Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
Part 33
George, mit Wedekind, Sömmerring und Dorsch am Spieltisch sitzend, hob den Kopf, als Huber begann, auf dem Spinett zu präludieren. Fiekchen hielt den kleinen Göttinger Almanach in der Hand, das herausgetrennte Notenblatt stand vor Huber. Und Fiekchen sang:
»O Jüngling, warum liebst du mich? Wie gern, wie willig liebt' ich dich, -- Doch, ach, du kennst mein Los! Ich fühl', obschon du mir's verhehlst, Nur allzu oft, wie du dich quälst, Und wein' in meinen Schoß.
Ach, ziehe nicht vor meinem Blick Den deinen so betrübt zurück Und schone meiner Ruh'! Oh, wäre dieses Herz noch mein, Es sollte dein auf ewig sein Und meine Hand dazu.«[1]
[Fußnote 1: »Das Mitleiden« von W. G. Becker, Göttinger Musenalmanach 1788.]
»Hm, -- auch ein Seufzer nach Freiheit!« meinte Wedekind und spielte aus.
»Zu dem die Demoiselle meines Wissens keinen Anlaß hat, -- ^au contraire^, sie scheint mir eher der Freiheit müde zu sein,« bemerkte Dorsch mit einem pfiffigen Blick auf den mürrisch-teilnahmslosen Sömmerring.
George dachte zum drittenmal an diesem Abend: »Therese sieht so bleich«, und dachte: »das Wochenbett hat sie allzusehr angegriffen ...« Er brachte Verwirrung in das Spiel und verlor, weil er die Augen und seine Gedanken immer wieder zu der kleinen Gestalt hinüberwandern ließ, die da so hilflos in dem großen Lehnstuhl kauerte. -- --
* * * * *
»Wann habe ich sie denn je genug geliebt?« dachte George und ging leise durchs Haus, als läge irgendwo ein Schlafender, der nicht geweckt werden durfte. Seit dem Herbst, -- ja, seit die kleine Claire auf der Welt war, versicherte er sich, -- war Therese verändert, war in ihrem Wesen etwas Neues, das ihn ratlos machte und erschütterte, eine Geduld war da, eine Sanftmut, eine Bereitschaft für ihn, auf die zu hoffen er längst aufgegeben hatte, -- oh, und er begriff nicht ganz, aber er war namenlos gerührt, die Tränen kamen ihm zuweilen, wenn er ihr stilles Wirken vernahm und die kleinen Lieder hörte, die sie vor sich hinsummte. Andere singen aus Fröhlichkeit, wußte er, Therese singt wohl aus einer unendlichen Wehmut des Herzens, und weil sie nicht weinen will, -- aber er dachte nicht weiter, höchstens kam ihm die Erinnerung an die endlosen Lieder der Wolgaschiffer. Er war sehr krank in diesem Winter, das alte skorbutische Übel war wieder da und durchwühlte seinen Körper, ausbrechend in strömenden Katarrhen, schmerzhaften Anschwellungen aller Gelenke und Migränen, die ihn nahezu erblinden ließen in rasender Pein. Aber war es nicht gut, sich pflegen zu lassen? Anerkennung zu ernten dafür, daß man trotz aller Bresthaftigkeit am Schreibtisch saß, dafür, daß man der Geplagte, der Unermüdliche, der Tapfere war? Sie waren wohl alle drei ein wenig krank, auch Huber, der so lautlos kam und ging und so blaß war und still wie der Mond, gar nicht mehr genialisch hereinstürmte und trüb und wild in den Ecken lehnte wie einst. Es war fast unmöglich zu denken, daß er einmal bei den Mahlzeiten nicht dabeigewesen war, fand George, denn es gab nun doch eine Art des Ideenaustausches, der mit einer Frau nicht zu unterhalten war, so anmutig und unentbehrlich Theresens Einfälle auch waren. Es gab einen aufmerksamen Hörer am Tisch, einen, dessen stumme, unbedingte Bewunderung einstmaliger und gegenwärtiger Leistungen zu einem Bestandteil der häuslichen Atmosphäre wurde, ohne die nicht mehr recht zu leben war. Man hatte einen Berichterstatter vom Hof im Hause, der nun wahrlich das ^theatrum mundi^ aus erster Hand genoß und mit der Wiedergabe seiner Eindrücke nicht sparsam war; man konnte also den großen Herren ein wenig in die Karten sehen, und das war außerordentlich lehrreich. Im übrigen tauschte man seine schöngeistigen Korrespondenzen aus, und die Briefe Jakobis und Lichtenbergs, Körners und Schillers boten Anlaß zu den erbaulichsten Gesprächen. Der Ablauf des Tages war unerschöpflich an Dingen, der Erörterung wert; es war nicht nötig, von sich selbst zu sprechen. Bisweilen geschah es wohl, daß Huber schon am Teetisch anwesend war, wenn George, vor Müdigkeit taumelnd, aus seinem Kabinett herüberkam. Doch da waren die Herren Thümmel und Hermes, sonderlich aber der Herr Lafontaine mit seinen allerliebsten Erzählungen von der »Gewalt der Liebe«, oder die unschätzbare Madame Naubert mit ihren lehrreichen und poesievollen Romanen, zum Exempel dem »Alf von Dulman«. Dies waren die Herrschaften, die George immer antraf, wenn er das Zimmer des grünen Kanapees betrat und Huber dort schon am Teetisch bei Therese fand, und hörte er nicht schon vom Saal her, -- das Zimmer des immer noch neuen und heimlich sehr geliebten Kronleuchters führte den Namen eines Saals, -- die monotone Stimme des Vorlesers, so vernahm er die Töne des Spinetts, an dem Huber saß und leise spielte. Ja, dieses war gewiß: man hatte sich untereinander wohl vieles zu erzählen, man hatte sich aber wenig zu sagen. Ein langes Schweigen löste sich zuweilen in ein Lächeln auf, es lächelte Therese, die vielleicht lange ins Licht gesehen hatte, und beugte sich wieder über ihre Arbeit, es lächelte Huber und sah aus wie ein ertappter Knabe, es lächelte dann auch George vor sich hin. Dies alles war sehr gut, fand er. Denn was konnten Menschen einander Besseres erweisen, als sich so zu schonen, wie sie es gegenseitig taten, miteinander den Weg zu gehen, den weiten, weiten Weg, und über die Beschwerden des Tages hinweg nach dem verborgenen Ziel zu spähen? --
So war der April gekommen, und sichtbar über den Horizont stieg die Verwirklichung eines Projektes, das seit Monaten in Briefen und Unterhaltungen hin und her gewendet, nach allen Seiten erwogen und vorbereitet worden war, des Planes einer Reise in die Niederlande, nach England und nach Frankreich, auf der George als Mentor den jüngeren Bruder Wilhelm von Humboldts, Alexander, begleiten sollte. Es war unmöglich, die Vorzüge einer solchen Reisemöglichkeit für ihn zu übersehen, indessen ward George nicht müde, sie immer von neuem aufzuzählen, als müßte er sich verteidigen, daß er an solche Unternehmungen dachte, allein und ohne die Absicht, Therese mitzunehmen. Jedoch, die Kinder, -- nicht wahr? Und die in diesen Zeiten nicht wieder einzubringenden Kosten, die den Luxus einer bloßen Vergnügungsreise verboten. Er hingegen, er flog eben aus, wie die Biene, die Honig sucht, Beobachtungen, die Stoffe zu ganzen Büchern enthielten, würde er einsammeln, an Ort und Stelle Eindrücke der großen französischen Umwälzung einheimsen, in den Londoner naturhistorischen Kabinetten die notwendigsten Studien zu dem großen Werk über Pithekologie machen, das er mit Sömmerring dann alsbald in Angriff nehmen würde, einem epochemachenden Werk über die Verwandtschaft des Menschen mit der Tierwelt ...
»Und das ^Descriptio Plantarum^? Und die Geschichte der Südseeinseln?« hatte Therese bei der Erwähnung dieses Reisezweckes einmal ganz beiläufig gefragt.
Dafür würde er Verleger und Unterstützung in London eher finden als in Deutschland, und nur der Aussicht auf eine erfolgreiche Drucklegung bedürfe es noch, um dieses Buch zur Kristallisierung zu bringen, da denn sein Material längst fertig daläge! Ob sie etwa geglaubt hätte, er ließe dies Lieblingskind seines Geistes einfach fallen? O, sie hatte gar nichts geglaubt, -- sie hatte nur so gefragt. »Und warum dieser Seufzer?« Aber sie hätte wirklich nicht geseufzt, ihres Wissens nicht, -- sie hätte nur an den alten Herrn, an seinen Vater denken müssen. Und George, weit entfernt davon, den Gedankengängen nachzuspüren, die von seinen Projekten zu dem König Minos geführt hatten, sagte eifrig: »Du hast recht, -- auch um seinetwillen ist es von Wichtigkeit, daß der Name Forster in London wieder genannt wird und an die Gewissen schlägt!«
»Ja, hoffst du denn immer noch?«
»Mein Kind, der, der sich seines Rechtes bewußt ist, hofft nicht, er weiß!« -- -- --
* * * * *
Am Nachmittag des ersten Mai kam der kurfürstliche Leibarzt Geheimer Rat Hofmann dem in Begleitung des Legationssekretärs Huber gemächlich die Tiermarktstraße in der Richtung der Großen Bleiche hinaufschlendernden Hofrat Forster entgegen, grüßte und sagte mit dem Pathos des ironischen Plebejers: »Ich bin gewürdigt worden des Anblicks von _Ihrer_ Eminenz, der Baronin von Coudenhoven. Sie saßen mit Erlaucht der Gräfin Ingelheim in einem karmoisinroten Staatswagen, wurden von vier fetten Apfelschimmeln gezogen und geruhten nicht, den Staub zu ihren Füßen zu bemerken, welch selbiger doch eine gewisse Vertrautheit mit jedem Hühnerauge dieser Füße nicht verleugnen kann. Ich bin gewürdigt worden des Anblicks so vieler Schönborns, Bassenheims, Eltzens, Greiffenklaus, Wolffs, Dünewalds, daß meine geblendeten Augen schmerzen und ich nun wahrlich überzeugt bin: der Frühling ist da -- denn ein hoher Adel fährt wieder spazieren!«
»Die erste Piroutchade!« rief Huber mit hochgezogenen Augenbrauen vergnügt und spähte nach der Großen Bleiche hin, wo an der Mündung der Tiermarktstraße vorüber ein ungemein buntes Gedränge von Menschen und Wagen sich schob. Pünktlich mit dem ersten Mai nahm die Hofgesellschaft den angenehmen Zeitvertreib der Korsofahrten wieder auf, und eine schillernde Schlange von Karossen, Piroutchen und englischen Kutschen wand sich die schönste und breiteste Straße der Stadt hinauf und hinunter, während die promenierende Bürgerlichkeit den Vorteil dieser großen Modeschau und der Musik der beiden Kapellen genoß, von denen die eine im Schloßgarten, die andere auf dem Münsterplatz unverdrossen blies und fiedelte. »Die erste Piroutchade!« sagte Forster mürrisch, »also ist die Große Bleiche nicht passierbar!« Er machte auf dem Absatz kehrt.
»Ich meine doch, wir sollten versuchen, hindurchzukommen!« Huber blickte zögernd zurück. »Wir vermeiden den Umweg und -- es ist ein so heiteres Bild ...«
»Ersparen Sie es mir! Nehmen Sie an, das Gedränge sei meinem schmerzenden Kopf zu viel.«
»Nehmen Sie an,« fuhr er fort, nachdem er den Stock heftig aufsetzend ein paar Schritte getan hatte, »ich ertrüge diesen Anblick des Müßiggangs im großen jetzt nicht. ^Vulgus stultum^ freilich betrachtet so ein Schauspiel als sein gutes Recht, -- er ernährt den Adel und will das prächtige Tier, das er sich hält, nun auch einmal in Freiheit dressiert vorgeführt haben.«
»Ihre Hypochondrie, Verehrter, läßt Sie die Sache sehr schwarz sehen oder schwerer nehmen, als sie es verdient. Reisen Sie! und reisen Sie bald! Das ist mein Rezept für Ihre Grillen.«
Hofmann, den Bambus zwischen den auf dem Rücken gefalteten Händen, schritt breit, aufrecht und schmunzelnd neben dem Gebückten. Sie überquerten den Tiermarkt und schlugen die Richtung zum Dom ein. »Ich kann gleich ein paar notwendige Kommissionen machen,« sagte George tonlos zu Huber, und wischte sich die Stirn ab, »wenn man doch einmal unterwegs ist ...«
»Unsere braven Kurmainzer zumal,« dröhnte Hofmann weiter, »fassen die Sache nicht anders als im wackeren Untertanenverstand auf und finden es natürlich, daß der Fürst wie ein Fürst lebt und der Bürger als Bürger.«
»Sie haben da eine recht moderierte Anschauung. Sollten Sie bei Ihrer exponierten Stellung noch nie unter dem Undank der Großen gelitten haben? Was sagten Sie soeben von -- Ihrer Eminenz, wie Sie so witzig bemerkten? Und Seine Eminenz -- ^il a le besoin d'être ingrat^, hörte ich raunen. Denken Sie an Müller ...«
Müller war nach einigen Auftritten mit dem Kurfürsten, die der Öffentlichkeit nicht entgangen waren, drauf und dran gewesen, aus dem Kabinett auszutreten und nur mit Mühe bewogen worden, zu bleiben, -- wie es verlautete, durch den Einfluß seiner schönen Gönnerin von Coudenhoven.
Hofmann, stirnrunzelnd, erwiderte nachlässig die Grüße einer Studentengruppe, um gleich darauf den Hut sehr tief und devot vor einem Offizier in goldüberladener Uniform zu ziehen, der mit einer kurzen Gebärde abwinkte.
»Der Baron Erthal hat, seit er den Kurhut errungen, der Welt nicht nur zwei Gesichter gezeigt, wie der hochselige Janus, sondern mindestens deren sechs. Als er antrat, nannte das Volk ihn nicht unbegründet >das fromme Herrchen<, sobald er aber fest im Sattel saß, fing er an, die Masken nach Bedarf zu wechseln, und heut ist er imstande, Ihnen etwas daherzufreigeistern, daß einem Maul und Nase offenstehen bleiben. Der alte Emmerenz Joseph, das war ein anderer Kerl ...«
Der Geheime Rat Hofmann tat bei diesen Worten einen unerwarteten Schritt zur Seite und war auf einmal nicht mehr vorhanden. Forster, verwirrt um sich blickend, gewahrte einen knienden Mann, einen gebeugten breiten Rücken, darauf der schwarz umwickelte Zopf lag, ein unbedecktes Haupt: hinter vorangetragenem Kruzifix, von weihrauchfaßschwenkenden Chorknaben umgeben, war ein Priester mit dem Allerheiligsten aus einer Seitengasse gebogen. Die Fußgänger wichen zur Seite, Damen, Bauern neben ihren Gemüsekarren, Kinder, Soldaten, Bürgersfrauen sanken am Straßenrand hin wie niedergemäht.
»Schabbesdeckel runner! Verfluchter Jud!« rief ein Schusterjunge hinter Huber und Forster drein.
»Ich muß zum Buchbinder Chulmann, auch zum Sattler Hebensperger,« sagte George leise und nervös, »was meinen Sie, Therese wird ungeduldig werden im Gärtchen? Wollen Sie vorangehen? Ach nein, verlassen Sie mich nicht, allein bin ich den leibärztlichen Opinions nicht gewachsen.«
Er nahm Hubers Arm, fast als wollte er sich stützen.
»Und da kommt sein Namensvetter ...«
Sie tauschten eine zeremonielle Begrüßung mit dem Professor der Geschichte Hofmann, der, im langen blauen Schoßrock und hohen Schaftstiefeln, kurz, breit und stämmig, von einigen Schülern umgeben, aus der Richtung der Universität her ihnen entgegenkam.
»Erthal, wollte ich nur sagen, ist von einem Kaliber mit dem starken Mann von Lüttich, für den unsere braven Burschen sich nun bald die Köpfe blutig schlagen lassen dürfen,« sagte der Leibarzt ein wenig schnaufend, sie wieder einholend und auf einen Trupp Soldaten in feldmarschmäßiger blauer Montur deutend, die, von einer Übung auf den Schanzen kommend, die Beine ungeheuer mutig gen Himmel warfen.
»Haben Sie einmal preußisches Militär gesehen, -- Infanterie des alten Fritz? Ich kenne nun doch die Soldateska aus mancher Herren Länder, aber das Bild, wenn die Wache unter den Linden in Berlin aufzieht, wird nirgends annähernd erreicht. Fleischgewordene Kantsche Philosophie ...«
»Und doch schickt Preußen die Pfaffensoldaten gegen Lüttich vor!«
»Hach, mein Lieber, das ist Politik! Zudem -- es ist nicht mehr das alte Preußen! Denken Sie daran, wie die Liga Wöllner und Bischofswerder den Berliner Hof unterwühlt und reden Sie nur wieder vom Zauber der Kirche, der erhalten bleiben müßte, wie neulich!«
»Sie haben mich wieder einmal so gründlich mißverstanden!« Huber geriet in sanfte Erregung.
»Sie meinen, das wären keine Pfaffen? Oh, mein Freund! Ihnen fehlen da Einblicke! Das sind die Pfaffen in der Potenz!«
Mitten auf dem Fruchtmarkt blieb Huber stehen und rief mit einer beschwörenden Bewegung: »Hören Sie mich an! Lassen Sie es mich noch einmal auseinandersetzen!«
»Die Herren müssen gestatten, daß ich mich verabschiede! Ich habe Dienst.« Hofmann schwenkte den Hut und steuerte mit großzügiger Eindeutigkeit auf ein kleines Kaffeehaus im Schatten des Domes zu. Huber redete leidenschaftlich: »Ich sprach davon, daß wir in Tagen des gestörten Gleichgewichtes leben, des gestörten Gleichgewichtes zwischen Macht und Masse. Zwischen diesen beiden Schalen der Wage hat der Geist den Ausschlag zu geben, und wir, wir freien Männer vom Geist sind es, die ebensowohl die Rechte des Volkes gegen die Machthabenden, als jene Macht der Regierenden und der Kirche gegen die unverständigen Anläufe des Pöbels in Schutz nehmen müßten ...«
»Jawohl, -- und Sie sprachen vom Zauber der Kirche. Fabelei, mein Lieber!«
»Lassen wir diesen Punkt. Immer, wo Macht und Masse einander glücklich und gleichmäßig durchdrangen, hat der Geist vermittelt. Es gab solche Zeiten. Ihr Niederschlag liegt in den Werken der Künste vor uns und zeugt von dem gesunden Verhältnis der Volksschichten untereinander. Ich wüßte nicht, wo das besser zu observieren wäre, als in einer Stadt wie Mainz!«
Er ließ seinen schwärmerischen Blick von dem zierlichen Tempelbau der Domprobstei zärtlich hinüberschweifen zum Dom, der rötlich angestrahlt von der sinkenden Sonne war. Sie gingen weiter. Forster, nachdem er für eine Minute die Universitätsbuchhandlung am Speisemarkt betreten hatte, fand beim Herauskommen den Freund gleichsam mit neugeschwellter Brust und bebend wie ein ungeduldiges Roß vor, seufzte ein wenig und ergab sich in die Rolle des Zuhörers. Vorüber an den Gemüse- und Blumenständen des Marktes gingen sie durch die Schuster- und Quintinsgasse zum Brand, unter den grauen und rötlichen Häusern mit den geschweiften Giebeln hin. Über den geschnitzten, messingbeschlagenen Haustüren flammten durchbohrte Herzen, glühten in Nischen hinter schmiedeeiserner Vergitterung rubinrot die Geheimnisse der ewigen Lämpchen. Goldene Heilige von aufgeregter Inbrunst rangen an den Eckhäusern in der Höhe des ersten Stockwerks Beterhände unter kleinen Schutzdächern, -- da war am Brand die Maria, überschattet von der Taube des Heiligen Geistes, hingebend wie eine Leda, und doch anders, schmerzlicher, -- Gottvater von oben sah so ruhevoll zu. George dachte fremd: »Dies alles ließe sich beschreiben etwa wie die Szenerie einer Südseeinsel« und -- »Wie, wenn ich nun Bilder aus den Niederlanden, aus England und Frankreich so schriebe, als stellte ich in Europa unerhörte Dinge dar, nie erblickte Wunder, -- wir haben das Sehen verlernt, das ist wahr!« und hörte währenddem Huber begeistert reden:
»Auf diesem Boden haben alle Volksschichten die Denkmäler ihres schönen und gesunden Einvernehmens hinterlassen, -- in Kürze gesagt: hier hat das Volk als Begriff einer höchsten Einheit sich wundervoll und allseitig manifestiert. Fürsten und Geistlichkeit, -- oder drücken wir es so aus: fürstliche Geistlichkeit, es mag seine Vorzüge haben, wenn diese beiden zusammenfallen, -- Adel und Bürgertum haben in ihren Palästen und Wohnhäusern, in Kirchen und Zunfthallen, in den schönen Toren und Brunnen, in der geistvollen Anlage der Festungswerke die auf lange Zeit hinausredenden Zeugnisse für ein heiteres In- und Miteinanderwirken niedergelegt. Dies alles ist freilich Vergangenheit ...«
»Sie meinen also ungefähr, es sei ein chemischer Prozeß im Gange, der die Elemente von Macht, Masse und Geist voneinander schiede und sie isolierte ...«
»So daß der heutige Zustand das vergebliche Bemühen der drei Faktoren bezeichnet, sich neu zu durchdringen, -- und die Irrwege des Geistes, der fortwährend Verbindungen eingeht, die das Gleichgewicht, anstatt es wieder herzustellen, nur noch mehr stören. So meine ich es!«
»Sehr gut! Sehr gut, in der Tat! Denken wir uns diese Bemühungen des Geistes in den Anstrengungen des edlen Mirabeau verkörpert, so ist Ihre Theorie glücklich illustriert. -- Aber hier sind wir bei Hebensperger. -- Nun, Meister, was ist mit meinem Mantelsack, ich brauche ihn in wenigen Tagen!«
»Gehorsamer Diener den Herren, ganz gehorsamer Diener!«
Im grünen Schurzfell, umwittert von herbem Ledergeruch und den Gerüchen nach Lack und Wagenschmiere, kam der Eifrige die Stufen von der Haustür herunter.
»Da steht man nun und sieht nach dem Himmel und freut sich über das Wetterle, Gnaden, Herr Hofrat, der Petrus ist halt ein guter Mann und weiß, daß der neue Staatswagen vom Hebensperger in der Piroutchade mitfahren tut. Mit Ihro Gnaden der Frau Gräfin von Ingelheim, Herr Hofrat! Auf englischen Federn, Herr Hofrat! Karmoisinlack und vergoldetes Gestell, goldfarbener Samt auf den Polstern -- und karmoisin Blümchen, -- man tut vor lauter Vergnüge lache, wenn man den Wagen sehen tut! Aber halten zu Gnaden, Herr Hofrat, wenn ich der Herr Hofrat wäre, mit dem Mantelsack tät ich doch keine Reise mehr tun! Da hätt' ich Auswahl auf Lager, -- englisches Leder, Herr Hofrat! Wenn der Herr Hofrat sich einmal hereinbemühen täten ...«
George sagte errötend und schnell: »Gleichviel, wie das Ding aussieht, Meister! Ich kann nicht ohne es reisen. Flick Er den Schaden aus und schick Er mir auch den Koffer in zwei Tagen!«
»Wenn der Herr Hofrat befehlen ... Aber da hat der Lehrbub im Futter etwas gefunden, vielleicht ein Souvenir, -- sieht freilich aus wie eine geweihte Münze ...« Er lief ins Haus und kam mit einem kleinen Gegenstand zurück, den er in Georges Hand gleiten ließ, -- ein rundes Metallplättchen mit verwischtem Gepräge. Huber beugte sich interessiert darüber.
»St. Patrick, ^ora pro nobis^!« las er, -- »wie kommen Sie zu Irlands Heiligen? Ein zeitgemäßer Schutzpatron, allerdings, denn: die Freiheitsliebe der Irländer wird immer lauter, -- wo stand das doch neulich gleich?«
George, in tiefes Sinnen versunken, reichte Larrys Souvenir an Toghiri dem Meister zurück: »Lasse Er es wieder einnähen, Meister,« sagte er langsam, -- »es gehört wohl dazu ...«
Der Wackere blickte ihm kopfschüttelnd nach:
»Irgendwo spinnen tun die Ketzer doch alle ...«
»Aber nun wollen wir eilen!« George straffte seine Gestalt und schlug eine schnellere Gangart an. Die späte Nachmittagsstunde äußerte ihre Wirkung in seinem Befinden, ohne daß er sich klar darüber wurde, er pflegte erst gegen Abend völlig zu erwachen. Vom Rhein her kam ihnen der Wind angenehm fächelnd entgegen, George konnte es auf einmal nicht erwarten, Wasser zu sehen. Sie durchschritten das Tor beim eisernen Turm und George nahm den Hut ab, als grüßte er die stille Majestät des Stromes, die wimpelfrohe Fahrt der Schaluppen, Lastkähne und Segelschiffe, die ernste Lieblichkeit der Auen und drüben das sehnsüchtige Blauen der Taunusberge. An die Brüstung der Raimondi-Schanze gelehnt sprach er zaudernd, als suche er die Worte in seinem Gedächtnis zusammen: »So sollte man wohnen, -- so, -- einen Strom vor den Fenstern, den Tanz der Möwen, das Schwanken der Rahen vor Augen, -- es wäre ein Surrogat der Meeresferne, der Reise ...«
»Und Träume eine Ablösung des Handelns, würde Therese sagen, -- nicht ich, mein Teurer!« ergänzte Huber, verlegen lachend.
»Sie ist von ungeheurer Spannkraft, von rätselhafter Energie, Huber, nicht wahr? Es ist nicht immer leicht, ihr zu genügen, aber geben Sie acht! Lassen Sie mich nur erst zurück sein!« Er schob den Arm wieder in den des Freundes, sie gingen dem Gartenfeld zu, wo Therese mit den Kindern sie in dem kleinen Mietgärtchen erwartete. George pfiff den Ruf der Schiffer auf dem Strom nach, inbrünstig und falsch. Reiseunruhe zuckte ihm im ganzen Körper.
Als sie in den Heckenweg einbogen, räusperte Huber sich. »Sie wünschen also nicht, lieber Forster, daß ich mir für die Monate Ihrer Abwesenheit ein anderes Logis suche? Oh, mein Gott, Sie sehen mich erstaunt an, -- es könnte doch sein, nicht wahr, es wäre doch möglich, daß Ihre Güte es nicht selbst fordern wollte, und dennoch, der Wunsch Ihres Herzens wäre mir Befehl ...«
Er verwirrte sich unter dem stillen Blick des anderen.
»Mein Freund, -- ich verstehe Sie nicht,« sagte Forster langsam.