, unter all den Zeugen seines dem Geist geweihten mühevollen und gebeugten Lebens, überkam ihn das Bedürfnis, sich vor einem Gleichgestellten, einem Weggenossen zum ewigen Ziel, zu rechtfertigen, sich zu reinigen in der Berührung mit einer brüderlichen Seele, so heftig, daß er den Armleuchter zum Stehpult trug und mit fliegender Feder an Müller zu schreiben begann:
»Da die Umstände mich nötigen, an der provisorischen Organisation des Mainzischen Landes, soweit es gegenwärtig in den Händen der französischen Republik ist, tätigen Anteil zu nehmen, so halte ich es für unumgänglich nötig, Ihnen, mein vortrefflicher Freund, die Gründe, die mich bewogen haben, und die Grundsätze, nach denen ich mein Verhalten einzurichten willens bin, vorzulegen.
Sie wissen, daß in meinen Augen die Freiheit immer das größte, schätzbarste von allen Gütern gewesen ist und es immer sein wird. Ohne sie gibt es nach meiner Meinung kein wahres Glück, kein öffentliches Wohl.
Aber der Philosoph kennt eine moralische und innere Freiheit, die von der politischen äußeren sehr verschieden ist, die Freiheit, welche Epiktet auch noch in Fesseln hatte, die Freiheit, welche man selbst unter der Regierung von Tyrannen behält, wenn man nur Kraft hat, es zu wollen. Nun, _diese_ Freiheit muß der wahre Gegenstand unserer Verehrung sein! Denn sie bleibt uns übrig, wenn Klugheit uns zeigt, wie ohnmächtig die in unserer Gewalt stehenden Mittel sind, um uns den Besitz der politischen und bürgerlichen Freiheit zu verschaffen.
Wer aber kann den Zeitpunkt bestimmen, wo es dem gerechten und denkenden Mann zur Pflicht wird, die Erwerbung dieser politischen und bürgerlichen Freiheit zu versuchen, ohne welche der große Haufe des Menschengeschlechtes nie zur Vollkommenheit des intellektuellen und moralischen Wesens, zu der _inneren Freiheit_, dem wahren Endzweck seines Daseins, gelangen kann? Mich dünkt, man muß die Augenblicke erwarten, wo der allgemeine Wille sich erklärt, erwarten und sogar ergreifen, um hervorzubrechen und zu dem großen Werke des öffentlichen Wohles mit beizutragen ...«
Dieser Zeitpunkt war nunmehr eingetreten, kein Zweifel. George hob den Blick und sann, fühlte sich feurig durchströmt von Kräften, die einem neuen großen Gefühl der Verantwortung entsprangen, -- einem eben so edlen als von ihm mißverstandenen Verantwortungsgefühl, lächelte, bestürzt vor Glück, setzte die Feder wieder an, zauderte einen Augenblick und schrieb dann unaufhaltsam fort. Sein Gesicht brannte, als er fertig war, wunderliche, nie gekannte Schwingen hielten ihn schwebend über dem Alltag. Er überlas das Geschriebene.
Der Weg, den er sich vorgezeichnet hatte, lag zum erstenmal in voller Klarheit vor ihm, die Absichten und Ziele, deren er sich während des Schreibens erst ganz bewußt geworden zu sein glaubte, schienen ihm groß und schön und aller Opfer wert. Er setzte seinen Namen unter den Brief und verharrte in Versenkung, das Haupt geneigt. Diese Worte, an Müller gerichtet, waren mehr als eine Auseinandersetzung seiner Ansichten, als eine Rechtfertigung seines Eintrittes in den Klub. Sie entschieden über das Leben, das ihm noch blieb. Sie trennten ihn auf ewig von Deutschland und der Vergangenheit. Er dachte es nicht aus, was alles sich ihm in Müller verkörperte, den scheue leidenschaftliche Freundschaft trotz allen heimlichen Werbens nie ganz zu gewinnen vermocht hatte. Er hatte einen Scheidebrief geschrieben, er wußte es, -- und wußte es doch nicht. -- -- --
* * * * *
Frauen brauchten immer längere Zeit, um sich mit dem Neuen abzufinden, er meinte sich dieser zögernden Haltung einer fertigen Entscheidung gegenüber von seiten Theresens als etwas ganz Gewohntem zu erinnern, selbst wenn sie vorher zu dieser Entscheidung gedrängt hatte. War es nicht immer so gewesen, daß sie ein gedehntes »Ach!« sagte und dann lange Zeit gar nichts und dann Einwände hören ließ und Zweifel vorbrachte. Oh, er suchte ängstlich in seinem Gedächtnis nach ähnlichen Fällen und versicherte sich dann, ja, es sei immer so gewesen! Jedoch es war diesmal nicht recht von ihr, seine Verantwortung mit ihrem halb erschrockenen, halb nachdenklichen Hinnehmen seiner Entschlüsse dermaßen zu belasten, und die betretene Stimmung, die auch Karoline und der gute Brand, der ja nun freilich ganz und gar nicht maßgeblich war, an diesem Abend zur Schau trugen, veranlaßten ihn zu einer zornigen Gesprächigkeit. Was der Vater in Göttingen sagen würde? Wie, war dies auf einmal ihre erste Sorge? Nun, der gute Alte habe ihm neulich, wie sie sich wohl erinnern werde, geschrieben, daß man diesseits und jenseits der Leine in Frieden lebte, äße, tränke und schliefe, -- daran würde auch der Übertritt seines Schwiegersohnes auf ein ihm fremdes Gebiet nichts ändern, obschon es gewiß einige Lamentationen kosten würde. Sie möge nur entschuldigen, sie kenne seine Verehrung, seine Liebe für den alten Herrn, -- seit wann aber fordere sie, daß er ihm zuliebe seine Lebenswege in der hannöverschen Tiefebene halte? Viel peinlicher sei es ihm zumute in Erwartung eines Ausbruchs des väterlichen Vulkans in Halle, und -- nun ja, er sei eben nicht in der Lage, das Praktische ganz über dem Ideal hintenan zu setzen, da er sie und die Kinder nicht hungern lassen dürfe: würde der wackere Voß in Berlin sich jetzt noch zur Gewährleistung jenes Darlehns der 1500 Dukaten, deren er zur Deckung von allerlei Schulden -- »du entsinnst dich wohl, meine Teure!« -- so dringend bedurfte, verstehen können? -- Karoline wagte es, mit sanfter Stimme einzuflechten, daß es derlei Bedenken ja auch sein möchten, die den Hofrat Heyne möglicherweise zu Lamentationen veranlassen würden und mit einigem Recht. Sie wurde jedoch gar nicht beachtet, denn mit einer Bewegung, als striche sie etwas Unsichtbares von der blanken Tischplatte hob Therese kummervolle Augen zu George empor und sagte mit schwerer Betonung: »Und dies hast du nicht bedacht, mein Freund, daß du nicht nur die Ehre deines Weibes, sondern auch ihr und deiner Kinder Leben durch deinen Schritt gefährdest? Oh, wir werden alle vogelfrei sein, eines Tages ...« Sie nickte aufschluchzend vor sich hin. George blickte starr auf sie nieder.
»Willst du mir nicht bitte sagen, woher dir dieser Pessimismus kommt? Vor drei Tagen redetest du anders.«
»Oh, warum gehst du nicht mit Brand nach Italien?«
»Willst du mir bitte nicht erklären ...«
George hielt inne. Er blickte zu Karoline hinüber, die seinen Augen auswich und sagte, von einer Erkenntnis überkommen, fast ohne es zu wissen:
»Huber ist hier gewesen!«
Nach einer Weile, als niemand widersprach, wiederholte er diese Mitteilung, die ihm seine eigene Stimme da eben gemacht hatte, und setzte hinzu:
»Und -- ich sollte es nicht wissen.«
»Ich weiß nicht, warum ich es dir nicht erzählt habe.« Therese sprach abgebrochen, in hastigen, kleinen Sätzen. »Er war vorgestern ein paar Stunden hier. Du hattest die Sitzung wegen der kurfürstlichen Privatbibliothek ...«
»Was du drei Tage wenigstens vorher gewußt hast ...«
»Bitte, -- mein Freund?«
»Oh, -- nichts!« --
»Er sprach so überzeugt davon, daß die Preußen Mainz wieder nehmen würden. Er ist doch immer aus erster Hand instruiert. Er hat mich ganz kleinmütig gemacht. Er meinte, du dürftest dich nicht kompromittieren.«
»Ich sollte meine Überzeugung opfern?!«
»Lache nicht so schrecklich! Er sagte, du könntest auch in Deutschland als Republikaner leben, in Altona oder Hamburg zum Exempel ...«
Sie sah ihm scheu nach, der nun nach alter Gewohnheit im Zimmer auf und abzugehen begann. Sie verfolgte sein mühseliges Wandern mit den Blicken einer befremdlichen, fast haßvollen Gespanntheit. Karoline beugte den Kopf über ihre Stickerei. Der harmlose Brand gähnte über dem »Bürgerfreund«, der neuen Zeitung des revolutionären Mainz. Therese wartete. Aber George sagte nur: