Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 34
Das Röschen sprang ihnen jubelnd entgegen, die Magd kniete auf einem Beet und schnitt Spinat, Therese saß in der frisch umgrünten Bohnenlaube, die kleine Claire an der Brust, und lächelte ihnen zu. Ach, dieser Abend lag im wehmütigen Lichte des Abschieds. Dies enge Gärtchen, sonst von ihm gering geschätzt und vernachlässigt, wie war es traut und heimatlich, eben weil es eng war! Wie blühten die Apfelbäume und wie blaute der klare Himmel so rosig-weiß umgittert durch ihr Gezweig! Wie hatten Kirschen und Stachelbeeren so lobenswert angesetzt, und wie die Erbsen keimten, wie die Salatstauden standen, -- es war doch ein Staat! Der Vater würde nun mit dem Schiff wegfahren, das große Wasser entlang, und in ferne, fremde Länder, erzählte George dem aufhorchenden Kinde, die warme kleine Hand in seiner und auf den schmalen Pfaden zwischen den Rabatten spazierend. Bis er wiederkäme, würden die Kirschen rot sein und vielleicht auch schon aufgegessen. -- »Ich hebe Ihnen welche auf, Papa, die allergrößten!« beruhigte das Röschen, -- das kleine Clairchen würde ein viel dickeres Clairchen geworden sein und Röschen würde den Papa am Ende ganz vergessen haben und nicht wiedererkennen. Das Kind sah ernsthaft zu ihm auf: »Wird denn so schnell alles anders, Papa?«
»Zuweilen doch, Röschen, zuweilen ...« Er wandte an der Gartenpforte um, die Gedanken um all die Möglichkeiten plötzlicher Veränderungen kreisend, die bevorstehen könnten, wenn es ihm denn gelingen sollte, Gelegenheiten wahrzunehmen. Der Garten war eng, der Garten war traut, -- aber die Welt so weit und das Große noch nicht getan. Und da blickte er zu Therese hinüber in die Laube und sah sie dort sitzen, das Kind in den Armen und sah Huber an ihrer Seite und wußte nicht, was er sah und was ihn so erschreckte. »Sie sehen so -- geborgen aus«, dachte er ratlos und kam zögernd näher, als Therese rief: »Kommst du denn gar nicht zu uns, Lieber?« --
* * * * *
Übrigens war es nicht seine Art, einen solchen Augenblick ahnungsvoller Erkenntnis grübelnd im Gedächtnis zu tragen. Er vergaß ihn in der nächsten Stunde, und um so schneller und gründlicher, als die Reisevorbereitungen umfangreich waren und ihn ganz in Anspruch nahmen. Sein erstes Reiseziel war Aachen, dort bei Jakobi würde er den jungen Humboldt treffen. Und nun völlig von seiner nächsten Umgebung abgelenkt im Gedanken an den liebenswürdigen Schüler, der ihn erwartete, schon empfindend, wie der leere Raum im Wissen und in der Erfahrung des andern die eigene Fülle, den eigenen Überfluß unwiderstehlich ansog, bereits in der nächsten bunten wechselnden Zukunft lebend, nahm er es kaum wahr, daß Therese, stiller noch und sanfter, als sie es in den letzten Monaten gewesen war, unter dem Abschied unverhältnismäßig litt. Ihr Weinen am letzten Abend erschütterte ihn. Er saß am Schreibtisch, um noch einige amtliche Briefe zu erledigen, und fühlte auf einmal, daß sie, die sich bisher im Hintergrunde des Zimmers mit dem Koffer beschäftigt hatte, neben ihm kniete. Weiter schreibend tastete er mit der Linken nach ihr, legte die Hand auf ihren warmen Nacken, spürte das Beben ihres Körpers und legte erschrocken die Feder hin.
»Was ist dir, Kind?«
Er versuchte ihren Kopf aufzurichten, sie aber preßte die Stirn nur noch fester gegen ihn, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ unter fortwährendem Weinen minutenlang keine Worte hören, als »Georgie! -- Ach, Georgie! -- Bleibe doch bei mir, Georgie!« so daß er schließlich ganz ratlos stammelte, es sei doch nun alles vorbereitet und beschlossen, und er käme doch auch wieder, und sie sei doch hier auch gar nicht so allein. Ehe er aber dazu kam, die Freunde aufzuzählen, die ihr in seiner Abwesenheit zur Seite stehen könnten, sagte sie stockend: »Lieber, lieber Georgie! Laß mich doch nach Gotha fahren mit den Kindern, zu den guten Reichardts! Ich weiß ja, nach Göttingen ist es zu weit, und der Vater fand es selber zu teuer, -- aber Gotha, weißt du, Gotha, das ginge doch und Amalie würde sich so freuen ...«
Da er schwieg, hob sie endlich den Kopf und blickte scheu zu ihm auf. Er sah gequält vor sich nieder. »Das hätte doch alles langer Hand vorbereitet werden müssen, Therese. Nun kommst du so in elfter Stunde ... Die weite Reise mit dem kleinen Kind ... Und hier der Haushalt mit den Dienstboten ... Nein, ich verstehe es nun doch nicht ganz.«
»Nicht, Georgie?«
»Du sollst dich ja auch hier nicht langweilen. Fahr mit Lise und den Kindern nach Eltville und auf die Auen, so oft ihr wollt, geh einmal in die Komödie, du vernachlässigst das Theater ja ganz. Lade dir öfters Leute ein! Ach, und gute teure Freundin, -- ich werde dir ja so viele Briefe schreiben! Nun?«
Er versuchte, sie lächeln zu machen. Tränen in den Wimpern und auf den Wangen blickte sie ihn tief, ernst, zweifelnd an. Dann erhob sie sich seufzend, indem sie sich auf sein Knie stützte, legte den Arm um seinen Nacken und blieb neben ihm stehen.
»Ich soll also hier bleiben, Georgie, -- du willst es, -- ich soll?«
Er schwieg. Er malte langsam an einer Adresse. Dann sagte er: »Ich weiß dich hier im besten Schutz der Welt.«
»Etwa in Hubers?« fragte sie schnell.
»In deinem eigenen, Therese, in dem unserer Kinder«, sagte er leise.
Sie sah ihn mit bebenden Lippen an und hob die Hände mit einer hilflosen beschwörenden Gebärde. Aber sie blieb stumm. --
* * * * *
Er flog also wie beabsichtigt einer Biene gleich durch Brabant und die Niederlande, das heißt, er war der Reisende mit den offenen Augen, dem empfänglichen Herzen, das Notizbuch in der Linken, den Stift in der Rechten. Zuweilen glaubte er wahrzunehmen, daß die Empfänglichkeit des Herzens vollkommen abgelöst sei durch die Routine des Kopfes, Eindrücke abzufangen, einzuordnen und zu verarbeiten. Zuweilen glaubte er zu erkennen, daß nicht eigener, sondern der Enthusiasmus des jungen Humboldt ihn beflügelte und ihm kurze Stunden des Rausches verschaffte. Indessen hütete er sich wohl, der Sache auf den Grund zu gehen. In London, wo man beinahe fünf Wochen verweilte, fühlte er sich auf Schritt und Tritt begleitet von dem Schatten des Verfassers eines gewissen Schriftchens, das den Titel eines ^Tableau d'Angleterre^ trug, in den letzten Jahren auf dem Kontinent ziemlich viel gelesen worden war und den Anspruch erhob, ein getreues Portrait der königlichen Insel zu sein. Es war nicht eben von Zuneigung, nicht einmal von Anerkennung, kaum von Gerechtigkeitsliebe getragen, das Schriftchen, es war geradeheraus gesagt, eine hämische Karikatur, und es war durchgesickert, sein Verfasser sei ein Herr Forster, ein Deutscher mutmaßlich, und wahrscheinlich einer von den Forsters, die mit auf der »Resolution« in der Südsee gewesen waren. Es half einem gar nichts, daß man das böse Schriftchen laut für ein obskures Machwerk, ein elendes Pasquill erklärte. In diesem Schatten also, den der König Minos von Halle aus zu werfen verstanden hatte, war die Atmosphäre in London trotz der Junisonne frostig und kalt. Es war nicht ratsam, bei dieser Witterung den Samen zärtlich gehegter Hoffnungen und Ansprüche neu auszusäen. England schien Forster sen. und Forster jun. gegenüber ein besseres Gewissen zu haben als je, ja, es schien sich ungerechtfertigterweise in dem Bewußtsein zu wiegen, Nattern an seinem Busen genährt zu haben. So glaubte George durchzufühlen. Da er aber die ganze Zeit über kläglich an seinem hinfälligen Körper litt, so ist anzunehmen, daß er überempfindlich war und auch den Einfluß des großen Sir Joe Banks überschätzte, von dem er an Therese schrieb, daß er die Südsee gepachtet habe und keinem Buchhändler erlaube, irgendein Werk über diese Breiten in Verlag zu nehmen, das nicht seinen Namen auf dem Titelblatt trage. Jedenfalls bestand der Ertrag des Londoner Aufenthaltes in wenig mehr als in einer Abmachung mit einem großen Bücherjuden, ihm die neuesten Erscheinungen auf allen Gebieten des europäischen Buchmarktes monatlich zuzusenden, ein gewissermaßen negativer Ertrag, der vielleicht in etwas wett gemacht wurde durch die Gewinnung des jungen Mr. Thomas Brand zum Schüler und Pensionär. Dieser blonde Jüngling mit der Aussicht auf den Titel und die Würden eines Lord Dacre würde, solange seine Sehnsucht, Deutsch zu lernen, anhielt, einen lieblichen Strom blanker Guineen durch das Haus Forster leiten. Aber George war entsetzlich niedergeschlagen, als er von Dover abreiste. Er ging auf dem Verdeck des Schiffes auf und nieder, dankte dem Himmel, daß Humboldt in der Kajüte Korrespondenzen erledigte und er nicht zu sprechen brauchte, und brütete ohne Aufhören und ratlos und mit gelähmten Gedanken über dieser unfaßlichen Versteinerung des Herzens.
»Italien,« dachte er, -- »Griechenland, -- Indien!« Ja, der Süden könnte ihn vielleicht noch einmal verjüngen. Und da war doch ein kleines Glück, eine wunderlich schöne Perle, die er mitnahm aus England, das war die Bekanntschaft mit den ^Asiatic Researches^ des William Jones, in denen jene seltsamen Spekulationen »^On the Gods of Greece, Italy and India^« standen, verborgene Pforten entriegelnd in den glatten Mauern, die seit Jahrtausenden die Völker voneinander schieden. Uralte Stammbaumgemeinschaft erschloß sich: wer zu den gleichen Göttern fleht, stammt von den gleichen Vätern her. Und diese Offenbarung Deutschland mitteilen zu dürfen, war das nicht ein Ergebnis seiner Reise, besser als Gold, -- war nicht jenes kleine Buch in seinem Mantelsack, die indische Sacontala in der englischen Übersetzung von Jones, die er ins Deutsche übertragen wollte, ein Fenster in Weltweiten, daß er berufen war aufzustoßen und so den Deutschen einen alten Horizont zu sprengen? Ach, für Minuten von Trübsal befreit, vom Aufflammen niedergesunkener Gluten befeuert, dachte er doch gleich verächtlich und bitter: was fragt Deutschland nach mir? Deutschland lagert träge am Rand seiner Meere, es fährt nur aus, um Schellfisch und Hering zu fangen. Noch nicht zu sich selbst erwacht, ohne Kern und Kristall, will es auch nicht wachsen, sich nicht dehnen, die Erde erobern und ihr seinen Geist aufprägen. Deutschland ist froh, wenn es satt wird und Stoff zu Spekulationen hat. Ob ich ihm den Stoff bringe oder ein Chinese, das ist gleich, sie nehmen alles aus Gottes Hand. Ich bin kein Engländer, ich bin kein Franzose. Nicht Volk noch Vaterland braucht mich als Waffe, als Pfeil, als Handhabe einer Sehnsucht. Was ich tue, tue ich auf eigene Verantwortung, ein Einzelner unter Vereinzelten. Die Hand am Hut, den flatternden Mantel eng um sich zusammenraffend sah er zum Horizont. Gut, -- wer keinen Dank erhält, ist niemand etwas schuldig. Schiffsboden ist mein Vaterland -- und ^the Rakes of Mallow for ever^! Ein Wandermönch der Wissenschaft, ein Zigeuner der Forschung ... Er ging mit breit gestellten Beinen umher und pfiff, das Herz voll Wehmut und Trotz. Auf einmal sah er, daß Humboldt vorn am Bug stand, die Arme vor der Brust gekreuzt, den Kopf zurückgeworfen, das unbedeckte Haar dem Winde preisgegeben. Der und sein Preußen, fühlte er vergrämt. Oh, war das Neid? Und plötzlich war er ganz erweicht, er wandte sich ab, Entsagung gab ein Lächeln. Jüngling, flüsterte er vor sich hin, -- oh, Jüngling, Bruder, Freund -- und Erbe! --
Er nahm aus Paris den Abglanz mit, den das große Feuer der begeisterten Vorbereitungen zum Föderationsfest in sein Herz geworfen hatte, er sah von den Höhen von Chaillot aus auf dem Marsfeld ein Volk vom König herab bis zum Bettler dieses Fest singend zurüsten, auf daß es _schön_ gefeiert werden könne, und so nahm er die Überzeugung mit, daß dies Volk würdig sei, die Sache der Menschheit zu vertreten. Er sah es nicht, oder er wollte es nicht sehen, daß dies nicht mehr war, als eine Verkleidung des alten monarchischen Schäferspiels zu demokratischer Flötenbegleitung. Er labte sich schwärmerisch an dieser ungeheuren Idylle, er überhörte den schneidenden Rhythmus des »^Ça ira^« und schüttelte den Kopf über den schweren Ernst, den er auf den Zügen des vergötterten Mirabeau lagern sah. Im übrigen hatte er seine Geschäfte, Besuche und Studienvorsätze mühselig genug unter namenlosem Widerwillen abgewickelt, gehemmt von Anfällen fürchterlicher Zahnschmerzen und einer Schwermut, die er ratlos halb mit der Sehnsucht nach dem Meer, von dem er sich diesmal mit unerklärlichem Leid losgerissen hatte, teils mit dem Heimweh erklärte, mit dem unstillbaren Bedürfnis nach Therese und den Kindern, -- mit zwei einander widersprechenden Gefühlen also, durch die ein Dämon seinen Busen zu spalten versuchte. Er hatte unter diesen grauen Schieferdächern gelitten wie ein lebendig Begrabener und segnete jeden Abend, der sich zwischen ihn und jene Stadt legte. In sechs Tagen gelangte man nach Straßburg. Von Speyer an waren sie nur noch zu Vieren in der Postkutsche, Humboldt, er, ein Jude, der in Geschäften reiste, und ein Unbekannter im grauen Habit, der zumeist schlief und sein Reiseziel nicht verriet.
»Er gleicht dem Herrn Selten aus >Sophiens Reise<,« sagte Humboldt halblaut zu George, »er sieht ebenso edel und geheimnisvoll aus. Den Juden hätten wir auch, fehlen nur noch ein paar artige Frauenzimmer, um die Gesellschaft komplett zu machen.«
Die Juliglut wogte glastend über dem Land, die reifen Kornfelder rauschten golden und schwer, die Obstbäume, überladen mit Frucht, ließen die Äste bis zur Erde hängen. Der Jude, mit unermüdlichen Mausaugen alles abschätzend, was irgend Handelswert haben konnte, und zwischendurch seine Reisegefährten beobachtend, begann alsbald, den Kurfürsten von Mainz über die Hutschnur zu loben, ihn einen weisen Herrn, einen gerechten Herrn, einen Herrn, der nicht verachtete die Handlung und das Geschäft, zu nennen und dabei George so listig anzublinzeln, daß dieser keinen Zweifel hatte, einen Mainzer Stadtjuden vor sich zu haben. »Gott Israels! Wie blüht sein Land! Wie mehren sich seine Güter!« Da er nun von den Reichtümern des Domkapitels überging zum Glanz des kurfürstlichen Hofes, sich erstaunlich vertraut mit allerhand innerpolitischen Mainzer Vorgängen zeigte, zum Exempel mit der Entlassung des Geheimen Hofrats Müller, zu der es ja nicht gekommen sei, -- »Gott sei's getrommelt und gepfiffen! Taugt er sich mehr, der Herr von Müller, als alle Dalberg, Albini und Sickingen zusammen!« -- da er sodann anfing, die Universität zu loben, »die grausam grauße Gelehrtenschul« und wieder sagte, der kurfürstliche Herr sei so tolerant, beschützte die Ketzer und Juden, so war George darauf gefaßt, sich in jedem Augenblick bei Namen genannt zu hören und im Hinblick auf den Reisenden in der Ecke, der soeben einmal erwacht war und ärgerlich den pulverigen Staub von seinem Rock abklopfte, erwartete er die Lüftung seines Inkognitos mit einer gewissen lustvollen Spannung. Denn Journale, ja Journale las die ganze deutsche Welt, -- und wer war da noch nicht auf den Namen George Forsters gestoßen, -- wenn er ihn denn sonst nicht kannte? Indes verließ der Jude sie plötzlich in einem größeren Dorf, wo sie kurze Rast machten, nicht ohne beim Abschied auf seinen Packen zu klopfen und George zuzuraunen: »Wenn die Frau Gemahlin einmal hat Bedarf in feine und andre Tücher, einfärbig und meliert, in der Wolle gefärbt, -- frage der Herr Hofrat nur nach dem Isaak Bär aus Weisenau, -- kennt ihn jedes Mainzer Kind und weiß, der Bär kauft ein mit Profit und verkauft zum eigenen Schaden.«
Der Fremde aber erwies sich bald als ein Armeelieferant aus Wien, ein Pole, der in österreichischen Diensten reiste, unzufrieden mit den Zeitläuften war und Krakau für den besten Ort der Welt erklärte. Und warum er nicht am besten Ort der Welt geblieben sei?
»Was will man machen, ^messieurs^? Wir Polen haben kein Vaterland mehr ...«
Über Wilna und Wien, -- nein, der Fremde las augenscheinlich keine Journale und hatte keine Beziehungen zur Gelehrtenwelt! -- kam man im Bogen zurück auf den Juden, da der junge Humboldt sein liebenswürdiges Gesicht in schwere Falten legte und ernsthaft erwog, warum diese Nation gleichzeitig solche Wunderblumen hervorbringe wie den Mendelssohn der »Morgenstunden« und solche Knorze, wie den ausgestiegenen Reisegenossen. Der Fremde wiegte den Kopf und meinte, hier liege der gleiche Unterschied vor, wie zwischen den weisen Chassidim in Galizien und den schmutzigen polnischen Pracherjuden, begann nun ein wenig von den Chassidim zu erzählen, und am Ende kam man in eine ganz lebhafte Diskussion über die Eigenschaften des auserwählten Volkes, die den Weg angenehm verkürzte.
»Und schließlich, -- was will man ihnen vorwerfen,« sagte Alexander von Humboldt feurig, »bleiben sie nicht Menschen wie wir auch? Sind sie nicht die besten Untertanen, wo sie Wurzel schlagen dürfen? Was würde aus uns, wenn man uns das Vaterland nähme, von Ort zu Ort jagte, ausnutzte, verfolgte ...?«
Der Pole lachte kurz auf. »Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'! Was will man machen, ^messieurs^? _Jeder Heimatlose wird zum Juden!_«
George Forster starrte in die untergehende Sonne. -- -- --
Die ersten kühlenden Atemstöße des Abendwindes kamen vom Rhein her über die Felder. Es roch nach reifem Korn, nach Staub, nach Leder und Pferden. Die Kutsche schwankte, das eintönige Geräusch der knirschenden Federn, der ächzenden Räder, der trottenden Hufe, war so einschläfernd. Eine Stunde vor Mainz etwa raffte George sich zusammen, machte es sich klar, daß er nun nachhause kam und sich zu freuen hatte, -- rätselhafter Druck auf seinem Herzen, der Freude nicht aufkommen lassen wollte! -- bürstete an sich herum, erfrischte Gesicht und Hände mit ^Eau de lavande^ und sank schließlich wieder in hoffnungsloser Ermüdung vornübergebeugt auf seinem Sitz zusammen.
Auf einmal fuhr er auf, starrte auf die Straße, blickte verstört um sich, sprang auf, lehnte sich aus dem Wagenschlag, die Strecke zurückblickend, die sie gekommen, setzte sich wieder, fuhr mit der Hand über das Gesicht und lachte.
»Wie man so lebhaft träumen kann! Schlief ich denn überhaupt?«
»Ich weiß es nicht sicher.« Der junge Humboldt hielt mit Pflaumenessen inne und betrachtete ihn interessiert. »Träumten Sie denn schön?«
George sagte langsam:
»Es kam uns eine Kutsche entgegen. Therese saß darin -- und die Kinder. Aber das Clairchen schon groß, wie zweijährig. Und noch eine Frau fuhr mit, die ich nicht erkannte. Ich dachte, wie schön, da sind sie mir entgegen gefahren! Aber indem fuhr die Kutsche sehr schnell an uns vorüber, Therese sah geradeaus und niemand sah mich an ...«
Er schüttelte den Kopf und blickte tief beunruhigt auf Humboldt. Der murmelte verlegen: »Sonderbar? Nun, es war eben ein Traum und« ... er lächelte, -- »unsere Sehnsucht beflügelt die Imagination.«
»Es war aber ganz anderes Wetter, es war Herbst, -- oder Winter ...«
Der Postillon blies und durch das neue Tor rasselte der Wagen hinein auf das Pflaster von Mainz.
* * * * *
Gewiß, er wäre auf keinen Fall diesen ersten Abend allein mit Therese und den Kindern gewesen, auch wenn die biedere Gestalt Sömmerrings im braunen Schoßrock und die leichtgeschürzte der Madame Forkel in überblümtem Mousseline da nicht seine Haustür flankiert hätten, wie die Penaten der Heiterkeit und des Fleißes. Auf alle Fälle wäre Humboldt zugegen gewesen, da er nun einmal bei ihnen logierte, -- _einen_ Fremden hätte es also unvermeidlich am Tisch gegeben, trotz des Fernbleibens des guten Huber, der aus Delikatesse an der ^Table d'hôte^ im Hôtel National speiste, um das Wiedersehen nicht zu stören. Immerhin hätte sich der guterzogene Reisegenosse vielleicht früh zurückgezogen, und wenn dann eben Sömmerring und die Forkel nicht dagewesen wären ...
Aber warum verdarb er sich die erste Stunde der Heimkehr mit solchen Reflexionen! Hatte Therese diese Gäste zu seiner Begrüßung eingeladen, so war es geschehen aus demselben Grunde, aus dem sie die Türen mit Buchs bekränzt und den Abendtisch im Saal mit Rosen geschmückt hatte, aus dem sie im weißen Kleide mit Blumen in den Haaren ihm entgegengekommen war, aufgeregt fröhlich und das winzige Clairchen ihm hinhaltend wie ein Weihegeschenk. Therese freute sich, daß er wiederkam, Therese lachte, Therese tanzte, Therese feierte ein Fest, -- konnte ein Fest von Therese ohne Gäste sein? Er ging durch die Räume, das glückliche Röschen an der Hand, das im gelben rotpunktierten Kleidchen manierlich einherschritt wie eine junge Dame und zuweilen behutsam zu ihm auflächelte, -- ja, er lächelte auch, aber warum fühlte er sein Lächeln schmerzlich wie eine Grimasse? Es gab da kleine Veränderungen in den Zimmern, die er mit dem Spürsinn seines überreizten Gehirns auf den ersten Blick wahrnahm, wie die neue Anordnung von Bücherreihen in der Wohnstube und dies, daß sein Portrait, das von Tischbein gemalte, einen anderen Platz bekommen hatte und im Saal hing, nicht mehr dem grünen Kanapee gegenüber. Ja, das mochte ganz gut sein, war es ihm nicht selbst oft ridikül gewesen, daß er da von der Wand herab sich selber zugesehen hatte, wenn er hier mit Therese gesessen hatte, abends, auf dem grünen Kanapee? Freilich, die letzten Monate, da hätte Therese das Bild wohl hängen lassen können, sich zur Gesellschaft, die Monate, die sie hier allein gesessen hatte ... Er ging umher, ruhelos, trotz der Reisemüdigkeit. Waren es diese kleinen Veränderungen, die die Wohnung so fremd erscheinen ließen? War er zu lange weg gewesen? Ach, die große englische Uhr im Saal war stehen geblieben, er öffnete die gläserne Tür und während er aufziehend die schweren Messinggewichte im Gehäuse emporleierte, fiel sein Blick auf die kleine Scheibe im Zifferblatt, die, von Mond und Sternen umgeben, das Datum anzeigte. Sie stand auf dem 6. Mai, dem Tag nach seiner Abreise. Machte es ihn denn so mutlos, daß die Uhr hier geschwiegen hatte, die ganze lange Zeit über, daß er weg gewesen war?
Lustig, lustig, Therese feierte ein Fest! Hatte er unterwegs etwa gedacht, er wollte sich früh niederlegen, den schmerzenden Kopf auf kühle Kissen betten und dann sollte Therese in der dämmerigen Sommernacht an seinem Bett sitzen und er wollte ihr erzählen und fühlen, daß er wieder daheim war? Nun, das ging jetzt freilich nicht. Er mußte hier in guter Haltung den liebenswürdigen Hausherrn spielen, der Forkel ein wenig die Cour machen und Sömmerring in die ärztlichen Forscheraugen blicken, ihm Bericht erstatten von den Kollegen in Harlem, in Oxford. Er hielt nicht still Theresens Hand. Jedoch es hielt Therese seine Hand, das war ja wahr. In den Essenspausen und als abgespeist war, suchte ihre fiebrige kleine Rechte seine Linke, die schlaff und müde auf dem Tischtuch lag, und während Therese über den Tisch hinüber lachende Rede und Gegenrede mit Humboldt tauschte und mitten darin die Funken ihrer Heiterkeit in seine Unterhaltung mit Sömmerring sprühen ließ und der Forkel eine Rose an den Kopf warf und der aufwartenden Marianne zurief: »Hurtig, Mädchen, der Herr ist wieder da!« -- ja, während der ganzen Zeit fühlte er sich geliebkost, hastig gestreichelt, hörte sich zum Essen, zum Trinken ermuntert.
»Bin ich denn auch ein Gast hier?« dachte er in schrecklicher Benommenheit, -- »was ist dies nur? Was blickt mich Sömmerring so an?«