Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Part 32

Chapter 323,573 wordsPublic domain

Draußen regnete es. Es war so dämmerig, daß sie kaum ihre Gesichter unterscheiden konnten. Theresens Gestalt, schon ein wenig unförmig, in dem weißen weiten Sommerkleid leuchtete regungslos in dem tiefen Stuhl am Fenster. »Und was wirst du dann tun, -- wenn du nicht mehr übersetzest?« fragte sie plötzlich leise. -- -- --

* * * * *

Er hatte sich wohl gesagt, daß ein wenig frische Luft nach Abschluß dieses heißen Arbeitstages ihm noch gut tun würde, und darum ging er hier im Staube, den die Equipagen und Chaisen der spazierenfahrenden großen Welt auf der Rheinallee aufwirbelten, ging dem fröhlichen Gedränge heimkehrender Bürger mit ihren Weibern und Kindern entgegen und sah mit trocknen entzündeten Augen auf das Bootgewimmel des abendlich belebten Stromes, in dem die Auen schwammen wie selig umbuschte Eilande, voll Gesang und Tanz. Wohl, hier ging der Hofrat Forster eiligen Schrittes durch das lustige Getümmel eines rheinischen Sommerabends, ließ seinen Schatten in den letzten schrägen Strahlen der Augustsonne seitlich zu seiner Rechten unmäßig lang hinter sich drein schleifen und zuweilen an den dicken Stämmen der alten Linden sich aufrichten, tupfte nach je ein paar Schritten seine Stirn ab, wiederholte es sich: »Ich mache mir Bewegung, dies ist gut!« und dachte uneingestandenermaßen fortwährend Dinge wie: »Jener Mann dort vorn, -- ach nein, Huber ist größer ...« oder: »Dieses Paar dort, endlich, -- wieder nichts, -- wo bleiben sie nur?« so daß er bei seinem unablässigen Spähen in die von goldenem Staub erfüllte Ferne der Allee fast an Therese und Huber vorbeigelaufen wäre, die, auf dem schmalen Pfad jenseits der Baumreihe schreitend, nun stehenblieben, -- das heißt, Therese blieb stehen und rief ihn an, während Huber, verstört um sich blickend, den Eindruck eines jählings erwachten Schlafwandlers machte. Therese, den langen Kaschmirschal, der sie umhüllte, ein wenig raffend, griff nach seinem Arm, sie schien keine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen zu wünschen, und, indem sie gemeinsam die ersten Schritte nach der Stadt zurück taten und er mit Beunruhigung das leise Beben ihres Armes empfand und Erregung aus ihrem Körper zu sich herübergeleitet fühlte, sagte sie mit einem leeren kleinen Gelächter und einem Seitenblick unter dem weit vorspringenden Rand ihres italienischen Strohhutes hervor zu Huber hin: »Da kommt mein Forster gerade zur rechten Zeit, um teilzuhaben an Ihren überraschenden Neuigkeiten, lieber Freund! Denn dies wurde doch nur zufällig mir allein anvertraut? Höre doch, Georgie ...«

George, an ihr vorüberblickend, sah Huber mit einer unerklärlich verzweifelten Gebärde die Hand erheben, wollte Schweigen gebieten, unterließ es aber in dem eigenen Erschrecken über Theresens veränderte Stimme, über die ganze befremdende Art, mit der sie weniger sprach, als plapperte: »Er will sein Verlöbnis mit Dora lösen. Das arme Mädchen, wie soll sie es ertragen? Deformierte sind so empfindlich. Sie kann daran sterben. Ich denke mir, wenn so ein Brief ankommt, so ein grausamer Brief ...«

»Aber ich verstehe nicht ...«

»Oh mein Freund! Du verstehst es nicht? Dieser junge Mann meint, von einer Leidenschaft zu einer anderen Frau ergriffen zu sein. Er spricht sich nicht deutlich aus. Vielleicht hat er mehr Vertrauen zu dir ...«

Therese, wieder von diesem nervösen Gelächter befallen, das einem Schluchzen glich, drängte George zu einer Bank, die am Wege stand. Sie ließ sich nieder, preßte die Hand auf ihre Brust und blickte, die Augen voll Tränen, zur Stadt hinüber. George, in ratloser Verlegenheit, wandte sich an den düster dastehenden Huber und sagte sanft: »Wenn es Sie denn entlasten sollte, sich auszusprechen, Freund, so vertrauen Sie sich uns an. Sie haben an diesem Ort, ja vielleicht auf der ganzen Welt nicht Herzen, die es aufrichtiger mit Ihnen meinen, als das meine und das meines guten Weibes.«

»Sie sehen sie übermäßig exaltiert. Ihr Zustand erfordert Schonung.« Er ließ sich neben Therese nieder, nahm ihre Hand, die ihm willenlos überlassen wurde, und blickte vorwurfsvoll zu Huber auf, -- ein lebendes Bild, o gewiß, hier war zu sehen ein einiges Ehepaar, -- indessen, -- wovor zitterte sein Herz? Und Huber, dessen Züge zum erstenmal nicht beherrscht waren von dem Ausdruck des Heiteren, Höflichen oder auch des Harmlos-Treuherzigen, oder des Liebenswürdig-Schwärmenden, des Selig-Traurigen, -- Huber, die Nasenflügel gebläht, die Lippen und das Kinn vorgeschoben, unkenntlich, er, der Sanfte, in dieser Maske des Zürnenden, dem eine unverzeihliche Schmähung das Recht auf Zorn gab, er stieß hervor: »Lasse man mich doch wenigstens mein Herz allein aus dem Staube aufheben, in den es getreten wurde! -- Freundschaft, -- o vorzüglich! Aber auf dem schmalen Grat, über den mein Leben jetzt führt, kann ich keine anderen Begleiter mitnehmen, als jene, die in der Luft ihren Pfad suchen, also etwa die Geister der Entschlossenheit und der Entsagung zur Rechten und zur Linken!« Mit einer brüsken Bewegung sich abwendend, tat er ein paar Schritte, kam zurück, beugte sich zu George nieder, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, und flüsterte rauh: »Bruder! Die Frau, um derentwillen ich mein gutes Mädchen aufgeben wollte, ist nicht nur eines anderen Weib, sondern auch eine infame Kokette!« Er stürzte davon.

Therese weinte jetzt recht herzlich. George, von den neugierigen Gesichtern der Vorübergehenden gepeinigt, murmelte: »Laß uns gehen!«

Sie nahm das Tuch vom Gesicht, ließ mit überströmenden Augen einen Blick unnahbarer Würde über die Gaffer gleiten, erhob sich, raffte ihren Schal und griff nach seinem Arm.

»Du hast es gesehen,« sagte sie, von Schluchzen unterbrochen, »du hast den Zustand seines Herzens gesehen. Weißt du nun, warum ich dich bat, ihn zu entfernen? Aber du wolltest ja nicht ...«

»Ich wollte nicht? Um Gottes willen, soll ich die Schuld haben an diesem ^désastre^? Und warum weinst du dermaßen, wenn ich fragen darf?«

»George! Ich kann nicht so schnell gehen!«

Er mäßigte seinen Schritt, senkte den Kopf und fühlte eine tödliche Ermattung. Nach einer Weile sagte er:

»Wir werden diesen Menschen nicht aufgeben. Kommt er wieder zu uns, -- und ich denke, er wird wiederkommen, -- so steht unser Haus ihm offen.«

Therese war stehengeblieben, sie sah mit halbgeöffnetem Munde zu ihm auf, sie drückte die gerungenen Hände gegen ihr Herz:

»Aber begreifst du denn nicht? Aber bist du denn blind?«

George sah zu den Türmen des Domes hin, die im letzten Licht brannten und funkelten. Eine starre Falte stand zwischen seinen Brauen:

»Ich werde nie aufhören, dir zu vertrauen, Therese.«

* * * * *

Müller, an den George im Laufe des Sommers einige ausführliche Schilderungen seiner Lage und seiner Geldschwierigkeiten gerichtet hatte, hatte zwar weder eine Gehaltserhöhung noch eine Zubilligung freien Holzes beim Kurfürsten durchzusetzen vermocht, jedoch war es ohne Zweifel sein Werk, daß der Geheime Hofrat Forster eine neue, geräumigere und schönere Dienstwohnung in den sogenannten Universitätshäusern an der Tiermarktstraße angewiesen bekam. Im Herbst also gab es die erbauliche Arbeit des Räumens und Wiedereinrichtens wie im vergangenen Jahr, erbaulich, weil sie einen Bruch mit überlebten Zuständen vortäuschte und den Beginn eines neuen Lebens. An dem bösesten Tage des Umsturzes, als kein Stuhl mehr zu finden war, um einen Augenblick auszuruhen, und die Blusenmänner geliebte Besitztümer ohne Unterschied mit Eimern und Besen zusammen verfrachteten und davonführten, -- in diesem Zeitraum der wankenden Bodenständigkeit erschien plötzlich Huber wie ein lautloser Geist und fragte demütig an, ob er denn nicht den Tag über mit Röschen spazieren gehen dürfe. Empfangen von einem Hausherrn, der im Begriff stand, hinter einem Handwagen dreinzulaufen, der seine kostbarsten Sammelkästen entführte, -- die Konchylien, man denke, eine Anhäufung unwägbarer Werte, die in Deutschland vermutlich kein zweites Mal zu finden war, es sei denn bei dem _anderen_ Bereiser des australischen Meeres, Forster senior in Halle, -- begrüßt von einer Hausfrau, deren Unbefangenheit unterstützt ward durch die Aufgabe, mit Hilfe der Demoiselle Dieze die jungen Hühner einzufangen und in einem Korb unterzubringen, gelang es ihm ganz ohne Widerstände, das Ziel seines Begehrens zu erreichen und mit einem verschämt strahlenden Röschen an der Hand das Chaos zu verlassen, wobei sein Gesichtsausdruck dem seiner Begleiterin nicht unähnlich war. Am Abend wurde ein guter Onkel Ferdi von der kleinen Hand nicht losgelassen, ehe er sich mit am Tisch in der neuen Küche niederließ und an dem Reisbrei teilnahm, der Herrschaft und Gesinde um einen riesigen Topf vereinigte. Therese war von einer nicht ganz natürlichen Munterkeit: »^À la guerre^, meine Freunde, ^tout comme à la guerre!^« rief sie und bedrohte jeden mit dem Schöpflöffel, der nach ihrer Meinung sich zierte, genug zu essen. Forster, das Röschen auf den Knien, plauderte vergnügt von der Weitläufigkeit der Wohnung, von anderen Tapeten, neuen Möbelstücken, die nötig waren, -- »Freilich, -- er hat es ja übrig!« warf Therese ein und nickte Huber hastig zu, -- und er verstummte erst, als der wiedergewonnene Freund zum erstenmal sein befangen-glückliches Schweigen brach und erklärte, auch er würde wohl bald umziehen müssen, aus diesen und jenen Gründen. George wurde nachdenklich. Nach Tisch nahm er den andern mit hinauf, ihm im letzten Tagesschein die Räume zu zeigen. Er mußte sich seiner freudigen Gespanntheit entladen, gesprächig, als hätte er Wein getrunken, entrollte er den Stoff, der sich seit dem letzten Zusammensein im Sommer angesammelt hatte. Da waren die Besuche von Humboldt und Campe, -- und der letztere bot Anlaß zu einem Exkurs über die derzeitigen Erziehungskünstler Deutschlands, die allesamt übel wegkamen, mochten sie nun Campe, Salzmann oder Willaumez heißen, -- da waren die jüngsten Schikanen des katholischen Universitätskuratoriums gegen den protestantischen Herrn Bibliothekar, der doch weiß Gott an Toleranz nichts zu wünschen übrig ließ, wie es sein Aufsatz in der Berliner Monatsschrift bewies, der die Proselytenmacherei entschuldigte, wenn nicht gar in Schutz nahm. Hatte Huber ihn gelesen? Und gehörte er etwa zu den Leuten, die den Standpunkt des Verfassers nicht billigten? O, das gab eine endlose Diskussion! Die Kerze war niedergebrannt und die Mitternacht sang vom Dom, von St. Peter und allen ihren Schwestertürmen, als Huber sich den Weg zwischen dem aufgestapelten Hausrat hindurch zur Straße suchte.

»Er ging wieder wie ein Schlafwandler,« dachte George, »und ich redete wie ein Traumschwätzer, und hier wird Therese liegen, die Augen groß offen, und wacher sein als wir alle ...«

Er öffnete leise die Tür der Schlafkammer und wie er gedacht, fiel der Schein seines Lichtes auf Theresens Gesicht, das ihm aus den Kissen mit reglosem Lächeln entgegenblickte.

»Er blieb ja so lange,« sagte sie ohne sich zu rühren, als George neben ihr lag.

»Wir hatten höchst angenehme Konversation, -- er ist ganz der alte, du kannst versichert sein. Iffland führt nun sein Stück auf, ich fahre mit ihm nach Mannheim.« Da keine Antwort kam: »Du hast recht, -- ich wollte in diesem Jahr nicht mehr reisen. Jedoch dieser Katzensprung, -- und es ist Freundespflicht ...«

Er drückte das Licht mit den Fingern aus, wühlte sich wohlig in die Kissen und stöhnte behaglich. Sei es Reise, sei's Umzug, -- Veränderung verjüngte sein Herz. Er hustete ein wenig.

»Ich habe ihm, -- ich habe Huber die beiden Mansardenzimmer oben angeboten, von denen wir nicht wußten, wie sie verwenden ...«

Dies tat ich, fühlte er unter dem rasenden Klopfen seines Herzens voll Verzweiflung, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Weil es besser ist, sich mit der Brust in ein Schicksal zu stürzen, als das Zustoßen des zaudernden Schwertes abzuwarten. Dies tat ich vielleicht, um die Götter durch Demut zu versöhnen ...

»Er will es noch überlegen,« fuhr er fort, die Hände auf die Brust gepreßt, als neben ihm kein Laut Antwort gab. »Ich denke aber, er könnte es gar nicht besser treffen. Er zahlt für Kost und Logis, er rechnet ganz zur Familie, es wird seinen Gewohnheiten gut tun und unsern Mittagstisch beleben ... Nun, ich würde mich freuen.«

»Du hast ihm die beiden Mansardenzimmer angeboten! Mein Gott, -- George! -- mein Gott ...«

»Was denn, -- Therese?«

Lachte sie in der Dunkelheit?

»Laß nur gut sein, George, laß gut sein.«

Sie schwiegen. Sie rührten sich nicht mehr. Die Zeit verging. Nach einer bangen Stunde flüsterte er: »Therese!« und noch einmal: »Therese!« -- Müde kam ein »Ja, George -- was ist?«

»Ach, -- wenn ich noch ein wenig Baldrian hätte ...«

Sie machte Licht. Sie reichte ihm die Tropfen. Er sah ängstlich in ihr Gesicht und fand es müde, still und kühl. --

* * * * *

Der Professor Wedekind, sein Glas in der Rechten, die blauen Augen in dem angenehm geröteten viereckigen Gesicht schiefgeneigten Hauptes und schwimmenden Blickes empor zu dem neuen Kronleuchter erhoben, schloß seine Tischrede: »... und da denn wir Hannoveraner und anderen Ausländer, Protestanten und anderen Ketzer, Kosmopoliten und Freigeister hier unter uns sind -- ich bitte denjenigen um Verzeihung, der sich nicht zu uns zählt ...« Die alte Frau Wedekind, Madame Mère genannt, wiegte mit vorgeschobenen Lippen den hochtoupierten Kopf, machte tadelnd kleine Schnalztöne und rollte die Augen nach seitwärts zu ihrem Nachbarn, dem Professor Dorsch hin, -- allein Monsieur l'Abbé schien durchaus nicht anders als angenehm berührt, saß zierlich aufgestützt da, meckerte ein wenig und spielte mit Brotkügelchen, -- »da wir denn heut zum erstenmal allhier versammelt sind, wo unser großer Freund und Welteneroberer nun hoffentlich die bleibende Statt gefunden, so bitte ich die geneigte Tafelrunde einzustimmen in meinen Ruf: diese Herberge der Musen, dieser Hort der Aufklärung, -- das Haus Forster vivat hoch!«

Die Gläser klangen aneinander. Wedekind, der seiner Nachbarin Therese am oberen Ende der kleinen ovalen Tafel die Hand geküßt hatte, kam nun auf halbem Wege George entgegen und ward in heller Rührung umarmt.

»Freunde, ihr wißt, daß ich mit einer schweren Zunge geschlagen bin,« redete George, über seinen Teller gebeugt und den Fuß seines Glases drehend, als die Bewegung begeisterter Zustimmung sich gelegt hatte, »ihr seht es mir deswegen auch nach, wenn ich nicht in geziemender Ansprache danke. Aber sagen muß ich es, daß ich, -- ich und mein liebes Weib, -- daß wir nun nach dem ersten Jahr in Mainz das Gefühl einer Heimat in uns keimen fühlen, und mich dünkt, das liegt weniger an der Gunst des Ortes als an den freundlichen Herzen, die wir uns hier bereitet fanden. Ein stilles Glas der Freundschaft!«

Er suchte Hubers Augen, während er trank, allein Huber, in ein kicherndes Geschwätz der Forkelin verflochten, blickte nicht herüber und George fand sich alsbald ein wenig beschämt von Sömmerrings treuem Hundeblick, in dem ein stiller Vorwurf zu stehen schien. »^For ever!^« rief er halblaut über den Tisch, lächelte und nickte.

»Man sollte dem Herrn Geheimenrat eine schwere Zunge gar nicht glauben!« lispelte die kleine Madame Dieze an seiner Linken und sah demütig zu ihm auf.

George, ihr zugewandt und versichernd, freilich sei es an dem und auf dem Katheder versagten ihm gar die Worte den Gehorsam, indessen, wenn er das eine oder andere Gläschen Liebfrauenmilch getrunken habe, wie soeben ...

»Ei, so würd' ich mir an des Herrn Geheimenrats Stelle des öfteren ein Gläschen Liebfrauenmilch verschreiben! Der selige Dieze nannte das medizinieren ...«

George unter solchem Geplänkel der alten Dame dachte, daß die geblümte Tapete, daß die neuen punktierten Mullgardinen samt den zwei schmalen façettierten Pfeilerspiegeln und dem kleinen Kristallkronleuchter diesem Zimmer wahrlich einen Anstrich festlicher Vornehmheit verliehen, -- dachte: »Therese sieht heut abend so bleich ...« dachte, die englische Mahagonistanduhr will immer noch nicht wieder schlagen, sie muß auf der Reise gelitten haben, sie muß einen andern Platz bekommen, -- dachte in irgendeinem Zusammenhang: »Unsinn, Spener wird den Vorschuß schon abgesandt haben ...« und wieder: »Therese sieht heut abend so bleich ...«

»Kann ich dir etwas besorgen, meine Liebe?« rief er, sich halb erhebend, denn er bemerkte plötzlich, daß sie suchend umhersah. Aber da stand schon Huber neben ihr, empfing lächelnd einen geflüsterten Wunsch, glitt hinaus, kehrte wieder, verbeugte sich von seinem Platz aus ein wenig, bekam ein dankbares Lächeln, -- die Marie erschien, brachte der Frau Rätin das Schnupftuch, das hastig benützt wurde, -- oh, darum handelte es sich! -- Huber bekam einen zweiten lächelnden Blick und er, George, nun auch ein Nicken, das Tüchlein verschwand im Brustausschnitt ... George nahm ein paar Schlucke, dachte erschöpft: »Sömmerring trinkt zu viel, er ist schon ganz traurig geworden,« und fühlte seinen Geist plötzlich belebt wie von einem Sporenstich durch einen Satz über Paris, den Dorsch da unten sprach. Paris, -- o, freilich wohl, Paris!

»Geht es Ihnen auch so, Freund, daß Sie meinen, leichter atmen zu können, seit die Spannung dort oben sich entladen hat?«

Dorsch spähte mit seinem kleinen nackten Gesicht um den mächtigen Vorbau von Madame Mère herum.

»Ei, Verehrtester, tragen Sie ein so feines Instrument für den Luftdruck der Zeit in der Brust? Es ließ sich dies alles voraussehen, ja, mit der Uhr in der Hand vorausbestimmen. ^Mon dieu^, nein, ich kann nicht behaupten, daß ich vorher litt und nun leichter atme.«

»Oh, Sie meinen, ich affektiere den Geisterseher und Mesmeristen, aber bei Gott, dies nicht! Ich war nie ein Politikus, mein Allerbester, ein jeder, der mich kennt, wird es Ihnen bezeugen ...« und George warf einen lächelnden Blick hinüber zu Sömmerring, der die Augen zur Decke hob und die Hand abwehrend bewegte, -- »ich war also auch nie ein bewußter Beobachter der Machtströmungen und fürstlichen Machenschaften.« --

»Aber was gibt es denn Interessanteres als mitzudichten an dem ^theatrum mundi^?«

»Ah bah, mich langweilt das, so lange ich denken kann. Kein braverer Untertan als ich, so lange die Sache meines Fürsten die Sache der Menschheit und der Menschlichkeit ist! Hört sie auf das zu sein ...«

»Dann nimmt unser Forster den Stab in die Hand und sagt: ^ubi bene^, da Vaterland, ho ho!« rief Wedekind kräftig, und von seinem Gelächter klirrten die Gläser auf dem Tisch. Therese bot erschrocken die Schale mit Obst noch einmal an und sagte in unterdrücktem Tone zu Sömmerring: »Wie kommen wir nur auf diese leidigen Themata? Der eine gerät ins Schwärmen, der andere verfällt auf Grobheiten.«

»Daß sie jetzt auch immer auf den Fürsten herumhacken müssen!« schmollte die Demoiselle Dieze und gebrauchte den Fächer.

»Ich pflege mich nie politisch zu enragieren, sondern immer nur menschlich,« fuhr George mit einem kalten Blick in die Richtung des selbstzufrieden schmunzelnden Wedekind fort, »habe da freilich mehr als mancher andere Anlaß gehabt, Despotismus und Ungerechtigkeit am eigenen Leibe zu erfahren.«

»Mein Gott, Sömmerring, so bringen Sie ihn doch auf etwas anderes! Gleich wird er bei England angelangt sein!« murmelte Therese, und ihre Augen wanderten gleichzeitig hilfesuchend zu Huber hinüber.

»O, ein Europa ohne Fürsten, -- welch eine Szene ohne Saft und Kraft, ohne Farbe und Musik!« rief dieser bereitwillig.

»Nein doch, Huber! Sie sollen doch lieber von Stalaktiten oder Meteoren reden als von Fürsten!« lachte Therese vorgebeugt halblaut, während George, die Stimme erhebend, ohne irgend welchen Einwurf zu beachten, fortdozierte:

»Der Einzelne, meine Freunde, der hervorragende Einzelne, der sich seiner symbolischen und stellvertretenden Bedeutung für die Menschheit bewußt ist und an vorgeschobenem Posten heftiger unter dem Druck der Knechtschaft leidet, als das arme dumpfe Volk, -- nun dieser Einzelne, als der ich mich fühle, wie jeder unter uns im Namen der Menschheit sich fühlen sollte, -- hat der nicht ein Recht, aufzuatmen, wenn irgendwo der Wille zur Freiheit seine Ketten sprengt und hervorbricht, um sich auszubreiten wie ein fressendes Feuer?«

»Aber was ist Freiheit?«

»Lieber Huber, Sie sind der Mann der skeptischen Seufzer! Was ist Schicksal? fragten Sie neulich ...«

»Wir sollten,« ließ sich Dorsch, nunmehr ganz verborgen hinter dem Bollwerk von Madame Mère, mit krähender Kathederstimme vernehmen, »wir sollten doch weniger über den Willen zur Freiheit als über die Freiheit des Willens disputieren!«

»Wenn Sie nur Ihren Kant anbringen können! Hier handelt es sich nicht um die Grundelemente der Vernunft ...«

»Dann freilich ...«

»Sondern um die Bedingungen, unter denen unsere Vernunft sich ihrer göttlichen Natur erst bewußt werden kann.«

»Ist sie göttlich, so ist sie unbedingt.«

»Mein Gott, Sie wollen mich nicht verstehen. Nehmen Sie einen Menschen von guten Anlagen, man hat ihn von Jugend aus unterdrückt, seine Kraft ausgenutzt, sein Blut gesogen, -- was sag ich? -- hat ihn mit Füßen getreten, ihm alle Bildungsmöglichkeiten unterbunden, ihn nur zu Fertigkeiten abgerichtet, die sich lohnten, um von der Hand in den Mund zu leben, hat Belohnungen unterschlagen, die ihm zukamen, -- -- o, meine Freunde, dies ist ein Gleichnis und ich spreche von dem französischen Volke, das gewiß nun bald dazu kommen wird, über die Freiheit des Willens nachzudenken, nachdem sein Wille zu dieser Freiheit sich einmal manifestiert hat.«

In das betretene Schweigen hinein, das auf diesen Ausbruch folgte, sagte Madame Mère angstvoll:

»Der Herr Geheimerat glaubt aber doch nicht, daß wir in unserm Deutschland ähnliche ^horreurs^ erleben könnten wie in Paris?«

»Ach, ^chère maman^, dazu sind wir Deutschen doch viel zu geduldig und langweilig!«

»Silence, Dorothée!«

Frau Forkel ließ eine unehrerbietige Zunge sehen, kicherte und knackte weiter Nüsse auf, mit denen sie ihre Nachbaren Huber und Dorsch versorgte.

Therese, mit einem starren Gesichtsausdruck auf diese vergnügte Gruppe am Tischende ihr gegenüber blickend, sagte langsam, als machte das Sprechen ihr Mühe:

»Und wir Deutschen lassen Worte das Handeln ersetzen und die Schwärmerei ins Große löst den Willen zur Tat ab ...« Sie hob die Tafel auf. Im Nebenzimmer, dem Zimmer des grünen Kanapees und des Mahagonibureaus, stand die neue gläserne Servante, deren Inhalt bewundert werden mußte. George schloß auf und holte mit zärtlichen Händen die Figur der Chinesin aus der Berliner Porzellanmanufaktur heraus.

»Lassen Sie sehen, Freund!« Dorsch, mit der Stielbrille vor den Augen, tänzelte angeregt näher. -- »Ah, diese satten Farben, dieser sanfte Schmelz! Vortrefflich, exzellent! Eine kostspielige Liebhaberei! Aber sehr schön! Sehr artig! -- >Sie haben Sauereien geschrieben, Heinse, -- aber sehr schön, sehr artig!< hat unsere Eminenz neulich zu dem Verfasser des >Ardinghello< gesagt, -- ha ha!« Er blickte beifallsfreudig in die Runde. Huber machte ein hochmütiges Gesicht. Eine dünne kleine Stimme wurde plötzlich hörbar und übertönte klagend die Unterhaltung, die Professorin Dieze erhob lauschend den Zeigefinger und Madame Mère, neben ihr auf dem grünen Kanapee, nickte gerührt:

»O, -- die jüngste Demoiselle!«

»Ich sehe, was es gibt!«

Huber hatte mit einem beruhigenden Lächeln über die Schulter zurück das Zimmer verlassen, noch ehe Therese sich hatte erheben können.

»Ein brauchbarer Page,« bemerkte Frau Forkel irgendwo in die Luft hinein.

»Sie haben wohl einen recht angenehmen Hausgenossen an ihm?«

Madame Mère hatte Blick und Haltung eines Großinquisitors.

»Er liebt die Kinder so, -- o, ich danke Ihnen, mein Lieber, -- Lise ist in der Kammer, sagen Sie? Ja, ich danke Ihnen -- und -- wollten Sie nicht mit Fiekchen noch ein wenig musizieren?« --